von allen katholischen Beamten und Staatsdienern und Einführung eine- ähnlichen AbgeordneteneiveS. 6) Vollen Schutz der an der anerkannten katholischen Kirche haltenden Patrone und Gemeinden hinsichtlich de- Kirchenvermögens. 7) Entfernung jedes infallibilisti'chen Geistlichen von Staatsanstalten. 8) Wo dem Staate Präsentationö- und Nomination-rechte und dergleichen auf kirchliche Ben fizien und Aemter zustehen, darf er nur solche Geistliche wählen, die ter neuen Lehre nicht huldigen. 9) Energische Zurückweisung aller Ucbergriffe der infallibilistischen Bischöfe und Priester in das Gebiet des bürgerlichen Lebens."
Den Gerüchten gegenüber, daß der Papst leidend sei, erklärt der römische Spezialberichterstatter der „Daily News", daß Se. Heiligkeit in Anbetracht seines hohen Alters nie in besserer Gesundheit und Stimmung gewesen sei al- gerade jetzt- Seine gute Laune aber habe einen rein persönlichen Grund, nämlich das Gefühl, Recht behalten zu haben, worauf er sich viel zu Gute thue. Er spotte über die Ultramontansten unter den Mitgliedern des heiligen Collegiums, diejenigen, welche ihn zu seinem reactionären Vorgehen verleitet haben, in folgender Weise: „Nun seht Ihr, wie Alles abgelaufen ist, gerade wie ich Ihnen sagte, wie ich immer vorau-gesehen habe; Ihr habt mich gedrängt, von meiner früheren liberalen Politik abzugehen, und nun habt Ihr den Erfolg. Ich hoffe, Eure Herzen freuen sich darüber. Aber fahret nur so fort, ehrwürdige Brüder, Ihr sollt Alles nach Eurem Millen haben, noch einen Syllabus, noch eine Encyclica; aber denkt daran, daß Alles das Eure Politik gewesen ist, nicht die meinige. Durch Euch haben diese Unglücksfälle die Kirche und die Welt betroffen." Es mag, fährt der Berichterstatter fort, keine sonderlich erhabene Anschauung von der Seelengröße Pius IX. hereorrufen, wenn man erfährt, daß diese« seine alltägliche Unterhalt-rng ist; aber trotzdem verhält es sich so. Und in solcher Art findet üoer- triebene Selbstschätzung stets einen Weg zur Zufriedenheit, wie sich auch die Lage der Kirche gestalten mag. Blüht die Kirche, so hat PiuS ter Papst das Verdienst; verfällt sie, so beweist dies den Scharfblick Pius des Propheten, und ruft alo Gegensatz den Gedanken an die Tage von PiuS dem Reformfreunde wach. Der Sturz der weltlichen Macht hat die Geister der Infallibilisten arg gedämpft und denen Muth eingeflößt, die sich mit mehr oder minder Offenheit und Stärke der letzten päpstlichen That widersetzt hatten. Mit der weltlichen Macht, in deren Interesse sie ihre inneren Streitigkeiten in den Hintergrund gedrängt hatten, ist cs zu Ende und der Grund ihres Schweigens fortgefallen. Wenn es nun mit der geistlichen Autorität in Bayern und Oesterreich, in den Rheinlanden, in mancher französischen Diöcese ebenso bergab geht? Die liberale Partei im Vatikan sucht dieses Unheil abzuwenden. Sie bietet gegenwärtig Alles auf, um Pius IX. zwar nicht zur Rückkehr auf den früheren Standpunkt — denn eine solche Demüthigung wäre zu bemerkbar und zu öffentlich —, aber doch zur Hemmung seines Schrattes zu bewegen, damit er auf dem abschü sigen Pfade, den er in den letzten Jahren betreten, nicht noch tiefer hinabgeralhe. Sollten ihre Anstrengungen ganz und gar vergebens fein, so werden sie offen für Döllinger und Hyacinthe Partei ergreifen. Dies sind keine unbestimmten und leeren Träumereien, es sind die auf- richtigen, ungeschminkten Versicherungen hochstehender katholischer Geistlichen, die, wenn sie nicht das Schiff des heil. Petrus retten können, doch wenigstens ein Floß zimmern wollen, um in Sicherheit dar Land zu erreichen. Auch haben diese Männer ihre eigenen persönlichen Eifersüchteleien und Hoffnungen, denen die Haltung des Papstes Schaden thun kann. Es ist wohl bekannt, daß der Papst die Absicht hat, in feiner neuen Machtvollkommenheit durch eine besondere Bulle die alten Vorschriften und Bräuche des heil. Collegiums zu beseitigen und sich selbst die Bestimmung seines Nachfolgers vorzubehalten. Als solcher wirb Cardinal Patrizi bezeichnet, welcher im gegebenen Falle ohne vorhergegangenes Conclave die päpstliche Tiara aufsetzen könnte. Patrizi beschäftigt sich, nebenbei gesagt, jetzt mit dem Gedanken an eine vollständige Revolution in der geistlichen Tracht, welche ihren mittelalterlichen Zuschnitt vertieren soll, so daß ihre Träger sich in der äußeren Erscheinung wenigstens von ihren sonstigen Mitbürgern nicht allzu sehr unterscheiden würden.
