welche ihre Festigkeit am besten dadurch beweist, daß ste einen traditionellen Argwohn und einen traditionell gewordenen Gegensatz überwunden hat.
Der Argwohn bezog sich auf die heilige Allianz, deren Rückkehr man immer im drohenden Anzüge begriffen sah, sobald sich eine gesteigerte Intimität tu den Beziehungen Preußens zu Rußland und Oesterreich bemerkbar machte; der traditionelle Gegensatz bestand zwischen den Westmächten Frankreich und England und den sogenannten drei nordischen Reichen, indem er aus einem vermeintlichen Antagonismus die Nothwendigkett fester Allianzen abfolgerte.
Nirgends taucht aber gegenwärtig eine Erinnerung an die weiland heilige Allianz auf, als um dieselbe als völlig außerhalb der Zeit und deren Voraus- setzungen liegend abzuweisen, und wie die Sprache der französischen so wie der englischen Blätter beweist, hat die intime Annäherung der drei nordischen Mächte, welche durch die bevorstehende Monarchen - Zusammenkunft besiegelt werden soll, weder in Frankreich noch in England das Bedürfniß fühlbar gemacht, dieser nordischen Allianz durch ein Aufttschen der völlig verblaßten entente cordiale ein Gegengewicht zu geben.
Gewiß wird diese unverkennbare Entäußerung alter politischen Vorurtheile grade im Interesse des Friedens mit voller Genugthuung begrüßt werden können; Deutschland aber hat gewiß um so höheren Anlaß der Befriedigung, als es ohne Zweifel in sich selber den Grund dazu finden kann.
Nicht blos, daß durch die Ncu-Eonstituirung Deutschlands ein Reich ge- schaffen worden ist, welches zu mächtig ist, als daß es irgend welche von außen kommende Direktion seiner Politik dulden könnte; zu selbstbewußt, als daß es die Freiheit seiner Selbstbestimmung jemals wieder opfern könnte, und von den Vortheilen der Freiheit zu sehr überzeugt, um sich jemals wieder von deren
Thronfolger, den Großfürsten Wladimir und den Bruder des Kaisers, Großfürsten Nikolaus.
Berlin, 10. August. Die „Sprner'sche Zeitung" hört, daß im Unterrichtsministerium die Ausarbeitung eines allgemeinen Unterrichtsgefetzes in Angriff ge- nommen sei, in der Voraussetzung, daß über die KreiSordnungSreform nach Ablauf der Landtag-Vertagung eine Verständigung erzielt werden wird.
Köln, 8. Aug. Dem Superior der hiesigen Residenz der Jesuiten ist gestern folgende Verfügung zugestellt worden:
Auf Grund dc Bestimmungen des Gesetzes vom 4. Juli d. I., betreffend den Orden der Gesellschaft Jesu (Reichsgesetzblatt S. 253) und der Bekannt- machung des Herrn Reichskanzlers vom 5. Juli b. I., betreffend die Ausführung jenes Gesetzes (ReichSgesctzblatt S. 254), hat die königliche Regierung Hierselbst vermittelst Verfügung vom 3. d. M. angeordnet, daß auch in hiesiger Stadt den Angehörigen des Ordens der Gesellschaft Jesu von jetzt ab die Ausübung einer OrtenSthätigkeit nicht ferner zu gestatten sei. Die hiesigen Angehörigen des genannten Ordens werden sich daher der Abhaltung von Missionen, des Predigen-, so wie überhaupt jeder scelsorglichen Thäiigkeit von jetzt ab zu enthalten haben. Etwaige Zuwiderhandlungen gegen dieses Verbot bin ich beauftragt worden, sofort zur Kenntniß der königlich n Negierung zu bringen.
Köln, den 7. August 1872.
Der königliche Polizei-Präsident: DevenS.
An den Superior des Ordens der Gesellschaft Jesu, Herrn Rive, Hochwürden, hier.
Schweiz.
