länger aufrecht erhalten werden. Denn diese Decrete waren ihrem Wesen nach aggressiv; nicht nur, daß sie die kirchliche Gewalt in einer bis dahin unerhörten Weise in den Händen des Papstes concentrirten, sondern sie stellten auch principiell die kirchliche Gewalt über die staatliche; sie erkannte keine Schranke der kirchlichen Gewalt an und beanspruchten für den Papst das Recht, die Kompetenz derselben nach eigenem Gutdünken zu bestimmen.
Damit war die kirchliche Allgewalt als höchstes Gesetz für die gesammte Christenheit ausgesprochen, und auf die ultramontanen Parteien gestützt und ihrer sich als Mittel bedienend säumte die Curie nicht, überall den Kampf für die Verwirklichung dieses Princips zu eröffnen. Wenn sie sich zuerst und vor Allem die stärkste Macht als Ziel ihres Angriffs ausersah, so sehen wir den Hauptgrund ihrer Verblendung darin, daß ihr das neue protestantische deutsche Katserthum ganz besonders verhaßt war. Zu diesem Motiv der Leidenschaft kamen nun aber noch Motive der Ueberlegung. Jeder Sieg, den man über einen schwächeren Staat davon getragen hätte, wäre nur ein partieller Erfolg gewesen, der für die Entscheidung der Principienfrage eine untergeordnete Bedeutung gehabt hätte: em Steg über da- deutsche Reich hätte die Principienfrage entschieden. Auch ließ sich nicht verkennen, daß cd an Mitteln zur Führung des Kampfes durchaus nicht fehlte. Die ultramontane Partei war nirgends so vortrefflich organtstrt als in Deutschland. Der Episkopat hatte seit Jahrzehnten Alles aufgebotcn, um sich eine Partei zu bilden, und das war ihm vollkommen gelungen. Erhalte anfangs den vatikanischen Dekreten, die ja seine Macht nicht minder, wie die des Staates bedrohten, widerstrebt. Um so mehr glaubte man auf seinen Feuereifer rechnen zu können, nachdem er sich unterworfen. Er stand ja jetzt unter dem Einfluß des Fanatismus, den er selbst groß gezogen. Die Bischöfe wußten es sehr wohl, daß sie des Gehorsams ihrer Partei nur so lange sicher waren, als sie selbst im strengsten Gehorsam gegen Rom verharrten. So bildete die Angriffsarmee eine festgeschloffene Maffe, von Eifer und Kampflust beseelt — und die Curie gab das Zeichen zum Kampfe, ohne Ahnung der Gefahren, die sie durch dies vermessene Vorgehen gegen einen starken, sich seiner Macht und seiner Pflicht bewußten Gegner über sich selbst heraufbeschworen hatte.
Aber der Konflikt zwischen Staat und Kirche beschränkte sich keineswegs auf Deutschland, wenn er hier auch in größter Schärfe zum Ausbruch kam. Selbst England mußte mit doppelter Aufmerksamkeit aus Irland blicken, wo der Klerus mehr und mehr die extremsten Tendenzen der Nationalpartei zu der seinigen macht, so daß Herr Gladstone sich wohl schon überzeugt haben wird, daß die Begünstigung des Klerus das schlechteste Mittel zur Herstellung geordneter und Sicherheit verbürgender Zustände auf der Insel ist. Mit welcher Theilnahme übrigens die gebildeten Klassen Englands dem in Deutschland entbrannten Kampfe folgen, davon legt die bekannte englische Adresse an den Fürsten Bismarck ein schönes Zeugn'ß ab.
In Spanien macht der Klerus aus seiner Unterstützung der Rebellen gar kein Hehl; er bietet der Negierung offen Trotz.
