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Expedition: Canzleiberg 8it B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kielen.

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1871.

Gießen, den 13. November 1871

Großherzogliches Kreisamt Gießen. In Verhinderung des Kreisraths: Kekul 6, K' eisassessor.

Nr. 43 des Reichs-Gesetzblattes des Deutschen Reiches, ausgeqeben zu Berlin am 7. November 1871, enthält:

(Nr. 720.) Zusätzliche Uebereinkunfr zu dem Friedensvertrage zwischen Deutschland und Frankreich. Vom 12. October 1871.

(Nr. 721.) Separat-Convention. Vom 12. October 1871. _ .. . ±

(Nr. 722.) Gesetz über die Einführung des Norddeutschen Bundesgesetzes, Maßregeln gegen die Nmderpest betreffend, vom 7. April 186V in Bayern und Wurtem- berg. Vom 2. November 1871.

(Nr. 723.) Ernennung von Generalkonsuln und bezw. Konsuln des Deutschen Nerchs.

(Nr. 724.) Ertheilung des Exeguamr an den Königl. Großbritannischen Viceko'nsul zu Memel und den Konrgl. Tännchen Komul zu Stettin.

(Nr. 725.) Ertheilung des Exequatur an die Französischen Generalkonsuln und bezw. Konsuln zu Hamburg, Frankfurt a. M. und Bremen.

Politischer TheiL.

* Die Enthüllung des Schillerdenkmals in Berlin

hat jetzt endlich nach jahrelangem Harren am 10. November stattgefunden. Das Standbild des großen Dichters erhebt sich aus dem Platze vor dem Schauspiel­hause und ragt in eine Perspective hinein, an deren weiten Umkreis nicht gedacht worden war, als der Grundstein dazu gelegt ward. Die Enthüllungsfeierlichkeit fand um 11 Uhr Vormittags statt. Der Kaiser, der Kronprinz und die Prinzessinnen Karl und Friedrich Karl wohnten der Feierlichkeit in der Bellrtage der Seehand- lung bei. Felomarschall Wrangel, die Minister v. Selchow und v. Jtzenplitz, die Präfiventeu des Reichstags und viele Abgeordnete hatten auf dem für die Ehren­gäste reservirten Podium Platz genommen. Die Feier wurde durch den Choral: Ein' feste Burg ist unser Gott" erngclritet. Nach Uebergabe des Standbildes an die Stadtbehörven, der Verlesung der bezüglichen Urkunde und der Wciherede des Oberbürgermeisters Seyoel fiel eie Hülle unter dem Jubel der Menge, welche ehrfurchtsvoll das Haupt entblößte. Zum Schluß der Feier wurde Vas LiedAn die Freude" gesungen.

Berlin, reich geschmückt mit Monumenten seiner größten Fürsten unv Feld­herren, hat jetzt einem Dichter eine Stätte bereitet, wodurch es sich selbst erho­ben hat von einer stolzen Königöstavt zur *K a i se r sta d t des wieder aufcrstandenen deutschen Reiches und Vie Vertreter des ganzen deutschen Volkes sind zur Stelle, um dem Genius des großen deutschen Dichters ihre Huldigung darzubringen.

Wjr meinen: die politischen Vertreter des deutschen Volkes! Aber gewiß sind diese vollauf legitimirt, auch bei einer Schillerseier das deutsche Volk zu ver­treten.

Freilich war Schiller kein politischer Dichter in der vulgären Bedeutung des Wortes, und eine kurzsichtige und beschränkte Auffassung hat es ost genug zu rügen gewagt, daß unser größter Dichter gerade zur Zeit der größten Bedrängniß des deutschen Vaterlandes sich von der Wirklichkeit zurückgezogen und über ihre idealen Schöpfungen ihre Zeit zu vergessen schien.

