öchmeiz.
Bern, 1. Juli. Der erste thatsächliche Schritt zur Ausführung des projectirten allgemeinen europäisch nordamerikanischen Postvereins-Lertrages ist gethan. Im Auftrage ihrer Regierung hat die hiesige deutsche Gesandtschaft dem Bundesrathe so ebvii bereits einen Entwurf zu einem solchen Vertrage unter der Anfrage mitgetheilt, ob er damit einverstanden, daß der internationale Congreß, dem er zur näheren Berathuug und zum definitiven Abschluß vorgelegt werden soll, zu Bern stattfinde. Der Bundesrath hat sich nicht nur damit durchaus einverstanden erklärt, sondern auch noch seine vollständige Befriedigung über die Wahl der Bundesstadt zum Congreßorte ausgesprochen. Den übrigen europäischen Staaten, sowie den bereinigten Staaten von Nordamerika , wird von der deutschen Negierung der Entwurf jetzt ebenfalls mitgetheilt werden und unmittelbar darauf wird dann Seitens des Bundesraths die förmliche Einladung an die Negierungen zur Beschickung ces Congresses erfol gen. Der Congreß wird spätestens bis 1. September d. I. abgehalten werden-
Jianlireid).
Paris, 29. Juni. Ter neue Präfect von St. Etienne de Tracy hat von der Regierung die Ermächtigung zu energischen Maßregeln gegen die Arbeiter-Bevölkerung verlangt, die von ter Internationale bearbeitet werden.
— Der Schah wird auch nach Lyon gehen.
— Wie der „Franoaise" versichert, würde Casimir Perrier sich dem rechten Centrum anschließen.
Paris, 29. Juni. Daß die Präfecten fast überall mit so großer Entschlossenheit und Rücksichtslosigkeit auftreten, geschieht auf direkten Befehl des Ministers des Innern, Beule, der, wie „Bien Public" heute meloet, ein neues Rundschreiben an die Präfecten gesandt hat, in welchem sich folgende Stelle befindet: „Lassen Sie die Fragen der Menschlichkeit und der Personen bei Seite; handeln Sie ohne Mitleid, selbst wenn es Ihren Vater oder Ihren Sohn be trifft." Es scheint, daß Brutus Beulö's Beamten nach den Worten, die man Ranc, jedoch fälschlich, in den Mund legt, handeln sollen, „mir seinen Feinden discutirt man nicht; man unterdrückt sie. — Dem Marschall Mac Mahon schreibt der „Gaulois" folgende Worte zu: „Was die Gewissensfreiheit anbelangt, so kann man allenfalls noch ein Auge zudrücken ; aber nm keinen Preis werde ich die Freiheit, dieselbe kund zu geben, dulden." — Die Verordnung des Lyoner Präfecten Betreffs der Zahl der Personen, die einem Leichenbe gängniß folgen dürfen, kam gestern Morgen zum ersten Mal in Anwendung. Um 6 Uhr wurde eine Frau ohne kirchlichen Beistand begraben Sobald die Zahl von 300 Personen abgezählt war, schnitten die Stadtsoldaten den Zug ab und trieben die übrigen Leidtragenden, die nicht den gering 'en Widerstand leisteten, auseinander. Am Kirchhof waren andere Slactsoldattu aufgestellt, die nur die 300 Personen durch das Thor einließen. Die Civilbegräbnisse haben eine Ueberwachu ng von 60 officiösen und officiellen Polizeidienern.
Paris, 30. Juni. In der Kammer soll eine Interpellation eingereicht werden, um die Ansichten der Regierung über den Syllabus zu erfahren, dem einer der Minister (der Jllstizminister Ernoul) sich öffentlich unterworfen habe.
— Der Präfect von Lyon hat jetzt verfügt, daß die, welche ihre Todlen ohne geistliches Geleit begraben lassen, keine Begräbnißplätze auf den Kirchhöfen kaufen können. Ferner hat er verboten, daß der Vorsitzende des Gemeinde rathes seine Mitbürger im Stadthause empfängt und die Departemental-Com- mission nach 6 Uhr Sitzungen hält.
— Die deutschen Behörden in Luneville haben die in Folge des Atlen tats vom 23. Juni getroffenen Maßregeln wieder aufgehoben.
Ottilien.
