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Gießener Anzeiger.
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Expedition: Lanzleiberg 2it B- Nr. 1.
Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kiefzen.
Mr. L38. Sonntag den 11. Jnni M7I.
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f Das preußische Offiziercorps und die deutsche Armee.
Es wird »on keiner Seite bestritten werden, daß va« preuß sche Ossiziercorpö, wie in den früheren Feldzügen, so auch im letzten Kriege, durch Tapferkeit, Ausdauer und intelligente Führung sich ungeheure Verdienste um Preußen und Deutschland erworben hat; ebensowenig laßt sich aber in Abrede stellen, daß in dem Offizierscorps der preußischen Armee durch Tradition bis auf die heutige Zeit ein Kastengeist erhalten und großgezogen ist, der mit der Bildung und der gesummten Richtung unserer Zeit im graffcstcn Widerspruch steht und dessen fernere Pflege unter den heutigen Verhältnissen dem gemeinsamen Vaterlande zum entschiedensten Nachtheil gereichen müßte.
/ Bon diesem Kastengeist hat eine Aeußerung des Bundcrcommissars Haupt» mann v. Plötz in den ReichStagSdebotten über das MilitärpensionSgesetz einen recht unerquicklichen Beweis gegeben. Herr v. Plötz behauptete, baß die Offiziere ein stärkeres Ehrgefühl walten lassen als die Mannschaften, und suchte diese Behauptung damit zu belegen, daß, «ährend in der Kriegsstärke auf 50 Mann durchschnittlich ein Offizier kommt, schon unter 15 Tobten regelmäßig ein Offizier zählt. Auch gegen diese Thatsache läßt sich nicht- einwenden; allein der bekannte und geachtete Mliitärschriststeller durfte nicht außer Acht lassen, daß diese Diff-.renz keineswegs aus einem schwächeren Ehrgefühl aus Seiten der Unteroffiziere und Mannschaften rcsultirt, sondern einmal aus dem Umstands, daß die französischen Soldaten notorisch vor allem die Offiziere aus'- Korn nahmen, und zum andern aus dem durch die Stellung des Offiziers für denselben gebotene größere Hervor treten während des Gefechts.
Die Bravour der Mannschaften und da- dieser zu Grunde liegende Ehr» gefüöl ist bisher von keiner Seite bestritten worden; die authentischen Ausspruch: de« Kaisers in den Depeschen vom Schlachtfelde an die Kaiserin erkenne derselbe im höchsten Maße an. Daß die höheren militärischen Kreise sich berufen suhlt.n, daran zu mäkeln, eine Unterscheidung de- Ehrgefühls bei verschiedenen Elass n deL Heeres anzustellen, und vollends zu dem Behufe, höhere materielle Ansprüche der Offiziere daraus zu begründen, ist außerordentlich bezeichnend für das Vcrhältniß der Offiziere zu den Mannschaften ter Armee. Da- „Volk in Waffen" erhält dadurch eine neue Illustration, die zu der Ueberzeugung von der unbedingten Nothwendigkeit führen muß, daß dem von den Mannschaften sich abschließenden und diesen gegenübersteheuden Geiste de- Offiziercorp- dadurch entgegengcwlrkt werden muß, daß durch die Aufhebung der Kodetteuhäuser und durch Fortfall drr Bevorzugung des aristokratischen Elements bei der Ernennung der Offiziere, andere, der modernen Civilisation mehr entsprechende Anschauungen dem preußischen Offizier- corps zugeführt werden.
Die Aeußerung de« in seinen Schriften so gewandten Herrn w. Plötz war jedenfalls eine äußerst taktlose, nicht blos gegenüber dem Reichstage, sondern auch in Beziehung auf da- dienstliche Verhältniß der Unteroffiziere und Mannschaften zu den Ofsijieren, da« nur einen gedeihlichen Boden finden kann in der gegen seitigen Achtung und in der unbedingten Anerkennung der Pflichttreue jedes Einzelnen.
t Die Bürgerdcputation, welche in Angelegenheiten der Mainzer Stadt- erweiterung in Berlin eingetrvffen ist, wurde vom Reichskanzler sehr zuvorkommend empfangen und hat dem Vernehmen nach die Zusage erhalten, daß da- bereits ausgearbeitete Probet der Erweiterung der Stadt Mainz noch in diesem Jahre in Angriff genommen werden soll.
