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Preis vierteljährig 1 fl. 12 kr. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährig i fl. 27 fr.

Gießener Aigeiger.

Erscheint täglich, mit Aul. nähme MontagS.

Expedition: Lanzleiberg Lit. B. Rr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kieszen.

Ne. 250. Freitag den 27. October 1871.

BefteAswgeK auf den Gießener Anreißer ÄLOrtto51^ren^ f°to09l der Expedition, Canzleiberg B. 1, als auch 9 » bei allen Post-Expeditionen und den Land-Postboten entgegen genommen.

Abonnenten, welche den Anzeiger bei der Expedition abholen lassen, erhalten denselben für die Monate November und December zu 40 fr. ___ __

Gefundene Gegenstände:

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Siefien, den 25. Cctober 1871. Gr°ßhcrz°gliche Polizei-Verwaltung der Prauinzialhauptstadt Gießen.

; _____________ Nover.

Politischer T h e i l.

, 26. October.

T Unter den Forderungen, auf deren Erfüllung das Volk und die Volks­vertretung bestehen müssen, nimmt die Herabsetzung der Dienstzeit den ersten Rang ein. Seitdem die Mtliiärlasten auf die Schultern ganz Deutschlands gelegt sind, seitdem alle Hindernisse, welche der Militäreinheit in Deutschland bisher eutgegen- standen, besiegt sind, hat unsere Militärmacht eine so furchtbare Stärke gewonnen, daß wir jedweder Coalition, selbst wenn wir eine solche zu befürchten hätten, trotzen könnten. Indessen ist die Lage Europa'- trotz der vielen Verwickelungen, die in Bezug auf die internationale Verhältnisse dieses Welttheils bestehen, keines- weg- derart, daß eine Störung des Friedens jetzt zu besorgen wäre. Für die nächsten Jahre steht dem deutschen Reiche jedenfalls kein Angriff von irgend wel- »er Seite bevor. Auch ist dieser Ansicht ja stets von osficiöser und osficieller Seite her Ausdruck verliehen worden. Warum nun gleichwohl ein so ungeheurer Friedensstand? Frankreichs Armee ist, wie unsere Generale ja selbst behauptet haben, von der Erde weggefegt und Frankreich kann vor Ablauf von fünf Jahren nicht daran denken, seine Rachegedanken gegen uns auszusühren. Oesterreich hat mit seinen inneren Schwierigkeiten so viel zu schaffen, daß seine militärische Action-, fähigkeit erheblichen Zweifeln unterliegen muß. Außerdem ist seine Heere-organi- sation noch längst nicht durchgeführt und sein Friedensstand beläuft sich bei einer Bevölktrung von 36 Millionen nicht höher als auf 240,000 Mann.

Welche Gründe können also für Deutschland bestehen, den Militarismus, in welchem wir uns unzweifelhaft befinden, noch ferner beizubehalten? Bisher waren allerdings die äußersten militärischen Kraftanstrengungen, eine ganz außerordent­liche Schlagfertigkeit unserer Armee nothwendig, um uns auf der Höhe einer schirm- fähigen Macht zu erhalten. Aber jetzt, nachdem alle unsere Feinde ringsum besiegt find, würden wir uns in der That dem Verdachte aussetzen, als hegten wir Er- vberungetendenzen und sinnen auf kriegerische Actionen.

Es ist in der That viel, daß unsere Volksvertretung zur Erhaltung der zahl­reichen Cadres ihre Zustimmung geben wird. 148 Jnfanterieregimenter, 26 Jäger- vataillone, 148 Ersatzbataillone und 286 Landwlhrbataillone, also über 900 Ba- taillone nebst einer unverhältnißmaßig starken Reiterei und Artillerie repräsentiren eine Macht, welche hinreichend ist, um nach mehreren Seiten hin große Offensiv- und Defensivkriege führen zu können. An dieser Fähigkeit verlieren wir nicht das Mindeste, wenn der Präsenzstand bei der Fahne um vielleicht 60,000 Mann ver­ringert wird; denn die Schlagfertigkeit besteht nicht in der möglichst großen Anzahl von Gemeinen, sondern darin, daß die Mobilmachung nur eine Eomplettrung von Geweinen und Pferden repräsentirt und im übrigen der Uebergang vom Friedens- siande auf den Kriegsstand so rasch als möglich effectuirt wird. Diesem letzteren thut nun die Herabsetzung der Dienstzeit nicht den mindesten Abbruch. Im übri- tzen aber hat die Erfahrung in den letzten Kriegen, im österreichischen sowohl als 'm französischen, hingereicht, um zu zeigen, daß Soldaten, die eine noch kürzere Dienstzeit als eine zweijährige durchgemacht, hinreichend qualificirt waren, um die ihnen im Kriege zustehenden Aufgaben erfüllen zu können.

Der Verwaltungsrath der hessischen Ludwigübahn hat die Eoncession zum Dau eirur festen Brücke über den Rhein nach Biebrich nachgesucht. Diese Brücke vürde eine direkte Schienenverbindung zwischen Mainz und Wiesbaden und den Anschluß der hessischen Bahn an die nassauische Staatsbahn vermitteln.

Der Transport der aus Frankreich zurückkehrenven 11. und 24. Division soll sofort beginnen und ist alles dahin vorbereitet worden, daß mit der Räumung ®cr sittlichen und westlichen Departements am 21. ds. begonnen werden konnte. Zur Verhütung einer Ucberschreitung der convention-mäßigen Stärke der künftigen ^ccupationsarmee von 50,000 Mann ist ferner angeordnet worden, die Bataillone in Frankreich zurückbleibenden Divisionen durch Rücksendung der ältesten Mann- fhasten auf die etatsmäßige Friedensstärke der Bataillone der alten Garde-Jnfan- °'rie Regimenter zu reduciren.

