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Gießener Algeiger

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Expedition: Lanzletberg Sit. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kietzen.

Nr. 28V. Dienstag den 12. December 1871.

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werden noch fortwährend sowohl bei der Expedition, Canzleiberg B-1, als auch

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11. December.

-j- Europa, das vor dem orientalischen Kriege noch 56 Staaten zählte, umfaßt heute nach Beseitigung der deutschen und italienischen Kleinstaaten nur noch 18 selbstständige Staaten mit einem Flächeninhalte von zusammen 179,632 Qua- dratmeilen und einer Bevölkerung von 300,900,00 Seelen. Hiervon fallen auf das deutsche Reich 9888 Quadratmelen mit 40,106,900 Einwohnern nach der Zählung von 1867; e- bildet sonach kaum den achtzehnten Theil der Grundfläche und enthält wenig mehr als den siebenten Theil dieses ErdtheilS. Die großen europäischen Staaten, d. h. diejenigen, welche über 25 Millionen Einwoher baden, sind Rußland mit 71 Millionen, Deutschland mit 40 Millionen, Frankreich mit 36i/z Millionen, Oesterreich-Ungarn mit 36 Millionen, Großbritannien mit 32 Millionen und Italien mit 26*/2 Millionen; sie bilden mithin mit ihnen zusammen 242 Millionen acht Zehntel der gesammtcn europäischen Bevölkerung, während noch vor einem Jahrhundert, vor Beginn der polnischen Theilungen, auf die Großmächte etwa die Hälfte der damals 160 Millionen Seelen zählenden Bevölkerung Europa's kam, nämlich auf Rußland 18 Millionen, auf Oesterreich 17 Millionen, auf Preußen 5 Millionen, auf England 12 Millionen, auf Frankreich 26 Millionen, zusammen etwas über 80 Millionen.

Nach Eonfessionen gruppirt, zählt Europa 148 Millionen römische Katholiken, von denen auf Frankreich 35^ 'Millionen, auf Oesterreich 28 Millionen, auf Italien 26 Millionen, auf Spanien 16 Millionen, auf Deutschland 14V2 Mill entfallen; ferner 70 Millionen griechische Katholiken, davon auf Rußland 54 Mill., die Türkei 5 Millionen, Rumänien 4 Millionen und Oesterreich 3 Millionen; 71 Millionen Protestanten, von denen Deutschland 25 Millionen, England 24 Millionen, Schweden und Norwegen 5*/2 Millionen, Rußland 4 Millionen und Oesterreich 3y2 Millionen zählt. Juden gibt es in Europa 4,800,000, von denen auf Rußland 1,700,000, auf Oesterreich 822,000, auf Ungarn 1,300,000 und auf Deutschland 500,000 komme».

Nach den Nationalitäten vertheilt, zählt Europa 82,200,000 Slaven; da- von hat Rußland 51 Millionen Russen und Rulhenen und 4,700,000 Polen, Oesterreich 16 Millionen, darunter 2,350,000 Polen, 6,700,000 Czechen und 4,200,000 Serben. Gegenüber den 82 Millionen Slaven stehen 97,500.000 Romanen und 93,500,000 Einwohner germanischer Race, von denen 55 Millionen Deutsche sind. Von letzteren kommen auf Deutschland 36y2 Millionen, auf die österreichisch-ungarische Monarchie 9,160,000, auf Belgien 2611 (Flamänder), auf die Schweiz 1,838,000 und auf Rußland 1 Million.

