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Gießener Anzeiger.

Erscheint täglich, mit Aus­nahme Montags.

Expedition : Canz leiberg Lit. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kießen.

Nr. 22.

Donnerstag den 26. Januar

1871.

25. Januar-

Die Auferstehung teS Deutschen Kaiserreichs giebt derTimes" Veron- lassung, die heutigen Verhältnisse in Deutschland mit besonderer Rücksicht auf ihre Entwicklung im Lause der Zeit näher ins Auge zu fassen. Das Blatt kommt zu dem Schlüsse,daß der Kaiser des neuen Deutschen Reiches nicht wie früher eine Art Primas unter den Fürsten fein wird, obschon die letzteren heute, wo sie das neue Reichsoberhaupt proclamiren, es wohl noch in diesem Lichte betrachten möchten, sondern daß er sich vielmehr als einen unmittelbaren Souverän in seiner Macht- flellung, die stetig an Ausdehnung und Kra^t zunimmt, erweisen und darauf hin- zielen wird, in Kueg und Frieden die oberste Gewalt zu werden." Auch die Morning Post" widmet der Lage des neuen Kaiserreiches eine Betrachtung, die man in ter Mahnung nn die Deutschen, man möge nicht zu früh jubeln, zusam- wenfassen kann.

Während die österreichisch-ungarische Presse mit ihrem Urtheil bezüglich der Proclamirung des deutschen Kaiserreichs sehr zurückhaltend ist und sich aus die Wiedergabe ter Auslassungen beschränkt, mit welchen die übrige deutsche Presse diese große historische Tbotsache fei.rt, begrüßen die Organe der öffentlichen Mei­nung mit einer gewissen Extase den Beginn ter neuen teutschen kaiserlichen Acro als den Anfang eines neuen politischen Lebtns Deutschlands und einer bemerkens- wcrthen Periode in der Weltge ch:chte. So sagt dieTimes" nach einem kurzen Rückblick auf die Umstände, von welchen ter Ursprung des neuen Kaiserreichs be­gleitet war:Zwei Ursachen machen die neue Macht kräftig und furchtbar, und beite sind die Produkte des gegenwärtigen Jahrhunderts. Eine Ursache ist der Enthusiasmus für deutsche Nationalität, der durch die grausame Herrschaft des ersten Napoleon geschaffen tourte und seitdem immer an Kraft gewann) bis er jeden Feind im Innern wie im Auslande besiegte; die andere ist cie Säuberung des deutschen Systems von fremten Elementen, nicht mehr als einen Theil von Polen übriglossend, der sich ober auch im Piezeß ter Afsimilirung befindet. Der Contrast zwischen tcm neuen und alten Zustande ist unverkennbar. Innerhalb Menschengetcnken war die deutsche Nationalität völlig tott, und bis 1866 war das Land mit fremden und feindlichen Substanzen verkettet. Im Jahre 1871 beginnt Deutschland eine unabhängige, patriotische, fast rein nationale Laufbahn. Es ist im B-griffe, das mächtigste Instrument ter Einigkeit zu erkalten, eine große Volksversammlung, eine Institution, tie in neuerer Zeit einen stärker centrolisiren- den Einfluß zu haben scheint, als irgend welcher Despot gebieten kann. Das Parlament, in welchem Deutschland repräsentirt sein wird, ist noch nicht constituirt, ober wenn politische Weissagung irgend welchen Werth hat, werden sich in diesem Parlament die Triebe und Jmpul e, welche die Nation in eine einzige zusammen- geschmiedet haben, abspiegeln. Die Hohenzcllern müßten von ihrem traditionellen Eharacter sehr obweichcn, wenn sie vernachlässigen, von diesem mächtigen AUiirtcn den besten Gebrauch zu machen. Es wird sich, so glauben wir, in der Buntes- legislatur und Atministrat on eine unveimeitlichc Tendenz zeigen, die unobhängige Autorität, welche die kleineren Staaten für sich reservier haben, oder tie Preußen ihnen zu behalten gestattete, niederzubrechen. Wir erwarten nicht, daß die Bundes- repräsentanten für tas kaiserliche Haus enthusiasmirt sein werten; aber ihr Bc- streben wird sicherlich darauf gerichtet fein, Deutschland einig und gleichartig zu machen, und dies wird die Eoncentrirung von immer mehr und mehr Autorität in den kaiserlichin Häuten bedingen; tie resp. Armeen, über welche die Souveräne sich ansehnliche Macht, zum mindesten in FrietenSzeiten, reservirt haben, werden allmälig in Fusion gebracht werten, es wird gesunden werden, daß durch eine Centralverwaltung materielle Verbesserungen wirksamer gemacht werden können, eine gemeinsame Gesetzgebung, eine gemeinsame Gerichtsbarkeit wird verlangt wer­den, und nut jeder Aenterung wird die Autorität in Berlin wachsen, während die Souveräne von München und Stuttgart, obwohl geachtete Staatswürten- träger, nach und nach immer machtloser werten dürsten. Viele Leute, sogar die bestcg Patrioten Deutschlands selber, werten ein sentimentales Bedauern über diesen Wechsel empfinten, und nach der schwintenden Unabhängigkeit der alten Häuser und ihrer angenehmen kleinen Residenzen seufzen. Aber ties wird nur das gemeinsame Loos sein. Bei uns hatten Edinburgh und Dublin vor einem Jahrhundert auch mehr tas Ansehen einer Metropole als jetzt. Wir gelangen daher zu der Sck lußiolgernng, daß taS neue Kaiserreich Deutschland nicht eine primatiale Würte, wie es gewesen, und die Fürsten, die es proclamiren, wahr­scheinlich noch als solches betrachten, sein wird, sondern eine direkte souveräne Macht, stets wachsend an Auedehning und Autorität, und dahin strebend, im »rieten wie im Kriege die oberste Gewalt zu werten. Die Maschinerie, welche von ter. Vergangenheit conservirt oder von Neuem entworsen werden soll, wird wahrscheinlich bloS einen Urbergang bilden, sie wird sich für die Bedürfnisse der neuen Generation zu beschwerlich erweisen und allmälig durch das einfache System "«er einzigen nationalen Autorität ersetzt werten, die sowohl Monarchien wie ^ publiken okceptiren muß, falls sie ein kräftiges Leben wünscht. Man lasse also den Kaiser-König seinen Fürsten und teren Unterthanen so viel Alterthümclei, als Ne wollen, willfahren; die Ähnlichkeit zwischen ter Macht, die er erfaßt, und 17fni?Cn' d"kn sich der älteste der Fürsten erinnern mag, ist nur gering. Die poetische Bedeutung der neuen Würde wäre am besten au-gedrückt, wenn 'r sich in Berlin unter seinen Soldaten und seinem Volke die Krone aufs Haupt sitzen wurde. Dieses Kaiserreich ist die Frucht der Politik, welche daS HauS silier Borfahien seit Generationen verfolgte; es repräsentirt den Triumph der limente, welche tot alte Regime entschlossen unterdrückte, und in sich selbst ist tS nicht die Wiederherstellung des Vergangenen, sondern eine für eine beispiellose "usbahn bestimmte neue Macht."

