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Preis LiecrrljLhrig 1 fl. 12 kr. mit Vringerlohn. Durch die tiost oezogen vierteljährig 1 ff. 27 fr.
Gießener Anzeiger.
Erscheint täglich, mit Ausnahme Montags.
Expedition: Lanzleiberg 2it B. Nr. 1.
Anzeige- und Amtsölalt für den Kreis Kielen.
Nr. 97. Donnerstag den 27. April 1871.
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OVJIV****«!}*-** WMI Vvtw kJirpvmei bei allm Post-Expeditionen und den Land-Postboten entgegen genommen.
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26. April.
Am 4. Mai findet in Berlin eine Zusammenkunft von 55 Deputirten der ,Alliance 6vangelique“ statt, welche nach der russischen Hauptstadt gehen, um dem Czaar die üble Lage der Protestanten im russischen Reiche vorzustellen und namentlich um Abhilfe gegen die häufigen gewaltsamen „Bekehrungen" derselben zur orthodoxen griechischen Kirche zu bitten. Aus Amerika kommen 11 Abgesandte, darunter auch der berühmte Schriftsteller Bancroft.
Die Gründung einer katholischen Universität zu Fulda macht Fortschritte und stehen bereits bezügliche Vorlagen bei der Staatsregierung in Aussicht.
In Bad Ems wird, wie das „Fr. I." von dort hort, soviel bis jetzt bekannt ist. der Kaiser-König auch in diesem Jahre, falls nicht politische Rücksichten andere Entschließungen bedingen, einen mehrwöchentlichen Euraufenthalt nehmen. Man hofft, daß sich während dieser Zeit, ähnlich wie im vorigen Jahre, ein kleiner Fürsten- und Diplcmatencongreß dort versammeln werde.
Das Kriegsministerium hat die GeneralcommandoS veranlaßt, durch öffentliche Bekanntmachung zu schleuniger Mittheilung darüber aufzusordern, welche preußische Armeeangehörige sich noch in französischer Kriegsgefangenschaft befinden und an welchen Orten dieselben internirt sind. Es sollen diese Anzeigen bei den Landrathamtern bis zu einem bestimmt-n Termine erstattet werden, weil die Behörde beabsichtigt, genaue Recherchen in Betreff ter Personen anzustellen und für die schleunige Freilassung derselben zu wirken.
Wie groß die Zahl derjenigen Wehrpflichtigen in Schleswig gewesen ist, welche sich bei Ausbruch des Krieges nach Dänemark flüchteten, geht daraus hervor, daß ans den Kreis Hatersleben allein 704 kommen,, von denen nur 70 bis jetzt zurückkehrten. In dem Kreise Sonderburg sind 280 Wehrpflichtige gezählt worden, welche sich ebenfalls der strengsten Bestrafung nach Kriegsrecht ^'aussetzen werden, wenn sie nicht spätestens bis zum 15. Mai d. I. sich zum Dienst melden. Es ist dabei zu bemerken, daß von der deutschen Bevölkerung ein energisches Vorgehen gegen die Fahnenflüchtigen längst gewünscht wurde. Diese selbst haben sich aber wahrlich nicht über zu große Härte zu beklagen, wenn ihnen selbst jetzt noch ein Termin zur freiwilligen Rückkehr — in welchem Falle nur eine geringe DiSciplinarstrafe eintritt — offen gelassen wird, nachdem sie durch offenbare Desertion sich dcr Theilnahme am ganzen Kriege entzogen haben.
Rach einer Depesche aus Rouen vom 21. April sind zwischen dcm General- Lieutenant v. Fabrice und Herrn Pouyer-Querticr Verhandlungen gepflogen wor- den, in Folge deren die deutsche Besatzung das Departement der Seine Jnferieure am 30. April räumen wird. (Jt Z.)
Die Berichte aus Paris und Versailles behalten ihren einförmigen Charakter bei. Chaffepots, M'trailleusen, Kanonen, Bomben sind die Haupt- acieure auf dem Terrain vor der Hauptstadt, ohne daß das Drama, welches sie aufführen, vom Flecke kommt. Die einzige erkennbare Folge des Eifers, mit dem jene Acteure arbeiten, ist die Verwüstung in den Hauptorten des Kampfes, nämlich in Asnieres, Reuilly u. f. w. Die Versailler Berichte versichern beständig, daß die Bataillone der Pariser Nationalgarde zurückgedrängt werden, dennoch geht auch aus ihnen hervor, daß der Widerstand der Commune Nichts an seinem Nachdruck verliert und die Entscheidung noch weit im Felde liegt.
