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Gießener Anzeiger.
Erscheint täglich, mit Ausnahme MontagS.
Expedition : Eanzleiberg Lit. B. Nr. 1.
Anzeige- und Anrtsölatt für den Areis Hieben.
Nr. 25. Sonntag den 29. Jannar 1871,
Amtlicher T h e i l.
Bekanntmach u n g.
Bei dem Hochwasser der Lahn im October bis November v. I. ist in Ambach
eine Treppe mit 12 Stufen, ein Steeg, 42' lang, und ein desgl. gelandet worden.
Die Eigenthnmer wollen sich an den Herrn Vorsteher zu Aßbach wenden.
GKßcn, den 28. Januar 1871. Großherzogliche Polizei-Verwaltung.
- Nover.
Politischer
T h e i l.
28. Januar.
Nicht allein durch die überwältigende Große seiner militärischen Erfolge febt unser Krieg gegen Frankreich einzig in der Geschichte da, sondern wesentlich ouch dadurch, daß schon im Laufe der Action und vor Beginn jeglicher Friedens- Verhandlungen die große politische Controverse endgültig gelöst wurde, welche den Appell an die Waffen zur historischen Nothwcndigkeit werden ließ. Frankreich griff unter nichtigem Vorwande zum Schwirle, um die politische Einigung Deutschlands zu verhindern, für welche zwei Generationen ihre geistige und sittliche Kraft eingesetzt hatten; Deutschland nahm den Handschuh auf in dem festen Bewußtsein, daß die endliche Erreichung scines notionolpolltischen Zieles der Siegcspreis fein prüffe. Auch im Jahre 1813 regte sich ein ähnlicher Gedanke; im geistigen Leben UnferlS Volkes aber war derselbe n cht ausgetragen. Nech waren die ersten großen Schlachten nicht geschlagen und schon hatte sich ter Volkskrieg zu einem EabinetS- knege gewandelt, ter noch Abwehr des Fundes nur zu einer Reihe bitterer Enttäuschungen führte. Wie anders ist es diesmal! In demselben Moment, da an Preußen ter Krieg erklärt wurde, standen alle Fürsten und Völker Deutschlands e.nmüthig zusammen; eS bedurfte keiner Verträge von Ried und Passau: die Sache des großen gemeinsamen Vaterlandes überragte alle Particularintereffen. Und mit diesem Zusammenstehen war der erste Erfolg bereits errungen, ehe noch dir Kanonen zu donnern begonnen hatten. Gleichen Schutt mit dem siegreichin Vor- schreitcn unserer Heere hielten dann die Fortschritte auf politischem Gebiet. Im Wege des 'Vertrags von Regierung zu Regieiung wurden die verfaffungsmäßigen Grundlagen für das neue deutsche Reich gelegt. Mitten im Kriege wurden die Volksvertretungen berufen, denselben die staatsrechtliche Sanctivn zu geben. Opfer- fü-higkeit und Selbstverleugnung wurde von allen verlangt, dem einen Theil erschien das Band zu locker, das den andern mit ihm verknüpfen sollte, dem andern dos Opfer an eigener staatlicher Selbstständigkeit zu groß, welches die Einheit des Ganzen forderte. Aber ein guter Geist waltete im Norden wie im Süden das Werk ist vollendet. Mit der Wiederherstellung der Kaiserkrone und dem freiwilligen Anschluß Bayerns an das Reich «st der höchste Siegcspreis bereits errungen. Deutschland, in seiner früheren Gestalt als Fürsttnbvnd nur eine ohnmächtige Kunstschöpsung ter europäischen Diplomatie, ist aus sich selbst heraus zum Range ter ersten Macht des Erdtheils aufgestiegen. Die weitere Entwicklung Ikirnr staatlichen Organisation darf der nächsten Zukunft vertrauensvoll Vorbehalten bleiben, nach außen steht das Reich fertig da. Als einheitliche Macht wird es lin die Friedensunterhandlungen.eintreten und seine Siege werten mit doppeltem V wicht in die Waagschale