Dlt luxcmburger Frage, welcher man bei ihrem Auftreten eine so aufregende Bedeutung zuschreiben wollte, scheint jetzt ruhig im Sande verlausen zu wollen Ein Beweis dafür ist die Antwort, wilche die luxemburgische Regierung auf die letzte Depesche dcS Grafen Bismarck erlassen hat. Dieielbe nimmt bereitwillig davon Act, daß d.m Wunsche Luxemburgs gemäß ein deutscher Bevollmächtigter bei der großherzoglichcn Regierung beglaubigt werden solle, zur Vermeidung fünf­ter Irrungen und um sich wegen der Maßregeln zur Sicherung der Neutralität zu veiitändigen. Luxemburg verspricht eine Untersuchung und kventuell Abhilfe wegen einiger neuerer, von dem Grasen Bismarck in seiner litzten Depesche vom 6. Januar fignalisiitcr Vorgänge. Dies bezieht sich auf ein Eomite, das in Grevenmachern, auf der alten Straße von Trier nach Luxemburg, flüchtige sran- zosilche Soldaten unterstütze.-, und weiter befördern soll. Wie aus der luxembur- gischen Depesche vom 12. Januar hervergeht, ist deswegen von der großberzog- lichen Regierung eine Enquete ongeordnet, so wie für einen zweiten von dem Bundeskanzler erwähnten Vorgang, daß ein E.senbobnbeamter französischen F.'ücht- lingen Kleider und Uniformen vertheilt habe. Die Beglaubigung eines deutschen Agenten wird künftig solche Beschwerden sofort ousklären lassen. Die Depesche Luxemburgs ist dcn Unterzeichnern des Londoner Vertrages mitgrtheilt worden, nie das auch Seitens des Bundeskanzlers mit Bezug auf die diesseitige Depesche vom 6. Januar geschehen war. Don der Angabe einer Eorrcspondenz, Graf Bismarck habe vorgeschlagen, die schwebenden Fragen in einer gemischten Eommis- pcn untersuchen und ausgleichen zu lassen, ist in unterrichteten Kreisen nichts be­kannt. In der preußischen Depesche vom 6. Januar beißt es, wie man hört, ausdrücklich, die Beglaubigung des deutschen Bsvollmächtigten werde, um künfti) gen Irrungen vorzubei-gen, stattfinden.