Auch die alte Freundin der Curie, die hohe Pforte, hat sich genöthigt gesehen, den ultramontanen Ansprüchen Widerstand entgegenzusetzen. Ja selbst im fernen Westen, in den sonst der Kirche unbedingt unterworfenen Republiken Mittel- und Süd-Amerikas, sind Konflikte mit dem Jesuitismus an der Tagesordnung. Ein friedliches Verhalten der staatlichen zur kirchlichen Gewalt ist eben unmöglich, so lange letztere den Antrieben gehorcht, die ihr von den vatikanischen Dekreten cingeimpst sind. Geht doch die Curie in ihrem kecken Selbstvertrauen so wett, daß sie muthwillig ganz unnöthiger Weise und ohne jede Veranlassung die schwersten Konflikte herausbeschwört, wie jetzt in der Schweiz, wo sie durch die Ernennung Mermtllod's zum Bischof die Staatsgewalt in leichtfertigster Weise herausgefordert hat.
Nur in Frankreich ist bis jetzt ein Conflict noch nicht zum Ausbruch gekommen, weil die Regierung aus Gründen der äußeren und inneren Politik sich große Rücksichten gegen die ultramontane Partei auferlegt. Daß aber früher oder später auch hier eine ernste Auseinandersetzung zwischen dem Ultramontaniömus und dem Staate erfolgen muß, leuchtet ein.
So ist also die Kurie fast überall engagtrt, wie es ja auch ganz dem umfassenden Charakter des Princips, um welches es sich in dem Kampfe handelt, entspricht. Aber die Entscheidung in diesem Kampfe liegt in Deutschland. Hier hat der UltramontaniSmuS seine Hauptkräste concentrirt, hier aber ist er auch auf den festesten selbstbewußten Widerstand des Staates gestoßen. Die StaatSivee ist in Preußen zu kräftig entwickelt, als daß sie sich vor einer Macht beugen konnte, die für sich ein Theil der Souveränctät in Anspruch nimmt. Und wenn dies kraftvolle Bewußtsein grade der katholischen Kirche gegenüber eine Zeit lang einer gewissen Erschlaffung anheim gefallen ist, so hat eö sich gegenwärtig, durch die Maßlosigkeit des Feindes von der ihm drohenden Gefahr belehrt, um so energischer zum Widerstand aufgerafft.
Das Bewußtsein, daß man einen übermächtigen Gegner frivol herausgefordert hat, klingt denn auch durch alle Prahlereien der Ultramontanen hindurch. Man möchte den Streit beigelegt sehen; aber man hat sich in eine Sackgasse verrannt und man weiß nicht den Ausweg aus derselben zu finden.
Ob die Bischöfe in Fulda den Frieden gesucht haben, das muß sich bald zeigen. Die Hoffnung aber möge man im nltramontanen Lager aufgeben, daß man nur eine versöhnliche Miene zu machen brauche, um den Kampf durch einen Kompromiß zu beendigen. Die Principienfrage ist von Rom gestellt worden, und diese Frage muß rein und klar entschieden werden. Sie kann nur durch das Gesetz des Staates entschieden werden. Diese Entscheidung auf dem Wege der Gesetzgebung muß der Staat, sei die Stimmung der Bischöfe welche sie wolle, um jeden Preis herbciführen. Und wir hoffen, daß er sie herbeiführen, und daß Deutschland den großen Konflikt, von dem seit Jahrhunderten die Welt in Spannung gehalten und vielfach erschüttert worden ist, zum Heil des Staates und der Kirche lösen und den Frieden der Bekenntnisse auf festem Boden begründet wird.
Deutschland.
Aus Hessen, 24. Septbr. Der in Hessen eingetretene Umschwung verursacht den Ultramontanen Kopfweh. Die „Germania" macht ihrem gepreßten Herzen in folgenden witzig sein sollenden Worten Luft:
„Die blinden Hessen! Ihr Ministerpräsident hat — ein großartiger Act! — — in dem „finstern" Mainz das große Wort gelassen ausgesprochen: „Es werde Licht!", er hat sich als den Lichtbringer, als den Feuerwerker, refp. als den Laternenanzünder und Straßenkehrer, proclamirt: von Darmstadt aus wird bald
Mainz und das ganze Land der blinden Hessen hell erleuchtet fein. Dor diesem Licht verschwindet von selbst der „ultramontane Unrath".
