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Preis rircleijährtg 1 fi. 12 kr. mit Brirrgerlohn. Durch die Vost bezogen vierteliLhrig 1 si. 27 kr.

Gießener Anzeiger.

Erscheint täglich, mit «ul» nähme Montags.

Expedition: Lanzletbera Lit. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Areis Hießen.

Rr. 276. Sonntag den 26. Rovrmbcr ~ ÜSTI?

Amtlicher T b e i l.

Gießen, am 16. November 1871.

Betreffend: Die Aufnahme der Viehstandstabellen für das Jahr 1871.

an die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.

. a ~ . 2B.e_.rceli)e'1 durch die P°st die Formularien für die Aufstellung der Viehstundstabellen ,»stellen und fordern Sie auf, die Ueberstchtcn für « 8 ?ras?8L1, x|er schreiben vom 19^ November 1862 und 16. November 1863 (Nr. 13 des Amtsblattes von 1862 und Sir. 10 des Amtsblattes »on 1863) entsprechend, am 3. Dccember d. I. aufzustellen und bis zu>n 20. December d. I. in doppelter Ausfertigung an uns cinzusenden.

Soweit emzelnen Burgermeisterelen besondere Gemarkungen zugewiesen sind, sind für diese getrennte Uebersichten aufzustellen.

In Verhinderung des Kreisraths:

