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Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Hießen.
Nr. 1OO. Sonntag den 30. April 1871.
NeKeüunaon atif den Gießener Unreiner I!^1t°^roa^5,b ,oroo^ M ber Gmebttion, G^Mberg $. i, ais amt
”«! v«-«» bei allen Post-Expeditionen und den Land-Postboten entgegen genommen.
Abonnenten, welche den Anzeiger bei der Expedition abbolen lassen, erhalten denselben für 1 ft. pr. Quartal.
Amtlicher Theil. '
Betteffend: Ausführungsbestimmungeti ru dem Gesetze vom 5. Juni 1869 über die Porlofreiheiten im Gebiete des Norddeutschen Bundes, für die Unterscheidung zwischen der Correspondenz in Staatsdienst- und derjenigen in Gemeinde-Angelegenheiten in Nord Hessen.
Gießen, am 27. April 1871.
Das Uhr ü tzyerzog 1 iche Breisamt Gießen
an die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
Zu dem Gesetze vom 5. Juni 1869, betreffend die Portofreiheiten im Gebiete des Norddeutschen Bundes sind unter dem 27. März d. I- weitere Ansführungsbestimmungen erlassen worden, welche wir Ihnen k. H. werden zugehen lassen. Wir empfehlen Ihnen, dieselben bei Ihrer Correspondenz.genau zu beachten.
In Verhinderung des Kreisraths:
Kekulo, Kreisassessor.
Gefundene Gegenstände:
Ein altes Portemonnaie mit zwei Farbzeichen, eine Mütze eines preuß. Eisenbahn-Beamten, 23 fl. 30 kr. in Pavierscheinen, eine gedruckte seidene Taille ein 6-inb.-^ schürzchen, eine hellgraue Mütze mit grünem Knopf und grünem Einfaß (Jägermütze), ein Regenschirm und zwei große Schlüssel ' b
, .. Die Eigenthürner werden aufgefordert, sich binnen 3 Wochen bei uns zu melden, widrigenfalls diese Gegenstände aus Verlangen an die Finder zurückgegeben oder spater zu Gunsten der Armenkasse werden versteigert werden. ü duiuuOtäcuui oocr
G^ßen, den 29. April 1871. Großherzogliche Polizei-Verwaltung der Provinzialhauptstadt Gießen.
__Nover.
29. April.
* Die Friedensverhandlungen in Brüssel wollen offenbar noch nicht recht in Zug kommen. Von Zeit zu Zeit hört man wohl, daß eine kurze Conferenz abgehalten ist, aber worüber man berathen hat und wie weit man gekommen ist, darüber wissen selbst Correspondenten, die sonst das Gras wachsen Horen, nichts zu sagen: woraus dann die öffentliche Meinung den Schluß zieht, daß noch nichts Wichtiges zu berichten ist und daß die Verhandlungen über Vorfragen und Formalitäten noch nicht hinausgekommen sind. Steckt in dem Zaudern und Verschleppen Methode, liegt ihm böser Wille von Seiten der Herren Franzosen zu Grunde? Das ist ein Verdacht, den man nicht ganz abwerfen kann. Weshalb setzt man denn die Meinung in Umlauf, daß bei dem definitiven Friedensschluß ein Theil von Elsaß, namentlich Mühlhausen, aller Wahrscheinlichkeit nach an Frankreich wieder werde abgetreten werben? Sind das blos Illusionen, die in den Köpfen des leichtgläubigen Publikums spuken, oder wiegen sich auch die französischen Re- genten in der Hoffnung, einige Milderungen der Präliminarbedingungen durchsetzen zu können? Allerdings wäre die Hoffnung unsinnig genug. Aber warum sollten die gegenwärtigen französischen Staatsmänner sich nicht auch unsinnigen Hoffnungen hingeben können? Herr Jules Favre hat ja schon wiederholt bewiesen, daß er, was die Beurteilung der thatsächlichen Verhältnisse betrifft, vor den Politikern der Pariser Boulevards und Kaffeehäuser nicht allzuviel voraus hat. Der Ver- dacht, daß die französische Regierung sich in thörichten Träumen wiegt, wird dadurch bestätigt, daß der Fürst Bismarck ihn theilt und die erste Gelegenheit, die sich ihm bot, ergriffen hat, um dies offen auszusprechen. Der Reichskanzler benutzte die dritte Beratung des Creditgesetzes, um den gegenwärtigen Stand unserer Beziehungen zu Frankreich eingehend darzulegen, offenbar, weil er will, daß man auch in Frankreich zu voller Klarheit darüber gelange, wie die deutsche Regierung die Verhältnisse beurtheilt. Er erklärt, daß er sich dem Eindruck nicht entziehen könne, als ob die französische Regierung sich der Hoffnung hingebe, in späterer Zett, wo sie mehr gestärkt sein würde, günstigere Bedingungen zu erlangen. „Wir würden uns aber — fügt der Reichskanzler hier zu — den Versuch, die Bcdin- gungen des Präliminarfriedens abzuschwächen, unter keinen Umständen gefallen lassen." Wenn Fürst Bismarck den Eindruck hat, daß die Franzosen gern Winkel- züge machen möchten, so wird das