vor den rohen Horden bewahrt ist, mit welchen bei anderem Kriegsgeschick die auf so tiefer Stufe stehenden Provinzen des europäischen Frankreichs uns überschwemmt hätten? (K. Z.)
4 Die amtliche „Karlsruher Zeitung" begrüßt die Proclamation des deutschen Kaiserreichs mit folgenden ebenso schon empfundenen wie wahren Worten: (Der 18. Januar 1871.) Heute, an dem Tage, an welchem vor 170 Jahren Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg das preußische Königthum geschaffen, hat König Wilhelm I. im großen Saale des Schlosses von Versailles feierlich die deutsche Kaiserwürde angenommen. Der königliche Adler, der aus der fernsten deutschen Ostmark, noch außerhalb des gesunkenen deutschen Reiches, seinen glorreichen Flug begonnen, bereitet jetzt seine mächtigen Schwingen über das ganze Deutschland aus. Er schmückt sich mit einem neuen Symbol, zum Zeichen, daß das große Werk einer Geschichte ohne Gleichen vollbracht ist, aber nicht zu übermüthiger Störung der Nachbarn. Denn für das deutsche Kaiserthum wird das Wort zur Wahrheit, das in Frankreich eine Lüge gewesen: Das Kaiser- tyum ist der Friede! Gott segne Wilhelm I., den deutschen Kaiser!
DaS Kaiserthum ist der Friede! Damit steht nicht in Widerspruch, wenn die deutschen Staatsmänner im Hauptquartier jede Frievensvermittlung der Neu- traten perhorreScircn und nur direkte Verhandlungen zwischen Frankreich und Deutschland zulasten wollen. In der That schiebt den verschiedentlich angekün- tilgten und wohl auch gehegten VermittlungSwünschcn der Neutralen die heute vom Grafen Bernstorff veröffentlichte Erklärung einen festen Riegel vor. Der Gesandte in London hat vom deutschen Bundeskanzler die Weisung erhalten, „die Londoner Conferenz sofort zu verlassen, wenn die deutsch-französische KriegSsrage überhaupt in die Verhandlung gezogen werden sollte, also ganz abgesehen davon, ob der Vertreter Frankreichs die Vollmacht zu Verhandlungen über eine Abtretung französischen Gebiets habe oder nicht. Friedensverhandlungen könnten nur zwischen den kriegführenden Theilen stattfinden; die Londoner Conferenz sei kein Forum." Nur auf diese Weise kann verhindert werden, daß die Diplomaten wieder verderben, was das deutsche Schwert so trefflich gut gemacht; nur au diese Weise wird zwischen Frankreich und Deutschland ein gerechter, dem Sieger wie dem Besiegten genugthuender Frieden geschlossen werden. Wenn daher Herr Jules Favre, der endlich einen Geleitschein erbeten hat, in London mit Friedensvorschlägen zu reuissiren denkt, so täuscht er sich ; er braucht die weite Reise nicht zu machen, in Versailles ist der Ort, wo allein über den Frieden entschieden wird.
Kaum ist die Londoner Conferenz am 17. in ein zweifelhaftes Dasein eingetreten, als sie sofort wieder einschlummerte. Die Vertreter der Großmächte haben sich, nachdem sie sich in den Räumen des britischen auswärtigen Amtes zusammengkfunden und die einleitenden Formalitäten erledigt hatten, wieoer getrennt. Am 24. wollen sie wieder zusammenkommen und sehen, ob bis dahin ein Vertreter Frankreichs eingetroffen.
Die Nachrichten über das erste Lebenszeichen der Conferenz sind noch sehr unbedeutend. Die Formalitäten, die man am 17. erledigte, beziehen sich nur auf die diplomatische Etikette; die Erklärung über die Rechtsverbindlichkeit der bestehenden Verträge, die tn der ersten Sitzung aufgestellt werden sollte und für die besonders Oesterreich als Ritter ausgetreten war, ist nicht zur Sprache gekommen. War sie doch schon vor der Eröffnung der Conferenz bei den verschiedenen Ca- bineten auf den lebhaftesten Widerspruch gestoßen.
In Wien legt man, wie von dort gemeldet wird, großes Gewicht darauf, daß diese Erklärung, welche die Bedeutung eines europäischen Protestes gegen das einseitige Vorgehen Rußlands haben sollte, unter Mitwirkung des österreichischen CabinetS zu Stande kommen solle. Man war daher in Wien etwas überrascht, als daselbst eine formulirte Erklärung eintraf, die unter den Auspicien unter Antieren Englands, vom russischen Botschafter in London, Baron Brunnow, entworfen und in russischem Interesse gehalten war. Das österreichische Cabinet, welches tn der orientalischen Frage die Erneuerung der antirussischen Metternichs schen Politik sich zur Aufgabe gemacht zu haben scheint, soll diesen Entwurf rundweg abgelehnt haben, worauf unter den Cabinetten wieder lebhafte Verhandlungen über eine neue Formulirung begonnen, deren Basis der österreichische Entwurf bildete und die schließlich von den Mächten angenommen wurde.
