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Gießener Anzeiger.
Erscheint täglich, mit Aus, nähme MontagL.
Expedition: Canzleiberg 8it. B. Nr. 1.
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Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kielen.
Nr. Dienstag den 14. November 1871.
BefteLlMtgen amf Kem Gießener Anzeiger
Land-^oftboten entgegen genommen.^
Womreuten, welche den Anzeiger bei der Expedition abholen lassen, erhalten denselben für die Monate November und December zu 40 fr.
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Amtlicher Theis.
Gießen, am 9. November 1871.
Betreffend: Die Ausführung des Gesetzes wegen der Kriegsleistungen und deren Vergütung.
an die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
Unter Bezugnahme auf die Ihnen mitgetheilten «usschreiben Großherzoglichen Ministeriums des Innern vom 28. December 1870 ju Nr. M. d. I. 12080, und 17. Juli 1871, zu Nr. M. d. I. 7524, fordern wir Wie auf, die Liquidationen über die Leistungen der Gemeinden wahrend des Kriegs (mit Ausnahme der Kriegsfuhren) in doppelter Ausfertigung und unter Anschluß der dauiaeböriaen Belege längstens bis zum 1. December l. I. an uns einzusenden. a
In Verhinderung des Kreisraths: Kekul 6, Kreisassessor.
Politischer Theis.
13. November.
Ein längerer Artikel der „Allgem. Ztg." unter der Aufschrift: „Das neue Bayern im neuen Reich" rühmt an dem Ministerium Hegnenbcrg-Lutz, daß cs durch seine entschiedene nationale Haltung wie durch die von ihm in ter Kirchen- frage eingenommene feste Position das Möglichste gethan Hobe, um das Mißtrauen zu zerstreuen, welches der bayerischen Regierung von Seiten der liberalen und nationalen Presse Bayerns seit der schweren Versa'umniß der Kammerauflosung im vorigen Herbst entgegengetretcn war. Die Einziehung einer Anzahl bayerischer Gesandtschaften, der prompte Anschluß an wichtige Theile der Gesetzgebung des norddeutschen Bundes, endlich die nationale Haltung der bayerischen Mitglieder des BundeSrathcs seien ein sprechenlLer Beweis, daß die bayerische Negierung die Idee der nationalen Einheit mit principieller Sicherheit festhalte und nicht daran denke, überall, wo sie eS nur ohne Verletzung einer formellen Pflicht vermöge, dem Particularismus zu fröhnen. Das Manifest endlich, das der CultuSminister von Lutz in der Kirchenfrage erlassen habe, fei eine politische That ersten Ranges, von welcher die ultramontane Partei heute noch so niedergeschmettert sei, daß man wohl sehe wie diese Partei der großen Worte nur denen fürchterlich ist, welche sich eben fürchten, nicht denen, die wissen, was sie wollen, und wollen, was sie wissen. Daß die Regierung des größten katholischen Staates in Deutschland die Initiative zu der nothwendigen Trennung von Kirche und Staat ergreife, das beweise einen mächtigen Fortschritt der Idee des modernen Staates, und daß die Regierung, die das thut, zugleich eine offene und entschieden nationalgestnnte ist, das zeuge von Neuem, wie unzertrennlich unsere nationale Einheit mit unserer geistigen' Freiheit zusammenhänge.
t In militärischen Kreisen wird versichert, daß der General v. Podbielskv, der in der Leitung des allgemeinen Kriegsdepartements durch Generalmajor von Stiehle ersetzt wird, zum großen Generalstab übergehen und dem Feldmarschall von Moltke zur Disposition gestellt werden.
Eine auffällige Erscheinung ist cs jedenfalls, daß einzelne deutsche Kleinstaaten aus Furcht vor einem Anfall an Preußen ihre Effenvahnen zu veräußern sich beeilen. Braunschweig hat vor einiger Zeit die Staatseisrnbahnen an eine Aktiengesellschaft verkauft, mit der Absicht, für den Fall eines Anfalls an Preußen sich das Kaufgeld als Provinzialfond zu referviren. Aehnliche Motive scheinen in Anhalt obzuwalten, denn nur so läßt sich die Mittheilung erklären, daß über die Umwandlung der anhaltinischen Saline Leopoldshall in eine Aktiengesellschaft ver- handelt werde und wird als Kaufpreis die Summe von 7i/2 Millionen Thaler genannt.
Bekanntlich soll bis auf Weiteres vom 1. December d. I. ab bei allen mit der Post zu befördernden Packeten die Signatur die wesentlichen Angaben der Adresse enthalten, so daß nöthigenfalls das Packet auch ohne den Begleitbrief bestellt werden kann. Sollten in der ersten Zeit nach dem 1. December noch Packetc zur Annahme vorgelegt werden, welche von den Absendern aus Unkenntn'ß der ergangenen Bestimmungen, anstatt mit der vollständigen Adresse nur mit Buchstaben oder Zeichen adressirt sind, so haben nach einer Anweisung des Generalpostamts tie Postanstaltcn zwar die Absender auf die Unvollständigkeit der Signatur auf- merksam zu machen, die betreffenden Packetc aber nicht von der Beförderung zurückzuweisen. Namentlich soll während der UebergangSzcit den Aufgebern, ohne Erhebung besonderer Vergütung, Gelegenheit gegeben werden, mangelhafte Signaturen gleich auf der Post zu vervollständigen. Auf Die Landleute soll hierbei besonbers Rücksicht genommen werden.
