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Gießener Anzeiger
Anzeige- und Amtsblatt für den Areis Hießen.
Dienstag den 24. Januar
8871.
Nr. 20.
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Erscheint täglich, mit Ausnahme MontagS.
Erpedition : Canzleiberg Lit. B. Nr. 1.
Preis vierteljährig 1 ff- fr- mi t Bringerlohn. Dnrck die Poft bezogen vierteljährig 1 ff. 27 fr.
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Amtlicher Theis.
Bekanntmach u ii g.
Betreffend: Uebereinkunft mit dein Königreich Italien wegen gegenseitigen Schuhes der Rechte an literarischen Erzeugnissen und Werken der Knust.
Nach einer Mitthcilung der Königlich Italienischen Gesandtschaft am Großherzogtichen Hof sind bei den Einträgen und Veröffentlichungen der von deutschen Verlegern in Gcmaßieit des Art. 3 der Litcrarconvention vom 12. Mai 1869 (Regierungsblatt Nr. 25 von 1870, S. 363) zu Florenz auf dem Königlich Italienischen Ministerium des Ackerbaues, der Gewerbe und des Handels behufs Erlangung des Literaturschutzes in Italien angemeldctcn mnsikalifchen Werke mehrfach Mißverständwissr und Verwechslungen vorgckommen, zu deren künftiger Vermeidung die Königlich Italienische Regierung den bctheiligten Verlegern empfikblt, den betreffenden 2linneldnngcn dcutscber Werke auf einem besonderen Blatt eine Ucbersctznng der Titel derselben in Italienischer oder Französischer Sprache bcizusngcn. .
Wir bringen dieses zur Kenntnißnahme der betreffenden Verleger unter dem Anfügen, daß es ini Jntcrcffe derselben liegen durfte, sich bei ihren Anmeldungen eines in unserem Bureau zur Einsicht offen liegenden Formulars zu bedienen.
" Gießen, den 18. Januar 1871. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
In Verhinderung des Kreisraths:
Kekule, Kreisassessor.
Politischer T h e i l.
23. Januar.
Eine Dorfgeschichte der großen Nation.
Nack vereinzelten scheußlichen Erscheinungln tarf man kein ganzes Land be- urthcilen. Es wäre ein hockst voreiliger Schluß, an dm Verbrechen eines Dr. Palmer, eines Timm Tbode oder eines Traupmann die moralischen Zustände der Völker erkennen zu wollen, denen diese Ruchlosen angehörten. Ein Anderes oder ist ek^qxcnn die empörendsten Gräuelthatrn nicht von einem vereinzelten Menschen, foni von säst einer ganzen Gemeinde ausgehen; da muß doch in rem Leben der Suiten ein sehr dunkler Punkt sein. Was uns zu dieser Bemerkung man- laßt, ist ein Prcceß, der im verflossenen Monat ir Pöriguevx vor dem Schwurgerichte der Dcrdogne verhandelt worden ist. Die Unthat, welche der Gegenstand der Untersuchung war, ereignete sich gerade während der blutigen Schlachten vor Metz und ist damals, in den ersten Wochen des Riesenkampses, wahrscheinlich wenig zur öffentlichen Kenntniß vorgedrungen. Wir erzählen sie nach dem Anklage- act, der sich durch die Aussagen der Zeugen und die schließliche Bestrafung der zwanzig Angeklagten (nur einer von 21 wurde freigesprochen) als eine richtige Darstellung der Thatsachen bewährt hat.