Auch mit der Donaufrage und deren Anregung auf der Conferenz ist das österreichische Cabinet fortwährend lebhaft beschäftigt. Am 16. fand in Pesth unter dem Vorsitz des Kaisers eine Ministerconferenz statt. Der „Pesther Lloyd" plai- dirt mit Entschiedenheit dafür, daß das Dvnauregulirungswerk, namentlich bei Orsova, der österreisch-ungartschen Monarchie mit Ausschluß der europäischen Mächte Vorbehalten werde, damit auch die Vortheile der Regulirung der Monarchie aus- schließlich zu Gute kommen. Es scheint, daß bei jener Ministerconferenz eine entgegengesetzte Ansicht vertreten wurde, dahin gehend, daß an den Bestimmungen des Pariser Vertrages, wenigstens so lange nicht von anderer Seite ein Antrag gestellt wird, festgehalten werde.
Aus dem Rundschreiben Jules Favre's vom 12. geht so viel hervor, daß er die Conferenz durch fein bisheriges Ausbleiben und durch die Androhung der Fortsetzung desselben die Wichtigkeit und Nothwendigkeit Frankreichs fühlen lassen und eventuell zu einer Frievensvermittlung nöthigen will. Für jetzt hat sich die Conferenz aus dieser Colliston damit herausgeholfen, daß sie sich vertagt hat und es daraus ankommen lassen will, auch ohne den Vertreter Frankreichs zu berathen. Jener Nöthigung wird sie wahrscheinlich, gegenüber der noch roll ndcn Entscheidung durch die Waffen, nur das Gefühl ihrer Ohnmacht entgegensetzen können.
Wik dem „Daily Telegraph" aus Florenz gemeldet wird, ist daselbst der amerikanische General Sheridan angekommen. In osficiellen Kreisen circulirt das Gerücht, der Zweck von General Sheridan's Besuch an den verschiedenen Höfen von Europa, einschließlich des von Florenz sei, den Weg für die Intervention der neutralin Mächte zu Gunsten des Friedens zwischen Frankreich und Deutschland zu bahnen.
Der „K. Z." wird aus London vom 17. Januar geschrieben: Jules Favre scheint sich wie Gretchen bei der Botanik oder wie Gevatter Müller bet seinen Rcckknöpfen Raths erholt zu haben, ob er Paris verlassen soll oder nicht. Er liebt mich, liebt mich nicht, er kommt, kommt nicht, und am Ende erklärt er wahrhaftig, nicht kommen zu können, so lange Paris beschossen werde. WaS die Beschießung mit der Diplomatie zu thun habe, wie und was der Minister des Auswärtigen durch feine Gegenwart dagegen ausrichten könne, ist freilich schwer zu begreifen; ober das ist nun einmal der Grund, den er vorschiebt. Es ist der wahre nicht, das liegt auf der Hand. Favre wäre gekommen trotz des Bombardements, wenn ihm gestattet worden wäre, die Reise nach England in beliebigem Zickzack zu machen, Bordeaux und allenfalls auch Lyon, Havre und Cherbourg zu besuchen, oder noch lieber, wenn ihm ein freier Geleitschein ä volonte nicht vom
deutschen Hauptquartiere, sondern von den neutralen Mächten ausgestellt worden wäre. Der auf Ansuchen Lord Granville's bewilligte BiSmarck'sche Paß dagegen erschien ihm dir Würde seiner Stellung nicht angemessen und, da er außerdem geringe Aussicht hatte, die Conferenz zu Abschweifungen von der russisch-türkischen Frage zu bewegen, blieb er lieber daheim. Zum wenigsten für den Moment, wie es in seinem Rundschreiben heißt, in dem er unter Anderem die bedeutungsvolle Erklärung abgibt, daß er seinen früheren Standpunkt unverrückt festhalte, d. h. weder einen Fuß breit französischen Bodens noch einen Stein einer französischen Festung abzutreten gewillt sei. Von allem, was seine Depesche enthält, ist dieser Passus unstreitig der bemerkenswertheste und wird hoffentlich von allen jenen gewürdigt werden, die da meinen, daß die neutralen Mächte bei einigem Muth und gutem Willen jetzt schon im Stande wären, einen für beide Theile annehmbaren Frieden zu Stande zu bringen. Solchen Ansichten tritt die Erklärung Favre's so schroff wie nur immer möglich entgegen, und daß er auch der Conferenz so viel als in seiner Macht Hindernisse bereiten wolle, ergibt sich aus dem Umstande, daß er keinen Bevollmächtigten herüber schickt, nachdem er selber zu kommen ab- lehnte. Wenn er für sich nöthig hält, in Paris zu bleiben, hätte die französische Regierung an seiner Stelle doch einen anderen finden können. Sie kann doch um tüchtige Diplomaten nicht verlegen sein, wie um befähigte Generale. Es fehlt omit offenbar am guten Willen, und läugnen läßt sich nicht, daß die Conferenz an Bedeutung einbüßen muß, so lange der französische Beirath fehlt. Aus diesem Grunde dürfte auch die einleitende erste Sitzung nicht über Förmlichkeiten hinaus- gegangen, soll die zweite auf einen späteren Termin angesagt worden fein, als unter anderen Verhältnissen der Fall gewesen wäre. Im Uebrigen sind, wie die „Times" versichert, die beteiligten Machte über die Hauptfragen unter sich einig und würden, wie die „Post" sagt und wie sich von selbst versteht, sämmtliche Con- ^renzprotokolle der französischen Regierung vorgelegt werden, wenn sie bis zum Schlüsse keinen Bevollmächtigten hierher entseudew sollte. In Abwesenheit eines olchen beschlossen unsere Arbeiter-Demokraten in einer gestern Abend abgehaltenen Sitzung, daß die Mühe, die sie sich für einen feierlichen Empfang Jules Favre's gegeben haben, nicht verloren fein dürfe, und daß statt dessen zu Anfang der kommenden Woche auf Trafalgar-Square um 3 Uhr Nachmittags eine große Kundgebung zu Gunsten der sranzösichen Republik stattfindcn solle. Für diese wollen te die bisher getroffenen Empfangsanstalten verwerthen, die Musikbanden, Fahnen und auch die „geschändete englische Flagge", trotzdem sie die angebliche Schändung längst durch beeidete Aussagen in Abrede gestellt wurde.