Wir haben rnzwischen aber besser urtheilen gelernt, und was namentlich Schiller betrifft, so hat ihm das Volksgemüth alle Zeit eine Hingebung und V.r- ehrung bewahrt, welche dem prüfenden Unheil voraus die Stelle bezeichnete, auf die der Genius des großen Dichters in dem Gedächtniß der Deutschen Anspruch zu machen habe.

Er ist der Dichter der Jugend geblieben und darum der Dichter des Volkes geblieben, und wenn wir heut dte Erinnerung-stier mit der politischen Neugestal­tung Deutschlands in Beziehung bringen, so wurde sich dies schon einfach aus der Wirkung rechtfertigen, welche Schiller auf jede noch wachsende Generation ausübt; noch mehr aber, wenn die Art dieser Wirkung in'S Auge gefaßt wird. Denn wenn Schiller seiner Nation auch keine Zeitgedichte geliefert hat und selnen Ge­nius nicht zum Knecht der politischen Tendenz machte, so gab er seinem Volke gerade das, was ihm zur Zeit seiner politischen Erniedrigung am wüsten Roth that und was demselben auch bei seinem späteren Ringen nach politischer Freiheit am meisten zu Hilfe kam: der Glaube und die Freude an dem Idealen.

Denn die Ideale, für welche Schiller die Mitwelt und die nach ihm kom- menden Generationen begeisterte, schmeichelten nicht blos die Phantasie, erschöpften sich nicht in der Formvollendung; sie waren Ideale des Herzens, sie bezogen fil) auf das Empfinden und Wollen und in diesem sittlichen Ideal empfing die Nat.on die Bürgschaft ihrer Zukunft. Diese Bürgschaft hat sich bewährt und so lange die deutsche Jugend für die Schiller'schen Ideale schwärmt, wird die deutsche Nation nicht verloren gehen. An ihnen richtete sie sich auf, al« äußerer und innerer Druck auf ihr lastete und alles Leben einem öden Fanatismus zu unter- liegen schien; mit ihnen wird sie auch den craffesten Materialtsmus besiegen, wel- cher die Gegenwart zu entgeistern droht.

So lange Deutschland an seinem Schiller hängt, kann es des Adels nicht beraubt werden, welcher mit dem Streben nach dem Großen und Schönen ver­bunden ist; Dieses Adels der Seele, welchen der andere große Dichter dem dahrn- geschiedenen Schiller nachahmte mit den Worten:

Denn hinter ihm, in wesenlosem Scheine Lag, was uns Alle bändigt das Gemeine

Vorletzten Montag wurde in Bern der schweizerische Ständerath eröffnet. Aus der Eröffnungsrede des Präsidenten, Landammann A. Keller aus Aarau, beben wir folgende bezeichnende Stelle hervor, welche beweist, daß dieser wirkliche Republikaner ganz anders über den Zug der Zeit und die allgemeine Weltlage denkt, als unsere Pseudo-Republikaner. Der schweizer Staatsmann sagte u. A.:

