Deutschland.
Mainz, 20. Juli. Der Vorstand des Verein- der deutschen Katholiken veröffentlicht einen Aufruf, an dessen Schlüsse e- heißt:
„Für Gott und Vaterland!" soll unser Wahlspruch sein in dem Kampfe, zu dem wir uns in diesem Augenblick erheben. Aber nur durch Einigkeit können wir zu siegen hoffen; deswegen muffen die katholischen Männer Deutschlands sich über die Grundsätze verständigen, welche ihr öffentliches Wirken zu leiten haben. Sie wüffen sich zu gemeinsamem Handeln vereinigen, um auf daS politische Leben gebührenden Einfluß zu Üben. Nur durch eine feste und umfassende Organisation sind wir im Stande, unsere Presse gegen die Uebermacht der Gegner zu stützen, bei den politischen Wahlen unsere Stimme zur Geltung zu bringen und unseren Jntercssen bei dtn Regierungen Gehör zu verschaffen. Um eine solche Einigung aller deutschen Katholiken zu schaffen, ist jüngst in Mainz ein Verein gegründet worden, dessen Statuten der unterzeichnete Vorstand veröffentlicht. Alle katholischen Männer Deutschlands, denen die Freiheit der Kirche nicht minder als die Wohlfahrt des Landes am Herzen liegt, werden zum Beitritt eingelaven. Die heiligsten Güter sind in Gefahr. Erheben wir uns also als treue Söhne der Kirche und des Vaterlandes. Kämpfen wir unermüdlich, unerschrocken für Recht und Wahrheit. Recht muß Recht bleiben und der endliche Sieg ist der Wahrheit.
Berlin, 23. Juli. Als du Zeichen der nach und nach wicderkehrenden Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich muß man die Thatsache betrachten, daß die Pariser Bibliothekverwaltung sich wieder zu der liberalen Förderung unserer wissenschaftlichen Interessen durch leihweise Ueberlassung werthvoller Handschriften verstanden hat, welche namentlich unferen „Monumenta Germaniae“ früher vielfach zu statten gekommen war. Wir haben auf diese Weise durch Vermittlung der deutschen Botschaft in Parts wieder eine Handschrift hierher geborgt erhalten, deren Entbehrung den rechtSgeschichklichen Aufgaben des großen Unternehmens bisher ein unerwünschtes Hinverniß bereitet hatte.
Berlin, 23. Juli. Graf Moltke hat Herrn Thiers ein prachtvoll gebundenes Exemplar seines Werkes über den französisch-deutschen Krieg zum Geschenk gemacht. Wie nun daö „XIX. Steele" heute erzählt, war der Sendung die Bitte an Herrn Thiers bcigefugt, als Historiker ein Urtheil über da- Buch fallen zu wollen, worauf Thiers per Telegraph antwortete, er habe sofort den Auftrag zur Uebersetzung des Buches gegeben, werde dasselbe gründlich studiren und dann das gewünschte Urtheil dem Grafen Moltke übersenden.