_______ Kekul 6, Kreisassessor.__________________

Die Abreise des Papstes von Rom

ist schon wiederholt für den Eintritt gtwrffer Ereignisse in Aussicht genommen, aber stets, wenn die Ereignisse wirklich eingetreten sind, wieder aufgegeben woroen. Weder das Erscheinen der italienischen Minister, noch deS Königs Victor Emanuel in Rom hat den heiligen Vater aus dem Vatikan zu verscheuchen vermocht. Trotz aller Erklärungen, daß die Würde seiner Stellung dem Papste nicht gestatte, in demselben Mauerring mit dem thronräuberischen Eindringling zu verweilen, begnügte man sich mit drohenden und kräftigen Rechtsverwahrungen. Der Papst protestirte, aber er blieb in seinemGefängnisse", obgleich dessen Thore wett genug offen standen, um ihm die in Aussicht genommene Abreise zu gestatten. Man hatte eben durch die Drehungen mit der Abreise des Papstes nur einen Druck auf die italienische Regierung ausüben wollen, um sie von Der Uebersicdelung nach Rom abzuhalten. Die italienische Regierung konnte sich aber in der That durch keinerlei Drohungen von dem zurückhalten lassen, was die gesammte Nation gebieterisch forderte. Der Druck der öffentlichen Meinung war stärker, als der Druck, welchen die Drohungen des Vatikan auf das denselben an sich keineswegs unzugängliche Gemüth des Königs und seiner Minister ausübten. Gegenwärtig nun wird be­hauptet, der Papst sei entschlossen, Rom an dem Tage zu verlassen, wo das Gesetz über die geistlichen Körperschaften votirt sein werde. Daß die Staatsmänner der Curie auch diesmal zunächst einen Druck auf die Entschlüsse des Ministeriums und des Parlaments auszuüben trachten, ist einleuchtend, und daß sie diesmal durch dieselben wenigstens einen theilweisen Erfolg erzielen und gewisse Modifikationen des Gesetzes durchsetzen werden, ist nicht gerade undenkbar. Indessen werden die Zugeständnisse des Parlaments jedenfalls hinter den Wünschen und Ansprüchen der Curie zurückbleiben, und das Klostergesetz wird, mögen Regierung und Parla­ment noch so sehr zur Versöhnlichkeit geneigt sein, doch ohne Zweifel Bestimmun, gen enthalten, die der Curie nicht als annehmbar erscheinen werden. Denn gerade in Bezug auf die geistlichen Körperschaften, die ein so wesentliches Glied in dem gegenwärtigen Organismus des KirchenregimentS bilden und dabei einen maß­gebenden Einfluß auf die Stimmungen und Entschlüsse der höchsten vatikanischen Kreise ausüben, hält die Curie am zähesten an ihren Ansprüchen fest; und es läßt sich daher kaum bezweifeln, daß man diesmal entschlossen ist, die Drohung mit der Abreise, wenn sie den beabsichtigten Druck auf das Parlament verfehlen sollte, wirklich zur Ausführung zu bringen. Die Ultras der Jesuitenpartei haben ja schon längst, weil sie alle Brücken hinter sich abzubrechen wünschen, in der Thal auf die Abreise des Papstes gedrungen. Sie sehen in derselben den einzigen wirk­samen Protest gegen die Maßregeln der italienischen Regierung und zugleich das Mittel, einen Kreuzzug gegen Italien vorzubcreiten. Sie wollen Italien in einen Krieg mit einer fremden Macht verwickeln, weil sie nur von einem Kriege die Wiedereinsetzung des Papstes in seinen vollen weltlichen Bcsitz erwarten; sie wollen die Zertrümmerung des Königreichs Italien, weil dessen Dasein mit dem Dasein des Kirchenstaats in einem unversöhnlichen Widerspruche steht. Dies Ziel kann aber natürlich nur erreicht werden, wenn eine fremde Macht die Sache der Kirche, wie sie dieselbe auffassen, zu der ihrigen macht. Die Staatsmänner des Vatikan haben diesem Drängen lange widerstanden, nicht aus Wohlwollen gegen Italien, sondern aus Rücksicht auf die Weltlage, die den Jesuiten sehr geringe Hoffnungen aus Durchführung ihrer Pläne bietet. Aber er muß doch einmal der Zeitpunkt eintrkten, wo man entweder offen mit diesen Plänen brechen und Italien die Hand zur Versöhnung bieten oder ihnen nachgeben muß. Daß man die Entscheidung für die eine oder andere Eventualität von dem Ausfall des Gesetz über die geist­lichen Körperschaften abhängig gemacht hat, ist sehr erklärlich. Denn gerade in Beziehung auf diesen Punkt ist, bei der allgemeinen Ktrchenpolitik, welche die Curie mit Consequenz versolgt, das Interesse der Jesuiten und des obersten Kirchen- regiments identisch. Ein Nachgeben in diesem Punkte würde einem Aufgeben der excentrischen jesuitischen Tendenzen im Kirchenregiment gleichkommen, und zu einem Verz'cht auf ihre überspannten WeltherrschaftSpläne wird sich die Curie in diesem Augenblicke gewiß nicht entschließen. Wir zweifeln daher durchaus nicht, daß der Entschluß, Rom zu verlassen, falls das angegebene Ereigniß eintreten sollte, dies- mal ernst gemeint ist. Eine andere Frage aber ist es, ob man im Stande sein wird, denselben auSzusühren. Nach der Lage der Dinge kann nur Frankreich als

