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Oitlmm Anzeiger.
Erscheint täglich, mit A«se nähme Montags.
Expedition: Canzletberg Lit. B. Rr. 1.
Anzeige- und Amtsblatt für den Areis Kießen.
Nr. IS. Mittwoch dm 18. Jamm 1871.
Amtlicher T h e i l.
Giehen i am 13. Januar 1871. «etreflmd: Vacante Krankenwärterftellen in der Grobherzoglichen Landes-Irrenanstalt.
Das Grotzherzogliche KrrisamI Girssen
an dir Grofihkr^ogiichrn Dürgermeilierrirn drs Krrises.
Nach einer Mittheilunq der Großherzoglichen Direction dec Landes-Irrenanstalt zu Heppenheim sind in der genannten Anstalt gegenwärtig mehrere Krankenwärterstesteu zu besetzen. Der Jahrgehalt beträgt neben freier Station und kleineren Emolumenten, 150 fl. baar und wird vorzugsweise auf unverhetrathete kräftige Männer von 23 bis 35 Jahren, die sich durch sittlich s Benehmen, Anstelligkeit und gefälliges Aeu^jL auKzrichnen und genügende Kenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen besitzen, reflectirt.
Sie wEe^bre^lttgehörigen Ihrer Gemeinden, die zur Uebernahme dieser Stellen genetgt sein könnten, hierauf mit dem Anfügen aufmerksam machen, daß Anmeldungen nebst Zeugnissen zunächst brieflich an die Direction der Landes-Irrenanstalt zu richten sind.
Dr. G o l d m a n n.
Politischer T h e i l.
17. Januar.
Die „Provinzial-Correspondenz" schreibt über das republikanische Frankreich und die Londoner Conferenz: „Nach den Waffenstillstantsverhandlungen, welche Graf Bismarck im September vor. I. mit dem Pariser Minister Jules Favre gepflogen hatte, wurde Seitens der republikanischen Negierung behauptet: Graf Bismarck hobt die Absicht geäußert, Frankreich zu einer Macht zweiten Ranges herabzudrücken. Eine solche oder ähnliche Aeußerung war nun, wie sich bald ergab, von Gras Bismarck keineswegs gethan worden. Es war virlmehr nur die völlig unberechtigte Auffassung der französischen Regierung selber, daß Frankreich, wenn ihm irgend eine Landabtretung zugemuthet werde, von seinem Range als Weltmacht hcrabsteige. Was aber die deutsche Politik nicht gefordert und nicht erstrebt hatte, das hat Frankreich sich selber angethan: die republikanische Regierung, welche sich aus eigener Macht eingesetzt hat, unter dem Vorwande, Frankreich zu retten, hat das unglückliche Land so tief zerrüttet und zu solcher politischen Ohnmacht gebracht, daß dasselbe fürs Erste auf jeden Einfluß gegenüber den Weltereignissen verzichten muß. Hiervon giebt das Verhalten der jetzigen Machthaber in Frankreich in Bezug auf die bevorstehende Conserenz über dir An gelegenheit des schwarzen Meeres Ziugniß. Die Aufforderungen zu der Conferenz, welche demnächst in London stattfinden soll, sind Seitens der englischen Regierung ergangen und auch an die gegenwärtige französische Negierung in Paris gelangt. Diese schi<n von vorn herein bereit, der Aufforderung Folge zu leisten. Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Hr. Jules Favre in Paris, wollte selbst an der Conferenz THOl nehmen, zu welchem Zweck ihm von dem deutsche Hauptquartier freies Geleite zugesichcrt wurde. Auf Seiten der republikanischen Die- gierung waltete dabei zunächst wohl der Hintergedanke ob, durch die Detheiligung an dieser europäischen Bcrathung zugleich eine ausdrückliche Anerkennung der Republik Seitens der Mächte zu erreichen. Hierzu konnte jedoch nirgends eine Bereitwilligkeit vorhanden sein, aus dem sehr einfachen