Gießener AnMger
Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kielen.
Nr. 211.
Dienstag den 12. September
1871.
Preis riecteljährig 1 fl- 12 fr. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährig 1 fl. 27 kr.
Warft • 3X a unb Suftralitn,
Erscheint täglich, mit Aus nähme MontagS.
Expedition: Canzletberg Lit. B. Nr. 1.
:.ntH den lo.
Binder unb
r Defitzer.
getauft kehl, f8 9.
Bestellungen auf der. Gießener Anzeiger M
Abonnenten, welche den Anzeiger bet der Erpedition «bholen lassen, erhalten denselben für den Monat September zu 20 kr
bn- Gichnin
»• ÄmtL
<6 Eagrrbitt in
viber: im,
Amtlicher T h e r l.
Nr. 37 des Reichs-Gesetzblattes des Deutsche» Reiches, ausgegeben zu Berlin am 1. September 1871, enthält:
(Nr. 693.) Verordnung, betreffend die Einführung des Artikels 33 der Reichsverfassung in Elsaß-Lothringen. Vom 30. Auaust 1871.
(Nr. 694.) Ernennung von Generalkonsuln, Konsuln und Vicekonsuln des Deutschen Reiches.
(Nr. 695.) Ertheilung des Exequatur an den Generalkonsul der Republik Peru in Hamburg.
Xm* IIhX O n AM fT"\ A.. »ix AM 9 9 Eheschließungen von Deutschen und Beurkundung
der Geburten, Heirathen und Sterbefalle von Deutschen. w uuo -oeurrunoung
(Nr- 670.) Ertheilung des Exequatur an den Vicekonsul der Republik Chile in Berlin.
Gießen, den 9. September 1871. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
In Verhinderung des Kreisraths:
Keku 16, Kreisassessor.
.Idirn-
Ältyeftfr p ftnona. Hoffl-llL
baut.
t im Tlallde,
besorgt. (618)
btt 11. w*
t bei lllll
der kG
Ti t 8. Wi tS.105 t 8. S-'/s k 8. #’• t 8. ifl. 105 tß. iE t 8. 18. r*/< »8.- LS- "
JSV 1^42 u»9 2^54 ►<■-38 • iti-18
Betreffend: Handbuchsauszüge für 1871. am 6. September 1871.
Das Großher^ogliche Kreisaml Gietzen
an die Großherzoglichen Bürgermeistereien zu Allendorf a. d. Lda., Aniui-od, Ettmgshausen, Garbenteich, Hausen, Heuchelheim Lollar, Mainzlar, Münster und Watzenborn.
Wir erinnern Sie abermals an die Einsendung der rubricirten Handbuchsauszüge binnen 8 Tagen bei 1 fl. 30 kr. Strafe.
In Berhinderung des Kreisralhs i
Ke tu 16, Kreisaffessor.
Politischer T h e i i.
11. September.
*V Dar Heilmittel gegen die Gefahren des Socialismus ln einer schärferen Anwendung der Strafgesitze zu suchen, zeugt sicher am wenigsten von einem hinreichenden Verständniß der socialen Frage. 'Vor uns liegen mehrere der großen Blätter, welche vorzugsweise dem Kapital bienen. Das eine klagt über die schrankenlose Coalitionöfreiheit, gegen welche eine Correctur gegeben werden müsse; das andere beschwert sich bitter darüber, daß den socialistischen Schreiern und Wühlern bei ihren Reden in öffentlichen Versammlungen, bei ihren Kundgebungen in der Presse vieles ungestraft hingegangen sei, wovon der zehnte Theil hingereicht haben würde, den Urhebern liberaler Blätter Verantwortung vor dem Gesetze zuzuziehen. Diese Nachsicht, fordert das Blatt, müsse jetzt aufhören; je strenger a.an hinfort zwischen berechtigten und unberechtigten Freiheitsäußerungen unterscheide, desto sicherer werde man erreichen, baß d,e Massen allmählig eine Umwand lung in ihrem Denken unb Thun erleiden, wenn sie den Ernst des unerbittlich gehandhabten Gesetzes sichtbar wahrnehmen.
Wohin würben wir wohl kommen, wenn Die deutsche Bundesregierung diesen Rathschlägen Gehör gäbe, wonach Alles, was Der Arbeiter gegen die Kapitals- macht in seinen Reden vorbringt, unerbittlich bestraft werden soll, während in den Anklagen des Bourgeois gegen die Regierung Diese letztere nur eine berechtigte ßretheit-äußerung erkennen Darf? Hieße das nicht Die gesummten Arbeitermaffen in eine Direct feindselige Stellung gegen die StaatSgewaltcn treiben, sie zu den i erbitterten Feinden Der Regierung und Gesellschaft machen? Bekanntlich haben Nie ärmeren Gesellschaftsklassen keine Presse, die ihre Interessen ausreichend befürworten könnte, Dank dem herrschenden CautionSwesen; auch sind sie so gut wie zar nicht vertreten in der Volksvertretung, und nun sollte man ihnen noch die tcnigen politischen Rechte, welche sie besitzen, so schmälern, daß die Vertreter ihrer ürnereffen Anstand nehmen müßten, noch ferner für ihre Rechte in Die Schranken lu treten ?! Glücklicherweise sind Die deutschen Negierungen, so wenig Freiheits- Pn ihnen auch eigen sein mag, doch zu verständig, um sich auf solchen Pfad lvckrn zu lassen, dessen Betretung übrigens der Bourgeoisie höchst nachtheüig werden >Üjte und eigentlich nur Der Socialdemokratie zu Gute kommen könnte.