Ems, 23. Juli. Der Kaiser wird sich morgen über Mainz und Darmstadt nach Jugenheim zum Besuch des Kaisers und der Kaiserin von Ruß'and begeben und am Abend nach EmS zurückkehren. Der Kaiser von Rußland wirr nächsten Dienstag seine Rückreise antreten und hierbei Berlin passiren.
Saarbrücken, 21. Juli. Unserem Berichte über das Eisenbahnunglück bei Forbach »st beizufugen, daß die Zahl der betroffenen Soldaten nicht minder als nahezu sechsz'g beträgt. Sieben waren auf der Stelle todt geblieben, noch zwei sind dem Tode nahe, mehrere arg verstümmelt, die übrigen aber meistens wenig gefährlich beschädigt. Die Schuld des Führers der Lokomotive, welche das Un^ glück Herbeigeführt, ist nun zwar erwiesen, indem er die ihm das Vorfahren verbietende Signalscheibe unbeachtet ließ; indessen liegt eine Absichtlichkeit doch si^er nicht vor, da er sich erwiesenermaßen alle Mühe gab, seine Maschine halten zu machen und zurückzulcnken, und er mit dem Heizer erst nach dem Zusammenstoß entsprang. Letzterer hat sich bereits freiwillig gestellt, aber des Führers konnte man noch nicht habhaft werden. Aeußerungen von Schadenfreude Se'tcns der Einwohner Forbachs sollen mehrfach wahrgenommen worden sein. An Hülfe und Pflege für die Verwundeten ist keinerlei Mangel; die Getödteten wurden mit militärischen Ehren bestattet.
Bielefeld, 19. Juli. Am Sonntag den 16. d. M., Nachmittags, kam ein starker Militärzug von Hannover aus, nach Nancy bestimmt, hier durch und hielt einige Stunden hier an. Es wurde „Schwärmen" geblasen, die Leute erfrischten sich, namentlich bei der starken Hitze. Kaum war der Zug eingelaufen, so ließ der Hauptmann v. Runkel vom 74. Regiment zwei Soldaten, Namens Schuhmacher und Müller, die sich allerdings oyne Erlaubniß und sogar gegen den Be. fehl oben auf den Waggon gelegt hatten, durch einen Unteroffizier herunterholen, notirte die Namen ter beiden Soldaten, um sie vielleicht in der Garnison gesetzlich zu bestrafen. Die beiden Soldaten wollten sich nun unbemerkt in den Waggon begeben, als von dem Hauptmann v. Runkel ein donnerndes „Halt! Hierher!" erdröhnte. Die beiden Soldaten traten vorschriftsmäßig an ihn heran und der Haupmann v. Runkel schlug mit Ueberlegung und voller Kraft erst dem einen, bann dem anderen der genannten Soldaten dermaßen hinter die Ohren, daß den nachststehcnden Civilisten, Vie früher auch gedient, säst Hören und Sehen verginq.! (Wachter.) u |
Berlin, 22. Juli. Die Vernachlässtgung der Iustizbeairten in der Auf.' besserung ihrer G.hälter im Gegensätze zu allen anderen preußischen Beamt n, hat! große Aufregung in den betreffenden Kreisen hervorgerufen. Man soll nämlich!
