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PreiS vierteljährig 1 fi- 12 Pt. mit Brtngrrlohn. Durch die Post bezogen vierteljährig 1 fl. 27 kr.

Gießener Anzeiger.

Erscheint täglich, mtt AuL nähme MontagS.

Expedition: Eanzleiberg Ltt. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsölatt für den Kreis Kießen.

Rr. 200. Mittwoch den W Anguss 1871.

Besteilrurgen auf den Gießener Anzeiger «L'L*

Abonnenten, welche den Anzeiger bei der Erpedition abholen lassen, erhalten denselben für den Monat September zu 20 kr.

Amtlicher T h e L l.

Einladung

zur Wahl des Vorstandes der israelitischen Religions-Gemeinde Gießen.

Es wird hiermit bekannt gemacht, daß in Gemäßheit des §. 1 der Wahlordnung vom 4. August d. I. die Wahl dreier Mitglieder des Vorstandes der israelitischen Religions-Gemeinde Gießen an Stelle der austre^nden Herren S. Katzenstein, S. Flörsheim und A. Schlessin aer

Freitag den ! September d. I.

in dem Rathhause dahier vorgenommen werden soll.

Sämmtliche nach §. 2 jener Wahlordnung stimmberechtigte Mitglieder der israelitischen Religions-Gemeinde dahier werden zur Theilnahme an dieser Wahl mit dem Bemerken eingeladen, daß die Abstimmung Vormittags von 9 bis 12 Uhr und Nachmittags von 2 bis 4 Uhr stattfinden wird und daß die austretenden Vorstandsmitglieder wieder wählbar sind.

Gießen, den 26. August 1871. Der Regierungs-Commisjär:

K e k u l 6.

Bekanntmach u n g.

Betr.: Die diesjährige Srßperrevifion der temporär Invaliden.

Nach einem Erlasse des Köuiglich/Ireußischen Kriegsministeriums, Abtheilung für Jnoalidenwesen, vom 10. August er. soll im Laufe der nächsten Mo­nate das vorgeschriebene Jnvaliditätsprüfungsverfahren für diejenigen temporär Invaliden, deren Pensio Bewilligung abläuft und für diejenigen Invaliden des Krieges von 187o/71, welche sich über die ihnen gewordene Entscheidung beschweren, sowie für diejenigen, welche neue Versorgungs-Ansprüche erheben, oder deren Untersuchung sonst erforderlich erscheint, vorgenommen werden.

Die betreffenden Invaliden, resp. diejenigen Leute, welche Pensions - Ansprücye erheben wollen, werden hiernach aufgefordert, ihre Anträge nunmehr schleunigst bei dem betreffenden Bezirksfeldwebel einzureichen.

Gießen, den 28. August 1871. Großherzogliches Landwehr - Bezirks - Commando Gießen.

Franck,

Major und Bezirks - Commandeur.

P o l i t i s ch

29. August.

f Die materielle Verbesserung der Lage der arbeitenden Klassen ist nicht bloS ein Bedürfniß für die Arbeiter, es hat vielmehr auch der Staat und die gesammte Gesellschaft ein hochwichtiges Interesse an derselben, denn beide zögen einen direkten Vortheil daraus, daß das Kapital sich nicht ausschließlich in den Händen Weniger ansammelt, sondern Bildung und Wohlstand sich immer mehr verallgemeinern, denn nur die Vorzüge des Besitzes sichern gegen die gemeinen Verbrechen, von denen jetzt immerhin etwa 90 Procent auf die ärmeren Gesellschafsllassen kommen. Schon von diesem allgemeinen staatlichen Gesichtspunkte aus hat der Staat die Derpflich- tung, die sociale Reform nicht so ohne Weiteres von sich zu weisen, vielmehr alle Hebel in Bewegung zu setzen, um den socialen Rothstand zu beseitigen.

Es ist dies zugleich auch der beste Weg zur Ueberivindung der Gefahren des Socialismus. Den Socialdemokraten, den Arbeiterdemagogen wird der Boden unter den Füßen entzogen, wenn den Massen das Bewußtsein iwputirt wird, daß der Staat sich seiner Pflicht bewußt ist, für die Verbesserung der Lage der Arbeiter zu sorgen und das sociale Elend, so weit es in seinen Kräften steht, zu mildern.