Daneben scheint jedoch der Gedanke an eine friedliche Verständigung in Paris an Kraft zu gewinnen. Die republikanische Liga sieht trotz des FiascoS, welches sie mit ihrer Mission nach Versailles erfahren hat, ihren Einfluß in Paris selber zunehmen. Jetzt hat sich ihr auch eine Fraction der Arbeiter angeschloffen; aus den Provinzen kommen außerdem neue Deputationen der Städte, die sich in Versailles für einen friedlichen Vergleich auSfprechen. Auch das bleibt noch wirkungslos. Die Nationalversammlung verschließt sich in ihrer Majorität der Idee einer Verhandlung, und die Pariser Commune wird in ihrem Vorsatz, den Widerstand .bis zum Aeußersten zu treiben, bestärkt. Außerhalb des Kreises der von der Versammlung verachteten Minister und des an den starren gouvernementalen Grundsätzen der früheren Regierungen hängenden Thiers hat sich noch kein Mann ge- furiben, der für die neuen Bedürfnisse Frankreichs das rechte Wort aufstcllen könnte uad Ansehen genug besäße, um die Versammlung zur Anerkennung von etwas fruchtbarerem als der bloßen Stichworte „Ordnung und Gewalt" zu vermögen.
Der „Cri du pcuple" vom 19. April erhebt sich voll Unwillen gegen die Beschuldigung, daß Paris plündere und morde, wie ThierS ihm nachsage. Der „Cri du peuple" dreht nun den Spieß um und gibt eine Reihe von Schänd- thaten, welche Versailler Offizinen und Truppen vorgeworftm werden. In Betreff M Kampfes vor Paris hat- der „Cri du peuple" „ausgezeichnete Nachrichten". Gegenüber den beunruhigenden Gerüchten über die Einschließung von Paris erklärt in „Cri du peuple" der Bevollmächtigte Parisol, daß definitive Verträge für die Derproviantirung von Paris von der Nord- und Ostfronte het abgeschlossen seien; ebenso unbegründet seien die Gerüchte, daß es an Munition fehle: es fei im Ge- gkntheil Munition aller Art in Ueberfluß vorhanden, und Paris werde bei seiner Vertheidigung keinen Mangel haben.
Das bonapartistische Comite in England hat wieder ein Lebenszeichen von ßch gegeben. Unter dem Titel: „Der kaiserliche Prinz und Preußen" ist soeben
in London eine anonyme Broschüre erschienen, in welcher der Verfasser nacheinander die Chancen der verschiedenen Prätendenten auf den Thron Frankreichs prüft; es versteht sich von selbst, daß, wie schon der Titel anzeigt, der Verfasser nur Chancen für die Dynastie Bonaparte sieht, weil diese Frankreich nie zum Spielball persönlichen Ehrgeizes gemacht habe!! Frankreich, schreibt-derselbe, will nur leben, um aber leben zu können, braucht es vor Allem die Ordnung; die constitutionelle oder parlamentarische Monarchie habe in sich keine Kraft, keine Autorität. Nur das Kaiserreich hat dieselbe vollkommen. Man möge den Monarchen, welchen die Nationalversammlung abgesetzt, ohne ein Recht oder ein Mandat hierzu zu haben, wie immer beurteilen, so würde man zugestehen müssen, daß er mit seiner Auffassung, das Kaiserreich könne nur als unmittelbares und directes Product des sich frei äußernden Nationalwillens bestehen, vollständig Recht behalten habe. Welche andere Regierung könnte einen Ursprung aufweisen, der ihr eine gleiche moralische Autorität verleihen würde? Weder die Republik, noch die constitutionelle Monarchie könnte für Frankreich die innere Ruhe und den Frieden Herstellen, in welchem allein es wieder Heil und Wohlfahrt finden wird. Aber auch nur das Kaiserreich werde im Stande sein, an Preußen die feierliche und schreckliche Rache zu vollziehen, die es durch sein rücksichtsloses Vorgehen gegen Frankreich verdient hat; nur das Kaiserreich wird in der Verfassung sein, die große Schuld für die Schande der erlittenen Invasion an Preußen heimzuzahlen. Das Kaiserreich muß dies thun, nicht nur weil es besiegt worden, sondern auch weil es die höchste Personification der nationalen Ehre und des militärischen Ruhmes .ist!! „Noblesse oblige heißt es; wenn man also auf seinem Schilde die glänzenden Namen von Marengo, Austerlitz und Jena trägt, kann man nach Sedan nicht mehr ruhiger und gleich- giltiger Zuschauer bleiben." Diese Rotomontade ist der würdige Schluß des Machwerks.