Am 16. August, dem Tage des Jahrmarktes in Hautefaye, einem Orte des Departements der Dordogne, erschien gegen Mittag der Gutsbesitzer und beige- ordnete Bürgermeister von Beaussac, Herr Alain de Moneys, auf dem Markte und unterhielt sich mit einem Bekannten über Wahl-Angelegenheiten. In der Nähe erhob sich ein großer Tumult; man sagte, daß Herr de Maillard, ein Detter des Herrn de Moneys, auSgerusen habe: „Nieder mit Napoleon! Es lebe die Republik!" Mit einem gewissen Brvthenour näherte Moneys sich der aufge- regten Menge, und Br^thenoux rief derselben zu: „Diejenigen, welche gehört haben, daß Herr v. Maillard gerufen hat: „Es lebe die Republik! Nieder mit Napoleon!" werden gebeten, die Hand aufzuhcben!" Mehr als zwanzig Hände erhoben sich; aber zugleich stürzte die Menge sich auf Herrn v. Moneys (welcher als Orleanist Mannt gewesen und außerdem wegen seines ReichthumS viele Neider gehabt zu haben scheint) und schlug mit Stöcken auf ihn loS. Vergebens suchte der Angegriffene, schon blutend, seine Gegner durch den Ruf: „Es lebe Napoleon!" zu entwaffnen; aber wie ein Zeuge sich auSdrückt, einer Armee gleich stürzte das Gesindel von Neuem auf ihn los, mit dem Geschrei: „Schlagt ihr« todt!" Einige muthige Freunde drängten sich zu ihm durch, um ihn in die Wohnung des Bürgermeisters zu führen, welch letzterer, mit seiner Schärpe umgürtet, herausgetreten, jedoch zu bange war, sich einzumischen. Aber die Menge schleppte rhr Opfer an dem Hause vorbei zu einem Kirschbaume, an dem sic ea aufhängen wollte. Der Pfarrer, der, einen Revolver in der Hand, zum Schutze des Unglücklichen erschien, wurde mit Stockschlägen vertrieben. Dor einer dem Bürgermeister gehörigen Schmiede schlugen zwei Brüder Eampot und ein gewisser Leonard unter dem Geschrei: „Er hat gerufen: „Es lebe Preußen! Es lebe die Republik!" Schlagt den Hund todt!" den Armen mit eisenbefchlagenen Stöcken zu Boden und schleppten ihn in einen Schasstall. „Er ist ein Preuße! Verbrennt den Kerl!" und „Warte, du hast in schönen gebahnten Zimmern gespeist, jetzt sollst du einmal hier den Stall kennen lernen!" riefen sie aus.
Ein Theil der Meute zog von hier vor das Pfarrhaus, unter Todesdrohungen gegen den Geistlichen, der sie von der Gräuelthat hatte abhalten wollen. Der Pfarrer beschwichtigte die Kerle mit einem Faß Wein und trank mit ihnen auf das Wohl des Kaisers. Die Zurückgebliebenen stießen den halbtodten Moneys unter unablässigen Mißhandlungen aus dem Stalle in eine Scheune, wo sich die ganze Bande bald wieder zusammen fand. Die Wirthshäuser waren dicht voll Menschen. Einige Männer, entrüstet über die Schandthat, versuchten eine Schaar zur Befreiung des Armen zu sammeln; aber vergebens, Niemand folgte der Aufforderung.
Unterdessen schlugen und stachen Eampot, Morguet, Feyton, Lochelle, Liquoine, Sarlat, Moziöre und wie die Ungeheuer alle Heeßen, auf Moneys los, schleppten
ihn an den Beinen über einen steinigen Weg, so daß der Kopf, eine Blutmaffe, ortwährcnd ausprallte, bis an das Ufer eines ausgetrockneten Teiches und häuften dort Holz und Strob über ihm zusammen. Der Gemarterte lebte noch! Zu sprechen vermochte er nicht mehr, aber die Brust athmete noch schwer auf: „Er muß den Tod auf dem Scheiterhaufen wobl eine Viertelstunde vorher empfunden haben", sagte ein Zeuge aus. Chambort und Eampot sprangen auf den Holzstoß und „Es lebe der Kaiser! ' schreiend stießen sie ihr Opfer mit Füßen. Campoe g.ib einen Sou, damit man Zündhölzer kaufe; „Legt das Feuer an, meine Kinder!" rief er dm anwesenden Knaben zu, „tie Jüngsten müssen es fein, die ibn ver> brennen". Und so geschah es. Zwei Jungen von 12 bis 16 Jahren zündeten ten Scheiterhaufen -an; die Rauchwolke stieg hoch auf. Als die Flamme den Körper erfaßte, zuckte derselbe in der letzten Bewegung zusammen; das Opfer Otr teuflischsten Bosheit halte geendet. Um die Brandstätte gab sich eine wilde Freude kund; die Einen schürten das Feuer; Andere zündeten sich Eigaretten daran an. „Seht, wie schön das brät!" bemerkte Einer; ein Anderer bedauerte, daß all das schöne Fett verloren sei. Als die Flamme erlosch, räumten die Unmenschen die Asche fort und weideten sich an dem Anblicke des verkohlten Körpers.
