Ausgabe 
11.7.1871
 
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Erscheint täglich, mit Aus- nähme Montags.

Expedition: Canzleiberg Ltt. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kietzen.

Str. 137. Dienstag den 11. Juli 1871.

Bestellungen auf den Gießener Anzeiger au*

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10. Juli.

Mas schreibt uns aus Berlin vom 7. Juli:

Die eigentliche Ursache der bedauerlichen Excesse in Königshütte ist nunmehr vollständig constatirt; es ist kein Zweifel mehr darüber erlaubt, daß die Clerikalen die katholischen Arbeiter gegen die evangelischen Obcrbeamten der Bergwerkshütte und die evangelische Bevölkerung der Stadt aufgehetzt und den Arbeitern das Bewußtsein beigebracht haben, daß ihre katholische Religion in Gefahr ist und sie Von den evangelischen Beamten nicht die Fürsorge für ihr materielles Wohl zu erwarten haben, worauf sie den vollsten Anspruch erheben zu können vermeinen.

Wenngleich nun die preußische Regierung nicht für den Fanatismus der Clerikalen verantwortlich gemacht werden kann, so darf doch nicht geleugnet wer­den, daß das preußische Cultusministerium sich ganz andere Aufgaben gestellt hat, als diejenige, den Hetzereien der Clerikalen gegen dieUngläubigen" cntgegenzu- treten, den Aberglauben und religiösen Fanatismus durch die Aufklärung der nie­deren Volksklaffeu zu bekämpfen. Ganz im Gegenthei! hat Herr v. Mühler den Bestrebungen, die sich in der Presse, Vereinen und der Volksvertretung kundgcgeben haben, der kirchlichen Orthodoxie, der katholischen wie der evangelis-chen, mit den Waffen der Vernunft und einer gesunden Volksbildung entgegenznarbeiten, nicht nur nicht begünstigt, sondern entschieden bekämpft. Nicht nur im Rheinland und Westfalen, sondern auch in den polnischen LandeStheilcn, in Posen, Westpreußen und Oberschlesien, wo die Katholiken mit de» Feinden des deutschen Reichs ge­meinschaftliche Lvache machen, hat mrn den Unglauben, den Mange! an kirchlicher Gesinnung mehr in's Auge gefaßt, als die Consequenz-n, die sich naturgemäß aus den clerikalen Bestrebungen nach und noch entwickeln mußten.

Ware es möglich gewesen, daß die CentrumSfraction im Reichstage in solcher Stärke sich zeigte, wenn man von vorn herein dahin gestrebt hätte, den Clerikalen anstatt sie für sogenannte konservative Zwecke benutzen zu wollen, den Boden unter den Füßen zu entziehen? Die clerikalen Wahlen sind nur durch die Umtriebe der Ultramoutanen, durch die Erzeugung eines wissentlichen Jrrthums bei den Massen, des Jrrthums nämlich, daß der protestantische Staat Preußen auf Die Bedrückung der Katholiken ausginge, möglich geworden. Dieser Jrrthum hätte nie erzeugt werden können, wenn die Regierung diejenigen zur Rechenschaft gezo­gen, welche auf der Kanzel und im Beichtstuhl ihr Amt dazu mißbrauchten, anstatt Toleranz und Humanität, Haß und Erbitterung gegen die Evangelischen hervor­zurufen.

Vor allem aber würden die Ultramontanen keinen Eingang gefunden haben bei den Massen, wenn letztere auf der Schule eine Erziehung und Bildung ge­nossen hätten, welche auf die Anregung einer vernünftigen Weltanschauung, auf die Beseitigung herrschender Vorurtheile gerichtet gewesen, und die nicht ihre Aus­gabe darin gesucht hätte, blinden Glauben und unbedingte Unterwürfigkeit untre die Lehren und Vorschriften des katholischen Clerus zu predigen.