Zufluchtsort für den Papst in Aussicht genommen werden. Es kommt den Jesuiten ja nicht darauf an, einen Ort ausfindig zu machen, an dem der Papst in Sicher­heit seines geistlichen Amtes walten kann. Wäre es auf weiter nichts abgesehen, so könnte der Papst ja ruhig in Rom bleiben, wo ihm die vollste Freiheit gewährt ist. Das Streben der Jesuiten ist vielmehr, eine fremde Macht, und zwar eine Großmacht, für die Sache des Papstthums zu compromittiren. Und diese Groß­macht kann, nachdem das deutsche Reich sich feierlich gegen jede Zumuthung mittel­alterlicher Römerzüge verwahrt hat, nur Frankreich sein. Frankreich steht mit Italien auf gespanntem Fuße; wohlwollende Gesinnungen für Italien hegt im Grunde keine der vielen in allen übrigen Beziehungen einander bekämpfenden Parteien. Eine Partei aber ist in Frankreich vorhanden, die nicht allein Italien haßt, sondern auch für die Wiedereinsetzung des Papstes in seine» weltlichen Besitz schwärmt, die den Papst-Köoig auf ihr Banner geschrieben hat und von einem Kreuzzug nach Rom die Wiedergeburt Frankreichs erwartet: die legitimistische Partei. Diese Partei hat zwar sehr geringe Aussichten, zur Herrschaft zu gelan­gen; aber sie hat gerade Einfluß genug, um mit Unterstützung des CleruS jeder Regierung Verlegenheiten zu bereiten und die allgemeine Verwirrung zu vermehren. Wie viel größer wird ihr Einfluß aber werden, wenn der Papst, Schutz und Hilfe suchend, auf französischem Boden seine Residenz aufgeschlagen hat, wenn die Na- tionalettelkeit durch den Gedanken, daß das Haupt der Kirche sich der Großmuth der ältesten Tochter der Kirche anvertraut hat, täglich neue Nahrung erhält! Die Ueberstedelung des Papstes nach Frankreich würde aber nicht nur einen neuen gefährlichen Zündstoff des Parteihader- in das Land werfen, sie würde auch zu beständigen Conflicten mit Italien führen und die Aufrechterhaltung friedlicher Beziehungen zwischen beiden Ländern ernstlich gefährden. Das Eine wie dal Andere liegt im Jnteresie der Jesuiten, aber keineswegs der französischen Regierung, der der Besuch des Papstes die allerpcinlichsten inneren und äußeren Verwicklungen bereiten würde. Sie würde, von den Beziehungen zu Italien ganz abgesehen, mit den Legitimisten zu rechnen haben, ja sie würde darauf gefaßt sein müsse», daß unter Umständen, wenn es den Clerikalen nicht gelingt, dem Legitimismus durch die Ueberstedelung des Papstes aufzuhelfen, die alten Fäden, welche die Curie mit dem Bonapartismus in früheren Tagen verbanden, wieder ausgenommen werden könnten. Herr Thiers hat also alle Ursache zu wünschen, daß der Papst in Rom bleibe, und es läßt sich kaum daran zweifeln, daß er vorkommendenfalls seine Genehmigung zur Verlegung der päpstlichen Residenz nach Pau in eine Form kleiden wird, die einer Bitte, Frankreich mit einer so überaus gefährlichen Ehre zu verschonen, gleichkommen wird. Und somit würden dann dem Entschlüsse der Curie unter allen Umständen Hindernisse in den Weg treten, deren Ueberwindung eine sehr große Klugheit oder eine sehr große Rücksichtslosigkeit erfordert.

Zu der am 19. d. M. stattgehabten Bundesrathssitzung bezüglich des bayeri­schen Antrages ist noch nachträglich zu erwähnen, daß Fürst Bismarck im Verlauf derselben den Vorsitz übernahm und lebhaft zu Gunsten des Antrags in die Debatte eingriff. Das Referat hatte, wie dieD. A. Z." erfährt, der Bevollmächtigte Braunschweigs, Geheimerath Liebe, übernommen, und die Einwendungen Sachsen- gegen den Antrag waren nicht eine Verwerfung desselben, sondern vielmehr auf eine Ausdehnung gerichtet, die möglicherweise die Eventualität in'S Auge gefaßt hatte, zugleich den social-demokratischen Ausschreitungen wirksam begegnen zu können. Man hielt dies indessen nicht für praktisch und nahm, wie schon gemeldet, den Antrag einstimmig an. Allem Anschein nach wird die weit überwiegende Ma- jorität des Reichstages bezüglich des genannten Antrages mit dem BundeSrathe darüber einverstanden sein, daß es nothwendig ist, den politischen Agitationen del Clerus, welche in dem deutschen Strafgesetzbuche nicht vorgesehen sind, einen Damm entgegenzusetzen. Aber auch unter denjenigen Mitgliedern, welche das dringende Bedürsniß nicht zugeben mögen, werden manche schon aus dem Grunde für die Vorlage stimmen, weil dem Reichstage hier eine Gelegenheit geboten wird, den Beweis zu führen, daß das Reich im Stande ist, da Hilfe zu schaffen, wo der einzklae Staat mit seiner Gesetzgebung und seinen Verwaltung-Mitteln nicht durch- zudringen vermag.