Rom, 29. Juni. Der feierliche Empfang der spanischen Exkönigin am 21. d. Mts war durch die Anwesenheit von 15 Cardmälen in Purpur und vieler violetter Monsignori sehr pompös ; außerdem war das Gemach von unten bis oben mit Blumen geziert und erfüllt von dem betäubenden Geruch einer riesigen Lilienguirlande, zu denen Mfgr. Acquaderni die Blumen aus verschiedenen Städten Italiens mitgebracht hatte. In einer Anrede an die vor ihm erschienene katholische Jugend sagte der Papst, indem er die Rede auf Isabella lenkte, daß er der Königin wünsche, „Spanien so bald als möglich beruhigt und ihrer ruhmreichen Dynastie wieder gegeben zu sehen." Diese Worte werden Isabella allein für die Mühe ihrer Romfahrt entschädigt haben und müssen ein Donuerschlag für die Carlisten sein. Der Papst war zwei Tage vorher der Exkönigin begegnet, als sie das vaticanifche Museum besucht, eine Ehre welche die russische Kaiserin durch ihren Besuch bei Victor Emanuel und das Aufhissen des russischen Banners am Verfassungsfeste verscherzt hatte. Nach dem Empfange vom 21. d. Mts. geleitete Isabella mit ihren Töchtern den Papst in den Garten, wo der Gärtner noch mehr Blumen zu allerlei bunten Teppichen und Zierrathen zusammengestellt, als Isabella Thränen vergossen hatte. Tags darauf sand die feierliche Communion und Confinnation der bet den älteren Töchter statt. Der kirchlichen Ceremonie folgte ein Frühstück beim Papste.
Rom, 1. Juli. Die Unterhandlungen mit der Linken scheiterten theils an persönlicher Empfindlichkeit, theils an der Unmöglichkeit der Candidaten. Minghetti ist rathloser als je. Ein Zurückgreifen auf Mitglieder des eben erst entlassenen Ministeriums wird immer wahrscheinlicher.
Rom, 2. Juli. Nach einem der „Agencia Stesani" aus Florenz zugegangenen Telegramm ist General Ricotti heute früh vom Könige in Anwesenheit Minghetli's empfangen worden, um die Ziffer der Militär-Ausgaben fest- zustellen. — Maurogonato hat das Finanz-Portefeuille aus Familienrücksichten ausgeschlagen. „Nuova Roma" will wissen, daß dasselbe nunmehr dem Grafen Cambray-Digny angeboten ist, welcher einige Bedingungen gestillt haben soll. „Italic" berichtet, daß der König Cambray Digny und Peruzzi berufen hat, um über die Loge zu berathen. „Diritto" glaubt, der König dringe auf ein Einverständniß zwischen Minhetti und Depretis bei der Cabinetsbildung.
Spnmen.
Madrid, 30. Juni. Das neue Ministerium nennt sich ein Ministerium der Versöhnung. Es enthält zwei Mitglieder der gemäßigteren Linken.
— Die Colonne des Obersten Castanon wurde gestern von carlistischen Soldaten überfallen und floh nach Pamplona. Die Bevölkerung erhob sich und schrie: „Tod dem General Nouvilasdem sie die Schuld der Niederlage beimißt.
tßugliuiö.
London, 30. Juni. Die englische Negierung hat ein Telegramm aus Alexandria vom heutigen Tage erhalten, wonach ein Telegramm Sir Samuel Bakers aus Chartum vom gestrigen Tage mit der Meldung eingegaiigen war, daß er und seine Begleiter wohl und gesund dort angekommen seien. Das Land bis zum Aequaior sei an Aegypten amiectirt worden, alle Aufstände, Umtriebe und aller Sclavenhandel vollständig unterdrückt, die Regierung in voller Wirksamkeit, die Straßen bis Zanzibar offen, der Zaraf schiffbar und durch den am 8. Juni erfochtenen Sieg die A.ifgabe vollständig geglückt.
— Der englische Consul in Alexandria meldet, es werde wahrscheinlich über Alles, was aus Venedig kommt, die Cholera -Quarantaine verhängt werden.
London, l. Juli. Im Krystallpalast fand ein Fest und eine große Illumination zu Ehren des Schah statt; es regnete aber darein. — Nach Berichten aus Brasilien ist die commercielle Lage in Buenos - Ayres und Montevideo schlecht. Eine Geldkrisis ohne Gleichen herrschte in den beiden Städten.
B e r m i s ch r e s.
Mainz. Beim Scheibenschießen auf dem Bruche wurde am 24. v. M. ein Soldat des 117. Rgts., in Folge von Unvorsichtigkeit, durch einen Schuß derart getroffen, daß er sogleich starb.