Die „N. A. Z." enthält folgenden von der Rcdaction selbst als officiös
bezeichneten Artikel: Die Mittheilung, welche darauf aufmerksam machen sollte, daß es nicht im Interesse der Befestigung friedlicher Zustände liege, wenn das freundliche Entgegenkommen Deutschlands so mißverstanden und auf solche Quelle zurück- gefübrt würde, wie dies von Seiten eines Pariser Blattes geschehen war, hat die französische Presse zu keinem tigeren Nachdenken als darüber bewogen, ob diese Mittheilung mehr oder weniger aus Regierungskreisen stamme. Wollte doch der ernste Inhalt eine größere Beachtung finden. Er verdient sie auch in der Form nnes einfachen Zeitungsartikels. Denn eine Wahrheit bedarf nicht erst einer Autorisation, um Geltung zu beanspruchen. Und wahr ist es, daß die französische Presse nicht im Sinne des Friedens wirkt, wenn sie jedes Entgegenkommen Deutschlands mißdeutet oder gar auf eine Einmischung anderer Mächte zurückführt, die insgesammt weise genug sind, aller Einmischung in das, was nur uns und Frankreich angeht, sich zu enthalten.
In dem westfälischen Kohlenrevier werden die Klagen über Kohlennoth immer lauter. Der Hauptgrund hierfür liegt darin, daß cs namentlich auf den bergisch-märkischen Eisenbahnen an den nöthigen Verkehrsmitteln mangelt.
Der Güterverkehr nach und über Belsort ist bis auf Weiteres wieder ein- gestellt und können nur Zufuhren für die deutsche Armee Beförderung finden.
Das EntlassungSgcsuch des Grafen Beust ist angenommen; der bisherige Reichskanzler wird Botschafter in London und ist zum Mitgliede des Herrenhauses auf Lebzeiten ernannt. Die „N. A. Z." constatirt heute an hervorragender Stelle, daß der wichtige Personenwechsel zwischen Beust und Andrassy auf Erfordernisse der inneren Lage Oesterreichs zurückzusühren ist und die auswärtige Politik von dieser Wendung Dtr Dinge unberührt bleibt. Was namentlich die sreundnachbar- lichen Beziehungen Oesterreich-UngarnS zu Deutschland anlangt, so sei die Erwartung auszusprechen, daß dieselben unverändert fortdauern werden.
Der Präsident der französischen Republik, Herr ThirrS, befriedigt jetzt seine militärischen Neigungen durch Abhaltung von Revuen, militärischen Rundreisen rc. Man schiebt ihm die Absicht zu, auf Lebenszeit Staatsoberhaupt zu bleiben und feine Erbschaft den Orleans in die Hände zu spielen. Die Uebersiedelung der Regierung nach Parts ist noch immer nicht entschieden und ist doch offenbar nicht zu umgehen. Inzwischen kann Paris seinen alten Gang noch nicht wiederfinden. Viele Wohnungen stehen leer und die Miethen sind mindestens um 20 Procent gesunken. Es macht sich Mangel an Kleingeld bemerklich und die Regierung sucht der Noth durch kleine Bankzettel zu steuern. Gambetta hat ein Journal gegründet, in welchem er ein Bündniß mit Rußland predigt, um desto eher Rache an Deutschland zu nehmen. Die Bonapartisten setzen ihre Wühlereien fort, scheinen aber mit den Enthüllungen innehalten zu wollen, die bis jetzt so sehr zu ihrem eigenen Nachtheile ausgefallen sind.
Der „Francais" veröffentlicht aus Anlaß des Jules Favre'schen BucheS: ,.Rom und die französische Republik", folgendes Entrefilet: Man versichert uns, daß Graf d'Harcourt, unser Gesandter in Rom, in sehr strenger Weise die Art verurtheilt, in welcher H.rr Jules Favre in seinem Buche über Rom seine Depeschen veröffentlicht und selbst entstellt habe; namentlich diejenige, in welcher er die Worte des Papstes bezüglich seiner verlorenen Provinzen mitgetheilt. Noch mehr, die diplomatische Welt Frankreichs und des Auslandes ist sehr erregt ob der In» biscretionen, welche der ehemalige Minister der auswärtigen Angelegenheiten mit so unbegreiflicher Leichtfertigkeit begangen hat. Man muß sich daher auf ernste Berichtigungen gefaßt machen, und der staatsmännische Ruf des Hrn. Jules Favre scheint aus diesem Zwischenfall nicht vergrößert hervorgehen zu sollen.
Gegen die von der italienischen Regierung verfügten oder noch zu erwarten.


