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Preis viectelfährig 1 fl. 12 ft. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährig l ff. 27 fr.

Gießener Anzeiger.

Erscheint täglich, mit Aus nähme MontagS.

Expedition: Lanzletberg Lit. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kiefzen.

Mx.«. Freitag den 25. August 1871.

Befteikirngen auf deu GießeueV Mnzeigef bei allen Pof^Exped^ttonen un^ ben Land-Poftboten entgegen genommen* Abonnenteu, welche den Anzeiger bet der Erpedition abholen lasten, erhalten denselben für den Monat September zu 20 kr.

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24. August.

t In Frankreich ist die Situation ziemlich verworren. Verlängerung der ThierS'schen Vollmachten oder nicht? das ist die Frage. Bekanntlich hat fast jede Partei ihren eigenen Antrag eingebracht, und nun läuft gar eine Mittheilung ein, daß Gambetta sich wieder kräftig rührt. Falls die Monarchisten Thiers stürzen, wird dem Exdictator die Absicht zugeschrieben, sofort loszuschlagen. Eine andere Nachricht, welche ebenfalls von einer unter Gambetta zu errichtenden Republik wissen will, glaubt Anhaltspunkte für den Verdacht zu haben, daß der ehemalige Diktator nach der Vertagung der Nationalversammlung im Verein mit einigen demokratischen Generalen einen Handstreich auszuführen beabsichtige, um Thiers zu beseitigen und die Diktatur an sich zu reißen. Es wäre also immerhin möglich, daß es einer Handvoll Abenteurer gelänge, bas schwer geprüfte Land abermals zum Spielball ihrer persönlichen ehrgeizigen Gelüste zu machen.

So viel auch, in der Presse von den Ministerconferenzen in Gastein die Rede ist, so dürfet wir doch auf'S Neue versichern, daß absolut k-in-pvfttiveS Resultat gewonnen ist, weder in der rumänischen Angelegenheit, noch in irgend einer andern europäischen Frage. Wie wir gleich von Anfang an behauptet haben, so liegt die Bedeutung der Zusammenkünfte von Ischl und Gastein nur in dem negativen Re­sultat. Oesterreichs Staatsmänner rechnen weit mehr auf die Erstarkung Frank­reichs, auf dessen Heeresorganisation und seinen Willen, sich an Deutschland zu rächen, als auf die Allmacht Preußens, Europa ras Gesetz der Politik zu dictiren. Es läßt sich nicht leugnen, daß die Hoffnungen unserer Panikularisten in den neuen Gebietsteilen sowohl als in den Mittel- und Kleinstaaten DeutschlandS zum Theil schon jetzt aus Frankreich gerichtet; was aber Oesterreich anlangt, so darf man geradezu behaupten, daß zwischen Frankreich und Oesterreich in vielen Dingen ein Einserständniß besteht. Deutschland ist also, wenn wir von Rußland absehen wollen, lediglich auf seine eigene Kraft angewiesen und die deutsche Bundes regierung, sowie die leitenden Staatsmänner thäten daher gut, wenn sie auf die Stimmungen und Wünsche der deutschen Nation etwas mehr Rücksicht nähmen, als sie in letzter Zeit gethan haben. Die Errungenschaften der letzten Kriege genügen nicht; zu der Macht muß die Freiheit kommen, ohne welche die erstere keinen Werth hat.

Von ofstciöser Seite wird mitgetheilt, daß unter den Dotirten sich keine prinzlichen Militärs befinoen. Nachdem nämlich der König von Sachsen eine Dotirung des sächsischen Kronprinzen verbeten hatte, ist auch die von der Reichs- tagscommisston so stark befürwortete Dotirung des Prinzen Friedrich Karl auf» gegeben worden.

Außer nach Wien ist auch nach Belgien eine Kündigung der mit Deutsch- land abgeschlossenen Telegraphenverträge ergangen. Es ist dies durchaus kein Act der Feindseligkeit, sondern es handelt sich dabei nur um den Plan, das deutsche Telegraphenwesen unabhängig von ausländischer Betheiligung einheitlich zu orga- nisiren und dann mit Oesterreich, wie mit den Niederlanden von Seiten Gesammt- deutschlanvs neue Telegraphenverträge abzuscblicßen.