Die Magdeburger Zeitung schreibt: „Für die vertriebenen Deutschen bestimmt die Regierungsvorlage eine Beihilfe von zusammen 14y2 Millionen Frc-. Man war bisher der Meinung, daß dics die ganze, für die AuSgewicsenen bestimmte Entschädigung sein solle. Am Freitag aber hat der Reichskanzler erklärt, daß die- nur eine erste Abschlagszahlung sei, welche von Rechtswegen den Beschädigten zu Gute kommen solle, daß aber die einzelnen Negierungen darüber einverstanden seien, später ihren ousgewiescncn Staatsangehörigen noch weiter zu Hilfe zu kommen, sobald die Vertheilung der Kriegscontnbution die« gestatte. Diese weitere Entschädigung ist allerdings in das Ermcffen der einzelnen Staaten gestellt, indessen eine moralische Verpflichtung liegt, nachdem der Reichskanzler sich im Namen de« Vundesrathes so geäußert bat, doch vor. Wir meinen, daß die AuSgcwiescncn unter diesen Umständen befriedigt sein sollten. Wir können ihnen nicht alle-ersetzen, was sic verloren haben, am wenigsten können wir den Wohlhabenden und Reichen ihren Reichthum wiedergeben. Ja, wenn wir dies thäten, so wäre es ein Unrecht, so lange den heimkehrenden Kriegsmännern nicht voller Ersatz für den Schaden ön Geschäft und Wirtschaft geleistet, so lange den Gewerbsleuten und Arbeitern der Heiwath nicht ihre Verluste ersetzt sind. Wer unter ein fremde« Volk sich begibt, der thut es, weil er dort gewinnreichere Geschäfte machen kann, aber er muß auch da- größere Risico mit in den Kauf nehmen. Die Ansichten, welche Fürst Bismarck in dieser Hinflcht aussprach, sanden die volle Zustimmung des Reichstags. Zu bedauern ist es, daß Fürst Bismarck aus Mangel an Arbeitskräften es ablehnte, eine Eentralinstanz für die Verthellung der Entschädigung zu bilden. Er will die- den einzelnen Regierungen überlassen, die ihrerseits an der
IGesammtsumme Thcil hab^n sollen je nach der Kopfzahl der Vertriebenen, welche oem betreffenden Staate angehören. Dieser Modus der Vertheilung ist allerdings »ziemlich zufällig und genügt nur dann einigermaßen, wenn man den armen hessischen Strc-ßenlebnr, der nach Pari- gezogen ist, mit dem wohlhabenden Kaufmann ,us Frankfurt, Berlin oder Hamburg, der in Paris, Bordeaux oder Marseille sein Geschäft getrieben h. t, auf gleiche Stufe stellt. Aber unser Ziel kann auch nicht sein, diesen wohlhabenden Leuten den verlorenen Theil ihres Vermögen- zu ersetzen, sondern nur sämmtlichen Bedürftigen so viel zu geben, daß sie ihren Beruf von Neuem anfangen können."
Von der Schweiz ist kürzlich die Erfüllung der 1860 auf Frankreich über* gegangenen vertragsmäßigen Verpflichtung zur Neutralistrung Savoyens bei der Versailler Regierung angeregt worden, jedoch vergeblich. Es läßt sich von den Franzosen begreifen, wenn sie weder in dieser Sache den Anforderungen der Schweiz, noch in Sachen Nizza'- den nicht minder gerechten Ansprüchen Italiens Rechnung tragen wollen; der Schweiz und Italien geschieht es aber ganz recht, wenn jetzt ihre Wünsche nicht die geringste Berücksichtigung finden. Dor dem Friedensschlüsse war Vie richtige Zeit zur Erhebung derartiger Ansprüche, und wenn die genannten beiden Staaten damals in ganz unmotivirtem Stolze gegenübcr Deutschland davon .»bstanken, mögen sie sich hinterher auch mit dem Nachsehen begnügen.