Trebur. Am 22. v. Mts. Mittags um halb 12 Uhr würhete hier eine Windhose, Die große Zerstörungen zur Folge hatte. Man sah um diese Zeit nach der Gegend des Rheins einen lichten Wolkenstreifen, dein man irgend eine Bedeutung nicht beilegte, bald" aber entwickelte sich ein Sturm und eine mächtige Windhose zog heran, die ein solches Geräusch verursachte, c>aß die Bewohner des Städtchens angstvoll die Hauser verließen und beim Anblick des Phänomens einen Brand vermuthcten. Die Windhose, einer dampfartigen Säule gleich, zog von der bicsigen Gemarkung in der Richtung nach Nauheim, sie beschädigte an 100 Bäume, meistens Obstbäume; einzelne ganz dicke Bäume wurden mit der Wurzel ausgerissen; andere sozusagen abgedreht oder der Shjtc beraubt, große Bäume wurden ea. 100 Schritte mitgeführt, so z. B. ein Nußbaum, der 4 M. Stammlänge und 70 Cm. Durchmesser hat. Als die Windhose die Schwarzbach erreichte, nahm sie noch Vas Wasser derselben auf und setzte dann ihren yerheeren- ven Gang fort, der sich auf 12 Wegstunde erstreckte.
Berlin, 28. Juni. Eine eigenthumliche Ueberraschung wurde kürzlich einem in der Stadtvoigtei detinirten Gefangenen, welcher wegen Unterschlagung eine einjährige Gefängniß- strafe verbüßt, Seitens seiner Ehehälfte bereitet. Diese richtete nämlich, wie das „Tageblatt" meldet, an ihren Gatten einen im reinsten Berliner Styl gehaltenen Brief, ungefähr folgenden Inhaltes: „Mein lieber August! Du weißt, daß ich Dich lieb habe, wirft es mir aber nicht verdenken können, wenn ich mit Dir, da Du doch nun bestraft bist, nicht mehr zusammen leben will. Da ist Dein Freund Gottlieb Schulze, der mir schon seit langer Zeit gewogen ist, und wir Beide haben uns vereint und Berlin verlassen. Lebe wohl, mein theurer August und gedenke Deiner rc." Als Trost zu diesem Absagebrief hatte Gottlieb Schulze noch folgendes Postserip- tum erlassen: „Mein lieber Freund! Du bist alt und hast eine junge Frau, ich bin jung und habe eine alte Frau, das paßt nicht recht, darum habe ich Deine Fran genommen, nimm, wenn Du wieder frei bist, dafür die meine. Dein Freund Gottlieb Schulze." Als dem getäuschten Ehegatten der Brief vom Untersuchungsrichter vorgelesen wurde, gerieth derselbe in eine grenzenlose Wuth und erklärte, daß eben feine Frau im Vereine mit Gottlieb Schulze zu der Unterschlagung ihn veranlaßt hätten, jedenfalls schon damals in der Absicht, zusammen zu leben, nachdem sie ihn für längere Zeit unschädlich gemacht hätten. Er habe bisher aus Schonung geschwiegen, jetzt bcnuncire er aber Beide wegen Verleitung zu der von ihm begangenen That. Selbstverständlich wird das Paar jetzt Seitens der Eriminalpolizei gesucht, und dürfte der für ten Mann so verhängnißvolle Brief auch für die Verfasser desselben noch anderweitige höchst unangenehme Folgen haben.
Dürkheim, 27. Juni. Gestern wurde in unserer Nähe, bei Seebach, ein furchtbares Verbrechen begangen Ein junges Ehepaar war in solchen Unfrieden gerathen, daß die Frau zu ihrer Mutter zurückkehrte Mißtrauen in die eheliche Treue der Frau soll der Grund der Zerwürfnisse gewesen sein. Gestern nun arbeitete die junge Frau auf dem Felde, da trat ihr Mann an sie heran und nach kurzem Wortwechsel stach er die Frau nieder und schlug die noch Lebende mit der Hacke völlig todt. Die Leiche soll in furchtbarer Weise zugerichtet sein. Nicht weniger als fünfzig Stiche weist sie auf, und einen zerschlagenen Schädel. Das *.2 Jahr alte Kind hatte die Mutter mit im Felde. Der Möroe wurde ergriffen.