im Justizministerium alle Anträge aus Gehalt-Verbesserung zurückgezogen haben, weil man hoffr, daß die längst projretirte Gerichtsreform bereits im nächsten Jahre zum Gesetz erhoben werden wird. Durch dieselbe würden eine erhebliche Anzahl von Beamten entbehrlich und die gesammten Etat-verhäitnisse de- Iustizministerivm- sich von Grund aus ander- gestalten. Eine Folge dieser Aussichten sind Massen- Petitionen der Beamten einzelner Gerichtshöfe an ihre Chefs gewesen, in denen gebeten wird, den Iustizministcr um Aenderung seiner Ansicht und um Aufstellung des PrincipS der Gleichstellung aller Beamten des preußlschen Staats in Bezug auf die Gehälter zu ersuchen.
Seit lange schon schwebt das Projekt einer direkten Eisenbahn von Kassel nach Köln. Jetzt ist man demselben wieder näher getreten und es scheint fast, al- ob man die Herstellung der Bahn namentlich aus strategischen Gründen hier im Ministerium so viel als möglich zu beschleunigen wünscht. Der HandrlSminister hat deshalb in einem Rescript an die Direktion der Bergisch-Märkischen Eisenbahn die bestimmte Aufforderung gerichtet, sich binnen kürz-sterZeit darüber zu erklären, inwiefern die Bergisch - Märkische Bahn ihrerseits die Ausführung dieser Bahn zu übernehmen geneigt sei, da er andernfalls die Concession für die Bahn für andere Bewerber höchsten OrlS befürworten werde.
Zur Annullirung unseres gestern ausgesprochenen Zweifels kommt heute auch aus München die unverbürgte Nachricht, daß zwischen dem König von Boyern und dem deutschen Kronprinzen Abmachungen gepflogen wurden, welche bezüglich der Armee bedeutende Aenderuugen der Verträge zur Folge haben werden und von einer energischen Resignation des Königs zu Gunsten des GesammtreichS Zeugniß geben.
Uebcr den Candidaten für den Posten eines österreichischen Botschafters in Berlin schwebt noch immer tleses Dunkel, doch scheint soviel gewiß, daß der Posten einem ungarischen Magnaten zugebacht ist. Wenn man von verschiedenen Seiten den Grafen Moritz Esterhazy als dafür designirt bezeichnet, so ist dies eine haltlose Combination. Weniger unwahrscheinlich klingt die uns gemachte Mittheilung, daß man von Berlin, spcciell von Seite des Fürsten Bismarck, aus eine Perfön- lichkeit als wünschenswerth bezeichnet worden sei, die man wobl kaum geahnt hat, nämlich den Grafen Alois Karolyi. Wenn sich die diplomatische Thätigkeit unter oen Bocksprüngen der Rechberg'schen Politik s. Z. auch nickt mit Ruhm bedecken konnte, so kann doch als sicher hingestellt werden, daß der Graf persönlich den besten Eindruck in Berlin hinterlassen hat.
Feldpost-Privatpäckexcien für das 1 Armeekorps, mit Ausnahme der 2. Infanterie-Division sind bis auf Weiteres von der Postdeförderung ausgeschlossen.