Wir haben schon gemeldet, daß der Plan der Veranstaltung einer Münz- Enquete wieder ausgenommen worden. Dem Vernehmen nach wird der BundeS- rath die Enquete veranlassen, darüber zu berathen, ob 1) ausschließlich an der Silberwährung festzuhallen, 2) zur einfachen Goldwährung sofort überzugehen und 3) zur Doppelwährung überzugehen ist. Ee ist hierbei zu erwähnen, daß die aus Mitgliedern des deutschen Reichstages behufs selbstständiger Berathung der Münz­frage niedergesetzte Commission einen Gesetzentwurf zur Herstellung eines einheit­lichen Münzsystems für ganz Deutschland zur Vorlage schon für den nächsten Reichstag befürwortet hat und zur Durchführung der reinen Goldwährung ein UebergangSfladium für erforderlich hält, während dessen Dauer auf Grund des definitiv etnzuführenden Systems Goldmünzen in genügender Anzahl zu prägen sind und in einem festzustellenden Werthverhältniß zu den Silbermünzen als gesetz­liches Zahlungsmittel gelten.

In Bezug auf die Ehegesetzgebung, welche unseren Nachrichten zufolge in der nächsten Session des preußischen Landtages eine Rolle spielen wird, äußert sich auch dieSchlesische Zeitung" gegen die Einführung der fakultativen Eivilehe: War die Doppelstellung der Geistlichen als Diener der Kirche und als Civilstanvs- beamte des Staates bisher schon unhaltbar, so ist sie es fürder in einem Maße, daß die Remedur unabweislich ist. Brautpaare, von denen der eine Theil einer nicht anerkannten Religionsgemeinschaft beigetreten ist, der andere aber an dem Glauben festhält, in dem er aufgewachsen, können heutzutage in dem intelligenten und paritätischen Preußen eine Legalistrung der Ehe noch immer nicht erlangen. Diese himmelschreiende Ungerechtigkeit könnte sich unter den gegenwärtigen Ver- hältniffen sogar auf Katholiken übertragen, die inmitten insallibilistischer Gemein- den am alten Glauben festhalten und durch Exkommunikation isolirt werden. Aber auch abgesehen hiervon, darf das Recht der Eheschließung der infallibilistischen Geistlichkeit nicht fernerweit auf Vie Gefahr hin preiSgegeben fein, daß es zu um­liegenden Prelflonen mißbraucht oder auch nur bona fide benutzt werde. Die Civtlehe unter Ausschluß jeder Rechtswirkung der kirchlichen Trauung, also in obligatorischer Form, ist mehr denn je unabweisbares Bedürfniß; ihre nur fakul­

tative Einführung würde unbedingt zu socialen Mißständen führen. Daß daS religiöse Gefühl des Volkes durch die obligatorische Eivilehe nicht verletzt wird, zeigen die reichen Erfahrungen am Rhein. Niemand nimmt dort an der Eivilehe Anstoß, und nur in den allerseltensten Füllen kommt die kirchliche Einsegnung durch dieselbe in Wegfall.

Johannes Scherr ,stellt in derN. fr. Pr." folgende Betrachtung über die Lage Europas an< Es ist eine traurige Gewißheit, daß die Geschicke Europas noch lange von dem Vermögen oder Nichtvermögen der Franzosen, Deutschland abermals anzufallen, abhängen werden; aber cs ist eine Gewißheit. Träumer allerdings mögen wähnen, die Republik werde in Frankreich Bestand haben und werde ihren CitoyenS die Gloiresucht abgewöhnen und dieselben vom Größenwahn und Präponveranzschwinvel curiren. Kenner der Geschichte und der Völkercharactere rechnen jedoch nicht mit solchen Phantasmen, sondern mit Wirklichkeiten, und das Facit dieser Rechnung ist, daß die Franzosen all ihr Denken und Thun darauf concentriren werden, möglichst bald wieder Krieg mit Deutschland anzufangen. Selbst das Unwahrscheinliche, das Unmögliche vorausgesetzt, daß Frankreich eine Republik bliebe. Denn bekanntlich haben die Franzosen von R^publikaniSmuS, Demokratie und Freiheit ganz eigene, d. h. echt französische Begriffe. Demokratie ist ihnen die g.walttha'tige Willkürherrschaft der Menge, Republik die erobernde Expansivkraft ihre- Nationalität, kraft welcher sie andere Völkercivilisiren", d. h. auSbeuttn und unter die französische Schablone bringen möchten. Niemals werden die Franzosen <te große Wahrheit verstehen und sich aneignen, welche einer unserer edelsten Zeitgenossen, ein fester und bester Deutscher, Anastasius Grün, am 4. Juli dieses Jahres ici österreichischen Reichsrathe ausgesprochen hat:Freiheit ist nicht Genuß, sondern Arbeit, unausgesetzte Arbeit an den großen Culturaufgaben des modernen Staates." Nein, die Franzosen werden nicht zur Erkenntniß kommen, sonder» die altgewohnten Wege weiter wandeln, sobald sie wieder Halbwegs fest auf den Beinen sind. Und sic werden ihren Gang auch nicht ohne Bundesgenossen antreten, verlassen Sie sich darauf, lieber Freund! Es brauchen ja nicht gerade Staaten ihre Alliirten zu fein. Parteien und Banden thun es auch. Alle Zeichen deuten darauf hin, daß Frankreich in feinem gegen Deutschland beabsichtigten Rachekriege die schwarze und die rothe Bande zu Mitstreitern haben werde. Fran­zosen, Jesuiten und Communisten werden sich zusarnmenfindcn in dem ihnen allen gleich heiligen Zeichen der Schablone. Alle drei gehen ja aus auf die Schablo- nistrung der Gesellschaft, auf die Vernichtung des germanischen Individualismus, auf die Zerstörung der Entwicklung und Berechtigung freier Persönlichkeit.