Darmstadt 23. Sept, Mit der Berufung des Advokat-Anwalts Finger in das Ministerium der Justiz und des seitherigen Kreisraths Knorr zu Bensheim, der an die Stelle v. Lehmann'- in das Ministerium des Innern eintritt, dürfte die Neubildung des Ministeriums beendigt fein. Das neue Ministerium, so wohlwollend ihm auch gegenwärtig die öffentliche Meinung entgegenkommt, wird dennoch bereits in der nächsten Zeit nach den verschiedensten Richtungen hin auf Widerstand stoßen. Hinsichtlich des vorzulegenden Wahlgesetzes gehen manche Forderungen auch innerhalb der liberalen Partei (man verlangt hie und da Rückkehr zum Wahlgesetz des Jahres 1848 und die vollständige Beseitigung der ersten Kammer), über das Maß des Erfüllbaren hinaus; vor allem aber wird ihm die altconser- vative Partei einen lebhaften Widerstand entgegensetzen. Unter der letzteren herrscht in Folge der von Hofmann in Mainz gehaltenen Rede unbeschreibliche Bestürzung; gar Mancher hat allerdings Ursache, Besorgnisse zu hegen, wenn der Minister das „Aufräumen des Schutts" unverhüllt als seine Absicht erklärt. Man erblickt in der Mainzer Rede zunächst eine Hindeutung auf die von Hofmann angeblich in Aussicht genommene Vereinfach der Verwaltung und Aufhebung der Mittelbehörden ; eine Absicht, die jedenfalls eine dankenswerthe wäre. Ob und wieweit diese hier vielfach verbreitete Meinung eine begründete ist, wird die Zukunft lehren. Der demnächst erfolgende Zusammentritt der Kammern wird ja dem neuen Ministerium Gelegenheit geben, sein Programm zu entwickeln.
Darmstadt, 23. Septbr. Wie mit großer Bestimmtheit verlautet, soll die hier schon lange ersehnte Berufung eines hessischen Mitgliedes in das Reichs- Oberhandelsgericht demnächst in Aussicht stehen. — Einiges Aufsehen erregt die in letzter Zeit vorgekommene Nichtbewilligung verschiedener Baugesuche, bezw. die hierfür geltend gemachten Motive. Der Gegenstand wird in der Kammer zur Sprache gebracht werden. — Die Baukosten der in Aufnahme begriffenen Bahnlinie Frankfurt-Worms-Mannheim dürften sich in Folge verschiedener sehr günstiger Verhältnisse für die Meile (ausschließlich der Mainbrücke) auf ungefähr 300,000 fl belaufen.
Darmstadt, 24. September. Das Großherzogliche Regierungsblatt Nr. 43 enthält:
1. Bekanntmachung Großherzoglichen Ministeriums des Großherzoglichen Hauses und des Aeuhern, die Gebühr für die Abtragung der mit den Post- beförderungs-Gelegenheiten angekommenen Briefe mit Werthangabe h. nach dem Landbestellbezirk, sowie der Briefe mit Werthangabe über 500 Thlr. oder 1000 fl. nach dem Ortsbestellbezirk betreffend.
2. Uebersicht der für das Jahr 1872 genehmigten Umlagen zur Bestreitung der Bedürfnisse der israelitischen Religionsgemeinde des Kreises Alzey.
3. Ermächtigung zur Annahme und zum Tragen eines fremden Ordens.
4. Namensoeränderung. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben allergnädigst geruht: am 5. September dem Heinrich Ploch von Alsfeld zu gestatten, daß derselbe in Zukunst statt des bisherigen den Familiennamen Bornmann führe.
