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Gießener Anzeiger

Anzeige- und Amtsblatt für den Areis Hießen

Nr. 11

Freitag den 13. Januar

1871

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Gießen, den 9. Januar 1871.

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Preis vierteljähng 1 0. 12 fr. mit Brtngerlohn. Durch die Poft bezogen vierteljährig 1 fl. 27 fr.

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L y n ck e r, Großherzoglicher Rentamtmann.

Erscheint täglich, mit Aus­nahme Montags.

Expedition: Canzleiber« Lit. B. Nr. 1.

Kriegsgefangenschaft fällt, während die Seeleute frei pasflren dürfen. Gambetta ist bereit, diese widerrechtlich gefangen gehaltenen SchiffScapitäne gegen französische Ofsiziere auszuwechseln, was deutscherseits abgelehut werden mußte, um nicht die auf kranzösischer Seite zu steigern. Als Repressalie sind eine Anzahl französischer Rotabeln dafür in Haft genommen. Graf (Lhaudordy versucht die Halt bcr Capitäne von Handelsschiffen damit zu rechtfertigen, daß dieselben von Preußen zu Kriegszwecken hätten verwendet werden können. Dann würden alle krieg-fähigen Bürger, wenn sie auch nicht im Heere stehen, der Gefangenschaft unterworfen, weil sie doch einmal Soldat werden könnten, und jeder französische Bürger müßte in die deutsche Gefangenschaft wandern, weil die Pariser Regierung eine Erhebung in Masse ungeordnet hat. Chaudordy beruft sich für die unge- buhrliche Behandlung der deutschen Seeleute darauf, daß preußischerseits zu einer Betheiligung der Handelsmarine an dem Seekriege eine Aufforderung erlassen und eme Prämie für die Aufbringung von Schiffen in Aussicht gestellt sei. Dieser Einwand ist deshalb nicht stichhaltig, weil einmal nicht die Aufbringung von Handels-, sondern von französischen Kriegsschiffen prämiirt worden ist und anderer­seits es albern ist, Jemand für Handlungen bestrafen zu wollen, die er möglicher­weise einmal unternehmen könnte. Auf französische Handelsschiffe war es bei jener Verordnung, wie sich deutlich genug aus dem Wortlaut derselben ergiebt, gar nicht abgesehen. Wir empfehlen dem Herrn Chaudordy, sich einmal die nord- amerikanischen KriegSartikel von 1863 anzusehen, um daraus zu lernen, wie Kriegsgefangene in humaner Weise behandelt werden müssen. (K.Z.)

In derKreuzzeitung" veröffentlicht ein wahrscheinlich hochgestellter, v. M. unterzeichneter Militär vor ParisSvldaten-Gloffcn", in denen der Sieg der deutschen Truppen der eisernen Disciplin derselben zugeschrieben wird. v. M. schreibt:Alles liegt jetzt umgekehrt als 1792. Jeder von uns fühlt: der Schlachten- gewinner ist die Disciplin! dies Festhalten bis zum letzten Mann, weil es be- fohlen ist! Die beiden Katastrophen, die von St. Privat und Gravelotte und die von Sedan, haben es bewiesen. Am Tage von Gravelotte wurde Metz ge- nommen; das fühlten damals Wenige, j^tzt weiß es ein Jeder von uns; und kein Heer der Welt ohne unsere eiserne Disciplin hätte diesen Tag so zu Ende

1 eine Leistung, wie sie mir in der Weltgeschichte nicht bekannt ist.

1 Aber noch viel hervorstechender in Bezug auf die Disciplin ist der Tag von Sedan. Richt diese Schlacht hat das kaiserliche Heer uns überliefert, sondern die Front- veränderung von zwei großen Armeen war das besiegende Moment. Wer die Schwierigkeiten kennt, die eine Achsschwenkung von sieben Armeecorps fast im An­gesicht des Feindes in sich faßt, ohne daß ein gordischer Knoten daraus wird, der wird bewundernd vor der HeercSmaschme stehen, der solch' ein kühner Gedanke zugetraut werden kann. Wie jämmerlich würde seine Verwirklichung ausgefallen sein, wenn er mit undisciplinirten Truppen auSgesührt werden sollte. Auch der Geist eines Moltke würde dies EhaoS niemals haben entwirren können. Und nach solchen Riesenresultaten verlangt Gambetta, daß wir an die Macht seines undisciplinirten Lever en mässe glauben sollen? Hier stehen wir schon lange Wochen thatenlos unter Dein Granathimmel von Paris. Schweigend wie die ^-phynx liegen wir in einem eisernen Ringe um dies große Babel, nur unsere Zähne zeigend, wenn man in diesen ZanberkreiS hinein geräth, wie mir ein Gefangener von Le Bvurget sagte:Votre öcrasement avec la crosse de fusil est tcrrible! Auch dieser Act der Disciplin,schweigend, aber wachsam Tag und Nacht" ist nicht zu unterschätzen. Keine Milizarmee würde dies je leisten. Ganz Deutschland wartet auf das Bombardement Manche murren. Die Geschichte wird anders darüber denken, als das ungeduldige Publikum, und sehr zum Lobe des jetzigen Verfahrens. Mit der Ruhe eines Löwen, der groß- müthig den Weg wählt, auf dem nichts gebeugt wird als die Kraft der Einge­schloffenen, warten wir ruhig unsere Zeit ab, eine Rolle, die uns durch drei gleich große Factoren gestattet ist: unsere Disciplin, die Ehauffecn Frankreichs

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Bekanntmachung.