Wie man der „Perseveranza" aus Florenz schreibt, wird in dortigen politischen und diplomatischen Kreisen mit Bestimmtheit von Conferenzen gesprocher?!^ welche über die römischen Angelegenheiten stattfinden sollen. Die europäischen Regierungen glauben sich berechtigt, der italienischen Regierung einen Vorwurf darüber zu machen, daß sie die internationale Frage, betreffend die dem Papste zu gewährenden Garantien, so ganz allein „da se“, wie man dort zu Lande sagt, abgemacht hat. Das Versprechen, welches die florentiner Regierung in diplomatischen Noten gegeben hat, sie werde im Einklänge mit der öffentlichen Meinung und den Mächten vorgehen, sei eben nicht gar gewissenhaft eingehalten worden, und man wolle daher durch eine Conferenz das Unterlassene nachtragen.
Dagegen dementirt die florentiner officiöse Presse aufs Entschiedenste die Gerüchte, daß eine Conferenz über die Stellung des Papstes in Aussicht stehe oder auch nur angeregt worden sei. Zunächst sei der Papst durchaus nicht für eine solche zu gewinnen; auch habe er gar keine Veranlassung dazu, da seiner Zustimmung nothwendig eine Verzichtleistung auf die weltliche Macht vorangehen müßte, wozu er sich nun und nimmer verstehen werde. Aber auch gegen den Willen des Papstes könne die Conferenz nicht Platzgreifen, da die Basis einer solchen die Anzweiflung des fait accompli der Annexion Roms wäre. An einer solchen Conferenz könnte Italien nun und nimmer Theil nehmen. An sonstigen Teilnehmern würde cs ebenfalls fehlen. Rußland, England und Preußen hätten Überhaupt kein Interesse an ter Sache. Bleiben also noch die katholischen Mächte. Aber wer sind diese? Man müßte um Jahrhunderte zurückgehen, um sie zu finden. Die modernen Staaten sind Laienstaaten. Die Gedanken an eine Conferenz seien daher Illusion.
In Florenz spricht man allgemein davon, das Landesvertheidigungs- comite habe beschlossen, um Rom 23 Forts zu errichten, welche in einem Umkreise von etwa 5000 Meins erbaut werden sollen. Auf dem Monte Mario würde eine Citadelle gebaut werden und gedenke man auf eine Entfernung von weiteren 3000 MetreS eine zweite Reihe von 14 weiteren Forts zu bauen.
Gießen, 24. April. Bei seiner Rückreise vom Kriegsschauplätze beabsichtigte Se. Maj. der Kaiser Wilhelm, in Begleitung Sr. Königl. Hoheit des Groß- Herzogs, auch Gießen zu berühren und beschloß deshalb der Stadtvorstand, zwei Adressen den beiden Fürsten zu überreichen. Durch Abänderung der Reiseroute Sr. Maj. konnten die fragl. Adressen nicht überreicht werden und wurde die eine derselben Sr. Königl. Hoheit dcm Großherzog durch Herrn Bürgermeister Vogt, der zufällig in Darmstadt anwesend war, persönlich überbracht, die andere durch Vermittlung des Bundeskanzleramts Sr. Maj. dem Kaiser Wilhelm behändigt. Die beiden Adressen lauteten:
Allerdurchlauchtigster Großmächtigster Kaiser und König, Allergnädigster Kaiser, König und Herr!
Eure Kaiserliche und Königliche Majestät wollen auch der Stadt Gießen Allergnädigst gestatten, den heiß gefühlten Dank ihrer Einwohner zu den Füßen niederzulegen für die ruhmvolle Krtegsleitung, die unser Vaterland vor dem Einfall der Fremden beschützt, die Einsprache des Auslandes gegen die Selbstbestimmung Deutschlands über seine Neugestaltung beseitigt und diese Neugestaltung in einer