Neuere Berichte aus Wien wollen wissen, der Ausgleich mit den Ezechen drehe sich nur noch um eine reine Formfrage. Seitens der Negierung wird nämlich verlangt, daß die Verfassung wenigsten« äußerlich durch die Beschickung des Neichürüths anerkannt «erde, wogegen sie dann die Verpflichtung übernimmt, sofort einen Minister für Böhmen zu ernennen und in diesem Sinne die Verwaltung zu mvdifiziren. Ob alle diese Zugeständnisse Leuten gegenüber etwa« Helsen werden, von denen dieser Tage noch ganz unverblümt erklärt wurde, der Staat Böhmen sei der Monarchie nicht unkr-, sondern neblngeordnet, lst freilich eine andere, gar nicht schwer zu beantwortende Frage.
Wie d.r „Times" au« Paris mitgetheilt wird, sollen Briese ausgelunden worden sein, welche beweisen, daß die deutsche Abtheilung der interkatioliaieu Liga die Commune bedeutend mit Geldmitteln unterstützt Hobe.
In Lirrp, Departement Seine-ct-Oise, hat ein junger Franzoie einen preußischen Offizier nach einem Wortwechsel mit einem Revolvrr erschdssrn. Als andere Ofsiziere blank zogen uud auf den Mörder einhieben, kam dem Letzteren sein Vater zu Hilfe und wurde mit dem Sohne in's Gcfängniß gesteckt. Beide verurtheilte das Kriegsgericht zum Tode; Jules Favrc hat jedoch an den General Fabrice telegraphirt, in der Hoffnung, den Vater retten zu können.
v Gießen, 10. Juni. W?e wir soeben vernehmen, wird auch in unserem Lande das Dank* und Frieden-fest am 18. Juni gestiert.
Wiesbaden, 9. Juni. Heute Nacht ward ein Einbruch in die hiesige katholische Kirche verübt. Es sind Monstranzen, viele Kelche, Pokale, Ciborien, Statuen, mehrere Tausend Thaler an Werth, gestohlen worden. Die Thäl.r sind noch unermittelt.
Berlin, 6. Juni. Der ungarische General Klapka ist hier eingetroffcn und hatte unmittelbar nach seiner Ankunft eine Unterredung mit Fürst Bismarck.
Berlin, 6. Juni. Neber das Treiben der Pariser Commune hört man nachträgllch noch einige Einzelheiten, die auf jene Episode, an welche in Frankreich noch die Enkel mit tiefer Beschämung denken werden, ein grelle« Licht werfen. Ein englischer Banquier, der sich zufällig in Paris befand, wurde zu Verhandlungen wegen einer Anleihe ausg.fordcrt. Der sogenannte Finanz-Minister Jvurdc empfing ihn, verlangte fünf Millionen FrcS. und bot als Garantie die doppelte Summe in Obligationen des Eredit Foncier und anderer Werthpapiere, deren sich die Eommunisten bemächtigt hatten. Außerdem wollte man durch Vermittlung jenes Finanzmanne« eine große Menge von Schmucksachen, Edelsteinen und Kirchen- geräthen verkaufen, die auf der Münze angesammelt waren. Der Engländer sah das alles an, ließ sich Vorschläge machen und verließ unter dem Vergeben, daß er sein Haus in London befragen müsse, so schleunig wie möglich Pari«. Wa«' außerdem über die von jenen Menschen verübten Gräuelthaten Mannt wird, zeigt, daß die bisherigen Erzählungen diesmal nicht auf Rechnung der gewöhnlich über* treibcnben französischen Phantasie gesetzt werden dürfen. Ein jchweizerifcher Arzt hat einen Bericht im Journal de Geneve veröffentlicht, au- welchem hervorgeht, daß eine Anzahl von Offizieren und Soldaten der Versailler Armee wirklich von communistischen Weibern vergifteten Wein erhalten hatten und auf offener Straße an Eonvulsioncn starben. Derselbe ersichtlich unbefangene und wahrheit-liebende Augenzeuge bestätigt, die Soeialisten hätten, durch die Zeit gedrängt, die Ambulanz au- den Tuilerien nicht entfernen können und mehr al- hundert Verwundete durch angezündete- Stroh erstickt. Noch andere Gräuel werden in jenem Bericht erzählt, die alle- übersteigen, was die verworfenste Einbildungskraft ersinnen konnte.
t Berlin, 8. Juni Das bereits vor mehreren Tagen vom Reichskanzler angekündigte Gesetz, betreffend die Beschaffung von Betriebsmitteln für die Eisen*


