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Gießener Anzeiger.
Erscheint täglich, mit Äu» nähme MontagS.
Expedition: Canzleiberg ßiL B. Nr. 1
Anzeige- und Amtsblatt für den Areis Kielen.
Ne. 217. Dienstag den 19. September 1871.
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Bekanntmachun g.
H. C. Bingmann zu Ach hat die seither für die Hauptagenrur Joseph Strigler's Wittwe in Mainz geführte Unteragentur zur Beförderung vou Auswanderer« niedergelegt. Ansprüche an denselben aus seiner deßsallsigen Geschäftsführung sind daher binnen sechs Monaten vom ersten Erscheinen dieser Bekanntmachung in der Darmstädter Zeitung an gerichtlich geltend zu machen und hierorts anzuzeigen, widrigenfalls die gestellte Caution nur für die aus der Uebernahme einer anderweitigen Unteragentur entspringenden Verbindlichkeiten des H. C- Bingmann als haftbar betrachtet wird.
Gießen, den 11. August 1871. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. S t a r ck. (3523)
Polit i f ch
18. September.
f Mehrere Blätter wollen aus vem Umstande, daß keine Allianz zwischen Oesterreich und Deutschland abgeschlossen, folgern, daß überall nur ein JdcenauS- tausch zwischen den leitenden Staatsmännern in den beiden Neichen stattgcfunven und daher die Zusammenkünfte in Gastein und Salzburg keineswegs die Bedeutung hätten, welche man ihnen fast von allen Seiten zulege. Indessen, wer birgt uns denn dafür, daß keine Allianz zu Stande gekommen? Ist es denn durchaus nöthig, daß der Inhalt des Allianzvertrags nach seinem Abschlüsse sofort Jedermann zur Kenntniß gebracht wird, und hat nicht die klare Kenntniß der Gemeinsamkeit der Interessen der beiden contrahirenden Staaten einen ungleich höheren Werth als ein paragraphirter Allianzvertrag? Endlich hat man behauptet, die Schwankungen in der inneren österreichischen Politik und die reactionäre Richtung der letztem ständen einem dauernden Bündnisse zwischen Oesterreich und Deutschland als ein bedeutendes Hinderniß entgegen, so darf wohl darauf hin- gewiesen werden, daß, welche Richtung auch immerhin in Oesterreich die Oberhand habe, Vie Allianz Deutschlands mit Oesterreich eine Existenzfrage für letzteres unter dcn heutigen Verhältnissen ist. Oesterreich wird fortan die europäische Politik der deutschen Bundesregierung mit aller Energie unterstützen, nicht blos, weil Deutsche land den Frieden will, sondern weil es die Ueberzeugung erlangt hat, daß Deutsch land die Fortexistenz und Integrität Oesterreichs als ein deutsches und europäisches Interesse anerkannt. Deutschland zieht aber uti6 der Allianz mit Oesterreich den enormen Vortheil, daß der „französische Rachekrieg" nicht bloö auf eine Reihe von Jahren h-nauSgeschoben wird, sondern daß er überhaupt unmöglich wird. Mag also nun ein förmlicher Allianzvertrag zu Stande gekommen fein oder nicht — die Begegnung in Salzburg bleibt immer ein weltgeschichtliches Erciguiß. Denn wenn anderthalb Millionen Streiter nach einer bestimmten Richtung hin zu Erreichung positiver Zwecke im gegebenen Falle in Bewegung gesetzt werden können, so haben die darauf hinztelenden eventuellen Vorbereitungen schon eine unabsehbare Tragweite. Jedenfalls ist die Machtstellung der europäischen Staaten auf lange Jahre hinaus in Gastein und Salzburg entschieden.