Der Unterzeichnete bringt hiermit zur öffentlichen Kenntniß, daß der Großherzogl-che FinanzacceM Roth von heute an bis auf SBeitereö frmacbtiflt ifl, für die Großherzogliche Rentamtskaffe Gelder zu empfangen, Auszahlungen zu leisten und gültig für ihn wäh- rend seines Urlaubs zu quittiren. ° 0 ' ö 1 ' 1

12. Januar.

Von den verschiedensten Seiten, schreibt man derS. Z.," werden Klagen erhoben über den Mangel an Eisenbahnwagen für die Bedürfnisse de« Handel« und der Industrie, welcher letzteren an einzelnen Orten die Kohle für die Fabrik- thäligkeit zu fehlen beginnt. Besonder« im deutschen Südwesten sind die Adern de« Eisenbahnverkehrs in'« Stocken gerathen. Wo liegen die Ursachen dieser Er- scheinnng? In Folge de« Kriege« sind allerdings viele Eisenbahnwagen den Aus. gaben des Friedens entzogen worden. Die Beförderung der Truppen, der Co- lonnen, de« Proviants, ter Fourage, der Munition und der Gefangenen fessel, Lausende der genannten Wagen auf den bestimmten Routen in und nach Frank- reich. Der Krieg macht insofern sein Hauptrech, au den Eisenbahnen geltend. Aber dadurch wird der Mangel an Beförderungsmitieln aus den Eisenbahnen allein nicht erklärt. Die Ursache dieser Erscheinung soll, abgesehen von den Krieg«, bedürfnissen, nach den Mittheilungen sachkundiger Männer mit darin zu finden sein, daß sich zur Zeit weit über tausend Achsen deutscher Bahnen lediglich zu dem Zwecke in Frankreich befinden, damit den Parisern für die Zeit de« völligen Ausgezehrtseins ihrer Lebensbedürfnisse Proviant vor die Thore "gebracht werden könne. Wir fragen hier: Wie soll es gerechtfertigt werben, daß Eisenbahn. Direktionen die Interessen unserer Fabrikindustrie, unserer Dampfschifffahrt, unse- re« Holz- und Getreidehandel« den Rückfichten auf einen trotzigen, hvchmüthigen und verblendeten Feind unterordnen, der un« für solche übertriebene Humanität garij sicher keinen Dank wissen wird? Wird durch diese Fürsorge die Capitulation von Pari« nicht verzögert? Oder werben die Pariser Machthaber, welche ohne diese Fürsorge, sich minkcstens 14 Tage vor der voraussichtlichen völligen Er- schöpsung der Munb- und Brennvorräthe der Stadt ergeben müßten, nicht im Widerstande bi« zum Tage der völligen Erschöpfung, selbst bi« zum Bcrzehrtsein les letzten Pferdes und des letzten Brode« bestärkt werben, wenn siefahren, daß von uns, ihren freundlichen Feinten, dafür gesorgt ist, baß sie im Augenblicke der höchsten Roth in unseren Linien Magazine zur Stillung tes Hunger« finden?

Vertreter dieser keankhasten Humanitätsrücksicht mögen nicht vergessen, baß Sährenb brr 14 Tage eine Verzögerung Per Uebergabe mancher edle brutsche kann ein Opfer ter Strapazen und ber feindlichen Kugeln werden kann zu unsten einer Bevölkerung, die in uns, welche Zärtlichkeiten wir auch immer den artfern erweisen, trotzdem nur Barbaren erblicken.

Die Art und Weise, wie französischersefts die Kriegsührung zur See auf. itt, entspricht genau dem Verfahren, welche« die Pariser Negierung ber National- rtheibigung für den Landkrieg adoptirt hat. Hier wie dort die Nichtachtung Ihr durch da« Völkerrecht begründeten Usance. Es ist ein Grundsatz desselben !daß die aufgebrachten Kauffahrteischiffe des Gegner« erst bann in den Besitz des Gegners gelangen bürfen, nachdem ein Prisengericht sich für die Zulassung der Wegnahme ausgesprochen hat. Die französischen Kriegsschiffe haben diese Bestim­mung meisten« ignorirt, obgleich die Llokade der Nord- und Ostseekstste, wie au« d>n eigenen Berichten de«Journal vsficiell" zu erkennen ist, keine thatsächliche, pirksame, im Sinne der Pariser Declaration von 1856, sondern meistens eine hngirte, eine Papierblokate war. Die Schiffe konnten in zahlreichen Fällen gar Nicht am Einlaufen in die Häfen verhindert werden, nichtsdestoweniger wurden lie Eonfequenzeu einer wirklichen Blokade vor. den Kreuzern gezogen. Die Zer- horung p genommenen Schiffe war ein Aet brutaler Gewalt und ist Völker- lichilich gar n;d)t durch die Phrase zu entschuldigen, daß Häsen zur Ausnahme tr'ri c" 92dte gewesen seien. Der nordamerikauische Bürgerkrieg rr ',7, 65 &at Veranlassung zu eingehenden Erörterungen über die Unzu- ,'Hj. , Cu|,< Verfahren« gegeben, welche bei Elark Papers read before Ilie l lundical soeiely, London 1864, nachgesehen werden kann. E« ist ferner erwiesen, i mannfdlaften in Stelen Fällen wie Verbrecher behandel« und in ' H'langNisse geworfen sind, obgleich nur die Besatzung der Kriegsschiffe in

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Gieß?t den 10. Januar 1871. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

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Kekule, Kreisassessor.

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