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Expedition: Canzletberg Ltt. B. Nr. 1.
Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kielen.
Nr. Freitag den 17. März 1871.
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16. März.
Der „K. Zig." wird aus Berlin unterm 12. März geschrieben: Die interessanteste Nachricht des Tages, die allerdings noch nicht zuver- lässig bestätigt werten kann, ist der im Gegensatz zu den bisherigen Angaben in unterrichteten Kreisen auftretente Zweifel, ob wirklich der aus Elsaß-Lothringen fütlente Schuldenantheil von ter Kriegsentschädigung von 5 Milliarden Franken abgerechnet wird. Die 5 Milliarden müßten danach baar entrichtet werden. Der Werth der Eisenbahnen und die Abfindung der Ostbahngesevschaft würden allerdings besonders gerechnet. Die Angaben über den Schuldentheil haben fol
genden Verlauf gehabt. Die Frage dieser etwaigen Abrechnung war in der Presse angeregt, ohne daß eine Losung unternommen wurde. Ein Reuter'scheS Telegramm aus London meldete darauf in bestimmter Weise, der Schuldenantheil von etwa einer halben Milliarde werde abgerechnet. Hiesige officivse Correspon- d.nzen berichteten bald darauf AehnlichcS. Auffällig war nur, daß von fran zbfischer Seite, wo man ein Interesse daran hatte, den Vorthcil der Abrechnung hcroorzuheben, über diesen Puntt Schweigen beobachtet wurde. Jetzt heißt es an hiesigen gewöhnlich unterrichteten Stellen, Preußen habe bei den Unterhandlungen 6 Milliarden gefordert. Man habe sich wegen des Schulvenantheils über die Grundlage ter Berechnung nicht einigen können, und, um das auezugleichen und zugleich einen Beweis von Mäßigung zu geben, sei Preußen auf 5 Milliarden herabgegangen, so daß Elsaß-Lothringen außerdem schuldenfrei blieben.- Die Angabe, wie erwähnt, bedarf noch osficieller Bestätigung, muß aber spätestens bei den Verhandlungen in Brüssel zur Wahrheit gelangen. Durchaus bestritten wird, daß Preußen ursprünglich 10 Milliarden gefordert und daß cs auch Nancy verlangt habe, wie das die Freunde des Herrn Thiers verbreiten, um glauben zu machen, daß dieser viel herabgcmindert habe. — Von den 200 Millionen, wllche die Stadt Paris gezahli, so wie von der Kriegsbeute, hat Baiern bekanntlich ein Achtel erhalten. Daraus war das Gcrücht entstanden, Baiern »tlde auch von den 5 MilliardkN ein Achtel erhalten. Man wollte dies indessen Ong den schon angeführten Gründen bezweifeln. So viel ist klar, daß bei der Dcrrheilung auch die großen Kosten und Leistungen für die Küstenvcrthcidigung berechnet werden müssen, zu welchen Baiern nicht beigetragen hat. Ucber die angebliche Abtretung von We>ßenburg an Baiern liegen noch immer widersprechende Angaben vor. Die osficiöse Straßburger Zeitung tritt den desfallsigen Gerüchten beharrlich entgegen. Man weiß ondrrweitig nur, daß Baiern in einer früheren Phase wegen der wenigstens thcilweisen Rückerstattung der Entschädigung von 1866, so nie des an Preußen damals abgetretenen kleinen Gebietes Wünsche geäußert hatte, worauf es geheißen habe, es werde sich das in anderer Weise regeln lassen. Näheres wird abzuwarten sein.
Die Polizei, resp. Verwaltungsbehörden, sowie die Geistlichen, N bbiner re. sind angewiesen worden, streng darauf zu halten, daß solche männliche Personen, welche zur Verheirathung resp. Begründung eines eigenen Haushalts schreiten wollen, zuvor den Nachweis der erfüllten Militärpflicht führen und die Militär, pflichtigen, welche sich verheirathen oder ansäßig machen wollen, bevor sie ihrer Militärpflicht genügt haben, auf die Vorschrift dcS §. 43 der Ersotz-Jnstruction des Norddeutschen Bandes aufmerksam zu machen, nach welcher die erfolgte Der- heirothung eines Mtlitäipflichtigen in der Regel eine Berücksichtigung nicht be- gründet, auch aus solchen durch dieselben herbeigesührten Umständen ReclamationS- gründe nicht entnommen werden können. Um jede Entschuldigung der Unkenntniß ihrer Vcrbindlia keiten bezüglich der Ableistung des Militärdienstes und zugleich die Behauptung der nicht 'erfolgten Verweisung auf die gesetzlichen Vorschriften von vornherein gänzlich auSzuschließen, sollen künftig mit den betreffenden Mi- litärpflichtigen in Bezug hierauf besondere Verhandlungen ausgenommen werden. (Post.)