jedenfalls seinen guten Grund haben, und betonter» ist es wohl der schleppende Gang der Verhandlungen in Brüssel, der diesen Verdacht erweckt hat. Verstärkt wird ber Verdacht noch durch die ganz unbegründeten Andeutungen des Herrn Jules Favre über Anbietungen einer bewaffneten Einmischung in die bürgerlichen Kämpfe, die von deutscher Seite der französischen Regierung gemacht, von dieser aber heroisch zurückgewiesen seien. Solche Fabeln nun erfindet man nicht, ohne einen bestimmten Zweck zu verfolgen. Und ver Zweck ist klar genug: man will die Erbitterung der Pariser von der unfähigen Versailler Regierung auf die „Prussiens“ ablenken, die so zudringlich seien, sich in den häuslichen Zwist der Blauen und Rothen etnzumischen. Man geht in Versailles natürlich nicht auf Friedensbruch aus — denn das wäre ein Uebermaß von Verblendung, wie es selbst den gegenwärtigen französischen Staatslenkern nicht zuzutrauen ist —, aber man wünscht eine imposante Haltung annehmen und sich
etwas in die Brust werfen zu können, um dadurch den Deutschen eine gewisse Besorgniß einzuflößen und zu Zugeständnissen geneigter zu machen. Man wird in Versailles durch die Aeußerungen des Reichskanzlers wohl darüber aufgeklärt worden fein, baß die Hoffnung, uns noch nachträglich günstigere Bedingungen ab- zutrotzen oder abzufchmer'cheln, eitel ist. Auch darüber wird man endlich wohl eine klare Einsicht gewinnen, daß unsere lange bewährte Geduld und Langmuth den französischen Zuständen gegenüber ihre Grenzen hat.
Von Neuem wird aus Versailles berichtet, daß die Regierung des Herrn Thiers bereit fei, die erste Rate der Kriegscontribution zu zahlen. Der „Gaulois" meldet, der Chef des Londoner Bankhauses Lang, das mit mehreren andern Bankhäusern der Regierung in Versailles 500 Millionen vorschieße, komme mit mehreren Banquiers am 25. ds. in Versailles an, um an demselben Tage der Regierung die 500 Millionen zu übergeben, die sofort der preußischen Regierung zur Verfügung gestellt werden würben. Auch „Daily Telegraph" will wissen, daß nur noch einige Förmlichkeiten zu erledigen seien, welchen die Zahlung noch im Lause dieser Woche folgen würde. Unterdcß sind die Gerüchte von der Räumung der in unseren Händen befindlichen Forts verstummt und die Besetzung von St. Denis, wo General von Fabrice noch immer residirt, reducirt sich auf den Einmarsch einer Abtheilung GenSd'armen, welcher vielleicht mit der Ausweisung aller dort nicht ortsangehörigen Franzosen in Verbindung zu bringen sein wird, die durch Ueberfüllung der Stadt mit Pariser Flüchtlingen notwendig gemacht wurde. Hatte die Commune ihrerseits schon wiederholt zu erkennen gegeben, wie sehr ihr daran gelegen sei, es mit dem deutschen Obercommarido nicht zu verderben, so tritt dieses Bestreben jetzt immer deutlicher hervor. Das Gerücht von der Ueber- gabe der Forts an die Versailler Negierung hatte bekanntlich den Commandanten des Forts von Vincennes bestimmt, die Wälle desselben zu armirtn, aber eine einfache Erinnerung des deutschen Obcrcommando'S an die Convention vom 28. Jan. genügte, um die Maßregel zu inhibiren. Neuerdings hat nun gar, wie „Daily Telegraph" vom 24. d. M. meldet, die Commune zugegeben, daß Elsässer und Lothringer nicht zum Dienst in der Nationalgarde gezwungen werden können, sobald sie sich als solche zu legittmiren vermögen, und man muß anerkennen, daß ein gut Theil Selbstverleugnung in dieser Entsagung enthalten ist, welche bei Männern einer so rücksichtslosen und energischen Action wohl besonders anerkannt werden muß.
In Bezug auf Rußland beginnen die Ungarn, die früher den unmittelbaren Krieg mit den Russen prophezeit haben, vernünftig zu werden. In einer Wiener Correspondenz tritt Pesti Naplo ber Russensurcht entgegen, welche in letzter Zeit so vielfach in den ungarischen Journalen zum Ausdruck kam. Rußland rüste im Augenblicke, allein diese Rüstungen machen eine gründliche Umgestaltung seines gesummten Heerwesens nöthig und machen cs ihm unmöglich, als Angreifer aufzutreten.
Als Beweis, wie schlecht man in Paris selbst über die nächsten Vorgänge unterrichtet ist, möge folgende Nachricht des „Motd'Ordre" bienen: „Wirerfahren aus sicherer Quelle, daß die Truppen von Versailles heute ihren Einzug in St. Denis gemacht haben. Zwei unserer Freunde haben ein französisches Regiment um 3 Uhr Nachmittags defillren sehen."