* Ein Herr Sauvogeon in Valencia hat die Erscheinungen, die in einer Tasse Kaffee vorkvmm n, nachdem man sie gezuckert hat, langjährigen Betrachtungen unterzogen, aus denen er folgende Schlüsse mit Sicherheit ziehen zu können glaubt: Wenn man den Zucker, ohne die Flüssigkeit umzurühren', sich ruhig auflöien läßt, so steigen bekanntlich Luftblasen an die Oberfläche der Flüssigkeit. Bilden diese nun eine schaumige Masse in der Mitte der Tasse, so kann man bestimmt auf dauernd schönes Wetter rechnen; setzt sich im Gegentheil der Schaum ringförmig an den Rand des Gefäßes an, so stehen starke Regengüsse bevor; bleibt der Schaum zwischen Rand und Mitte, so wird das Wetter veränderlich, fließt er, ohne sich zu zertheilen, nach einem zweiten Puncte des Tassenranves, so steht mäßiger Regen bevor. Er hat diese Anzeichen regelmäßig mit denen des Thermometers und Barometers verglichen und sie erst, als er Der genannten Uebereinstimmung sicher war, der Oeffentlichkeit übergeben.
* j Verheiratbungsalter berühmter Männer.j Ein englisches Blatt bringt folgende Zusammenstellung : „Adam, als er sich verheirathete, hatte 0 Jahre; Shakespeare 18; Ben Jon- son 21; Franklin 24; Mozart 25; Dante, Kepler, Faller, Johnson, Burke, Walter Scott 26; Tycho, Brahe, Byron, Washington, Bonaparte 27; W. Penn, Sterne 28; Kinne, Nelson 2D; Klopstock, Burns 30; Schiller 31; Cbaueer, Hogarth, Peel 32; Humphry Davy 33; Aristoteles 36; Wellington 37; Wilbersoree 38; Luther 42; Addisson 44; Wesley, Aoung, Lessing 47; Swift 49; Buffon 55; der alte Parr 12-'. Da Adam und Eva sich am Tage ihrer Geburt verheiratheten und Dr. Parr in seinem 120. Jahre, so hat Niemand ein Recht, zu verzweifeln und Jeder, der sich verheirathet, in welchem Atter immer, kann sich auf einen berühmten Mann 'als auf sein Beispiel berufen^ Also lasse man sich durch Nichts abhalteii!"
* sKomische Todesanzeige j Im Wochenblatte einer kleinen Stadt im Harzgebirge fand sich neulich folgende Annonce: Das Muster ehelicher Zärtlichkeit, daS Weib, wie es sein sollte und noch keineswegs gewesen ist, die holde Gattin ist nicht mehr. Sie starb an den Folgen der unerforschlichen Wege der Vorsehung in noch nicht einmal vollendetem 59. Lebensjahre. Es gicbt Leiden, von denen sich die Begriffe keine Vorstellung machen können; zu denen gehört meine dahingeschiedene theuere Ehegenossin, deren Herzensgüte rücksichtslos und deren Wandel beispiellos war. So war auch unsere Ehe kinderlos, da wir bisher noch nicht mit Nachkommenschaft gesegnet sind. Wer diesen Verlust in seinem ganzen Abscheu zu würdigen weiß, wird der Dahtn- ge'chiedenen noch im Grabe ein treuer Kunde bleiben und die von ihr betriebene Putzhandlung nicht tm Stiche lassen, die ich mit vier verwaisten Putzmamsellcn betrauere.
Wien, 29. Juni. Die Montags-Revue erzählt: „Für unfern allerjüngsten Adel, der bekanntlich zumeist aus Herren besteht, die sich in der letzten großen Haussecampagne durch Tapferkeit im Geldausgeben so ausgezeichnet haben, sind die letzten Wochen sehr böse gewesen. „Was machst du mit dem Adel, wenn er dir nicht belehnt wird?" soll die'eWoche eine solcheFrau Ritterin ihren Herrn Ritter gefragt haben, als er ihr, gelegentlich einer Eingabe, in der seinerseits um Herabminderung Der großen Hausstandskosten nachgesucht wurde, die Rohbilanz seines Vermö- gensstatutö verlegte und ihr auswies, daß er bei allem Vorrath von Aetienfetzen kein Geld bekommen könne, kein Geld für seine Effeeten, keins für seinen Namen, keins für seinen Adel Der Mann soll in Der That dem Hülfscomits aufs haarkleinste haben beweisen wollen, daß man, wenn man schon seine sehr zweifelhaften Werthe nicht belehnen könne, ihm einen Credit auf seinen Adel, auf seine eiserne Krone, die er in der eben so eisernen Werthcimer 'chen liegen habe, unmöglich verweigern könne. Und nun that man es maßgebenden Orts Dennoch, man belehnte ihm seinen Adel nicht und soll ihn bezüglich seiner „eisernen Krone" auf die „Verkehrsbank" angewiesen haben, die solche Ordens-Belelmungögeschäfte zu machen pflege. Und dcßhalb die so gerechte unmuthige Frage der Frau Ritterin an den Ritter: „Was machst du mit dem


