jedoch die Errichtung der ersten „Münchener Volksküche." Fräulein Spitzeder kaufte eine altrennomirte Wirtschaft in der Nähe des Hofbräuhaufes und richtete dieselbe zu einer Volksküche, d. h. zu einer offenen Wirthichaft ein, in welcher für jeden Tag feststehende Speisen zu fabelhatt billigen Preisen abgegeben wurden. Man hat ihr nachgerechnet, daß ste täglich 60 bis 100 Gulden bei ihrer Volksküche zusetzte, allein was that das, so lange sie täglich noch 15—20,000 Gulden einnahm? Die längst erwartete Katastrophe ist eingetreten: die echte und eigent liche Dachauer Bank ist am 12. d. Mts. von der P-lizeimannschcft und Mllitär besetzt, und die bereits begonnene strafrechtliche Untersuchung wird ohne Zweifel den Schleier von ihrem in vieler Hinsicht noch immer geheimnisvollen Geichäfts- betrieb nehmen. Trotz des dichten Schneegestöbers waren die Schönftldstraße und ihre Umgebungen gefüllt von einer theils neugierigen, theils verzweifelnden Zu- schauermenze, welche jedoch von der bewaffneten Macht in respektabler Ferne gehalten wurde. So sehr auch die bei dem herannahenden Winter doppelt fühlbare Bedrängniß der Tausende leichtgläubiger und unwissender Opfer zu bedauern sein wag, so wird doch die ganze so unrühmliche Angelegenheit gewiß die eine gute Folge haben: daß sie München hoffentlich von einem Thcile der ultramon- tanen Schmutzpreffe befreit, deren G-bahren in diesen Tagen alle« erlaubte Maß überschritt und nur durch den Muth der Verzweiflung erklärt werden kann. Mil der Vernehmung der, wie man hort, sehr bestürzten Geschäftsinhaberin ging die Consignation der Kasse rc. Hand in Hand, während auch die „Angestellten" und Bediensteten der Dame consignirt wurden. Abends 7 Uhr wurde Letzteren, bei 40 an der Zahl, eröffnet, daß sie sich ungehindert bewegen konnten, was für die Ratten das Signal war, das „Schiff zu verlassen." Bald darauf war die summarische Inventarisation geschlossen, zugleich wurde aber auch die Sicherheits- Haft über Fräulein Adele verhängt. Selbstverständlich nahmen alle diese Vorkehrungen viel Zeit in Anspruch, und so ist denn erst Nachts 1 Uhr die Ueber- sührung der Dame in das Gefängniß an der Badstraße erfolgt, lieber den St?nd des Geschäftes erfährt man, daß von einer Buchführung im kaufmännischen Sinne nicht die Rede war, und daß die geführten Anschreibungen sich nicht über das Niveau des Marktzettels der Köchin ergeben. Der Activftand an Baarem (etwa 70,000 Gulden), Obligationen aller Art, Juwelen und Immobilien (16 größere und kleinere Häuser) wird 900,000 Gulden nicht übersteigen, wogegen man heute schon von Passiven im Betrag von 8—9 Mill. fl. spricht. Umfang und Trag- forte dieser Mo-.stre-Untersuchung, von welcher das Personal nicht unberührt bleiben wird, läßt sich noch gar nicht absehen. Daß viele schmutzige Wäsche hierbei zum Vorschein kommt, das ist sicher und es geht jetzt schon Allerhand von Mund >u Mund.^ Der mit dem Geschick der Dachauer Banken zusammenhängende, unter rigenthümlichen Umständen erfolgte Rücktritt des Redakteurs de^ „Süddeutschen Telegraphen" von D?r Leitung dieses Bl-ttes erregt auch außerhalb Der journalistischen Kreise peinliches Aussehen. Die Spitzeder, welche den Werth der Presse recht gut zu würdigen wußte, hat es verstanden, einen Theil derselben sich dienstbar zu machen: die Einen schwiegen konsequent, die Andern vertheidigten und besangen sie. Das erste Opfer dieser feilen Künstlichkeit ist gefallen, die Schraube ist gelockert und Andere Verden nachfolgen in der Reihe Derjenigen, welche Der Münchener Journalistik da« Brandmal Der Künstlichkeit auSdrücklen. Es wird da eine Fäulniß ans Tageslicht gezogen werden, welche auswärts nicht geahnt, in eingeweihten Kreisen hier aber längst besprochen, und deren schließlich unter- Metdltche BloSlegung längst gefürchtet wurde.