der'diplomatischen Action fallen. Daß es nicht zu ?rrikdensunterhantlungkn gekommen ist, ehe Deutschland ft in politisches Einigung-- ronf zum Abschluß gekracht hatte, haben wir als eine Gunst des Schicksals zu preisen. Aber auch aus andern Gründen dürfen wir nicht klagen, daß der Krieg l° gewaltige lang andauernde Anstrengungen, so überaus zahlreiche edle Opfer kostete. Ein rasch beendeter Feldzug im Stile der Kriege des zweiten Empire lourde auch bei den glänzendsten Resultaten und bei den günsttgsten Fuedensbe- Ungungen nie die Bürgschaften für einen dauernden Frieden geschaffen haben. Die Nation der Gloire mußte nicht nur zum vollen Bewußtsein ihrer Niederlage tzestihrt werden, sie mußte auch zur Erkenntniß unserer kriegerischen Ueberlegenheit ßelongen, sie mußte endlich die Leiden des Krieges in ihrer vollen Schwere erfahren. Ein Friedcnsschluß nach der Eapitulaiion von Sedan wurde den Fran- zojen die erlittenen Niederlagen nur als Werke des Verraths und allenfalls als bolge einer mangelhaften militärischen Organisation haben erscheinen lassen. Im ßanzen Volke würde man nur bemüht gewesen sein, durch noch höhere Anspan- wug der nationalen Kraft zu militärischen Zwecken sich die Garantien zu schassen.
, n^fl£n günstigen Moment die geschädigte Gloire zu repariren. Ganz Europa durde vor wie nach ein Kriegslager geblieben sein, Handel und Wandel und der gefamnih Wohlstand des Erdtheils wären somit dauernd gefährdet geblieben, ueber den Gedanken, daß trotz alledem das Kriegsglück abermals zum Nachtheil trr französischen Waffen entscheiden könne, würde die alte Illusion hinweggehoben laden, daß die vielberufene Icvde en mässe schließlich alle Gefahren abwenden, m ^‘nCrinö^nd auf dem geheiligten Boden Frankreichs sein Grab finden dufse. Auch diese levde en mässe und zwar in ihrer populärsten Gestalt als |rocuct einer republikanischen Erhebung, mußte Bankerott machen, ehe von einem äueniden Frieden die Rede sein konnte. Täuschen nicht alle Anzeichen, so schlägt^ e stunde dieses Bankerott- in der allernächsten Zukunft. Sie würde bereits -tschlagen haben, wenn es den gegenwärtigen Gewalthabern nicht bis zu diesem Rugenblicke gelungen wäre, vas leichtgläubigste und der Illusion zugänglichste
aller Völk.r über seine wahre Lage zu täuschen. Die gewaltigen Ereignisse der letzten Wochen, während denin die d.utschen Waffen verhältnißmäßig sehr geringen Opfern eine Reihe glänzender Siege erfochten, die alle Pläne und Hoffnungen des Feindes vernichteten, haben indeß den Schleier stark turchlöchcrt, hinter welchem Gambetta und seine Genossen die wahre Sachlage verbargen. Schon die nicht mehr durch Gcwaltacte der Diktatur zu bändigende Presse zeigt, daß es ollerwärts zu tagen beginnt, und Herr Gambetta sieht sich bereits ebenso zum Eingeständniß wenigstens der halben Wahrheit gezwungen, wie ihrer Zeit Napoleon und seine gltreuen Minister nach den Schlachten von Wörth und Sp?che- rcn und Herr Palikao nach dem Tage von Sedan. — Es läßt sich unbedingt erwarten, daß uns auf militärisch-politischem Gebiet bald gleich befriedigende Resultate gesichert sein werden, wie sie uns auf national-politischcm bereits vorliegen. Der Fall von Paris wird die Entscheidung geben, und alles berechtigt zu der Hoffnung, daß diese Entscheidung nicht so lange au.f sich warten lassen werde, bis das Iltzle Haferbrot und die letzte Ratte verzehrt sind. (Schlesische Zeitung.)