Grunde, weil man eine Re- gierungsform nicht anerkennen kann, die in dem betreffenden Lande selbst gar noch nicht erklärt und anerkannt ist. Die Republik hat in Frankreich bisher noch keine gesetzliche Begründung; — die bisherigen Machthaber haben jeden Schritt von der Hand gewiesen, ter zu einer solchen Begründung hätte führen können; sie haben ihre augenblickliche Macht ausdrücklich nur für die Vertheidigung und Net- tung des Vaterlandes in Anspruch genommen: wie können sie verlangen, daß Euröpa in seiner Anerkennung weiter gehe, als es Frankreich selbst bisher zugemuthet worden ist? Nachdem die französische Negierung sich überzeugt hatte, daß sie für die Förderung ihrer eigenen Interessen vermittelst der Eonscrenz wenig Aussicht habe, scheint ihre Geneigtheit zur Betheiligung an derselben mehr und mehr geschwunden zu sein. Die Gründe freilich, welche in französischen Blättern für diese Enthaltung geltend gemacht werden, können die wirklich n oßgcbenden und entscheidenden Beweggründe nicht sein. Es wirr einerseits angedeuNt, daß Jules Favre sich in dem gegenwärtigen wichtigen Zeitpunkte nicht von der Pariser Regierung entsernen könne; andererseits werden Bedenken dagegen erhoben, daß der französische Abgesandte verniöge des angebotenen freien Geleits gleichsam nur durch die Gunst des feindlichen Hauptquartiers die Zulassung zur Conferenz erlangen solle. Beide Gründe, falls sie ernstlich ins Gewicht fielen, würden ja einfach dadurch erledigt werden lönmn, daß ein anderer gegenwärtig nicht in Par'S eingeschloffener Politiker zur Conferenz entsandt würde. In dem bedeutendsten englischen Blatte dagegen dürfte ein Hinweis auf den wirklichen tieferen Grund der Zurückhaltung Seitens Frankreichs zu finden sein: i aml'ch die Be- sorgniß der französischen Negierung, daß ihr Vertreter aus der Conferenz ini gegenwärtigen Augenblick zumal dem Veitreter Deutschlands gegenüber e*ne pein- lißf Rolle spielen würde. „Mit welchem Vertrauen (heißt es) würde er die Ansichten einer Negierung vertreten können, deren Mitglieder in dem Augenblicke, wo er seine Stimme erhebt, bereits Kriegsgefangene fein können"? Das englische Blatt will das Gewicht dieser Gründe nick t durehuus bestreiten, mahnt aber Frankreich, um seiner Zukunft willen, au- feintn Platz in der Conferenz nickt zu verzichten, da weder zu wünschen, noch irgend zu glauben sei, daß Frankreichs Einfluß für alle Zeit vernichtet werden solle. Diese Betrachtungen und Mahnungen
sind um so lehrreicher, als sie von einem augenscheinlich wohlwollenden Standpunkte ausgehen. Alles Rühmrn der republikanischen Machthaber über ihre Thaten und Erfolge für die Wicdererbebung Frankreichs kann vor dem unbefangenen Ur* thcil Europas die Thatsachcn nicht verhüllen und verdunkeln, welche laut und vernehmlich verkündigen, daß die gegenwärtige Regierung einen tieferen inneren und äußeren Verfall Frankreichs herbeigeführt hat, als es die Macht und das Streben des Feindes irgend vermocht hätte." -