Die Bedeutung der Salzburger Zusammenkunft kann selbstverständlich nur in der Befestigung des europäischen Friedens gesucht werden, in der Verhinderung einer Friedensstörung von Seiten Frankreichs. Man kann auch noch weit.r gehen und behaupten, daß die Spitze dieser Begegnung nicht blos gegen Frankreich, fon- Vern auch gegen Rußland gerichtet sei, was insofern richtig ist, als noch vicfc letztere Macht ihre orientalischen Plane auf Jahrzehnte hinaus vertagen müßte, wenn Deutschland und Oesterreich entschlossen sino, in den europäiscyen Fragen zusammenzugehen. Völlig verkehrt ist aber die Annahme, die soeialistifche Bewegung unserer Tage könnte durch die Abmachungen oder Besprechungen in Gastein irgend beeinflußt werden, die der Regelung der socialen Frage gegolten häuen. Es darf vielmehr mit Bestimmtheit behauptet werden, daß Fürst Bismarck und Graf Beust sich wohl im Allgemeinen der Gefahren des Socialismus bewußt sind, indessen den politischen Zuständen dieses Welttheils immer doch noch eine weit größere Aufmerksamkeit zuwenden, als der socialen Bewegung, welche sie als eine „beachtenswerthe Erscheinung", eventuell als eine Gefahr, aber doch keineswegs als eine weltgeschichtliche, die innere und auswärtige Politik der auswärtigen Staaten vorzugsweise bestimmende Bewegung betrachten. Man darf also durchaus nicht auf einen besonderen Eifer jener Staatsmänner schließen, den Socialismus als einen berechtigten Factor anzuerkennen, mit ihm unter allen Umständen zu rechten und den Staatsgewalten die Punkte in den Forderungen des Socialismus zu bezeichnen, die als annehmbar von Seiten des Staats betrachtet werden können. Es ist also noch gar kein Operationsplan weder von Setten Oesterreichs noch von Seiten Deutschlands weder gegenüber der „Internationalen", noch gegenüber der socialen Bewegung überhaupt angenommen. Unsere Regierungen sehen überhaupt noch nicht klar in dieser Sache, die ihnen im Allgemeinen nocb zu neu erscheint, um sich für em bestimmtes Vorgehen nach der einen ober andern Richtung entscheiden zu können. Die meisten unserer Staatsmänner reden noch mit Achselzucken von Socialismus und bekennen ganz offen, daß ihnen die Forderungen desselben unklar seien; höchstens führen sie die Bewegung auf die allgemeine Unzufriedenheit der niederen Stände mit ihrer materiellen Lage, auf den Materialismus unserer Zeit u. f. w. zurück. Sie sind größtentheils unfähig, eine richtige Diagnose in der socialen Frage zu stellen und können daher auch bie Mittel nicht kennen, mit welchen man den socialen Nothstand zu beseitigen hat.
er T h e i l.
General v. Manteuffel wird sein Hauptquartier demnächst nach Nancy verlegen. Wie man hört, ist zwischen dem Armee-Intendanten Engelhardt und dem französischen Jntendantur-Delegirten in Compicgne ein Abkommen getroffen, wel- cheS der französischen Regierung schon vom 1. Oktober o. I. ab Vie Besugniß zuerkennt, die noch in Frankreich verbleibenden deutschen Besatzungstruppen auf eigene Rechnung mit den festgesetzten Nahrungsmitteln zu versorgen, während im AusführungSvertrage zu den Friedenspräliminarien der Termin zu dieser Vergünstigung bekanntlich erst zum 1. Januar 1872 festgesetzt war. In Folge dieser Aenverung müßten Vie Verträge mit Vem Lieferantenconsortium, welches die Verköstigung in Generalentreprise genommen hatte, vom 1. October ab aufgehoben werden.
