Gießener Anzeiger
Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis chichen.
Mittlvoch den 25. October
Nr. 2^8.
1871.
«,208 Thlr'.
PretS vierteljährig 1 fl. 12 kr. mit Bringerlohn. Durch di« Post bezogen vierteljährig t fl. 27 kr.
> “usbtjoWt. 15
Beftelluugeu auf »en Gießener Anzeiger ÄSÄÄ'Sä "1
Erscheint täglich, mit Au-, nähme Montags.
Expedition: Tanzleiberg Lit. B. Nr. 1.
le bet
i9
ktn.)
an,! «"Wich
K. &
8.
t englisch;
die dcvretn Nnzlül
Ȋnde im SHbcrninnfft gegeben-
cn) monatlich
J (4340)
A. Ricker. t Louis Hohler, ’. Gal;, «rtk. m
<£it * tturvet^ .-t utw
liehen $«ciei ncßtnd.
[n Sdrtbou'diule s rcir 14- «
\ r.cra nehmen M , 1 dauern wg
X.( .\cniu*
V-m Dr.1 i-nmid) N
- mrdong® M® (F überhaupt «• i
rt,cti üter'chl^' £
......
:r 5b Luskunlt
j(‘nriinBl br 1 1 k
•Trtdrf W
Kirchberg und
Ptßtn Kranb: rn t-ramim empfehlt /^-TenLeder- ;Lr>(r w bksondcrm i’tam 9? ertaub. ' ni fiiTd-'bng. iHTÄ (100 Thlr.
000 , 057 ,
-U Pro;.
37 , ■ 'elfte bnpot&efarifft i .h e i i, wie durch h '-rlichstk Biiligkr:
!■ der Zutritt zurU
Abonnenten, welche den Anzeiger bei der Expedition abbolen laffen, erhalten denselben für das IV. Quartal 1871 zu 1 fl.
* Der Bonapartismus
ist viel zu zäh und hartnäckig in seinen Hoffnungen und Entwürfen, um sich durch seine Niederlage bei den GeneralrathSwahlen abschrecken zu laffen. In dieser Hartnäckigkeit, diesem blinden Glauben an den kaiserlichen Stern, der nichts verloren gibt als die Torten, ist die bonapartistische Partei das getreue Abbild ihres Herrn und Meisters, der überhaupt in einer in der Geschichte unerhörten Weise allen seinen näheren und ferneren Umgebungen den eigentlichen Stempel seines Wesens aufgedrückt hat. Wie er seine wechselvollc Lausbahn als Abenteurer und Verschwörer eröffnet, wie er aus allen Niederlagen mit neu gekräftigter Hoffnung hervorgegangen ist, wie er selbst den Fluch der Lächerlichkeit nicht scheute, wenn er nur durch Abgeschmacktheiten sich der Welt in Erinnerung bringen konnte, wie er auch auf dem Thron unter dem Zwange seiner natürlichen Anlagen und Neigungen stets noch der alte Verschwörer, ein gekrönter Earbonari, blieb: so ist auch in seinen Anhängern die Neigung zum Abenteuerlichen und zu Verschwörungen, die Vorliebe für die verschlungensten Wege, der allen Niederlagen spottende Glaube an die Zukunft ihrer Sache unerschütterlich festgewurzelt. Sie alle sind eben, was ihre Denkweise und Positionen betrifft, zu kleinen Napoleons geworden, die mit ihrem Meister im Einklänge handeln, auch ohne daß es für alle Fälle einer besonderen Verständigung bedürfte.
So ist es denn wohl erklärlich, daß weder Napoleon noch seine Getreuen fich durch die Wahlniederlage sonderlich haben entmuthigen laffen. Sie vergleichen ihre Aussichten mit denen aller übrigen Parteien; und da glauben sie zu finden, daß keine derselben vor ihnen etwas voraus hat. Weshalb sollten sie also einen Wettkampf aufgeben, der geringe Gefahren und doch immerhin die Möglichkeit eines glänzenden Erfolges bietet?
Im Heere sind die bonapartistischen Elemente noch immer stark vertreten; und daß neben ihnen auch die Gambettisten sich rühren und aus ihrer Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen, auf Wiederherstellung von Zucht, Ordnung und Ehre bedachten Regime kein Hehl machen, ist für Napoleon eher ein Vortheil als ein Nachtheil.
Unter der ländlichen Bevölkerung hat das Bündniß des Clerus mit den Legitimisten feine Probe schlecht bestanden. Warum sollte der EleruS, der in Frankreich ja aller politischen (Überzeugungen bar ist, es verschmähen, wenn sich ihm eine günstige Gelegenheit dazu bietet, eS wieder einmal mit dem bewährten Bündniß mit den Bonapartlsten zu versuchen?