Die Sprache der französischen Blätter wird täglich heftiger, je näher der Tag heranrückt, wo der Antrag Rivet'S zur Berathung kommen wird. Dor eini­gen Tagen sagte dieVerite", das Volk beginne überdrüssig zu werden bei dem Anblicke der Ohnmacht und politischen Unfähigkeit der Versammlung zu Versailles. Heute vergleicht dasselbe Journal die Mitglieder der Rechten mit den Croupiers eines Spielhauses und nennt die Versammlung die nationale Roulette. Die Cloche" ist nicht mäßiger. Sie sagt heute: wenn die Massen der Arbeiter unter der Republik nicht den Platz finden, der ihnen rechtmäßigerweise zukommt, so wer­den sie ihn von der Internationale fordern, und wenn man ihnen nicht die Frei­heit gibt, so werden sie sich an das Petroleum wenden. Solche Aussichten sind nicht geeignet, die Pariser Bourgeoisie zu beruhigen, besonders wenn man zu den Drohungen der radicalen Blätter die famosen Prophezeiungen hinzusügt, welche DerFigaro" veröffentlichte. Diese Prophezeiungen, welche alle Klatschweiber und alle Conciergen von Paris in Aufregung gesetzt haben, sagen voraus, daß Herr Thiers in sechs Monaten sterben, dazu ganz Paris von den Revolutionären der Internationale verbrannt werden und daß dann Frankreich eine andere Hauptstadt wählen wird. Der Graf Charnbord wird zum Könige proclamirt werden und das Land werde fünfundzwanzig Jahre des Wohlstandes in ununterbrochener Folge erleben. Die letzte Prophezeiung der Somnambule desFigaro" aber ist die erstaunlichste: Elsaß und Lothringen werden wieder französisch werden unter der Regierung des guten Henri V., ohne Krieg und ohne Blutvergießen. Diese Albern­heiten standen im Figaro vom 16. August und füllten eine lange Spalte diese- Blattes. Muß nicht der gesunde Sinn des Volkes sehr gelitten haben, wenn solche Geschichten die Bevölkerung einer Stadt von zwei Millionen Seelen aufregen können, die den Anspruch erhebt, an der Spitze Frankreichs und der Eivilisation marschiren zu wollen? Und diese Verwirrung der Gesinnungen und Intelligenzen besteht nicht allein in den Volksmaffen, sondern in der Presse, welche nach und nach die verderblichen Traditionen des zweiten Kajserthums wieder aufnimmt.

(Köln. Ztg.)

DemTemps" wird zur Widerlegung des CrmmentarS, welchen dieKrevz- zeitung zu den Vorgängen in Poligny gab, von dem Maire dieses Ortes folgende Depesche mitgetheilt, die demselben von der preußischen Behörde zugegangen ist:

Dijon, 16. August 1871. An den Herrn Maire von Poligny. Im Hin- blick auf Die frühere lobenSwerthe Aufführung der Behörde und Der Bevölk rung ihrer Stadt gegen die in derselben garnisonirenden Truppen, und da Die Stadt aus Anlaß des unglücklichen Attentats vom 2. d. M. ihre allgemeine Entrüstung nicht blos in Worten, sondern auch durch die That, nämlich durch eifriges Mit-