Der „K. H. Z." wird unterm 20. Juli au- Braunsberg geschrieben: Die vom Bischöfe von Ermeland mit dem großen Banne belegten Drr. Micheli- und Wollmann wurden bisher, so oft sie versuchten, dem öffentlichen Gottesdienste beizuwohnen, „amtlich" aus der hiesigen Pfarrkirche ausgewiesen, und der fungirende Geistliche unterbrach die Feier der Mess«', wenn der Aufforderung nicht Folge gegeben wurde. Gleiches geschah, wie man sich erinnern wirb, gelegentlich eines Besuches des Professors Michelis auch in Elbing. Als diese und ähnliche aus dem kanonischen Recht hergeleiteten infamirenden Folgen des Bannes dem Herrn Cultu-minister Dr. Falk Veranlassung gaben, den Bischof von Ermeland zur Rechenschaft zu ziehen, suchte dieser durch viele aus jesuitischen Schriften gezogene Spitzfindigkeiten und Deuteleien zwar der Verantwortung auszuwetchen, hielt aber trotzdem wesentlich an den Folgen des Bannes, welche den Verkehr mit den Ex. communicirten untersagen, als einem „unveräußerlichen Rechte" fest. Unter Ande- rem berief sich derselbe auf einige nach dem Buchstaben gedeutete Stellen der hei- ligen Schrift und erklärte: „Auf die Befolgung dieses Wortes Gottes wird und kann die Kirche nie verzichten. Was sie in ihrer Gesetzgebung über den Verkehr mit gefährlichen Excommunicirten festgesetzt, ist nur die Anwendung der Vor- schriften der heiligen Apostel des Herrn. Wer hierin ihr Verfahren verurtheilen will, verurtheilt das Wort Gottes, die heilige Schrift. Mag darum der Zeitgeist dawider sich auflehnen, mögen ungerechte Verdächtigungen und Verfolgungen tue Kirche deshalb treffen: sie wird festyalten am Worte Gottes und den Auftrag des Herrn, es treu und unversehrt zu bewahren, stets unweigerlich ausführen " Man sollte meinen, der Mann, welcher mit solchem Pathos redet, wäre bereit, für die unerschütterliche Beobachtung seiner Worte in Kerker und Tod zu gehen. Da jedoch die Staatsregierung durch die lange, sophistische Erklärung des Bischofs nicht zufriedengestellt ist und Miene zu ernstlichen Maßregeln macht, um ihrer Forderung Nachdruck zu geben — siehe, da sind die „unveräußerlichen Rechte der Kirche" in aller Stille zwar nicht aufg hoben, aber theilweise suspendirt. Seit einigen Wochen nämlich besucht Professor Michelis unangefochten wieder den Psarr- gottesdienst, ohne daß derselbe seinetwegen un erbrochen wird. Dieser Umstand veranlaßte den gleichfall- öffentlich gebanntcn Dr. Wollmann, beim hiesigen Erz- Priester Lingk schriftlich anzufragen, ob bas veränderte Verfahren die Folge einer zeitweiligen Duldung oder einer Aufhebung des bezüglichen Kirchengesetzes sei, und erhielt die Antwort: es sei durch Dispensation Vorsorge getroffen, daß durch den Besuch der Excommunicirten der Gottesdienst fortan nicht gestört werbe. Diese Antwort ist in mehrfacher Hinsicht bewerkenSwerth. Zunächst wird dadurch ton- stattrt, daß die jetzt beliebte Duldung nur „eine Dispensation" ist, welche der Bischof oder der Papst „propter malitiam temporis“ für diesen Fall gewährt hat, zumal doch die TemporaUensperre auf Oie Dauer ein gar unangenehmes Ding ist; als Regel und Gesetz bleibt die ktrchl che Ausweisung der Gebannten, sowie olle andern bürgerlichen Folgen in ihrer ganzen Infamie bestehen. Roma non recedit. Diese Erklärung dürfte für die Auffassung der StaatSregierung von Wichtigkeit sein. — AlSbann muß es sonderbar erscheinen, daß den kirchlichen Würdenträgern erst jetzt einleuchtet, der Gottesdienst werbe durch eine wegen der Anwesenheit eines Excomwun cirten beliebte Untcrbrlchung „gestört", während man früher trotz der Störung die Feier der Messe aufzuheben für gut fand. — In ungeschmücktes, klares Deutsch übertragen würbe daher die Erklärung des Erzpriester- Lingk etwa so lauten: „Die Kirche" möchte d<e Excommunicirten zwar von Herzen gern nach der ganzen Strenge des alten canonischen Rechtes behandeln, sie aus dem Gottes- dienst treiben und den „Gläubigen" jeden Verkehr mit ihnen untersagen, sollte daS „frommes Volk seinen Eifer auch durch Mißhandlung der Gebannten bethä- tigen; wir würden uns damit trösten, daß der Herr die Ketzer züchtigt — aber Wir sehen ein, daß der gehoffte Effect nicht erreicht wird, der Herr Minister thut so fatale Fragen, auch ist E^plan Beinroth in Coblenz gar wegen seines Excom- municationSeiferS zu 25 Tholer Strafe gerichtlich verurtheilt — brücken wir daher ein Auge zu und lassen wir Dispensation tintreien. Das Gesetz bleibt gewahrt für bcfftre Zeiten. — Im Syllabus verdammt PiuS IX. den Satz: „die Kirche hat nicht die Macht, Zwangsmittel anzuwenden." Zwang zu brauchen hält ttr*
Unfehlbare also für Recht; es wieder zu können, wie io den Zeiten des Mittel» alters, ist sein frommer Wunsch, den mit gleicher Wärme seine ergebenen Bischöfe theilen.