Fulda, 22. Juli. Gestern Morgen passirten unseren Bahnhof 1 Ojfizier und 26 Mann vom 74. Infanterie - Regiment, welche 8,999,01)0 FrS. Kriegs- contribution nach Berlin übe.brachten. Dieses Geld war in Beuteln ä 10,0u0 Frs. — 1 Ctr. schwer verpackt; es waren lauter italienische Silbermünzen » Stuck 5 Frs. (F. A )
MüllchkU, 23. Juli. In Folge einer Eingabe der zu dem Bischöfe haltenden Kattzoiiken Mering's hat die Kreisregierung von Oberbayern unterm 13. tS. an Pfarrer Renftle ein Schreiben gerichtet, dessen Hauptsätze nach ter „A. Abdz." dahin lauten: Pfarrer Ren tle ist als der rechtmäßige R.ligionölehrer an den Volks, schulen zu erachten, und die schulpflichtigen Kinder des Schulsprengels Mering sind gehalten, dem von Rcnftie ertheilten Religionsunterricht, welcher nach den bestehenden organischen Vorschriften einen wesentlichen Bestandtherl des Gcsammtunter- richtS bildet, beizuwohnen. Den Bestrebungen des bischöflichen Vicars Wiedemann, die Schulkinder vom Religionsunterricht des Pfarrers Renftle abzuhalten, muß mit den entsprechenden M.tteln entgegengetreten werden. Gegen unfolgsame Kinder und die boheiliglen Eltern ist einzuschreiien. Insoweit die Eltern die Theilnahme chrer Kinder am Unterrichte des Renftle verbieten wegen des Letzteren Stellung zur Unfehlbarkeit, muß die verfassungsmäßig garantirte Gewissensfreiheit der Staats- vürger und das elterliche Erziehungsrecht geachtet werden und muß solchen Kindern die Nichttheilnahme am Religionsunterricht des Renftle unverwehrt bleiben. Deo zu Renftle stehenden Einwohnern von Mering muß natürlich dasselbe Recht zuge- standen werden, und es steht dem bischöflichen Vikar nicht zu, die schulpflichrigen Kinder solcher Einwohner zur Theilnahme an einem von ihm beabsichtigten Rcli- gionSuntbrrichte irgendwie zu veranlassen.
Mühlhausen, 18. Juli. Heute wurden bedeutende Baarsummen vom hie- sigen Bahnhofe nach der Bankfiliale befördert. Nach der Zahl der Transport- wagen zu urtheilen, muß die Summe in Silbergeld mindestens eine Million Thlr. erreichen. Hier, wo man das Silbergeld bereits als ein barbarisches Verkehrsmittel (man zahlte meist nur in Gold und größere Summen in Banlbilleten) zu betrachten pflegt, machten die plumpen Geldsäcke einen ungewohnten Eindruck, sollten die Zahlungen künftig großentheils in Silber bewerkstelligt werden, so reicht das Comptoirpersonal der größeren Häuser nicht mehr aus, denn es werden qanz enorme Summen hier umgesetzt. — Die hiesige, meist aus Polen bestandene Besatzung ist heute und gestern durch eine andere ersitzt toorccn, die sich besser verständlich machen kann; dieselbe kam aus Gcbweiler. (Karlsr. Z.)
Versailles, 22. Juli. Sitzung der Nationalversammlung. Brrathung der Petitionen, beir.ff'Nv die weltliche Macht des Papstes. Thiers erklärte, er müsse bedacht sein, feine Politik gegenüber.dem Lande nicht zu comprowittiren; er werde jedoch mit den übrigen katholischen Mächten oder allein die Unabhängigkeit deS Papstes verthcidigen, da biiftlbe zu den durch dar Concordat geregelten Beziehungen ees Staates zur Kirche nothwendig fei. Bischof Dupanloup unterstützte die For- Gerungen der Petitionen von demselben Gesichtspunkte aus wie Th ers. Gawbetta lobt die Festigkeit und Aufrichtigkeit der Auseinandersetzungen des Chefs der Exekutivgewalt und erklärt sich hiermit einverstanden. Nach einer erregten Debatte wurde der von Gambetta unterstützte Antrag des Deputirten Barthes auf Übergang zur TaflkSordnung mit 403 gegen 262 Stimmen verworfen und die Ueber- Weisung der Petitionen an dtn Minister des Aeußern angenommen.
Paris, 23. Juli. Aus der gestrigen Rede Thiers' in der Nationalversammlung ist noch Folgendes hervorzuhcben: Derselbe bedauerte die Aufwerfung der vorliegenden Frage und sagte, er werde seine früheren Ansichten darüber nicht verleugnen, er bemerke jedoch, daß die gegenwärtigen Ansichten auch in Frankreich zur Geltung kämen. Die bedauerlichen Lehren deS NationalitätSprincipS hätten Frankreich von seiner traditionillen Politik der Erhaltung des europäischen Gleich- '.gewichts abgelenkt und Frankreich in das jüngste Unglück gestürzt. Vergeblich habe ‘er früher darauf aufmerksam gemacht, daß die italienische Einheit die deutsche Einheit zur Folge haben würde, nunmehr, da Italien eine starke europä sche Macht geworden, entstünde die Frage, was zu thun sei. Die französische Diplomatie !dürfe nichts thun, was einen Krieg zur Folge haben könnte. Italien fei von
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