Bahnen abdrängeu zu lassen: so ist auch das Deutsche Reich zum natürlichen Schwerpunkt der europäischen Politik geworden. Auf sich selbst beruhend und in der inneren Entwickelung die Befriedigung seines nationalen Ehrgeizes suchend, ist es vollkommen geeignet, widerstreitende Interessen bis zu deren Ausgleichung auseinander zu halten. Es kann kein Mißtrauen erwecken, weil seine Interessen nur durch den Frieden gefördert werden können, und seine Freundschaft kann keinen Grund zur Eifersucht geben, weil diese Freundschaft jeder Politik gesichert ist, welche auch ihrerseits den Frieden anstrebt.
Deutschland.
Darmstadt, 10. August. Man schreibt der „Darmst. Ztg." aus Petersburg : Dte Vereinigung der Monarchen in Berlin hat nicht die Bedeutung einer Coalition zur Bedrohung anderer Staaten und zur Herausbeschwörung von Verwickelungen. Sie gilt dem gemeinsamen Zweck, Europa vor Erschütterungen zu bewahren.
Berlin, 8. Aug. Das königliche Kriegsministerium hat vor wenigen Tagen im Einverständniß mit dem Ministerium der geistlichen Angelegenheiten und im Anschluß an einen Erlaß vom Monat Mai d. I. in Betreff der katholischen Mr- litärseelsorge bestimmt: Sobald in Garnisonorten dadurch, daß einem katholischen Mllitärgeistlichen oder einem mit der katholischen Militärseelsorge beauftragten Civilgeistlichen die Ausübung der Amt-Verrichtungen in Bezug auf dte Militär-
Genf. Obwohl über den Gang der Genfer Verhandlungen das allergrößte Stillschweigen beobachtet wird, will ein Londoner Eorrespondent der „Kölner Ztg." aus den zwei Umständen schließen, daß eine Lösung rascher, als man vor drei bis vier Tagen glaubte, eintretcn wird. Unter den jüngeren Advocaten, welche bei Ausarbeitung der englischen Proceßschrtsten Theil genommen, befindet sich Mr. Cohen, dem es besonders zufiel, die rechnerische Seite der amerikanischen Forderungen zu prüfen, und der dabei allerdings zu Resultaten mit Hülse des einfachen Einmaleins gekommen ist, welche erstaunlich sind. Genug, dieser Herr ist plötzlich vor einigen Tagen nach Genf gerufen worden und die Bermuthung liegt sehr nahe, daß man im Schiedsgericht sich für eine theilweise Verpflichtung zum Schadensersatz ausgesprochen hat und j'tzt in die finanzielle Prüfung des Betrages eintrcten wird. Ein zweites Zeichen liegt darin, daß der Lord Chief Iuftice von England in der allernächsten Zeit frei zu sein hoff', und da Sir Alexander Cockburn gewöhnlich wohl überlegt, was er anordnet, ist anzunehmen, daß er gute Gründe für feine Maßregeln hat. So viel glaubt man in urtheilsfähigen Kreisen mit Bestimmtheit vermuthen zu können, daß, wenn eine Verpflichtung Englands zur Schadenzahlung ausgesprochen wird, das Schiedsgericht zugleich auch eine Pauschalsumme festsetzt und nicht erst einer Commission das Handeln und Schachern um Einzelposten zuweist. Die öffentliche Meinung in England geht in diesem Punkte sicher mit dem Wunsch der Regierung.
Frankreich.
seelsorge untersagt ist, das amtliche Organ für die katholische Militärseelsorge in Fortfall kommt, ist das Kirchenbuch von demjenigen evangelischen Milttärgeist- lichen fortzuführen, zu dessen Parochie der betreffende Truppentheil gehört. Den katholischen Soldaten solcher Garnisonen ist es eben so wie die Befriedigung ihres kirchlichen Bedürfnisses überlassen, für die sie betreffenden Ministertalacte einen Geistlichen nach eigenem Ermessen zu wählen. Eines Demifforiale bedürfen sie, da im gedachten Falle dte Seelsorge für sie keinem katholischen Geistlichen amtlich übertragen ist, nicht. Von den durch Ctvilgetstltche vollzogenen Taufen und Trauungen, so wie von eingetretenen Todesfällen, hat der Truppentheil dem betreffenden evangelischen Militärgeistlichen zur Eintragung in das Militärkirchcn- buch Anzeige zu machen.