Berlin, 24. Juli. Die „Prov. Corresp.", das hannöverische Schützenfest besprechend, sagt: Das Verhalten der österreichischen Gäste habe in allen patriotischen Kreisen einen günstigen Eindruck hinterlassen. Die Kundgebungen derselben bewiesen, baß die öffentliche Meinung immer entschiedener das deutsche Reich als unanfechtbare Thatsache anerkenne, sowie als Bürgschaft für die friedliche Entwicklung der deutschen und europäischen Verhältnisse betrachte. Wenn die österreichischen Festredner sich mit Wärme für die Eintracht und das gute Einvernehmen zwischen Deutschland unv Oesterreich aussprachen, so ist diesen Wünschen deutscherseits die freudigste Zustimmung gesichert.
Berlin, 24. Juli. Der „Reichsanzeiger" publicirt die Ernennung des Herrn v. Mabai zum Polizeipräsidenten von Berlin und meldet die Ankunft des Gesandlkn in Brüssel, Herrn v. Balan, welcher in Abwesenheit des Fürsten Bismarck und Herrn v. Thiele's die Leitung des auswärtigen Amtes Übernimmt. — Das „Reichögesetzvlatt" publicirt das Gesetz, betreffend die französische KnegS- kosten-Entschädigung.
Jülich, 19. Juli. Seit dem 6. d. M. ist auch Hierselbst der katholische Militärgeistliche, nachdem eine Verhandlung des Garnison - ComwandoS über den bestehenden Conflct mit ihm stattgefunden, suspendirt und dem katholischen Theile der Garnison der Besuch des katholischen Gottesdienstes in Gemeinschaft mit der Civilbevölkerung anhelmgestellt worden, wozu die erforderliche Zeit an jedem Sonn- und Feiertage freigegeben wird.
Leipzig, 20. Juli. Der „Volksstaat" veröffentlicht einen von Hamburg ausgehenden Ausruf, welchem zu entnehmen, daß der diesjährige socialoemokratische Parteicongreß „voraussichtlich" am 8., 9. und 10. September in Mainz abgehalten werben wirb. — Der Obmann der Leipziger Geschworenen iw Bebel-Liebknecht'schen Hochverrathsproceß, ein Herr Steiger auf Schweta, hat laut dem „Kr. B.- u. B.-Fr." beim Staatsanwalt in Leipzig die Geschworenen denuncirt, welche dem Advokaten Freytag in Plauen das Detail der Stimmenabgabe mitge- theilt haben.
Oesterreich.
Ischl, 23. Juli. Der Kronprinz des deutschen Reiches ist heute um 121/2 Uyr Hierselbst angekommen und im „Hotel Elisabeth" abgestiegen. Derselbe war in St. Gilgen durch den Flügeladjutanten Fürsten Lobkowitz empfangen worden. Gleichzeitig mit dem Kronprinzen traf der Kaiser von Oesterreich in preußischer Uniform im Hotel zu halbstündigem Besuche ein.
Ischl, 23. Juli. Der Kaiser von Oesterreich, der Kronprinz des deutschen Reiches, sowie der gesammte Hof machten um 5 Uhr, nach stattgefundener Hoftafel, einen Ausflug nach dem benachbarten Hallstadt. Der Kronprinz des deutschen Reiches fuhr im Wagen an der Seite des Kaisers. In Gosaumühle fand bas Souper statt und erfolgte die Rückkehr hierher zwischen 9 und 10 Uhr.