M. In der englischen Presse begegnen wir noch immer ganz bestimmten Be- Hauptungen über ein zwischen Preußen und Rußland bestehendes Bündniß, und doch sind diese Behauptungen vollständig aus der Luft gegriffen, wie leicht einzusehen ist, wenn man sich nur die Mühe gibt, die Dinge mit unbefangenem Auge zu betrachten. Eine derartige Abmachung konnte schon aus dem Grunde nicht bestehen, weil Rußland gar nicht in der Lage war, wäbrend des deutsch.französi- scheu Krieges eine zahlreiche Armee außerhalb seiner Grenzen zur Verwendung zu bringen. Run wirb aber doch Niemand behaupten wollen, der Verlauf des Krieges habe zu einer wesentlichen Stärkung der russischen Macht beigetragen; ganz im Gegentheil, die Ausführung aller eventuellen Pläne Rußlands dem Abendlande gegenüber ist durch den Machtzuwachs Deutschlands in Folge dieses Krieges geradezu zur Unmöglichkeit geworden. England möge sich also über seine Allianz- besürchtungen beruhigen; Rußland wirb in Zukunft an ben europäischen Angelegen, heilen keinen entscheidenben Antheil mehr nehmen können. DoS Vorrücken Ruß- lanes in Mittelasien nach Indien hin wirb dadurch allerdings nicht gehemmt werden können, allein in dieser Beziehung wirb Deutschlanb für sich niemals einen aktiven Einfluß zu gewinnen suchen, sondern stets passiver Zuschauer bleiben.
Nachdem für die Besatzung der neu erworbenen LandeStheile ein neues Armeekorps und zwar das fünfzehnte formirt ist, zählt die deutsche RetchSarmee nicht 17 Armeekorps, wie stets behauptet worben, sondern achtzehn einschließlich des
Gardecorps. Der Fortschritt, den Deutschlanb auf dem militärischen Gebiete seit dem Jahre 1866 gemacht hat, ist ein wahrhaft ungeheurer. Preußen hatte damals 18 Divisionen, beute gebietet der deutsche Kaiser über mehr als noch einmal soviel, nämlich über 37 Divisionen. Wenn Deutschlanb auf anderen Gebieten der Staatsverwaltung ähnliche Resultate aufzuweisen hätte, so würde die deutsche Nation nicht nur die mächtigste, sondern auch die freieste und glücklichste dieses Erd- theils sein. Leider bleibt aber in Bezug auf die innere Entwicklung des deutschen Reiches noch viel zu wünschen übrig. Hoffentlich wirt der deutsche Reichstag alle Anstrengungen machen, um Deutschland den Ruhm nicht vorzucnthalten, daß es in Bezug auf echte Civilisation und wahre Humanität allen anderen voranstehe.
Von Seiten der drei Landesuniversitäten Bayerns wird für den Deutschen Reichstag ein Antrag vorbereitet, so schnell als möglich die medicinischen Prüfungen für ganz Deutschland noch dem bisherigen Norddeutschen PrüsungsmobuS zu regulircn, so daß von nun an jeder deutsche Student seine Studien und Examina an jeder beliebigen deutschen Hochschule beginnen und vollenden kann, womit zugleich auch die Freigabe der ärztlichen Praxis für ganz Deutschland verbunden fein soll.
