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Preis vterLUjahng 1 st. 12 fr. mit Bichrgcrlohn. Durch die ßofl oezogen vtertcljäbrig 1 ff. 27 fr.

Gießener Anzeiger.

Erlchernt täglich, mit Aus­nahme Montags.

Expedition : Canzletberg Ltt. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kiefen.

Nr. 73. Mittwoch dm 29. März ~ ISTL

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M. Die Insurgenten in Paris, darüber lassen die letzten von Doit hierher gelangten Nachrichten keinen Zweifel mehr übrig, verfahren mit beispielloser. Energie und unerhörter Grausamkeit gegen ihre Gegner, so daß die Pariser Bourgeoisie, zur Verzweiflung getrieben, endlich doch d-n Kampf mit den Aufsiäntischen wird oufnehmen müssen. Ob sie ihn auch siegreich durchführen wird, bleibt vorläufig noch fehr zu bezweifeln, trotzdem die Regierung von Versailles eine bedeutende Tiuppenmacht in der Nähe von Paris znsammtnzieht und es nicht unwahrscheinlich ist, daß schon in wenigen Tagen die Provinzen die Initiative gegen Paris ergreifen und alle ihre Kräfte vereinigen Verden, um den die Hauptstadt beherrschenden Pöbel zur Raison zu bringen.

Letzteres wäre für die deutschen Truppen em leichtes Stück Arbeit, wenn es das deutsche Jntereffe erheischte, Paris als feindliche Stadt zu behandeln. Dem ist jedoch keineswegs so, so sicher auch in Deutschland die Meinung um sich greift, die Wiederaufnahme des Krieges sei so gut wie gewiß. Die Unruhen in Paris gehen uns ganz und gar nichts an; mögen die Franzosen sich unter einander zer- ficischen, mag die Bourgeoisie in Paris und Lyon den schrecklichen Katastrophen ausgesetzt fern, so lange die Erfüllung der Friedensbedingungen nicht ernstlich in Frage gesollt ist, so lange noch als wahrscheinlich angenommen werden darf, daß Frankreich seinen Verbindlichkeiten pünktlich nachkommen will, werden die deutschen Truppen eine lediglich passive Zuschauerrolle spielen. Die rothen w'.e die blauen Republikaner, Demokratei., Napoleoniden, Orleanisten, alle sind sie unsere erklärten Feinde, die Deutschen werden von sämmtlichen Parteien in Fronkteich ssehaßl, und wir haben nicht den geringsten Anlaß, uns gegen die eine oder die andere zuvorkommend zu erweisen.

Der Aufstand, so bedauerlich auch die Scenen sind, die sich in demselben abspielen, wird übrigens nicht ohne heilsame Folgen bleiben. Einmal wird man dem Pöbel, dessen Vorhandensein bekanntlich von Jules Favre in seiner Unter­redung mit B'Smarck zu Ferneres in Abrede gestellt wurde, weniger schmeicheln, man wird gegen die Pöbelcxceffe wirksamere Garantien sich zu verschaffen wissen; anderseits wird die Bourgeoisie, über welche dasVolk" jetzt zu Gericht sitzt, gegen die socialen Leiden der unteren Elasten nicht mehr die bisherige kalte Gleicb- gültigke t an den Tag legen. Ein gerechteres Steuersystem, eine größere Selbst­beherrschung und etwas weniger Egoismus auf Seiten der besitzenden Elasten wird die beffiren Elemente unter den Arbeitern zu ihnen herülerziehen.

Aber auch Deutschland könnte aus den Vorgängen in Paris Nutzen ziehen und namentlich sollte die bester situirte Minorität daraus lernen, wohin sociale Hirngespinnste schließlich führen, und wie sehr cs noth thut, die Socialdemokratie im eigenen Lande' energisch zu bekämpfen. Allerdings darf das keinen Grund ab­getan, sich den Anforderungen der Humanität zu verschließen und nicht mit allen Kräften der immer mehr um sich greifenden Armuth und dem Elend zu stcucrn. Die Vermehrung des Wohlstandes, die Förderung der Volksbildung sind die einzig tvirkfamcn Waffen gegen die Irrlehren der Socialdemokratie.

DerStaatsanzeiger" enthält folgenden kaiserlichen Dank:Nachdem nun mehr glücklich beendigten Kriege in die Heimath zurückgekehrt, sind Mir an Meinem Geburtstage nicht nur aus sämmtlichen Piovinzen Dir Monarchie, sondern auch aus allen übrigen Theilen des deutschen Vaterlandes von Gemeinden, Eorpora- tionen, Vereinen, Festversammlungen und einzelnen Personen zahlreiche Glückwünsche schriftlich wie telegraphisch zugekommen. Diese Kundgebungen, welche Mir als ein Beweis treuer Vitbe und Anhänglichkeit gelten, haben Mich mit fieudiger Bewegung und Genugtluulig erfüllt. Mein Herz Drangt Mich, Allen Meinen aufrichtigsten und tiefgefühltesten Dank dafür auszusprcchen. Berlin, den 24. März 1671. Wilhelm."