Allen diesen Erwägungen und den darauf begründeten Hoffnungen läßt sich eine gewisse Berechtigung durchaus nicht absprechen, wie schon aus der Furcht hervorgeht, die der Bonapartismus allen Parteien plötzlch eingeflößt hatte. Einer Partei, der es unter dem gegenwärtigen Verhältnisse in Frankreich gelingt, Furcht zu erwecken, eine solche Partei ist unzweifelhaft im Aufsteigen begriffen.
Jndeffen sind doch neuerdings Umstände eingttreten, die vielleicht dafür sorgen werden, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Die vernichtenden Enthüllungen über die Vergangenheit sind wahrlich nicht darnach angethan, um den Bonapartismus zu berechtigen, vor das französische Volk zu treten mit dem Anspruch auf Vertrauen für die Zukunft. Diese Enthüllungen, besonders Benedetti's Berichte, so wie auch schon die früheren Veröffentlichungen des Obersten Stoffel bieten nicht nur ein sehr reichhaltiges und schätzbares Material für die Kenutniß der jüngsten Verganginheit, sondern sie find insofern als ein wirkliches Ergebmß zu betrachten, als sie, wider den Willen ihrer Urheber, den napoleonischen Bestrebungen einen höchst empfindlichen Schlag versetzen und dadurch bedeutungsvoll in den Gang der Entwickelung eingreifen.
Wohl hat Napoleon, wenn ihm von seinen Gegnern die alleinige Verantwortung für den unheilvollen Krieg aufgebürdet wurde, mit Recht erwidern können, daß er, indem er den Krieg erklärte, nur als Werkzeug des Volkswillens und der Volksleidenschast gehandelt habe; wohl hat er darauf Hinweisen können, daß ja gerade seine Gegner die Eifersucht Frankreichs gegen Deutschland in der Presse und auf der Tribüne unablässig aufgestachelt und genährt, daß sie stets die friedliche Schwäche seiner Politik für den Aufschwung Preußens verantwortlich gemacht haben. Alle Feinheiten der französischen Sprache reichten nicht aus, um diese Gegenbcschuldigungen zu entkräften.
Wahrhaft niederschmetternd dagegen ist die Darlegung der Impotenz und Brutalität dieser kaiserlichen Kriegspolitik, um so niederschmetternder, da Diejenigen, welche, um ihre eigene Ehre möglichst zu retten, die Regierung des Kaisers an den Pranger stellen, die getreuesten und ergebensten Anhänger Napoleons find.
Denn wo- geht aus allen diesen Veröffentlichungen hervor? Daß Napoleon vier Jahre lang über einen Krieg mit Preußen gebrütet hat, und daß es ihm doch an der Energie fehlte, zu einem festen Entschluß zu kommen und alle seine Kraft und Thätigkeit auf die Vorbereitungen zu diesem Kriege zu concentriren. Und als endlich der Entschluß zum Kriege feststand — und das war jedenfalls feit Gramont's Ernennung zum Minister des Auswärtigen der Fall — da mußte l>er elendeste, fadenscheinigste Vorwand herhalten, um eine Kriegserklärung vom Zaune zu brechen. Und doch war in dem entscheidenden Augenblicke, obgleich der
Kaiser Jahre lang gebrütet und geplant hatte, nicht» vorbereitet. Die Bunde»- genossen, auf die Napoleon mit Zuversicht gerechnet hatte, zogen sich kühl in eine abwartende Stellung zurück.
Das ist denn in der That, sollte man glaube», doch mehr, als Frankreich, so schuldbeladen auch alle Parteien des Landes vor' dem Richterstuhl der Geschichte dastehen mögen, einem durch List und Gewalt zum Throne gelangten Herrscher verzeihen kann. Dazu kommen nun noch die belgischen Enthüllungen, die einen wahrhaft kläglichen Eindruck machen, und beweisen, daß der alternde Kaiser noch immer der gewissenlose, leichtfertige Verschwörer geblieben war, als welcher er in den Tagen der Jugend die Blicke der Welt auf sich gelenkt hatte.
Und doch, trotz alledem wird Frankreich erst dann die bonapartistische» In- triguen verachten können, wenn es der gegenwärtigen Regierung geluuge» sein wird, feste Wurzeln im Bode» des Landes zu schlagen, wenn fie stark genug ist, um den gefährlichen Angriff, der gegenwärtig von der radikalen Seite wieder gegen fie vorbereitet wird, kräftig abzuweisen. Ohne Zweifel hat die Regierung des Herrn Thiers in diesen Kämpfen die kräftigste Stütze i» dem so hochherzig kundgeqebenen Vertrauen der deutschen Regierung gefunden. Deutschland zeigt, daß es nicht den Zerfall, sondern die Consolidirung und Wiederbelebung Frankreichs wünscht, und es deutet an, daß e» die gegenwärtige Regierung für fähiger, al» die Prä- tendenten hält, das Regenerationswerk durchzuführen. Damit ist allen Prätendenten, und vor Allen den Bonapartisten die Hoffnung auf eine auch nur indirekte Unter- stützung von Seiten Deutschlands abgeschnitten.