Die .Situation" zieht die Lage Frankreichs in Erwägung und sucht dieselbe den Franzosen dadurch näher zu bringen, daß sie'die Sachlage umdreht und den Fall setzt, die Franzosen ständen siegreich vor Berlin und hätten es seit vierzehn Tagen bombardirt:Würden wir sofort das Bombardement aurgeben, weil in 23 rhn einst Friedrich ter Große gewohnt, weil der gelehrte Humboldt hier spa- ziren gegangen ist, weil die Bevölkerung leidet und trotz alledem enischloffen ist bis zum letzten Augenblicke auszuholien? . . . Noch wehr, to nn te-r st tt eines turch ln'ne Regierung rechtmäßig vertreten n Volkes eine aus der Emevke hervor- gegangene und durch irgend welchen Jacoby vertretene Gewalt vor uns hätten, so würden wir die Sache noch energischer angreifen, und zwar aus zwei Gründen: zuerst, weil man keine Schonung denen schuldet, die selber nichts geschont haben ' uno dann, weil die französische Presse und tie französischen Bevölkerungen nicht gestatten kennten, daß man Schonung gegen einen Feind übe, der sich darauf steift, ferne Vernunft annehmen zu wollen." DieSituation" antwortet sodann aus tre Ausrede, man könne mit Deutschland nicht unterhandeln, weil es sich in ten Kopf gesetzt hohe, einen Theil französischen Gebietes einzuverleiben:Wenn ter Kaiser etwa die Jtee gehabt hatte, ohne die Rheinprovinzen heimzukehren und Berlin nicht zu bombardiren, weil daselbst die Dramen Götbe'S und Schiller'- einst aufgeführt wurden, so läge es auf der Hand, daß feine Marschälle ihn in aller Ehrfurcht in einen Waggon gesetzt, nach St. Cloud gebracht und die erschreckte Kaiserin veranlaßt batten, einen Irrenarzt zu berufen. Und wenn nun Deutsch­land etwa von einem jungen Heidelberger Studenten als Diktator regi.rt wäre, wie würden dann bei ter leisesten Schonung der französischen Marschälle diesrlben Pariser Journalisten donnern und fluchen, welche jetzt über Vernichtung klagen; fie würden schreiben, daß man im Kriege das Blut des Gegners nicht schonen könne, so lange dieser handle, als wenn das Blut des Anderen nichts werth fei. Man solle bei dem Feinde nicht beklagen, was man in feiner Stille ebenso wie er gemacht haben würde; man solle nicht doppeltes Gewicht bei Bcurtheilurg ter Menschen und Verhältnisse anwenden."

Graf Dam bat im Namen des Generlraths der Manche ebenfalls gegen die Auflösung ter Generalräthe protestirt.

, Der Ex Minister Pinord, welcher bekanntlich in Nutun auf Beseh! Gari- baldi's verhaftet tombe, ist nach eilstägiger geheimer Hast freigelassen, aber zugleich aus Frankreich auSgewiesen worden. Derselbe begab sich nach Genf.

Die Waffenausfuhr von den Vereinigten Staaten nach Frankreich dauert in ungeschwächtem Maße fort. Der DampferLafayette", welcher am 5. Januar von New-Nork auslicf, hatte 100,000 Stuck Flinten und eine starke Latung Munition für Havre und Cherbourg an Bord. Die Woffcn waren meist Reming­ton- und Springfieldgewehre.

KriegSnachrichten.

Gießen, 24. Jan. Heber die blutigen und siegreichen Kämpfe gegen die Loire-Aimee vom 6. bis 12. dieses Monats ist uns nachstehender Feldpostbrief eines jungen Gießeners on feine Angehörigen zur Benutzung überlassen worden. Der Schreiber desselben fleht bei dem Brandenburger Füsilierregiment Nr. 35, welches von Gemral Chanzy in dessen amtlichem Berichte nach Bordeaux ganz besonders erwähnt worden ist:

Chang6, den 13. Januar.

Am 2. d. M. wurden wir wieder durch die Annäherung des Feindes aus unseren Frietenstraumen ausgewiekt und marschirten am 3. von Cb'vache (bei Orleans) gegen Vent^me vor. Am 6. früh sammelte sich vor dieser Stadt un­sere Brigade, und gingen wir nun gegen die Höhen von Dendttme vor, die von den Franzosen besetzt waren. Nach heftigem Kampfe warfen wir den Feind zurück: und obgleich er sich auf seinem Rückzüge immer wieder ststsetzte, wurde er dennoch