Der bekannte republikanische Geschichtschreiber Napoleons, Herr Lanfrcy, veröffentlicht unter der Ueberschrift: „Dir Diktatur der Unfähigkeit" einen Artikel, in dem er auf die schleunigste Entfernung Gambetta'S dringt: „Sollen wir etwa, sogt Herr Lansrey, wartin, bis Alles verloren gegangen ist, ehe wir anerkennen, daß wir den gröbsten Mißgriff thaten, als wir ttefrm Akvoraten die Leitung des KrieglS anvertrauten? Ist die Erfahrung nicht schon vollständig genug? Wir hatten drei Monate Frist, um eine solide Armee zu organisi- ren; die Clemente fehlten nicht, sie wollten nur disciplimrt sein. Aber man zog eS vor, enorme Quantitäten Menschen zusammen zu bringen, tic nicht be- !waffnet, equipirt und ernährt werden konnten. Alles brachte man außer Schick und Ordnung, ohne darum die alte administrative und militärische Routine abzuthuu. Man vernichtete das Vertrauen der Soldaten durch die unmotivirte Absitzung ihrer Führer. Aus Journalisten dritten Ranges machte man Armeechefs, unsere Finanzen überlieserte man finanzwirthschastlichen Abenteurern; die wichtigsten Acmtcr vertraute man politischen Zigeunern an; dir vom Morgen bis Abend Patte mit dem Tod schlofsin, in Wahrheit aber nur einen Part mit ihrer Gage geschlossen haben. Jedermann wird die Nichtigkeit dieses Ge- maleeS zugeben. Und das Schlimmste haben wir noch vergessen. Niemals hat man dem Lande die Wahrheit Über seine eigene Loge gesagt. Die wichtigsten Nachrichten erhielttn wir immer erst durch die fremden Blatter. Erst von ihnen erfuhr man den Fall Touls, Verduns, Schlettstadts, N»ubreisachs, Amiens, Thienvlllc'S, Nouen's re. Europa wußte schon drei Tage lang die traurige Ca- pitulation von Metz, als ma' uns noch von glücklichen Ausfällen Bazaine'S vor- schwitzte. Man nzäbltc uns von Ausfällen aus Paris, die nie anderswo, als auf dem Papiere cxistirt haben; man ließ Truppen auf geograpbisck'en Punkten figuriren, wo es nie welche gegeben hat. Und wenn man nicht länger die Wahrheit ganz verschweigen konnte, so nabm man die seltsamsten Metamorphosen mit ihr vor. Der Nückzug ter Loirearmee wurde zu einer sein ersonnenen strategi- icben Dtwegung gemacht, um den Feind nachzulocken; die Räumung von Tours war eine schon vor zwei Monaten beschlcssine Maßregel. Die Lectüre dieser Büllttins, cingeweiht durch die famose Geschichte von den drcr Särgen, wird iinmal höchst ergötzlich sein. Es ist die höchste Zeit, diesen Dlctamationen, tiefem Regime der Willkür, Unwissenheit, Heuchelei, Unfähigkeit ein Ende zu mack en, die höchste Zeit, daß die Station durch Manner rcpräjentirt wird, die sie ihrer würdig erachtet. Bor drei Wochen verlangten wir dies im Intercffe ter Consolidirung ter Republik; heute verlangen wir es um des Heiles Frankreichs willen. Frankreich hat viele Dictaturen über sich ergehen lassen, aber eine, die es nie lange geduldet hat, ist die Dictaiur der Unfähigkeit."
Der Maire von Paris hat an dle Maires der zwanzig ArrondistcmentS von Paris folgendes Schreiben gerichtet:
Paris, 6. Januar.
Herr Maire! Herr Alphonse de Rothschild und tt- Herren Gustav und Edmund de R'oth schilt, feine Brüder, und Herr James Nn- thaniel de Rvthfchild, sein Neff. , haben der Stadt Pans Bons für Kleidungsstücke im Wnthe von 200,000 Francs zum Geschenk gemacht. Diese Kleidungsstücke sind für jene nothleidende Bevölkerung bestimmt, deren Zahl jeden Tag zunimmt, die aber keir e Heimsuchung, keine Aufreizung U nr patriotischen Resignation entreißen kann. Die neue Art der Freigebigkeit einer Familie, die das Gute mit eben so vieler Bescheioenbeit als Edelmuts zu thun versteht, wird uns gestatten, 48,000 Kinder, 32,000 Frauen und 12 000 Erwachsenen die wesentlichsten Theilc der wollenen Kleidung zu liefern. Ich habe die Bons unter die verschiedenen Arrondissements nach zwischen uns abgemachten