f Die Botschaft de- Herrn Thier-, die uns nunmehr ihrem ganzen Wort­laute nach vorliegt, ist sehr optimistisch gehalten, sowohl in Bezug auf die innere Lage Frankreichs, als auch auf dessen Beziehungen zu den auswärtigen Mächten, Deutschland nicht ausgenommen. Neu lst in der Botschaft nur die für die In­telligenz und Moralität der französischen Nation characteristische Belehrung des Herrn ThierS, daß es ein Irrthum wäre, zu glauben, man begehe durch die Tödtung eines Fremden keinen Mord, un Gegentheil feien für die Fremden die heiligen Gesetze ebenso unverletzlich als für die eigenen Landsleute. Diese Be- lehrung des Präsidenten der französtfchen Republik erscheint um so weniger über­flüssig, al- die Mordanfälle auf deutsche Soldaten sich wiederholt haben und ein sehr großer Theil der französischen Presse dieselben nicht nur zu beschönigen, son­dern sogar zu rechtfertigen sucht. In Bezug auf die VerfassungSsrage, Die für Herrn Thier- eine persönliche Angelegenheit ist, zeigt die Botschaft eine Bescheiden­heit, die überraschend sein könnte, wenn man nicht wüßte, daß zwischen der Na- tionalversarnrnlung und dem Präsidenten der französiichen Republik ein völlige- Einverständniß darüber besteht, daß die Gewalten der Versammlung sowie die des Herrn Thiers bis zum März 1874 zu verlängern sind. Die Nationalversammlung weiß sehr wohl, daß eine Auflösung der gegenwärtigen Volksvertretung nicht nur den Sturz des Herrn ThierS, sondern auch eine Niederlage für die konstitutionellen und gemäßigten Republikaner zur Folge hab<n muß; Herr Thiers spricht also nur pro domo, wenn er eS der Nationalversammlung anheimstellt, die Gewalt, die sie ihm gegeben, von ihm wieder zurückzufordern. In der Botschaft ist übrigens, und da- ist bemerkenLwerth, die Rolle, welche Frankreich nach der Ansicht des Herrn ThierS in Europa zu spielen hat, weit schärfer betont, als die Verpflichtung, welche die Franzosen Deutschland gegenüber zu erfüllen haben. Hoffen wir, daß Deutich- land nicht nöthig haben wird, dm Franzosen hierüber eine eindringliche Belehrung zu ertheilen. ~

+ ThierS ist wohl von allen Franzosen der Erste, der mit augenscheinlichem Schamgefühl die Entdeckung g.macht hat, daßAusländer" ebenfalls Menschen find und für diese die heiligen Gesetze ebenso unverletzlich bestehen, wie für die eigenen Landsleute. Die Lektion, welche Heir ThierS den Mordpatrioten ertheilt, wag aufrichtig und gut grmeint sein, es ist jedoch zu bezweifeln, daß sie ihren Eindruck ausüben wird. Thalsächlich sind die Moralpredigten der gcsarnmten europäischen Presse an Frankreich selbst spurlos voiübergegangen, überall wird der Haß und der antipreußische Gedanke geichurt und das Schrien der Journale nach Rache ist so intensiv, daß DieN. A. Z." in der That R.cht hat, wenn sie D<» Behauptung aufstellt:Die Franzofen sind von Sinnen; ihnen gigenuber be-

ffen, erhalten denselben für den Monat December zu 20 kr.

darf es derselben Vorkehrungen, deren die Gesellschaft Wahnsinnigen gegenüber nicht entbehren kann." Damit ist die ganze Situation gekennzeichnet und nach dieser Wahnsinnsthcorie erklärt sich denn auch das tollhäu-lerische Gebühren der PariserLiberte", die nach einer fulminanten VertheidigungSrede des mörderischen Individuums Tounelet die Proclamirung des Belagerungszustandes mit folgendem Phraf.nbau beantwortet':Das ist die Eroberung, eS ist Gewalt, welche da-Recht unterdrückt, die Gerechtigkeit verdreht und dem fremden Richter mit dem Helm auf dem Kopf, mit dem Säbel an der Seite, mit Drohungen im Munde, die fran­zösischen Landbewohner überliefert, die seit vierzehn Monaten unter dem preußische» Joche seufzen und deren einziges Verbrechen darin besteht, daß sie in manchen Stunden von der verzweifelten Sehnsucht sich hingerissen fühlen, den Kopf unter Der Beschimpfung und Verachtung emporzuheben." Diese gefühlvolle Sehnsucht der Franzosen, die sich in Mord und Ueberfall kundgibt, ist allerdings fast ebenso drastisch, als die lange Lobrede, welche dieLiberte" zu Ehren jenes Individuums losläßt, lediglich um den französischen Philistern das Ammenmärchen aufzubinden, Tounelet sei ein Heid, der gerechte Rache an denPrufsien" genommen, weil er als Gefangener in Deutschland Kälte und Hungerqualen zu erleiden hatte und angeblich von seinenPeinigern" anstatt mit B.od mit Faustschlägen und Säbel­hieben tractirt worden sei. Außerdem hat dieLiberte" noch eine weltgeschicht­liche Charakteristik der Deutschen und Franzosen aufgefunden: bei diesenfeine französische Trunkenheit", bei ersterenthierische Besoffenheit"!!

