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d OjHtner Atytigcr.

Anzeige- und Amlsölali für den Kreis Hießen.

Rr. 61. Sonntag den 12. März 1871«

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in schamloser Weise zu beleidigen. Die Stimmen mehren sich, die das offen bekennen, und es laut aussprechen, daß in der Annäherung an Deutschland das einzige Heil für Italien zu suchen sei. Wir freuen uns dieser beginnenden Sinnesänderung; das aber möge man tn Italien wohl beherzigen, daß unser Vertrauen aus den politischen Charakter und die Zuverlässigkeit der italienischen Nation zu tief erschüttert ist, um durch einige sympathische Zeitungsartikel sofort wieder hergestellt zu werden.

Frankreich und Italien. Die Italiener baden es Frankreich gegen, übn wahrend des jetzt zum Abschluß gebrachten Krieges an den wärmsten Sym- vathiebereugungen nicht fehlen lassen; sie haben mit großer Herzlichkeit das Un­glück ihres Verbündeten von 1859 beklagt und bemitleidet, aber sie haben durchaus kein Bedenken getragen, sich dasselbe bestens zu Nutze zu machen. Die Besitznahme und Einverleibung Roms war eine schwere Beleidigung für Frank­reich und als solche ist sie denn auch von den Franzosen empfunden worden, nicht bloß von den Clerikalen, sondern auch von denjenigen Parteien (mir nehmen nur die republikanischen Ultras aus), denen die päpstliche Sache an sich sehr gleichgültig ist, die den Sturz der weltlichen Macht des Papstthums wohl selbst als einen Fortschritt begrüßen. Auch wer vom kirchlichen Standpunkt aus gegen die Annexion Roms durchaus Nichts einzuweudcn hat, kann cs sich doch nicht verhehlen, daß die römische Frage grade für Frankreich auch eine politische Seite hat. Nicht nur, daß Frankreichs Ehre durch den Schritt der italienischen Regierung compromittirt ist, sondern die Staatsmänner der alten Schule (und in der auswärtigen Politik hat die alte Tradition durch alle Revolutionen bin- d^ch ihre Autorität fast unangefochten behauptet) legen grundsätzlich der Vollen­dung des italienischen Einheitswirkcns so viel Hindernisse in den Weg, als in ihren Kräften steht; sie haben von Alters her die Zerrissenheit Italiens als eine der Grundlagen der französischen Macht angesehen, und sie betrachten jetzt, nach­dem zu ihrem großen Mißvergnügen der Einheitsdrang der Italiener im Uebngen seine Ziele erreicht hat, Rom als den Punkt, an dem Frankreich Italien sistzu- halten hat. Die völlige Verschmelzung des dem Papste bis zum Oktober vorigen Jahres gebliebenen Besitzthums mit dem Königreich Italien würde der sranzösi- scheu Einmischungspolitik Vie letzte Handhabe entziehen, und diese Handhabe fahren zu lassen, sind die Leiter der französischen Politik selbst in der gegenwärtigen be­drängten Lage ihres L-upeS offenbar wenig geneigt.

Die Italiener sind sich denn auch von Anfang an der für die Zukunft ihnen von Frankreich her drohenden Gefahr bewußt gewesen, und sie wurden, tttnn sie, ohne sich selbst in Unkosten zu setzen und in bedenkliche Abenteuer ein- zulaffen, Frankreichs Verzeihung für ihr keckes Benehmen durch reelle -Lttnjb lkistungen während des Krieges sich hätten erkaufen können, nicht unterlassen haben, dies zu thun. Aber Italien befand sich das sahen seine Staatsmänner »ie das italienische Volk sehr wohl ein durchaus nicht in der Lage, Frank- reich in wirksamer Weise durch Thaten zu unterstützen. Es blieb also nur der Versuch übrig, Frankreich durch schöne Worte zu beschwichtigen. Das kostete Nichts, und viklleicht so rechnete man macht die generöse Gesinnung der Italiener aus die generöse französische Nation, die sich ja immer gern bat Weih­rauch streuen lassen, einen versöhnlichen Eindruck. Dieser politische Calcül - die Italiener thun sich bekanntlich etwas darauf zu Gute, ein Volk von feinen und verschlagenen Politikern zu sein hat offenbar mehr noch als das Mitge­fühl mit den Leiden des Brudervolkes die Haltung der italienischen Presse wah­rend des Krieges bestimmt. Mußten nicht die Schmähungen gegen die nordischen Barbaren, die Frankreich zerstückeln wollten, in den Franzosen ein Gefühl wohl- thuender Befriedigung Hervorrufen? ,