Im Reichcwünzgesetz von 4. December 1871 ist vorgeschrieben, daß die noch umlaufenden alten Goldmünzen deutschen Gepräges auf Reichskosten einge- zogen werden sollten. Da« Reichskanzleramt ist, wie auSwäriigen Blattern ge- schriebm wird, dieser Aufgabe gegenwärtig näher getreten. Es hat an die verbündeten Regierungen ein Rundschreiben erlassen, worin sie aufgefordert werden, hierher witzutheilen, welche Arten alter Goldmünzen ihre« Staates noch im Umlauf find und zu welchen muthmaßlichen Beträgen. Die Kronen und die Friedrichsd'or werden davon wohl die beiden Hauptbrstandtheile aus- machen.
Karlsruhe, 15. Novbr. Der Kronprinz des deutschen Reiches ist in Folge einer Erkältung genöthigt, das Zimmer zu hüte» und die Weiterreise nach Der Schweiz für kurze Zeit zu verschieben. Das Unwohlsein ist übrigens nnerheblich.
München. 15. Novbr. Gegen Fräul. Spitzeder ist nunmehr die Untersuchung weaen Verbrechen« des betrügerischen Bankerotts eingeleitet.
Stralsund, 14. Novbr. Der Sturm hat die Nacht aufgehört. Das Wasser ist gefallen und das Feuer in den Hafenspeichern wurde gestern gelöscht. Die Ueberschwemwung hat die ganze Küste heimgesucht. Details über die Zahl der untergegongenen Sch.ffe und den angerichteten, jedenfalls bedeutenden Scha- den fehlen noch
Stralsund, 15. Novbr. Durch den stattgehabten Orkan und die lieber schwemmung n gingen hier circa 80 Fahrzeuge verior-n. Nachrichten von Zingst, Dar« und Hiddensoe melden Untergang fast aller Fischerfahrzeuge und schwere Beschädigungen von Gebäuden. Der Schaden ist sehr groß, die Noth augenblicklich sehr schwer, weil Obdach und in Folge der Ueberfluthung der Brunnen das Trinkwasser mangelt. Menschenleben sind nicht zu beklagen, aber große V'ebheerden umgekommen. RegierungS - Dampfer mit Proviant und HülsSmann- schäften sind unterwegs. Auch aus Rügen werden Unglücksfälle gemeldet. In Venzw tz kamen 8 Personen um.
Stralsund, 16. Novbr. Die „Baltische Zeitung" meldet über die durch die Ueberschwemmungen verursachten Verheerungen aus guter Quelle folgende Details : Die Ortschaften Prerow, Ahrenshopp, Bor und Wieck auf der Halbinsel DarS haben furchtbar gelitten. Die Bevölkerung von Prerow scheint entschlossen zu sein, ganz auSzuwandern. Der Küste entlang sind ganze Morgen Landes ab- geschwemmt, anderwärts sind neue angltrieben. In Neuendorff auf Hiddensoe sind von 57 Häus-rn nur 5 unversehrt. Die Einwohnerschaft iß muthloS. Die ganze Düne von Göhren bis Thiestow ist fortgerissen. Ein ungeheurer Viehverlust wird von allen Seiten gemeldet. Der Gesammtverlust des Regierungsbezirks Stralsund zählt nach Millionen. Gestern hat sich ein Verein gebildet, um einen Hülferuf für die Verarmten durch ganz Deutschland zu erlassen.
Pillau, 15. Novbr. Der russische Schooner „Alexander" ist im H^ff auf den Grund gerathen und schwer abzubringen. Ein Lichter dcö Dampfers „Essex" ist im Elbinger Haff auf den Grund gerathen. Lichter und Ladung sind verlo- I ren. Der Dampfer , Anglodane", welcher Montag Kopenhagen verlassen hat, ist auSgebl'ebrn. Man fürchtet, Dog er untergegangcn ist.