Kriegsnachrichten.
Berlin, 17. Jan. Dem Vernehmen nach ist in naher Zeit eine weitere Ausdehnung unseres artilleristischen Angriffs auf Paris zu erwarten. Es sollen dazu schon sehr umfassende Vorbereitungen im Gange sein. Dann dürste namentlich auch das rechte Seine-Ufer mehr in den Bereich des deutschen Feuers gezogen werden. Die Angaben englischer Blätter über die mehr hervortretenden Wirkungen des Bombardements auf die Bevölkerung der französischen Hauptstadt werden hier auf Grund anderseitiger Wahrnehmungen vollkommen bestätigt.
Versailles, 17. Jan. (Telegr. der „Times".). Heute Morgen war Thauwetter. Die Forts und Batterien schweigen. Ein Parlamentär geht heute mit neuen Nachrichten und Briefen von Wichtigkeit nach Paris. Graf Bismarck ist viel besser, aber noch immer nicht ganz wohl. Nachschub von Kanonen und Munition kommt schleunigst. Am 15. sandte General Trochu einen Parlamentär mit einem Briefe an Graf Moltke, um gegen die Zerstörungen, die das Bom- bardement an Schulen und Hospitälern anrichtet, zu protestiren. Gras Moltke antwortete geltem, daß nur der Nebel und die große Entfernung schuld seien, wenn solche Gebäude getroffen würden; sobald die Batterien näher gerückt fejn würden,, könnten die Kanoniere ihr Ziel genau unterscheiden.
Bern, 1-L Jan. Dem „Bund" wird aus Pruntrut vom 19. Jan. tele- graphirt: Gestern verjagten die Deutschen die Franzosen aus allen französischen Grenzortschasten. Die Bevölkerung fluchtet bei Damvant auf Schrveizerboden.
Hamburg, 17. Jan. Die „Hamburger Nachrichten" melden aus Martinique, vaß das preußische Kanonenboot „Meteor" von dem französischen Kriegsdampfer „Talisman" am 24. December aufgebracht wurde.
Offtcielle militärische Nachrichten.
Versailles., 20. Januar. Graf d'Herifson wurde angeblich von General Trochu beauftragt, einen Waffenstillstand von 2 8 Stunden zum Begraben der Todten beim Kronprinzen zu beantragen.
Er hat mündlich die Antwort erhalten, daß die Befehlshaber der Vorposten in gleicher Weise, wie bei jedem früheren Gefechte, auf dem Raume zwischen beiden Linien sich dahin zu verständigen -aben, vaß jeder Verwundete unter gegenseitigem Beistände in Sicher- leit gebracht werde; auf Waffenstillstandsanträge, die darüber hinausgingen, könne diesseits nur eingegangen werden, wenn sie schrift- ich vorliegen.
Der Kaiserin und Königin in Berlin.
Versailles^ 21. Jan. Der Feind hat sich gestern Vormittag ganz nach Paris zurückgezogen; vor St. Cloud wurden noch 15 Of- uiere und 250 Mann zu Gefangenen gemacht.
Bei St. Quentin beläuft sich die Zahl auf 9000 unverwundete Gefangene, über 2000 Blessirte in der Stadt exel. der in der Umgegend befindlichen, und der Todten, so daß gewiß ein Verlust von 15,000 Mann anzunehmen ist. Der Feind ist bis Valcnciennes und Douai zurückgegangen und besetzte Cambrai wieder.
Wilhelm.
V ersailles, 21. Januar. Gegen Paris wurde die Beschießung in den letzten Tagen ununterbrochen fortgesetzt. Am 21. eröffnete die Belagerungsartillenie das Feuer gegen St. Denis.
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