Aber leider befand sich Frankreich in einer Lage, in der ihm mit Redens­arten , mochten sie auch noch so vortrefflich aus den französischen Geschmack be- rechnet sein, wenig gedient war. Frankreich verlangte bewaffneten Beistand; gegen eine Hilfssendung von 200,000 Mann würde es sich vielleicht entschlossen haben, für alle Zeiten den Schleier des Vergessens über die italienischen Misse- lhaten zu breiten. Aber gegen die Zumuthung wirksamer Hilfe lehnte sich der gesunde Menschenverstand der Italiener denn doch auf. Garibaldi und einige hundert Freiwillige mochten der Republik zu Hilfe eilen; es war dem italienischen Ministerium sogar erwünscht, daß sie in Frankreich und nicht in Italien ihre un­ruhige Thatenlust zu befriedigen suchten; aber von einer Unterstützung durch italienische Regimenter konnte selbstverständlich nicht die Rebe sein, seit die Aus­sichten aus eine große JnterventionScoalition, an der Italien mit einiger Sicher­heit sich hätte betheiligen können, in Rauch verflogen waren.

So muß sich denn Italien sitzt am Schluffe des Krieges sagen, daß es ohne jeden Nutzen für sich das deutsche Nationalgefühl auf die unwürdigste Weise heleidigt hat. An der Spitze Frankreichs steht Thiers, der unversöhnlichste Feind les einheitlichen Italiens. Die conservativrn Elemente, auf die Thiers zunächst sch zu stützen hat, theilen seine Antipathien gegen die italienische Einheitsbe- vegung in vollstem Maße; und es läßt sich nicht bezweifeln, daß Vie neue fran- jöslsche Regierung, soweit sie sich überhaupt gegenwärtig um fremde Angelegen^ Herten bekümmern kann, ihre Blicke vorzugsweise auf Rom richten wird. Nach dieser Richtung hin ziehen Thiers seine eigenen Neigungen, unv treiben ihn die leidenschaftlichen Wünsche des CleruS, den er für sich gewinnen muß, um seinen Beistand den Legitimisten zu entziehen. An Anwendung von Gewaltmaßregeln kann er für jetzt natürlich nicht denken, aber alle Künste der Diplomatie wirb er aufbieten, um bie Italiener bafür zu strafen, baß sie Frankreich zum Trotze sich in den Besitz ihrer Hauptstadt gesetzt haben.

Italien sieht der Zukunft sorgenvoll entgegen. Man fängt an einzusehen, baß e« eine unsinnige Politik war, den uneigennützigen Verbündeten von lobb

Mit Bezug auf die Art und Weise des Einzuges der deutschen Truppen in Paris, die hier unv da in der, verschiedensten Weise beurtheilt worben ist, ent­nehmen wir derProv.-Corr." 'Folgendes:Unser Hauptquartier hätte, bei der jetzigen Lage der Dinge, möglicher Weise auf die Besetzung von Paris überhaupt keinen Werth mehr gelegt, wenn nicht die Kundgebungen aus der Hauptstadt den Einzug zu einer Nothwcndigkeit gemacht hätten. Thatsächlich konnte die Be­sitzung von Paris unseren Erfolgen unv unserem Waffenruhm Nichts mehr hin­zufügen ; nachdem die Forts von unseren Truppen besetzt unv dadurch die Stadt vollständig in unsere Gewalt gegeben war, konnte es uns in militärischer Be­ziehung völlig gleichgiltig sein, ob wir die Stadt selbst besetzt hauen oder nicht.