Schleswig, 14. November, Abends. (Verspätet eingetroffen.) In Folge
des heftigen zweitägigen Nordoststurm« hat da« Hochwassn gestern den großen Schleidamm zwischen Frikdrichsberg mit dem Bahnhofe und Der Altstadt durchbrochen. Das Schloß Gottorf, in welchem sich die R'gierung und Kaserne befindet, ist durch das Wasser von aller Eommunlcation abgeschnitten. Viele Häuser sind zerstört. Dos Wasser steht 59 Zentimeter über Dem höchstbekannten Wafferstand im Jahre 1694. Heute ist was Wasser in Der Abnahme begriffen.
Oesterreich.
Innsbruck, 14. November. Die clericalen Abgeordneten gab?n dem Landeshauptmann gegenüber die Erklärung ab, daß sie an Den weiteren Sitzungen des Landtags Theil nehmen werden. Der Statthalter hat darauf in einem an Den Landeshauptmann gerichteten Schreiben im fpeciellen Auftrag; des Kaisers die Schließung des Landtags wegen Verweigerung Der Pflichterjüllung und dadurch herbeigesührten Beschlußunsähigkeit ausgesprochen.
Frankreich.
Paris, 12. Novbr. Das Verhör Bazaine's hat seit acht Tagen seinen l Anfang genommen. Derselbe darf jetzt keine Besuche mehr empfangen. Die Marschallin wohnt jetzt wieder in Paris. — Die Versailler Kriegsgerichte haben wieder einen Cowmun sten zum Tode verurtheilt, nämlich Wctor Fourche, welcher der Theilnahme an Der Ermordung des Generals Lecomte (18. Marz) für schuldig er? innt wurde. Die Zahl der zum Tode Verurtheilten, die sich noch in Versailles befinden, beträgt 16. Der Gcsängnißgeistliche, Adbs Follet, war gestern bei der Gnaden-Commission, um sich für Dieselbe zu verwenden.
Paris, 13. Novbr. (Nationalversammlung von Versailles. Sitzung am 12. November.) Präsident verliest eine Zuschrift Des B schofs von Versailles, wonach derselbe künftigen Sonntag in Der Schloßkapelle einen feierlichen Gottesdienst abhalten und den Segen des Himmels auf Die Nationalversammlung herabflehen wirD. (Sehr gut! rechts; Unruhr link«.) Präsident macht ferner von folgendem Jntelpellationsantrage Mittheilung, welchen der G.neral Changarnier eingebracht bat: „Ich bitte die Nationalversammlung um Die Erlaubniß, die Regierung wegen der Reisen zu interpell ren, welche Der ehrenwerthe Herr Gam- betta während Der Kammerferien Durch Savoyen und da« Dauphins unternommen hat." (Höhnisches Gelächter links; lauter Beifall rechts.) Herr Arago: Und wegen Der Banketts von Bordeaux! (Lärm.) Justizminister Dufaure: Die Regierung ist bereit, auf die Interpellation zu antworten, und schlägt vor, die Verhandlung auf künftigen Montag anzusctzen. (Angenommen.) Man schreitet zur Bildung des Bureaus. In der Präsidentenwahl erhalten : Herr Jules G.ssy 462, Herr Märtel 3, Herr Gambetta 2 Stimmen und Der General Changarnier, Der Herzog von Aumale und Herr Naqaet je eine Stimme. Herr G.eoy ist also ernannt. Auch sonst wird da« alte Bureau, mit Dem einzigen Unterschiede, daß als sechster Sccretär Herr Cazenove de Pradines an Stelle des Herrn Costa "oc Beauregard tritt.