Es ist elwas Zug nach Fortschritt und Völkerfreiheit in der Luft. Kein fremdes Machtgebot tont heute in den Austausch unserer Ansichten, kein drohend Gewitter von außen legt unseren Berathungen sune Fessel an, oder zeichnet ihrem Gange gebieterisch Richtung und Ziel vor. Die böhmische Tschechenfrage, welche zur Zeit das Kaiserreich an der Donau bewegt, berührt kein Interesse unseres Vaterlandes. Auch die Allocution des seltsamen sogenannten Gefangenen im Va- tican haben im Lande nicht die Theilnahme gehabt, welche die Notyruse der fernen Brandstätte von Chicago hervorrief. Das Königreich Italien arbeitet an der Organisation einer gedeihlichen Verwaltung und einheitlichen Gesetzgebung, um in den: Fortschritten der Zeit die Garantien seiner Zukunft zu finden. Unsere Nach- bavvatlon im Westen erbebt sich wieder aus den Trümmern der über sie verhängten Katastrophe und ordnet unter dem Banner der Republik, in deren Principien und Befestigung immer allgemeiner die Bedingung der Nationalwohlfahrt erkannt wird, die gestörten Verhältnisse. Das neue deutsche Reich hat den inneren Ausbau seines NationaltbumS durch Centralifation fortschrittlicher Gesetzgebung auf allen den­jenigen politischen und socialen Gebieten begonnen, deren Einheit nicht nur die Kraft, sondern auch das nationale Leben und Bewußtsein eines Volkes bedingt ein Beginnen, welches, mit weiser Achtung und historischen Individualitäten fort­gesetzt, auch uns manchen lehrreichen Fingerzeig gibt. Zudem hat das greife Reichsoberhaupt den Volkern feierlich den Frieden zugesagt, und ein Heldenwort soll nach olhm Volksglauben heilig sein. Endlich darf auch Der Kampf der Geister, welcher sich auf dem religiös-kirchlichen Gebiete im Schooße der beiden christlichen Bekenntnisse erhoben hat und der vorab von der deutschen Wissenschaft und Dialektik so entschieden geführt wird, kaum welche Beunruhigung in unsere Verhandlungen bringen; vielmehr werden wir auf der Hochwarte der Zeit leicht die Zeichen auguriren, welche der Freiheit, der Wahrheit, dem Fortschritte, Der bürgerlichen und sittlichen Rechtsordnung entgegenstehen. Wir werden dabei auch sofort die Gefahren erkennen, denen wir zu begegnen haben.

In Dijon kam am 4. d., nach Der Räumung dieser Stadt, ein Eisenbahn­zug mit deutschen Truppen an. Die deutschen Soldaten wollten den dortigen Aufenthalt des Zuges benützen, um Die Stadt zu besichtigen. Der davon in Kenntniß gefetzte Präfect sandte aber sofort eine starke Abtheilung von Den 800 Mann Franzosen, welche Dort seit dem Abzüge der Deutschen liegen, an den Bahnhof, um dieses zu verhindern. Die Deutschen ließen es sich ruhig gefallen, aber am nächsten Tage erhielt Der französische Minister des Aeußern vom General Manteuffel die Aufforderung, Dijon sofort raumen zu lassen. Dieser confultirte den Präsidenten der Republik, und die französischen Truppen erhielten sofort Befehl, Dijon zu verlassen und nach Chalons für Saone zurückzukehren. General Man­teuffel stützte sich bei seiner Reclamation auf Die letzthin abgeschlossene Convention, Der zufolge Die sechs Departements, welche Die Deutschen geräumt haben, bis zur Bezahlung der vierten halben Milliarde als neutrales Gebiet betrachtet werden und die Franzosen dort nur die Zahl Der Truppen haben Dürfen, welche zur Auf­rechterhaltung der Ruhe nothwendig sind. Die deutsche Behörde wurde wahr­scheinlich aber doch nicht reclamirt haben, wenn Der Präfect von Dijon von seinen Truppen nicht gegen Die Deutschen Gebrauch gemacht hätte.

Die spanische Regierung hat an ihre Vertreter im Auslande eine Circular­verfügung erlassen, in welcher wiederholt auf die für die Inselgruppe Der Philip­pinen bestehenden Einfuhrverbote hingewiesen wird. Die größte Schwierigkeit in Der Verfolgung Der maurischen Piraten von Den chinesischen Küsten und Den Inseln -des Philippinen-Archipels aus, heißt cs in Dem Circular, rührt daher, daß Der dem Könige von Spanien untertänige Sultan von Jolo und mehrere feiner Gouverneure Den mit Der spanischen Regierung vereinbarten Verpflichtungen über die Zulassung fremder, cen Duetten Export- und Jmporthandel vermittelnder Schiffe in ihren Häfen nicht nachkomm.n. Zur Vermeidung von Verwicklungen, welche eintreten könnten, wenn Die spanische Marine fremde Handelsschiffe in Den geDachren