* Die von Adolph Christ in Elberfeld an den Reichstag eingereichte Petition um Erlaß eines Gesetzes, welches die Zahlungsleistung mittelst Zinscoupons und Dividendenscheinen verbietet, lautet:
Hoher Reichstag! Die bevorstehende Reform des deutschen Münzwesens gibt mir Veranlassung, die Nachtheile zur Sprache zu bringe», welche aus der freien Circulation der ZinScoupon» und Dividendenscheine für den gesammten verkehr fortwährend erwachse». Die große Verschiedenheit in der Art, der Form, dem Betrage und der Einlösungsfrist; das häufig zu frühe Jncoursfetzen; die durch- gehends äußerst leichte Nachbildung; die gänzlich fehlende, beziehungsweise sehr unsichere und mangelhafte Angabe des Werthes bei Dividendenscheinen; Nlle» dieses läßt die Coupons als ein im hohen Grade ungeeignete» und verwerfliche» Zahlungsmittel erscheinen. In den Kreisen des geschäftlichen Leben» wird da» auch tief empfunden; die Concurrenzverhältniffe zwingen ober namentlich die kleineren Handel- und Gewerbetreibenden, ebenso die Handwerker und Arbeiter zur Annahme der Coupons. Alle Anstrengungen, und es hat hieran nicht gefehlt, welche von Seiten einzelner Personen oder Corporationen durch öffentliche Ansprachen, durch Erklärungen, die Annahme zu verweigern, oder dahin gemacht wurden, die Effectenbefitzer zu veranlassen, die Coupons ferner nicht in Umlauf zu setzen, waren und bleiben wirkungslos. Hier kann nur ein gesetzliches Verbot mit allen seinen Folgen Abhilfe schaffen! Die Handelskammer zu Köln spricht sich in ihrem neuesten Jahresberichte Seite 18 entschiede» für ein solches Verbot aus, indem sie erklärt, daß nur dieser Weg rasch und sicher zum Ziele führe. ES liegt nach keiner Seite hin eine Nothwcndigkeit vor, einen offenkundigen, bisher auch nur geduldeten Uebelstand länger bestehen zu lassen, welcher das große Publikum thatsächlich zum unfreiwilligen Zinseneinzieher macht, und Einzelne auf Kosten der Mehrheit begünstigt, ohne dadurch den letzteren auch nur den leisesten vortheil zu gewähren. Ein Verbot würde den Verkehr von einer schädlichen Plage befreien, gleichzeitig aber auch die Fälschungen der Coupons so gut wie vollständig beseiti» gen. Die Zinscoupons der inländischen Staatspapiere rechtfertigen keine Ausnahme, da deren Einlösung durch die Steuerkassen mit Leichtigkeit bewerkstelligt werden könnte. In Preußen wurde bereits durch die Gesetze vom 14. Mai 1855 und 25. Mai 1857 die Verwendung ausländischer Coupons zu Zahlungen verboten. Ich gebe nur einem allgemeinen Wunsche Ausdruck, wenn ich mir hiermit die ergebenste Bitte erlaube:
„Der Hohe Reichstag wolle auf Grund der Artikel 4 und 23 der Verfassung ein Gesetz vorschlagen, welches die Zahlungsleistung mittelst Zinscoupons und Dividendenscheinen jeder Art bei Strafe verbietet."
Elberfeld, am 18. Oktober 1871. Adolph Christ.
Höchst wünschenswerth ist es, daß aus vielen Orten des deutsche» Reiche» die Petition durch zahlreiche zustimmende Erklärungen, welche direkt an den Reichstag zu richten find, unterstützt werde. Der Augenblick ist gekommen, durch gemeinsames Handeln einen großen Uebelstand wirksam zu bekämpfen und ein- für allemal zu beseitigen.
Die „N. A. Z." enthält an der Spitze ihrer letzten Nummer einen durch den Druck als officiös gekennzeichneten Artikel, dem wir Folgendes entnehmen: Mit wachsendem Ungestüm drängt sich Forderung auf Forderung an die Rcichs- regierung heran, dahin zielend, daß Elsaß-Lothringen mit eiserner Faust regiert werde. Der Schwäche klagt man das deutsche Regiment an und verlangt energische, durchgreifende, harte Maßregeln, welche den Geist des Widerstandes in den neuen
6fr