W»e ein osficiöscr Wiener Eorrespondent hört, sind von St. Petersburg aus freilich keine eigenllichen Anträge gestellt worden, aber doch Andeutungen gefallen, ob es nicht zweckmäßig erscheine, bei der Berliner Zusammenkunft, ohne im Uevrt- gen in die selbstständige Regelung der einschlagenden Verhältnisse durch dte bi» treffenden Regierungen einzugreifen, in Bezug auf die polnischen Lanvcstheile der drei Staaten in gewissen allgemeinen Grundsätzen eine Schranke zu ziehen, über welche hinaus den nationalen Tendenzen kein Raum zu geben sei. Preußen hat, so viel der genannte Eorrespondent hört, sich zu diesem Gedanken zunächst voll- ständig schweigsam verhalten, Oesterreich aber, übrigens unter den von der Sach- läge gebotenen Erklärungen über seine galizische Politik, es sofort und unbedingt von der Hand gewiesen, sich in jener Beziehung zu binden.
Berlin, 9. Aug. Im Handelsministerium sind neuerdings, wie die „Fr. Z." meldet, mehrfach Beschwerden über die Ueberanstrengung der im äußeren Betriebsdienste beschäftigten Eisenbahnbeamten eingelaufen. Dte Directionen sämmtlicher Staatsbahnen find deshalb zum Berichte darüber aufgcfordert worden, wie die Maximalbieustzeit dieser Beamten festzusctzen sei, ohne dadurch dte Betriebssicherheit zu gefährden.
Der Generalmajor von Podewtl-, Dtrector der Gewehrsabrik tn Amberg, wurde nach Berlin berufen, um in Conferenzcn bezüglich des für die deutsche Armee in Aussicht genommenen Mauser'schen JnfantertegewehreS zu treten. Wie verlautet, soll im Fall der Annahme vorgenannten Gewehres das jetzt in der bayerischen activen Armee eingeführte Werder-Gewehr an die Landwehr abgegeben werden, dagegen erstere ebenfalls das Mauser-Gewehr erhalten. In der Aptirung der eroberten Ehaffepot - Gewehre zur Benutzung der Werder- bezw. Mauser- Patronen wird in der Gewehrsabrik zu Amberg fleißig fortgearbeitet; diese Fabrik beschäftigt gegenwärtig gegen 500 Arbeiter.
Die Affalre zwischen Generallieutenant v. d. Gröben und Manteuffel scheint einen ungeahnten AuSgang nehmen zu wollen. Wie die .Ostbahn" hört, sollen sich die Mitglieder der ganzen Gröben'schen Familie, welche active Militärs sind, nach Berlin begeben haben, um ihre Entlassung einzureichen. Der Entstehung«, gründ der Differenzen zwischen den beiden Generalen soll bet Gelegenheiten eine« DiaerS ein Wortwechsel gewesen sein, in welchem General v. d. Gröben zurrst angegriffen, dieses Angriffe mit einem etwa« scharfen Briefe au Manteuffel begegnete, aus welchen Vorgängen dte Zwistigkeiten bis zu oben mitgetheilten Resultaten gediehen seien.