Eine solche Erziehung kann selbstverständlich nur durch die vollständige Treu- nung der Kirche von der Schule erreicht werden. Wann endlich werden alle Par­teien, die liberalen wie die konservativen, ihre Anstrengungen dahin vereinigen und verdoppeln, diese erste und vornehmste Forderung kategorisch an die Regierung zu stellen! Ohne ihre Gewährung ist fortan kein innerer Friede und kein wahrer Fortschritt möglich. Jetzt endlich wird man in den betreffenden Kreisen hoffentlich erkannt haben, daß die Passivität der Regierung gegenüber der clerikalen Agitation ein Fehler war, heute wird man wissen, daß es endlich eine Nothwendigkeit ist, Herrn v. Mühler die Entlassung zu geben. Indessen genügt diese Entlassung nicht, sondern handelt es sich viemrhr darum, das gesummte Unterrichts- und BlldungS- wesen auf ganz andere Grundlagen zu stellen.

Der Reichskanzler Fürst Bismarck hat dem Componisten derWacht am Rhein", Karl Wilhelm, der sich zur Zeit in dem thüringischen Kaltwasserbade Elgersburg befindet, eine Ehrengabe von 1000 Thlr. zugewandt und dieselbe mit einem Schreiben begleitet, das wir aus derCref. Zkg." mittheilen, wie folgt:

An Herrn Musikoirector Karl Wilhelm, Wohlgeb. zu Schmalkalden.

Berlin, 23. Juni 1871.

Sie haben durch die Composition von Max Schneckenberger's GedichtDie Wacht am Rhein" dem deutschen Volke ein Lied gegeben, welches mit der Ge­schichte des eben beendeten Krieges untrennbar verwachsen ist. Entstanden zu einer Zeit, wo die deutschen Rheinlande in ähnlicher Weise wie vor einem Jahre von Frankreich bedroht erschienen, batDie Wacht am Rhein" ein Menschenalter später, als die Drohung sich verwirklichte, in der begeisterten Entschlossenheit, mit welcher unser Volk den ihm aufgedrungenen Kampf ausgenommen und bestanden hat, ihren vollen Anklang gefunden. Ihr Verdienst, Herr Musikdirector, ist es, unserer letzten großen Erhebung die Volksweise geboten zu haben, welche daheim, wte im Felde dem nationalen Gemeingefühle zum Ausdruck gedient hat. Ich folge mit Vergnügen einer mir von dem geschäft-führenden Ausschuß des deutschen Sängerbundes gewordenen Anregung, indem ich der Anerkennung, welche Ihnen von allen Setten zu Theil geworden ist, auch dadurch Ausdruck gebe, daß ich Sie bitte, die Summe von Eintausend Thalern aus dem Dispositionsfond des Reichs­kanzleramts zu nehmen. Ich hoffe, daß es mir möglich sein wird, Ihnen alljähr­lich den gleichen Betrag anbieten zu können. Die Reich-Hauptkasse ist angewiesen,

Ihnen die für das laufende Jahr bestimmte Summe alsbald gegen Quittung auszuzahlen.

Der Reichskanzler, s. Bismarck.

Mögen die deutschen Männergesangvereine, Liedertafeln, Musikkapellen rc. diesem leuchtenden Beispiele nachfolgen und durch Veranstaltung von Concerten zur .Karl-Wilhelm-Stiftung", deren Hauptausschuß bekanntlich in Crefeld seinen Sitz hat, nach Kräften beisteuern.

t Wie man hört, soll, wenn die Verhältnisse dort sich nicht anders gestalten, bei dem nächst zusammentreteuden Reichstag- eine Verlängerung des für Elsaß- Lothrinqen b stimmten Provisoriums beantragt werden.

Von den die M.litärleistungen betreffenden Gesetzen sollen in Elsaß Lothringen vorläufig diejenigen cingeführt werden, welche bereits im ganzen Reiche Geltung haben, also die Bestimmungen über Kriegslcistungen, Quartierleistungen, Vorspann und Flurbeschädigung.

Die deutsche Bundesregierung hat sich zwar an den Schritten betheiligt, welche zur Erforschung der Thätigkeit der Internationale, rhrcr Stärke und ihrer Verbindungen nothwendig sind; indessen wird dieselbe von allen poliAilichcn Maß­regln gegen dieselbe abstehcn und das freie Vereinsrecht den Mitgliedern der Jnternation le keineswegs verkümmern, womit auch gar nichts bewirkt wer­den toüiDe.

Auf sämmtlichen deutschen Kirchhöfen sollem dem Andenken der im letzten Kriege gefallenen Helden gewidmete Kreuze aufgestellt werden. Eine Gesellschaft, die jetzt in der Bildung begriffen ist, wird die Ausführung dieses Projekts in die Hand nehmen.