Italien.
Nom, 19. Juli. Die „Gazzetta d'Jtalia" schreibt: Aus der Statistik über die religiösen Orden in der Stabt unb Provinz Rom, welche die „Perseveranza" mitgetheilt hat, ist zu ersehen, daß dieselben 485 OrdenShäuser besitzen unb inS- qesammt, mit Ausnahme von 88 Ocbenshäusern, bas jährliche Reineinkommen auf 8,565,342 Lire 73 Et. angegeben haben. Die R.'gierung hat diese Angabe dadurch hervorgerufen, daß sie auf diefelben die Steuer der tobten Hand anzuwen- den drohte. Aber wie aus der Statistik hervorgeht, haben 88 Orden-Häuser der Aufforderung der Regierung sich zu entziehen gewußt. Bis heute hatte sich die Regierung dabei beruhigt. Bei der versöhnlichen Gesinnung des ehrenwerthen Lanza konnten diese OrbenShäuser so lange als sie wollten über die Aufforderung der Regierung und über die bestehenden Gesetze, welche sie der Steuer der tobten Hand unterwarfen, lachen. Aber das Ministerium von heute ist nicht mehr davon gestern in Bezug auf feine Politik dem Vatican gegenüber; und auch den renitenten Orden wirb klar gemacht werden, daß in Italien das Gesetz gleich für Alle ist. Es gilt als sicher, daß in dem Ministerrath der Beschluß gefaßt wurde, einen Endtermin sestzusetzen, unb wenn bis dahin die renitenten religiösen Orven sich nicht zur Angabe ihrer jährlichen Einkünfte Herbeigelaffen haben, gegen dieselben mit der ganzen Strenge de-Gesetze- einzuschreiten. Die Frist, welche man ihnen neuerdings bewilligt hat, um die betreffenden Anzeigen zu machen, wirb mit dem Monat August zu Ense gehen. Die Orden, welche unter dem Schutz auswärtiger Mächte stehen, sind von dieser Maßregel nicht ausgeschlossen. Diese Anordnungen lassen immer mehr die neue Richtung erkennen, welche die Regierung in ihrer Haltung dem Vatican gegenüber einschlägt, nachdem sie leider zu spät bemerkt, baß sie auf falschen Weg gerathen war.
Spanien.
Madrid, 21. Juli. Die „Gacetta" veröffentlicht ein Telegramm, welches anzeigt, baß die Reise des Königs bis Vallabolid glücklich von statten gegangen ist. Allgemeiner Enthusiasmus begleitete denselben auf ter ganzen Strecke. Die Königin ist in Escurial mit dem Prinzen ohne Zwischenfall angekommen. Der „Jmparcial" sagt, daß der Ausgangspunkt des Attentats noch nichr bekannt fei, aber aus dem Gelb, welche- man bei einem der Verbrecher gefunden, und dem Vorleben der Anderen läßt sich schließen, baß sie bezahlte Werkzeuge eines politischen Eomplots sind.
Griechenland.
In den türkisch-griechischen Gewässern werden noch im Laufe dieses Monat- KriegSjchiffe oller Nationen versammelt fein, um in einer gemeinsam combinirten Action dem dort wieder üppig wuchernden Ptratenthum rin Ende zu machen. Griechenland hat sich der Ausgabe allein unterziehen wollen, aber man scheint weder seiner Kraft noch auch seinem guten Willen getraut zu haben, und England fpcciell hat nebenbei aus seiner bestimmten Erwartung kein Hehl gemacht, daß man, wenn man die kleinen Diebe im Archipel hange, auch die großen Diebe auf dem festen Lande nicht lausen lasse.
Türkei.
Aus Pera schreibt man der „Allg. Ztg.": Am 5. d. M. Abends, ganz unerwartet und ohne irgend welche vorhergegangene Anzeige, befahl der Sultan, een neuerbautcn und erst feit wenigen Wochen von ihm bewvhntew Palast von