Berlin, 10. August. Rach jetzigen Bestimmungen wird im russischen Ge- sandtschasts-PalaiS Quartier gemacht für den Kaistr Alexander, den Großfürst-
Paris. Seit der Vollziehung des Iesuitengesetzcs gkberden sich die Ultra» montanen wie htrnwüthig. Die sonst so „getreuen Untcrthanen", die „Stützen der Throne", die „Prediger des Gehorsams vor der Obrigkeit", haben den Schafspelz abgeworscn und zeigen sich als die Wölfe, mit deren Wiederkehr dte Loyaltteu io oft gedroht haben. In den deutschen Blättern schon leisten sie im Verfluchen und Schimpfen da« Möglichste. Geradezu unglaublich aber ist die Sprache, welche sie tn den Blättern des Auslandes führen. Zum Beweis eine kleine Biumenlese aus dem letzten der schon oft erwähnten „Briefe aus Preußen" im „UniverS". Der Briesschreiber sagt u. A.: Wie viel Papier ist in Preußen über diese« Steinchen und Viesen Coloß verschrieben worden, der in den Augen der preußischen Journalistik nur Bismarck bedeuten kann. Aber ist er nicht vielmehr und zugleich die Revolution — im Sinne de« heiligen Vaters? Für unseren beschränkten Horizont ist Bismarck allerdings ein Coloß, wie Gambetta für einen anderen, wie Garibaldi, wie Bauernschulzen für den ihrigen. Sogar (man bemerke die Sophistik) euer Naquet kann für mich als ein Coloß gelten, so kleinlich sein Name und sein Character. Gegenüber dem sterbenden Löwen war der Esel ein Coloß, gegenüber dem durch seine sittlichen und religiösen Verirrungen besiegten Frankreich fühlt sich „der preußische Esel" als Coloß, und ein recht- schaffener Esel ist er meiner Treu. Ern Esel tn der religiösen Frage, ein Esel gegen den Süden, ein Esel gegen Elsaß-Lothringen. Aber jetzt bst! wir könnten sonst gehenkt werben. — Der Graf von Hönsbrock hat bekanntlich den Vätern Jesu seine Schlösser angcboten. Aber Bismarck scheint ihnen zuzumuthen, sich auf dem Mond einzumicthen. In den letzten Tagen haben die Behörden von Mastricht und Sitters die Weisung erhalten, Jesuiten, die au« Deutschland kämen, nicht einzulassen. Das ist sonnenklar die Folge einer preußischen Pression auf die holländische Regierung. — Hoffentlich werden die Väter Jesu alle gesetzliche» Möglichkeiten zu versuchen wissen. Die einheimischen Mitglieder können ja nur von der Regierung in gewissen Städten internirt werden. Wenn die Jesuiten das Land verließen, ohne diese Translocation über sich ergehen zu lassen, so hieße dies nach unserer Ansicht den Triumph de« Unrechts erleichtern. Einige Jesuiten unter polizeilicher Escorte, in Graudenz, Torgau oder Wittenberg wären dazu angethan, die neue Aera zu tllustriren, den Glanz dcS 19. Jahrhunderts zu erhöhen. — Es sei denn, daß das Stemchen fällt und den Coloß zerschmettert vor Derfluß von sechs Monden. Nur gemach! eilet nicht, ehrwürdige Väter, derjenige, welcher euch den Rattz gibt, hat weder die Aufgabe noch die Kraft, die Füße des Coloffe« zu zerbrechen, aber er weiß, daß ein Coloß mit thönernen Füßen in sich selbst zusammenblkchen kann. Er glaubt auch an die Wahrheit der Worte der Kirche: Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Und wenn Gott alle Dinge in sechs Tagen gemacht hat, kann er auch viele Dinge in sechs Monaten vernichten. Meine Väter! eilet nicht, und jcdensalls, gehet nicht weit, ihr werdet zurückkommen. Der König ist todt, e« lebe der König!
Paris. Die französische Nationalversammlvng hat sich am Sonnabend mit Hinterlassung einer Permanenzcommijfion von 25 Mitgliedern vertagt, daenglische Parlament wird mit Ende dieser Woche seine Sitzungen schließen, die Gcsaobtschaft-hotels stehen leer, die Diplomatie ist in den Badern — die hohe Politik ruht; die Drei-Kaiser-Zusammenkunst allein giebt den Zeitungen Stoff u Betrachtungen. Von allen Seiten wird der eminent friedliche Charakter der
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