In Der That, wenn die Staatsgewalt in solcher Weise „organisatorisch" « die sociale Bewegung eingreifen sollte, dann wäre es allerdings besser, sie be- Imte einstweilen noch bei der bisherigen Passivität; denn wollte sich Die Regie ""lg auf Den fanatischen StanDpunkt des Bourgeois stellen, welchem der Staat, Irmee und Polizei nur dazu bestimmt scheinen, den Bürger in seinem Besitzstände I* schätzen, Dann würde ja der Zweck be- Staats so beschränkt sein, daß von toem Streben für höhere GesellschaslS- und Menschheitszwecke eingentlich gar nicht Uhr die Rede sein könnte. Nein, Die Bourgeoisie gegen Den Arbeiter zu schützen, heutzutage vielleicht weniger nothwenbig, als den fleißigen und vernünftigen arbeitern gegen die schrankenlose Ausbeutung Der Kapitalisten unD Spekulanten ■ ^igermaßen sicher zu stellen. Das Letztere ist nicht eigentlich Die Aufgabe Der Staatsgewalt, uno in Dem Maße, als ihr dieselbe gelingt, wirb sie auf Vie Hin- I Abung Der Arbeitermaffen für die Interessen Des Staates rechnen können.
Der Kaiser hat genehmigt, Daß für Die Dauer Der mobilen ZustanDe- eines
Theiles Der Armee Die Entlassung von Mannschaften, die ihrer activen Dienstpflicht als Einjährig-Freiwillige genügt haben, beim Mangel Der die maßgebenden Bestimmungen vorgesehenen R-clamationsgründe auch Dann etnfrtrn Da f, wenn Die Betreff.nDen Durch längeres Verbleiben bei Der Fahne in Fortsetzung ihrer Studien resp. nach Vollendung derselben in Der Ausbildung zu ihrem künftigen Lebensunterhalt gehindert werden. Die Entscheidung über derartige Entlaffungs» anträge, soweit es sich um Mannschaften mobiler Tcuppentheile handelt, liegt Dem Oberkommando Der Occupationsormee, in Betreff Der Mannschaften immobiler Truppcntheile den GeneralcommandoS ob.
In Oesterreich wogt seit dem 1. September der Wahlkampf in ungewöhnlicher Heftigkeit: auf der einen Seite stehen Die Deutschen für die Verfassung, auf Der anderen die Slaven und die Uitramonhnen, Denen Die Nationaliiäten nur Mittel, Die kirchliche Reaction Zweck ist. Die Versaffungspartei hält fest zusammen, UND Daß sie Ith.c schlechten Aussichten hat, beweist Der Fanatismus ihrer Gegner, Die Das Ministerium zu allerlei Bemaßregelungen und Verboten getrieben und gelegentlich auch Pöbelexceffe angezettelt haben, um Das deutsche Elemmt ein- zuschüchtern. Da Die Ultramontanen überall die Sache Der Kirche voranstellen, so ist den Abstimmungen zugleich ein religiöser Eharacter aufgedrückt worden, durch den Die Bewegung bis tief in Die untersten Volksschichten getrieben wurde. Das Ministerium Hohenwart hat bet Dem Kampfe, Den iS Durch Verbote, durch die Polemik feiner Organe und Durch Die plumpen Ausfälle des „Vaterland" gegen die heiligsten Ideen de Neuzeit führte, nicht an Ansehen und Wurde gewonnen. Graf Beust hielt sich diesem Treiben durchaus fern; seine Stellung erheischt, ob- gleich Die ultramontanen täglich seinen Sturz oerfunDeten, nach wie vor ffst und gemessen, eben so Die von Andraffy. Die Wahlkampfe haben vorläufig alles andere Interesse in Den Hintergrund gedrängt, besonders in Wien, wo Die Deutschen glänzend gesiegt und sich durch Eifer, Festigkeit und Besonnenheit ihrer Siege würdig gezeigt haben.
Nachdem die Nationalversammlung sich zur Constituante erklärt und Thiers zum Präsidenten der Republik ernannt hatte, erforderte es der Anstand, daß Der neue Präsident sich erstens durch eine Botschaft bei ihr bedankte unv sodann eine Neubildung seines Cabinets vornahm. Die Botschaft, inhaltslos wie sic war, wurde im Ganzen gut auigenommiu, weniger Die Ablehnungsgesuche sämmtlicher CabinetSminister, das Larcy's etnge,chlossen. Das Ministerium ist geblieben wie es war, nur daß Dufaure zum Vicepräsiventen desselben ernannt wurde, weil Thiers sich die Präsidentinstelle Vorbehalten hat. In der Nationalversammlung nehmen die Gesuche um Udaub auf längere Zeit so zu, daß man sieht, wie Die Sehnsucht nach Ruhe wächst. Es heißt, baß Die Parlamenteserien beginnen sollen, fobalD die vier Pari- benachbarten Departements von Den Deutschen Truppen geräumt und Die Finanzqes'tze vvt-rt sind. Jndeß wird Die Räumung wahrscheinlich eher als Die Annabme Der Vorlagen Des FinanzministeiS erfolgen, Da Pouyer- Qutrtier mit Der betreff«nDen Commnsion noch immer im Argen liegt, währenD Die Verhandlungen des neuen dcutlchen Gesandten, des Grafen Arnim, mit Thiers, Remufat und Pouyer-Quert>er gut von statten gehen. Gras Waltersee hat am 1. September Pans verlassen, um zunächst nach Gastein und Dann zu seinem Re-