5. Dienstnachrichten. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben allergnädigst geruht: am 4. September den von dem Grafen Stolberg-Wernigerode- Gebern auf die evangelische Schulstelle zu Usenborn, im Kreise Nidda, präseutirten SchulamtSasptranten Georg Landmann aus Usenborn, im Kreise Nidda, — und den von dem Herrn Grafen zu SolmS-Laubach auf die evangelische Schulstelle zu Wohnbach im Kreise Friedberg, präseutirten Schullehrer an der evangelischen Schule zu Inheiden, im Kreise Nidda, Friedrich Christian Görlach, für diese Stellen zu bestätigen; am 6. September den Peter Aletter aus Bad-Nauheim zum Salinen-Actuar bei der Saline und Badeanstalt zu Bad-Nauheim zu ernennen.
6. Dienstentlassung.
7. Concurrenzeröffnungen. Erledigt sind: die evangelische Schulstelle zu Rinderbügen, im Kr. Bübingen, mit einem jährlichen Gehalt von 300 fl. Dem Herrn Fürsten zu Zjsenburg und Büdingen in Büdingen steht das Präsentationsrecht zu dieser Stelle zu; die evangelische Schulstelle zu Steinbach, im Kreise Vilbel, mit einem jährlichen Gehalt von 396 fl. 40 kr.
8. Sterbefälle. Gestorben sind: am 9. August der penflonirte Zollausseher Franz Ludwig Loth zu Mainz; am 16. August der penflonirte Brückenwärter Georg Link zu Mainz; an demselben Tage der Stadtschullehrer Georg Simmermacher zu Darmstadt; am 19. August Der penflonirte Landgerichtsdiener Ludwig Hinbel zu Hungen; am 23. August der evangelische Oberpfarrer Karl Schäfer zu Schlitz; am 26. August der Gerichtsvollzieher Friedrich Liebnig zu Pfeddersheim; am 27. August der Gerichtöaffessor Weis zu Darmstadt.
Darmstadt 25. September. Die „Darmst. Zeitung" bringt heute an der Spitze ihres Blattes folgenden Artikel:
Die Neubildung des Ministeriums, welche jetzt, abgesehen von der noch rückständigen Besetzung zweier Rathsstellen, ihren Abschluß gefunden hat, ist von der öffentlichen Meinung als ein Wendepunkt in der Entwicklung unseres Staats- lebcns aufgefaßt worden.
Daß die große und herrliche Zeit, die für Deutschland mit dem Sieg über Frankreich und mit der Gründung des Reichs angebrochen ist, auch bas Hessische Land mit ihrem belebenden und verjüngenden Geiste durchdringe; daß wir bereichen Segens wahrhaft froh werben, welcher grave aus ber Verbindung mit dem mächtigen Gefammtreich den einzelnen Mitgliedern desselben erwachsen soll; daß der durch lange politische Kämpfe tief gestörte innere Friede dem Land zurück- gegeben werde, — das sind die Hoffnungen und Wünsche, welche sich an den Ministerwechsel geknüpft haben.
Die ersten Schritte auf der Bahn zu thun, Die nach so hohen Zielen hinführt, ist Sache der Regierung. Aber erreichen werden wir bas Ziel nie, wenn nicht der gute Wille der Bevölkerung dem redlichen Bemühen der Regierung entgegenkommt.
Nur wenn das Streben ber Männer, welche durch das Vertrauen Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs an die Spitze der Geschäfte gestellt sind, einen freudigen Wieberhall in den Herzen des Volks findet; nur wenn der Entschluß, die Regierung zu unterstützen und mit ihr zum Heile des Landes zusammen- zuwirken, auch in solchen^ Kreisen gefaßt und ausgeführt wird, die nicht zu den berufenen Dienern des Staats gehören, werden die Erwartungen sich erfüllen können, welche das Land von der Zukunft hegt.
Berlin, 24. Sept. Die „Spener'sche Zeitung" schreibt: In Folge eines Unfalls in der Familie bcs interimistischen Vertreters Deutschlands in Paris, Grafen Wesdehlen, ist Graf Arnim heute Vormittag 11 Uhr auf feinen Botschafter-