In ihrem Abendblatte erzählt die „N. Z. Z." vom 12. März: „Als ferneren Beitrag zur Zeitgeschichte theilen wir aus dem französischen Bulletin an die Jnttrnirlen, welches im Verlage des demokratischen „Volködlatt von Zürich" erscheint, folgende Stelle mit:
V Gcw'ß sind auch wir Schweizer noch nicht am Ziele unserer Wünsche. Mit der Gründung unserer Eidgenossenschaft im Jahre 1308 bestanden wir einen ununterbrochenen Kampf mit den Feinden der Freiheit, unv die Geschichte der Schweiz bildet so zu sagen eine fortlaufende Reihe von Schlachten und Zusammenstößen mcht nur gegen die äußeren Feinde, sondern auch gegen diejenigen im Innern. Der große Kampf unserer Tage liefert sich heute zwischen Arbeit und Capital, zwischen Socialismvs und Bourgeoisie, und fein großes Ziel ist die Befreiung des vom Druck des Großkapitals erstickten Arbeiters. Diese gleiche Frage beschäftigt heute die ganze Welt. Ihr, unsere Freunde, seht also wohl, daß unsere Interessen auch die Euren sind; cS handelt sich nur varum, sich zu verständigen. Vor Allem vergessen wir niemals die Devise: „Einigung giebt Kraft!"
v las Journal des DkbatS vom 12. März meint: „Der Besiegte von Sedan hat sich nicht darein ergeben können, die Vertreter Frankreichs feine Absetzung aussprichcn zu sehen. Er hat gegen diese der öffentlichen Moral und der gesunden Vernunft gegebene Genugthuung protestirt. Napoleon III. bildet sich ein, Frankreich habe für den Ge angcnen von Milhelmshöhe noch immer diese fatale Eingenommenheit, wie für den Gefangenen von Ham. Er vergißt, daß zwischen den plcbiscitären Voten, an welche er erinnert und gegen welche er sich erhebt, ein wahnwitziger Krieg liegt, welcher mit einem verbrecherischen Leichtsinne angefangen, einer noch unbegreiflicheren Dummheit geführt, mit in der Geschichte unbekannten Niederlagen endigte. Bei der Präsidenten-Wahl am 10. Deeember 1848 war er für Frankreich nur der Neffe und der Erbe Napoleon'S I.; beim Plebiscit, welches das Kaiserreich wieder herstellte, war das Kaiserreich feierlich durch den Erwählten vom Decembrr als das Symbol des Friedens bargestellt. Jetzt bedeutet der Name Bonaparte für Frankreich nur ewiger Krieg, Niederlage, Invasion und Zerstückelung des erworbenen und durch die Bourbonen, die Republik und Louis Philippe bewahrten Bodens. Kann Napoleon III. sich selbst noch wirklich so täuschen, um zu glauben, daß sein Name, welcher allein schon Niederlage bedeutet, irgend einen Schein der Popularität besitzt?"
x Der General Bourbaki hat zwei Tage in Lyon zugebracht. Er war von seiner Frau, seinem Arzt, zwei Adjutanten und einem Felrprediger begleitet. Er ist wieder ganz hcrgestellt. Es ist jetzt vollständig erwiesen, daß Gambetta in Tours ein schwarzes Eabinet errichtet hatte. Demselben stand ein „Pr^vot Ei- vil" vor. Das Dokument, worin derselbe ermächtigt wird, das Briefgeheimniß zu verletzen, lautet, wie folgt:
Kriegs-Ministerium. Herr Diitrö, der der Residenz der Regierung atta- chirte Prövot Civil, ist ermächtigt, auf der Post die Auslieferung aller Briefe zu requiriren, deren Adresse er angibt.
Tours, 17. November 1870.
Der Minister des Innern und des Krieges.
Es scheint also, daß unter Gambetta in dieser Hinsicht das nämliche Sy- stem verfolgt wurde, wie unter dem Kaiserreiche. Damals gab die Post auch nur Briefe heraus, wenn die Polizeibehörde die Adressen angeben konnte. Die Eröffnung der Briefe mußte zu jener Zeit immer auf der Post selbst geschehen und ihr ein höherer Postbeamter und der Delegirte des Polizei-Präfecten oder ver Gerichtsbehörden anwohnen. Unter Gambetta machte man jedoch kürzeren Prozeß; man lieferte einfach die Briefe an den Eivtl-Prosoß ab.
Die französische Regierung hat strenge Maßregeln gegen die angeordnet, welche gegenwärtig fremden Tabak in Frankreich verkaufen. Während des Krieges wurde nämlich eine Masse Tabak eingeschmuggelt, der jetzt überall, namentlich auf den Straßen von Paris verkauft wird. -• Die Entwaffnung der Do- gefeN'Armee hat begonnen. Die italienische Legion wurde in Macon entwaffnet.
lieber die Persönlichkeiten der Diplomatie, welche Frankreich bei den Fric-