Dian fühlt sich versucht, zur Ehre der Menschheit den Aussagen selbst der Augenzeugen zu mißtrauen; aber der Befund des an Ort und Stelle gesandten GerichtSarzteö sagt mit schrecklicher Klarheit: „Der Leichnam lag fast ganz verkohlt auf dem Rücken; das Gesicht gen Himmel gewandt, die Züge in Schmerz verzerrt."
Die Urheber der kannibalischen That gingen nach Hause zurück und rühmten sich laut des Anthcils, den sie daran genommen. „Wir haben in Hautefaye ein famoses Schwein gebraten", sagten Einige. Sarlat behauptete, daß sie Anspruch auf eine Belohnung von Seiten der Regicrung hätten. Ehambort erzählte, wie er dm Holzstoß errichtet habe und bedauerte nur, daß er einem Bauer für fort- geschlepptcc Stroh dreizehn SouS habe zahlen müssen; und das Schrecklichste, die Kinder stritten sich zornig darum, wer von ihnen die meiste Hülfe geleistet habe. „Es gicbt keine Gesetze mehr; jetzt kann man einen Adeligen tobten wie eine Fliege, oder wie man ein Huhn abschlachtet!" „Wir werden nock Viele um- bringen!" Das waren die Gesinnungen, welche man am Abend im Dorfe laut werden ließ.
Der Gerichtshof hat vier der Angeklagten zum Tode, sechszcdn zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurtheilt.
Welche Probe der „noble et gönereuse nation“, der „nation la plus civilisde“, wo vor den Augen einer großen, zu außergewöhnlicher Festgelegenheit zusammengiströmteu Volksmenge und unter Betheiligung eines großen TheileS derselben ein Mensch zu Tode gemartert und verbrannt werden kann! DaS*Departe- ment der Dordogne, nicht allzu weit von dem jetzigen Sitze der Rtgiernng gelegen, gehört freilich zu den Landschaften Frankreichs, welche auf der bekannten, ric verhältnißmäßige Höhe der Schulbildung darstellenden Karte noch am dunkelsten schatt,rt sind; aber an gleich schwarzen Partieen ist im mittleren Frankreich über- Haupt kein Mangel. Daß mit der Bildung auch der moralische Gebalt, wenn nicht immer des Einzelnen, fo doch der Völker, ziemlich gleichen Schritt hält, ist eine kulturgeschichtliche Erfahrung, gegen die nur noch Wenige sich auflehnen werten und für die das V rbrechrn in der Dordogne als ein n uer Beleg gelten darf. Und ein Land, in welchem solche Zustände bestehen können, soll für die republikanische Staatssorm reif fein ? Wir zweifeln allerdings nickt, daß jene Menschen, die damals jeden Widersacher des Kaisers todtschlagen wollten, jetzt in ähnlicher Weise kurzen Prozeß machen würden mit denen, die nicht in den Ruf einstimmen: „Es lebe Gambettal", und wahrscheinlich dient mancher nicht über- führte Genosse der aus faiiatifirtem Imperialismus hervorgegangenen Unthat gegenwärtig unter den Fabnrn der Republik. Mau hat ost von dem großen Glück gesprochen, daß die afrikanischen Franzosen, die Turkos, nicht über unsere Gränzen gedrungen seien; sollen wir uns nicht eben so glücklich preisen, daß uns r Land