Versailles, 12. Novbr. Die Elsässer und Lothringer, w'lchr geglaubt haben, ihr Land verlassen und sich in Frankreich niederlaffen zu müssm, haben gestern von Der Nationalversammlung keine bessere Behandlung erfahren, als die nach Algier ausgewanderten von Den dortigen Behörden. Einige D.putirte aut den östlichen Departements, die Herren Bamberger, Keller, Varroy, George u. f. w., batten einen Antrag vorbereitet, welchen sie sofort angenommen zu sehen wünschten. Folgendes ist Der Wortlaut Des Antrages: „Von Den Krediten, Die für Die Zahlnng der Krieg-schäden votirt sind, soll eine Summe verwandt werden von gleichem Betrage, wie die Der freiwilligen Einzahlungen zum selben Zwecke, und verwandt werden zur Unterstützung der Elsässer und Lothringer, welche ihre Qualität als Franzosen behalten Haden." Einer der Unterzeichner dieses Antrages, Herr Wolowski, bestieg Die Tribüne und hielt eine bewegliche und pathetische Rede. Im akademischen Style sprach dieses Mitglied des JnstituS von Der Stoßen Pflicht, die Frankreich zu erfüllen habe; er schilderte Die Leiden Dieser Emigranten, deren Zahl er auf 150,000 schätzt, ihre Bedürftigkeit, welche überaus groß sei. Die Linke spendete Der Rede Des Deputaten Der Seine einen chDachcn Beifall, aber die Skechte bewahrte ein eisiges Schweigen. Herr Gröoy wollte Die Dringlichkeit zur Abstimmung bringen, als Herr Dahirel das Wort verlangte. Dieser legitimistische Deput-rte hat sich sehr bestimmt gegen Die Dring* llcbknt ausgefp ochen. Nur die Herren Keller und Scheurer-Kestner rührten sich auf ihren Bänken, Die klebrigen Hieben kalt. Herr Dahirel hat an einen Artikel der Geschäftsordnung erinnert, wonach die Kasmer sich über Die Dringlichkeit«, fröfte nicht eher aussprechen kann, als nach Berathung Der Bureaux. Herr ©1609 bemerkte dagegen, daß die Kammer feit zwei Jahren ein entgegengesetztes Verfahren beobachte. Umsonst, Herr Dahirel besteht auf feiner Ansicht und die Kammer schließt sich derselben an; darauf zieht Herr Wolowski seinen Dringlich- kertsantrag zurück und die Elsässer und Lothringer mögen warten, wenn sie können. Diese armen Emigranten sind meistens ohne Brod, ohne Unterkommen und ohne Schule für ihre Kinder. Viele leben von Der Wohlthätigkeit De« Publikums und haben beim Herannahen des Winters unverzügliche Hülfe sehr nöthig, aber diese Erwägungen haben Die Majorität Der Versailler Versammlung nicht bewegen können. Diese Kälte, welche eine wahre Undankbarkeit ist, wird den Elsässern und Lothringern zu denken geben, Die so große Eile hatten, ihr Land zu verlassen, um zu ihren Brüdern nach Frankreich zu kommen. Die, welche nach Algerien gegangen sind, haben schon fiüher auf ihre Kosten erfahren, wie trüg- lich Die schönen Versprechungen waren, Die man ihnen vor ihrer Abreise gemacht Hot. Sle haben vieles Geld verschleudert und ihre Zeit verloren in unfurchtbaren Bemühungen bei den algierischen Behörden. Die Klügsten und die noch etwa« übrig hatten, find entweder nach Elsaß zurückgekehrt oder nach Amerika auSgcwandert. Das ist die Folge alle der hohlen Phrasen Der chauvinistischen französischen Presse. Herr Dahirel, welcher Der wahre Typus Des kleinen französischen Bürgers ist, egoistisch, beschränkt in seinen Ideen und geizig mit Dem Gelde, dcnkt, Worte kosten weniger als Thaten, und die gestrige Haltung Der Versammlung wird den unüberlegten Enthusiasmus Der armen Leute gewaltig ab* fügten, welche Den Wohlstand, Dessen sie in Der Heimath genossen, aufgegeben ^ben. (fl. Ztg.)
Versailles, 14. Novbr. Da Nationalversammlung beschloß Die Dringliches für Den Antrag Wolowski zu Gunsten Der auSgewanderten Elsaß Lothringer. Das Gesetz, betreffend die Geschworenen - Geeichte, wird von der Lmken bekämpft, weil es reactionär sei und das Princip des allgemeinen Stimmrechts angreife. Bousset ist gegen Den Entwurf, weil er unvereinbar fei mit Der republikanisches
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