lieber die Wahlen und überhaupt über die traurige Lage Oesterreichs schreibt die „Zeitung für Norbdeutschland": „In erster Linie hat sich die Negierung durch ihre ganze Politik wie durch einzelne Mißhandlungen die einzige Nationalität, in welcher der Reichsgedanke lebendig war, Vie veutsche, gründlich entfremdet. Die deutsch-österreichische Presse athmet einen grimmigen Haß gegen das Ministerium Hohenwart, und man muß gestehen, daß sich in dem eben beendeten Wahlkampfe vie ob ihres Phäakenthums verschrieenen Deutsch-Oesterreicher, erschreckt durch Vie drohende Gefahr, zu bisher nie gekannter Energie aufgerafft und tapfer um den Sieg gerungen, daß sie Drohungen wie Schmeicheleien der Negierung mannhaft widerstanden haben. Ja, es bewahrheitet sich jetzt sogar, was wir an dieser Stelle schon oft als Folge der Hohenwart'schen Politik vorhergesagt, daß nämlich die Deutschen, sich ganz auf den Standpunkt der übrigen Nationalitäten stellend, dcn Neichsgevanken in den Hintergrund treten lassen und nur noch an den Schutz und bas Interesse ihres eigenen Hauses denken werden. Offen spricht es ein großer Thcil der liberalen Presse aus, daß man von den anderen Nationalitäten hinreichend gelernt habe, wie der Regierung Concessionen abzutrotzen seien. Man werde, wo es irgend thunlich sei, aus Landtagen und Abgeordnetenhaus en mässe austreten, um verfassungsfeindliche Beschlüsse zu hindern oder wenigstens die Regierung in Verlegenheit zu bringen, und so lange nicht mehr mitspielen, bis man seinen Willen durchgesetzt habe. Nun wird freilich den Deutsch-Oesterreichern vielfach vorgehalten, baß cs ihrer nicht würbig sei, den Czechen und Polen nachzuahmen, aber bei näherer Betrachtung stellt sich ihr Grimm und ihr Uederdruß doch als ziemlich natürlich heraus. Sie seh. n in den slavischen und romanischen Provinzen ihre StammeSgenoffen in wirklich feindseliger, erbarmungsloser Weise der rohen, nichtdeutschen Majorität überantwortet, so daß z. B. die 600,000 Deutschen in Mähren durch weniger Abgeordnete tm Reichörathc vertreten fein werden, als die verlumpte Einwohnerschaft der dünn bevölkerten Bukowina und Dalmatiens. Sie sehen vernichtet und den Slaven preisgegeben, was deutscher Fleiß und deutsche Eultur im Osten geschaffen: die Universität zu Lemberg und zahlreiche von ihren StammeSgenoffen gegründete städtische Schulanstalten. Und alles das vollzog sich nicht durch die natürliche Schwerkraft der Nationalitäten, sondern mittels eines kaltblütig angelegten, konsequent durchgeführten Planes der Regierung, in welch r sie nun ihren nationalen Erbfeind erblicken.... Allerdings, nun, nachdem cs einmal mit Vem Dualismus nicht weiter gehen will, muß man sich, um dem Chaos zu entrinnen, an ein anderes Experiment wagen, und dasselbe soll dieses Mal offenbar in der Durchsührung des Föderalismus bestehen. Hiervon aber kann man wohl sagen, daß noch nie ein gefährlicheres Experiment unter gefährlicheren Umständen an dem österreichischen Staatskörper vorgenommen wurde. Mißlingt das gegenwärtige Experiment, das man wohl als einen letzten Versuch bezeichnen darf, so wird sich Oesterreich in größerer Zerrüttung als jemals befinden. Es wird feine Feinde im eigenen Haufe gekräftigt und alle die Stützen, welche Veutsche Eultur in slavischen Boven gesenkt, vernichtet, ven Reichsgedanken allenthalben ausgerottet finden, und was dann bleibt, ist nichts mehr als das graue Elend des Absolutismus. Aber selbst dieser ist kaum mehr denkbar, Venn zum Regieren braucht man Geld, und wer wird, selbst jetzt schon, noch während der föderalistischen Periode, einer österreichischen Regierung Crebit schenken wollen, die mit ihren fleißigsten, wohlhabendsten und civilisirtesten Untertanen, dcn Deutschen, gänzlich zerfallen ist und deren verfassungsmäßiger Garantieen für ihre Anleihen entbehrt?" Wir fürchten, diefe Schilderung der Lage des Reiches ist ziemlich treu. Die deutschen Feudalen, welche die verfassungSfeindlichen Slaven seither unterstützt und die Schwierigkeiten der früheren verfassungstreuen Regierung vermehrt haben, werben wahrscheinlich in nicht ferner Zeit ihre Verblendung bereuen.