Anderseits ist der Staat aber auch berechtigt, von den Arbeitern zu ver- langen, das sie sich nicht auf die Bahn eines gewaltthätigen Vorgehens drängen lassen, vielmehr nur innerhalb der gesetzlichen Schranken für die Verbesserung ihrer Lage kämpfen. Die Erhebung von Forderungen, wie diejenigen sind, welche in dem Programm der focialdemokratischen Partei auf dem Dresdener Congresse vorgebracht wurden, muß als entschieden unpractisch bezeichnet werden, denn der Staatsgewalt und der ganzen Gesellschaft offen den Krieg zu erklären, wie es die Dresdener Socialdemokraten thaten, heißt nichts anders, als beide zu einer Coali- tion gegen die Socialdemokratie und die ihr anhängendcn Arbeiter aufzufordern. Nur solche Bestrebungen können Aussicht auf Erfolg haben, die in politischer Be­ziehung von dem Grundsatz der Gleichberechtigung ausgehen und in socialer Rich­tung die heutigen Gesellschastszustünde Schritt vor Schritt verbessern, aber nicht dieselben mit einem Male über den Hausen werfen wollen. Wie die politische Freiheit soweit wir derselben theilhaftig geworben nicht im Sturmschritt erobert, sondern nur nach und nach unter hartnäckigen Kämpfen errungen worden ist, so kann auch die sociale Reform nur allmählig durchgeführt werben; jede Ge- waltthätigkeit von Seiten der Arbeiter wird immer nur zur Reaktion führen, ihre ^age mithin nicht verbessern, sondern im Gegentheil bedeutend verschlimmern.

Der dümmste Streich, den die Arbeiter begehen könnten, wäre der, daß sie sich mit der sogenannten internationalen Arbeiterassociation in Verbindung setzen und deren Winken und Befehlen Gehorsam leisten. Die nächste Folge eines offenen Anschlusses an die Internationale würde sein, daß alle anderen Gesellschaftsklassen eine geschlossene Phalanx gegen dieArbeiter" bildeten, und würde sich dann Herausstellen, daß letztere einen viel geringeren Procentfatz der Gesellschaft einnehmen,

er T h e i L.

wie die Socialdemokraten für gewöhnlich herausrechnen. Die deutschen Arbeiter nähmen sich durch die Jdentificirung mit den französischen und englischen Revolu­tionären die Voraussetzung, unter welcher sie den Kampf für die Wohlfahrt der ärmeren Gesellschaftsklassen siegreich durchführen könnten; der sociale Rothstand würde dadurch nicht beseitigt werden, sondern nur erhöht.

Um es noch einmal zu rcsumiren: Jedwede Verbesserung der Lage der arbeitenden Klassen kann nur im Anschluß an die bestehenden Verhältnisse auf gesetzlichem Wege und in Gemeinschaft mit den übrigen nach politischen und socialen Reformen strebenden Gesellschaftsklassen erreicht werben.

t Der Anlauf, welchen man jetzt beutscherseits genommen hat, um bie Inter­essen der aus Frankreich vertriebenen Deutschen zu wahren, scheint von gutem Er­folge begleitet zu sein, Denn es geht jetzt bie Mittheilung ein, baß die Zahlungen als Beihilfe zur Miethe ic. wieder ausgenommen werben, lieber die bereits durch bas veutsche Confulat zur Verthcilung gelangten 350,000 Franken werden folgende Details laut; Aus Preußen würben 376 Familien mit 160,000 Franken unter- lW/ so baß auf die Familie im Durchschnitt 425 Fr., auf den Kopf 28 Thlr. kommen. Aus den übrigen Staaten des norddeutschen Bundes wurden 68 Familien mit 39,000 Fr. bedacht, so daß auf die Familie im Durchschnitt 570 Fr. kommen. Aus Württemberg erhielten 91 Familien zusammen 46,000 Fr-, also per Haus­haltung 503 Fr. Aus Baden meldeten sich 147 Familien, welche 64,000 Fr. erhielten, also per Familie 432 Fr. Das Großherzogthum Hessen endlich hatte 95 Familien, bie mit 44,000 Fr. betheiligt wurden, so baß auf den Haushalt 469 Fr. kamen.

Das beutfche Heerwesen und speciell die Eavallerie wird in der nächsten Zeit mancherlei nicht unerhebliche Abänderungen erfahren. TheilS ist es im Plane, einzelne Kürafsierreglmenter in leichte Eavallerie umzuänbern, theils sollen die Ulanen- und Dragonerregimenter vermehrt, theils bie Husaren verminbert werben. -An eine gänzliche Beseitigung der schweren Eavallerie, b. h. ber Kürassiere, wie von manchen Seiten vermuthet wurde, wirb jedoch unter keinen Umständen gedacht.

Der vielfache Unfug, ber sich während des Krieges im Marketenderwefen breit machte, hat Veranlassung gegeben, dies nicht unwesentliche Glied in der Mi- lilärverwaltung strengeren Bestimmungen für die Zukunft zu unterwerfen. Diese sollen hauptsächlich bezwecken, den Truppenthcilen in Bezug auf bie Wahl der von ihnen als Marketender zu cugagirenden Persönlichkeiten die größte Vorsicht und die Vornahme eingehender Recherchen hinsichtlich deren Eharacters und 4uversicht- lichkeit zu machen. Auch soll in weiterer Folge durch Herstellung eines mehr practsirten und bindenden Verhältnisses ber betreffenden Marketender stets mit dem Truppentherle zugleich feine Mobilisirung bewerkstelligen.