Bei den tief zerrütteten und völlig haltlosen inneren Zustänben ober konnte eine eigentliche und dauernde Besetzung der Stadt wenig Reiz für unsere Armee

hqbcn, welche leicht hätte in die Lüge kommen fvnmn , an Stelle Der ohnmäch­

tigen französischen Regierungsgewalten den Pöbel der Hauptstadt zu zügeln. Un- fere braven Truppen hatten bafferes verdient, als daß sie am Schluffe eines bei- spiellos ruhmreichen Feldzuges in die inneren Kämpfe der Hauptstadt verwickelt oder zum Polizeidienst gegenüber gewissen Schichten der pariser Bevölkerung Da.un gebraucht werden |ollen. Im Interesse unseres Heeres selber war daher eine längere Besetzung von Paris keineswegs wünschenSwerth. Wäre sic als wünschenswerth anerkannt worden, so würde sie auch begehrt und gewiß ebenso- wenig verweigert worden sein, wie uns Straßburg und Metz verweigert werben konnten. Nachbem jedoch die jüngsten übermüthigen unv herausfordernden Kunv- gedungen seitens der Pariser Den Beweis geliefert hatten, baß sie die Beweg- gründe unserer Zurückhaltung nicht zu würdigen verstanden, daß sie unsere Mäßi­gung nur mit Hohn und Trotz erwiderten und sich für die Zukunft den Wahn in Betreff der Unverletzlichkeit ihrer Stadt von Neuem zurecht machten, da kam es unserem Hauptquartier daraus an, diese Einbildung thatsächlich zu wiederlegen und wenigstens vurch einen vorübergehenden Eintritt unserer Truppen in die Hauptstadt sestzustcllen, daß die Macht hierzu uns nimmer bestritten werden konnte, und daß es nur unser freier Wille war, wenn wir davon so mäßigen unv kurzen Gebrauch gemacht haben. Die Kriegsgeschichte wird die Thatsache richtig würdigen, daß die deutschen Truppen alle Forts um Paris besitzt und die Armee Der Stadt entwaffnet hatten, und daß der deutsche Kaiser eine Heer­schau seiner Krieger im boulogner Wäldchen an den Thoren von Paris hielt ebenso wird aber bie Gefchichte auch bie politischen unv sittlichen Grünbe wür­digen, aus welchen der Kaiser aus einer längeren Besetzung Der Hauptstadt seitens seiner braven Truppen nicht bestand. ,

DerKöln. Ztg." wird aus Luxemburg vom 4. März geschrieben: Seit Thiers uns lausen und an Preußen verschenken wollte, bloß um sein Metz zu retten, wissen unsere Franequillons nicht mehr, zu welchem Heiligen sic beten sollen. Wir wissen nun, was wir Frankreich werth sind; aber was uns Frankreich noch kosten wird, das wissen wir noch nicht. Vermuthlich noch mehr, als Thiers für uns geben wollte. Doch unsere Fransquillons trösten sich wie jener Themseschiffer mit dem philosophischen Spruche:'Mhat is donc cant be helped; Letter luck next time! Aber Spaß bei Seite: wir steuern bereits wieder mit vollen Segeln vcm deutschen Fahrwasser zu. Die letzte neuliche Ordensverleihung liefert schon allein den Beweis dazu. Sogar unserWort für Wahrheit und Recht steht sich schon nach Dem geschickten Steuermanne um, der es mit heiler Haut zwischen den Klippen und Untiefen durchlootsen möge, wohin es auf seiner zu eifrigen ^ngD aufketzerische" Fahrzeuge gerathen ist. Auf Frankreich ist für jetzt nicht zu rech, ncn. Der Graf von Chambord hat zwar wieder Hoffnung, aber der Gras von Paris hat deren noch mehr. Kurz, auch dasWort" weiß nicht mehr, zu wel­chem Heiligen seine Zuflucht nehmen! Zwar ist Belgien noch da. Aber die letzte Rede des Herrn Berge in der belgischen Kammer gibt gar Vieles zu denken. Und bann ist Belgien so flt.n unv schwach dem starkenPreussen" gegenüber. Ach wenn wir doch nur neutral bleiben und unsere Souveranetal unter einem der Kirche ergebenen Fürsten behalten bürsten! Doch baran ist kaum mehr zu denken, nachbem uns Freunb Thiers bcn Fusstrttt versetzt hat.

Der Berichterstatter vesDail, Telegraph", welcher sonst viele Spmpathtc für Pix Franzosen unb bie Pariser hat, schildert den Abend des Tages, an wel­chem bie Deutschen bie Hauptstadt räumten, in folgender Weise:Es war eine prächtige Nacht. Heller Mondschein, verbunden mit der Gasbeleuchtung, bie zum ersten Male seit Monaten ben Parisern wieder strahlte, hatte -ine grosse Menschen- mcnae hcrvorgclockt. Die Trottoirs waren von einer dichten Masse belebt unb Zeitungen fanben reichlichen Absatz, haupisächltch um der Nolirungen ber Renten