Im Eultusministerium wird, wie verlautet, wiederum der Entwurf eines ^nterrichtsgefetzcs ausgearbeitet.

Neber die Absichten der Regierung in Sachen der Steuern wird derFr. Ztg. von wohlunterrichteter Seite geschrieben: Trotz der fünf Milliarden denkt weder die Relchsregierung noch die Landesregierung an Aufhebung oder Beseiti- gung irgend welcher Steuer. Ja, was noch unglaublicher, man beschäftigt sich ernstlich mit neuen Steuern. Im Reichskanzleramt wird ein neues Biersteueraesetz ausgearbeitet. Nachdem das Zollparlamcnt 1870 die Besteuerung des Stärke­zuckers noch im Sommer 1870 abgelehnt hat, soll das neue Steuergesetz nicht nur den Stärkezucker, sondern alle Malzsurrogate treffen. Das LandeS-Oeconomie- Eolleglum wird sich im November mit der Steuerreform beschäftigen. Hier kommt das Projekt des Tabackswonovols zur Debatte. Dieses Projekt hat nicht nur auf ®elte" d" Eonservativen und Freiconservativen, sondern auch unter national­liberalen Landwirthen entschieden Freunde.

Die Vorbereitungen, welche in dem preußischen Ministerium für eine die Ein­führung der Civilehe betreffende Vorlage gemacht werben, sind bis jetzt noch keines­wegs über das Stadium erster Besprechungen hinausgekommen. Wie bereits früher angedeutet wurde, wird zunächst der Versuch gemacht werden, diese Angelegenheit, bevor sie etwa der Erledigung durch die Reichsgesetzglbung entgegengeführt wird, in den einzelnen Bundesstaaten auf dem Wege ter LandeSgefetzgebung zu behan­deln. Was über den Stand dieser Angelegenheit in Preußen gemeldet wird, lautet nur ungünstig. Es soll darnach die Einbringung einer Vorlage wegen Ein- tEr Neth-Civilehe in Preußen vom preußischen Ministerium bereits be­schlossen sein, und da man gegen die Nothcivilehe namentlich im Abgeordneten­hause einen großen Widerstand erwartet, so soll der betreffende Gesetzentwurf zuerst in das Herrenhaus cingebracht werden, um darauf gleichsam wie mit einem hüt accompli vor das Abgeordnetenhaus hinzutreten. Von diesem Auskunfts- Mittel, falls cs in Wirklichkeit ergrün werden sollte, läßt sich natürlich wenig Veränderung in der Sache erwarten, da das Verlangen nach Einführung der obligatorischen Civilehe immer mehr Fortschritte macht und in Kreise dringt, welche man bisher sür dasselbe gänzlich verschlossen geglaubt hatte. Wenn die preußische Regierung wirklich mit dem erwähnten Plan umgehen sollte, so erübrigte nur, auf tfm Wege der Reichsgesitzgcbung eine gründliche Austragung der Angelegenheit zu versuchen; denn offenbar würde das Einbringen einer Vorlage wegen Einfüh­rung der Nothcivilehe in Preußen und das Scheitern ter preußischen Regierung mit einem solchen Versuche nicht allein für Preußen selbst schädlich sein, sondern eine noch viel schädlichere Wirkung auf Bayern, diesen überwiegend katholischen Staat, üben, in welchem jedenfalls eine größere Widerstandskraft gegen die Civilehe herrscht und wo man aus den Vorgängen in dem protestantischen Preußen eine Rechtfertigung dieses Widerstandes entnehmen würde.

In Betreff der Depeschen, welche deutscherseits jetzt den Benedetti'schen Er­klärungen berichtigend entgegengestellt werden, erfährt dieFrankfurter Presse" von, wie es scheint, osficiöser Seite, daß die Copien besagter Depeschen sich im gehei- men ^s kaiserlichen Schlosses St. Cloud befanden und so in den Besitz der deutschen Regierung gelangten.

Bei dem allgemeinen und hervorragenden Interesse, welches die Frage der deutschen Münzreform erregt, wird es angezeigt fein, auch einmal die Stimme eine« auswärtigen Fachblattes darüber zu vernehmen. Der LondonerEconomist" schreibt darüber unter der Unterschrift:Die ernstlichen Nachiheile der vorgeschla- gknen deutschen Reichsmünze" Folgendes: Die von dem Kaiser dem deutschen Reichsrathe vorgeschlagene Münze wird den Hauptwünschen derer, welche die Maß­regel entwarfen, entsprechen. Deutschland erhält eine Goldwährung, deren cs wegen des Wachsthums des Landes gar sehr bedurfte, und ganz Deutschland erhält ein gleichmäßiges Münzsystem. Aber hier scheinen alle Verdienste der Maßregel zu Ende zu fein, denn in jeder anderen Beziehung ist sie augenscheinlich entschieden feblerhast. Zunächst handelt eS sich hier um nichts weiter, als um eine neue internationale Plackerei. Gegenwärtig haben wir in den verschiedenen europäischen Münzsystemen mehrere Münzen, welche dem englischen Souvereign beinahe gleich, aber nicht ganz gleich sind. Man hat lange hin und her gedacht und gesprochen,