Der „St.-Anz." schloß kürzlich eine Betrachtung übcr die neuesten Siege mit folgenden Worten: „Tie große Defensivkrast Frankreichs ist durch diesen Krieg wikdllum erwiesen worden, und cs erscheint im Hinblick hierauf ganz be- fondtrs getotdi, einer so starken und kriegerischen Nation gegrnüber für Deutjch- land eine strategifch gesicherte Grenze zu gewinnen." Hieran anknüpfend, verlangt ein Berliner Eorrrspondent der „Hamb. Nachr.", daß Deutschland von den bereits ausgestellten Gebietsforterungen keinen Finger weit zurückweiche, da dieselben nicht willtürlich, sondern unter dem Gebot de» Nothwendigkeit abgemessen worden seien. In der That zeigt jedes aufmerksame Eingehen aus den für Deutschland so außerordentlich ehrenvollin Gang des Krieges, wie staunenswerth kegünftigt die gevt-raphifche Lage Frankreichs, von anderen Bedingungen zu ge- schweigen, dieses Reich für den Krieg macht. Der weitaus größte Theil der franzesifchcn Grenzen ist jedem Feind so gut wie unnahbar. Wer will diesem Lande von den Alpen, dem Mittelmeer, den Pyrenäen oder dem Ocean her bekommen? Der schmale Grcnzstrich, mit dem es im Norden in eine offene (^tene ausläuft, ist durch das neutrale Belgien und außerdem durch einen starken Festungsgürtel geschützt. Die aus Deutschland stoßende Ostgrenze aber war bisher südlich durch den Oberrhein, hinter diesem durch die Vogesen, nördlich durch die Mosel veitheidigt und hinter jeder Bertheitigungslinie erhebt sich nach einem kurzen Zwischenraum sofort ein neues zur Dertheidigung von Natur vortrefflich angelegtes Knegsthcater. Achtzehn Festungen hat Deutschland in einem Feldzug von sechs Monaten erobert, darunter Riesen, wie Metz und Straßburg, und noch steht cs vor rer stärksten Festung der Welt, vor Paris, deren Eoloffa- litat den Zweifel ihrer Veltheidungsfahigkeit hervorrief, welcher nun vollständig widerlegt ist. Man denke sich, Frankreich wäre N'cht fo gröblich und offenbar im Unrecht, als es bei tiefem Krieg ist, man denke, es hätte den Schein besser bewahrt und in Fo!ge dessen oder in Folge anderer Umstände die Spnipathien dci Ncutlalen ltbhafter für sich. Was könnte Deutschland, wenn es solchergestalt nicht über seine ganze Macht unbedingt frei verfügte, oder wenn es nicht, wie gegenwärtig, Fühier besäße, die eine unvergleichliche Genialität in die Wag- schale zu legen haben, was könnte Deutschland einem solchen Lande anhabenV Ohne die ausnahmsweise günstigen Bedingungen der Gegenwart würde Deutsch, land sich immer begnügen müssen, den Feind im besten Fall aus den deutschen Grenzen hinauszuwerfen, ohne ihn für seinen Uebcrmuth und Frevel züchtigen zu können. Daher muß die Gunst der Gegenwart benutzt werden, so erheischt es das Gebot der Selbsterhaltung, wenigstens die Defensivkraft Deutschlands durch den Erwerb der Vogefengrenze, durch Metz, Belfort, Straßburg zu stärken. Denn ohne das linksrheinische Kriegstheater bringt jede Ueberrafchung, jeder glückliche Anfang des Krieges die französischen Heere an den Thüringer Wald und selbst dis an die Elbe. Mit den bisherigen Gnnzen hängt der Friede Deutschlands von den Launen Frankreichs ab. Um einen solchen Zustand anzu- Nthmen, haben wir nicht die unermeßlichen Opfer dieses Krieges gebracht. Wir dachten vor dem Kriege, Deutschlands Mäßigung werde in Frankreich der Vernunft und einem geringen Grad von Billigkeit und Selbstbeherrschung zum Sieg verhelfen. Die Hoffnung hat uns getäuscht und wir wissen, daß wir fortan nur auf Frankreichs Nachgelüste zu rechnen haben. Darum legen wir die Waffen nicht nieder, bis wir die Grenze haben, die uns gebührt, weil sie uns nnentbehr- lidi ist und weil sie einst uns schmählich geraubt worden.