Der Jahrcscongreß der soci'aldemokratischen Arbeiterpartei für Deutschland findet diesmal in Dresden am 15. und 16. Juli statt.

Die Ernennung des Grafen Golochowski zum Statthalter von Galizien in das unlängst vom Reichskanzler Beust dargelegte System Der österreichischen Friedenspolitik eine gewaltige Bresche schießen, denn Golochowski ist, wie uns von guter Seite versichert wird, ein notorischer Ruffenfeind und Verfechter der Ansicht, daß Oesterreich die Mission habe, die ehemaligen gesummten polnischen Landes- kbeile unter seinen Scepter zu vereinigen, weil cs hierdurch allein dir Fähigkeit gewönne, das ihm gefährliche russische Übergewicht zu brechen und seine Existenz auf sicherere Grundlagen zu stellen.

Die vom französischen Finanzmin'ster Ponyer-Quertier geplante und von Thiers portirte schutzzöllncrische Politik scheint denn doch nicht allen kompetenten Kreisen in Frankreich zuzusagen, und die bessere Einsicht hat selbst in der National- v rsammlung Platz gegriffen, wie dies aus der Thatsache hervorgeht, daß 160 Deputirte sich zu einem frcihändlerischen Club constituirten. Es ist nicht gut möglich, daß sich die Politiker und Staatswirthe Frankreichs auf die Dauer der auf die allgemeinsten Erfahrungen gestützten Erkenntniß verschließen, wonach nicht die Steigerung, sondern die Herabsetzung der Zölle zu einer Verwehrung der Zoll- Einnahmen führt.

Die Deutschen in Kalifornien haben im Ganzen die bedeutende Summe von 130,253 Dollars zum Besten der deutschen Soldaten und ihren Angehörigen ge­sammelt. San Francisco allein hat von der Summe über 118,000 Dollars beigetragen, während 11,493 Dollars im Innern des Staates zusammenkamen.

Nach einem Telegramm aus Bombay wäre der Bürgerkrieg tu Afghanistan wirklich zu Ende; denn cs besagt, daß der Vicekönig von Indien die Aussöhnung zwischen Jakub Khan und seinem Vater, dem Emir Schir Ali, durch seine Ver­mittlung zuwege gebracht hat.

Der König von Birmah hat für das Innere seines Landes den Freihandel eingesührt. i

Berlin, 7. Juli. Das Befinden Sr. Maj. des Kaisers bessert sich von Tag zu Tag; die letzte Nacht verlief unter kräftigendem Schlaf, die rheumatischen Schmerzen sind geringer, das Allgemeinbefinden gut. Heute Vormittag nahm der König die gewöhnlichen militärischen Vorträge entgegen, empfing darauf den Wirkl. Geh. Rath v. Balan und hörte den Vortrag des General-Adjutanten, General- lieutenant v. TreSckow. Später hielt der Staatssecretär v. Thiele und der Unter- StaatSsccretär Lehnert Sr. Maj. Vortrag.

Das deutsche Central-Comite der Vereine für die Pflege im Felde verwun­deter und erkrankter Krieger hat der von den Mitgliedern stark benutzten Bade­saison wegcii seine regelmäßigen Wochensitzungen bis zum 16. August ausgesetzt; bis zu dieser Zeit vertritt General v. Derendahl das Präsidium. Für die Tagesordnung des Vereinstages zu Nürnberg hat daö Central * Comite folgende beide Themata vorgeschlagen: 1) Austausch über die Erfahrungen, über die Leistungen der deutschen Vereine zur Pflege im Felde verwundeter und erkrankter Krieger während des letzten Krieges auf dem Kriegsschauplätze und im Jnlande, nament­lich in Bezug auf die Vercinsorganisation, auf die Pflegerinnen und das männ­liche Hilfspersonal, die Sanitätszüge, die Verein-lozarethe und die Vcrein-depots. 2) Erwägung der Mittel zur Sicherung einer fortdauernden und gedeihlichen Friedensthätigkeit der deutschen Vereine und ihrer Bereitschaft für einen künftigen Krieg, mit besonderer Beziehung aus die diessälligen Resolutionen der Berliner internationalen Conferenz vom 27. April 1869 und auf die im letzten Kriege