Ueber den Zusammenstoß zwischen deutschen Marineoffizieren und der Polizei 'n Rio und die Mittheiiung derNordd. Allg. Ztg.", daß e- sich u« einen vor» bedachten Angriff auf die Mannschaft derNymphe" handle, richtetein Brasilianer" eine Zuschrift an dieTimes", aus welcher folgende Stelle hervorzuhcben ist: ,Ich war in Rio, als der Streit mit den vier Offizieren derNymphe" entstand, und ich kann bestätigen, daß besagter Vorfall nur aus einem Zwist zwischen diesen Offizieren und einigen Personen, welche in einem Hotel zu Abend speisten, hervor- ging. Da- Einschreiten der Polizei geschah zum Zwecke, um die Streitenden zu beschwichtigen, und die Verhaftung Der Offiziere wie ihrer Gegner war nur eine natürliche Folge davon, daß sie Den Behörden Widerstand leisteten. Schließlich kann ich sagen, daß in Brasilien Deutsche nicht weniger geschätzt oder berücksichtig- werden, al- Franzosen." Während und feit Dem deutsch.französischen Kriege widerr sprachen Der letzteren Behauptung Die Thatsachen; übrigens sagt der Brafilianet nicht- Neues.

Darmstadt, 10. December. Nachdem am Freitag die Krankheit des Prinzen von Wales sich wieder so verschlimmert hatte, daß der Zustand fast hoffnungslos erschien, verlief jedoch Die Nacht ruhig. Gestern war das Athmen freier und die Erschöpfung nicht vermehrt; doch ist der Zustand noch sehr bedenklich.

t Berlin, 8. December. Vom 1. Januar 1872 an werden bei den kaiserl. Postanstalten Correspondcnzkarten mit bezahlter Rückantwort eingesührt. Die von Dem Absender zu entrichtende Gebühr beträgt für diese Kanen 2 Sgr., beziehungs­weise 6 fr. Die Formulare sollen, wie die gewöhnlichen Corresponoenzkarten, von ollen Postanstalten gegen Zahlung des FreimarkenwertheS verabfolgt werden. Nicht mit Freimarken beklebte Formulare müssen bei den Postanstalten zum Preise von V2 Sgr. für 5 Stück zum Verkaufe bereit gehalten werden.

Die im Jahre 1867 eingeführte Helmprobe für norddeutsche Infanterie hat bei Dem anhaltenden Gebrauche während des letzten Feldzuges sich nicht so dauer­haft gezeigt, als es erwartet werden durfte. Es ist deshalb Allerhöchsten Orts eine Modification jener Probe dahin angeordnet worden, daß der Helm für In­fanterie, Artillerie und Pionniere in Zukunft mit einer Hinterfchiene versehen wer­den soll. An ferneren Abänderungkn der Bekleidung-gegenstände ist zu erwähnen, die Einführung eines Mantelkragens mit Capotte, gegen Fortfall der bisher ge­bräuchlichen Capotten und der etatsmäßigen Ohrenklappen, sowie Die Anordnung eines andern Schnittes für die Tuchhose der Fußtruppen. Letztere Modification soll das Tragen der Hosen in Den Stiefeln erleichtern.

Stuttgart, 9. December. Ein Telegramm de-Schwäbischen Merkur" aus Berlin meldet: Prioatnachrichten aus Versailles zufolge wird Frankreich bald auch den belgischen Handelsvertrag von 1861 kündigen.

Versailles, 7. December. Die heutige Sitzung wurde um 21/2 Uhr er­öffnet. Zuvörderst sprach Grcvy Der Versammlung seinen Dank für seine Wahl zum Präsidenten aus. Darauf verliest Herr Thiers feine Botschaft. In derselben konstatirt er zunächst die täglichen Fortschritte des friedlichen Charakter- der aus» wärtigen Beziehungen und der inneren Organisation. Um diese Thatsachen richtig zu würdigen, dürfe man nie vergessen, in welchen Zustand Frankreich durch da- Kaiserreich hineingerathen sei. Nach einem Aufstande, der seine- Gleichen nicht in Der Geschichte habe, können wir noch immer sagen, daß die Summe glücklicher Umstände derjenigen der unglücklichen überlegen fei. Unsere Beziehungen mit Europa tragen den Charakter de- Frieden- und des Wohlwollens; unsere Beziehungen zu ,Preußen sind vollkommen geregelt. Die Steuern gehen mit großer Leichtigkeit ein. Die Armee war unser erster Trost in unserem Unglücke.