In olfic ösen Kreisen ist fett geraumer Zeit behauptet worden, Rußlands Politik allem fei cs zu danken, daß Oesterreich Die Rolle Der stricte» Neutralität während Des ganzen Verlaufs des teutjch'franzosischen KricgiS durchgesührt habe. Dem gegenüber hat nun aber Der ungarische M nssterpräsideni Graf Andrassy im ungarischen Landtage gelegentlich einer Interpellation der Linken über Die aus­

wärtige Politik O sterreichs aufs Bestimmteste erklärt, Rußland sei noch viel weniger als Oesterreich während des Krieges in derjenigen militärischen Situation gewesen, welche ihm erlaubt hätte, einen Druck irgend welcher Art auf andere Staaten auszuüben. Hiernach wäre also das Verdienst Rußlands um Deutschland, von dem die Officiösen so viel Aufhebens machten, bedeutend zu reduciren.

Die Deutschenhetze, die nun auch in Bucharest in Scene gesetzt ist, hat zu- nächst zu dem Resultate geführt, daß Die Rumänen Die Energie Der deutschen Di­plomaten kennen gelernt. Die rumänischen Minister und Der Polizeipräfect von Bucharest sinD einstweilen von den Geschäften entfernt; sollten Die dortigen Excesse sich wiederholen, so würde Das rumänische Militär einschreiten; sollte auch hier­durch die Bevölkerung nicht eingeschüchtert 'werden, so würde Oesterreich Gelegenheit finden, Durch einige militärische Kundgebungen an Der rumänischen Grenze Den Dortigen Pöbel zur Besinnung zu bringen. Es ist übrigens für die Politik Der österreich-ungansch n Monarchie bezeichnend, daß dieselbe sich so schnell bereit erklärt hat, Dem deutschen G neralconsul in Bucharest Die erforderliche Unterstützung zu leihen zum Schutze Der in Rumänien bedrohten Deutschen. Es geht hieraus von Neuem hervor, daß Oesterreich durch eine Unterstützung Der Deutschen Politik, durch ein Zusammengehen mit Deutschland in den europäischen Fragen die deutsche Bun- deöregterung sich gewissermaßen verpflichten will zu einer völligen Enthaltsamkeit in Bezug auf die Deiiischösterreichischen Wirren was ihr auch wohl für die nächste Zukunft gelingen mag.

Alle Vorgänge in Paris und Versailles beweisen, daß die Rothen in Paris mit Klarheit, Muth und Entschlossenheit vorgehen, während in dem Lager Der Versailler Regierung kleinliches Bedenken, Zaghaftigkeit und Verwirrung herrscht. Wenn Thiers z. B. Den Meuterern in Paris vierzehn Tage Bedenkzeit läßt, um zur Ordnung zurückzukchren, so ersieht man daraus, daß Die von Der National­versammlung eingesetzte Regierung weder Verständniß für Die gegenwärtige Situa­tion, noch Energie und Macht genug besitzt, um ihre Autorität mit Nachdruck zu wahren. In jenen vierzehn Tagen werden die Aufständischen Tag für Tag an Terrain gewinnen, Dank Dem Organisationstalent, welches dieselben entwickeln, und Die Pariser Bourgeoisie ist bereits so vollständig cingeschüchtcrt, daß sie Den Versuch nicht machen wird, sich gegen Die Insurrektion zu schlagen. In Dem übrigen Frankreich wird es zwar an Demonstrationen und Raisonnementö gegen DieRäuber und Mörder" in Paris nicht fehlen, ja cs sind schon massenweise die Aufforderungen zu einem Kreuzzuge gegen Paris in Den Provinzen verbreitet; 'llein aller Wahrscheinlichkeit nach wird es vorerst überall bei Den schönen Worten verbleiben und Der Kampf gegen Die Insurrektion erst Dann mit Energie ausge­nommen werden, wenn die Nieverwerfing derselben mit den denkbar größten Opfern oerbuncen ist. Sollte man sich aber in Versailles gar ernstlich auf Die Unter­stützung Deutschlands Hoffnung machen, so könnte die Enttäufchung nicht lange ausbleiben. Deutschland wird ganz gewiß nicht in die Fehler von 1792 zurück- faflen. Es wird sich durchaus passiv verhalten gegenüber Den inneren Angelegen­heiten Frankreichs, mit einem Worte, Den deutschen Staatsmännern Der Ge­genwart liegt Der Gedanke so fern wie möglich, Polizeidienste für Frankreich za leisten.

Die Anarchie Der Pariser ZustänDe nimmt mit jedem Tage deutlicher den Eharactcr einer socialistisch-communistischen Bewegung gegen Die besitzenden Claffen an, deren sich Dann dynastische Agenten für ihre Zwecke zu bemächtigen suchen. Daß Die GaribalDi sich an Die Spitze stellen, ändert Daran wenig. Diese möchten Die lächerliche Rolle, welche sie bei Dijon gespielt haben, dadurch in Vergessenheit bringen, daß sie sich an Die Spitze einer blutigen Schreckensregierung stellen. Man sieht diese Leute ohnehin überall, wo es eine bestehende Gewalt, gleichviel welche, zu stürzen gilt. Ob es ihnen mit der gesetzmäßigen republikanischen Negierung ganz so leicht gelingen wird, ist Denn doch fraglich. Die OrdnungSpartii hat doch noch einen wichtigen Theil von Paris in Händen, uvd wenn sie nur einige Ene-gie zeigt, wird der Succurö aus Der Provinz nicht ausbleiben. lieber die Stimmung Der Armee, |v viel davon vorhanden, die kriegsgefangene nicht ausgeschlossen, ist man zum Tyeil im Unklaren. Die gewöhnliche Vorstellung, daß die Generale

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