Einzelbild herunterladen

Dreis rteirrijährig 1 fl- 12 fr. mit Äringerlohn. Burrb bie Dost bezogen vterttlsährifl 0. S7 fx.

lSvchemr raglrch, mit Äu«» nähme Montags.

Expedition : Eanzleiberg 8tt B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kichen.

Ne. 262.

EMWWWMWMWWWMWWWWWWWWWWMWWWWI

EeOeÄMMGeri auf sem

Freitag den 10. November

1871.

fortroäbrenb fr-wobl bet der Expedition, Eanzleiberg B. 1, als auch bei allen Vast-Expeditioneri und den Land-Postbotm entgegen genommen.

Abonnenten, »eiche den Anzeiger bei der Expedition abbolen lassen, erhalten denselben für die Monare November und December zu 40 fr.

Amtlicher T h e i l.

Nr. (Nr. 709 ) (Nr. 710.) (Nr. 711.) (Nr. 712.) (Nr. 713.) (Nr. 714.)

1 des Reichs-Gesetzblattes des Deutschen Reiches, ausgegeben zu Berlin am 31 October 1871 enthält-

betretend die Zurückzahlung der auf Eirund des Gesetzes vom 21. ^ult 1S70 aufgenommenen fünfvrocentiaen 91nfpifip »nm ->q .or_.

besetz, betreffend die Eontrole des Reichshaushaltes für das Zahr 1871. Vom 28. October 1871. TP 9 2tnIc^c* $om 28' October 1871. Bekanntmachung.betreffend die Ernennung von Bevollmächtigten zum Bundesrathe. Vom 18. October 1871 Gestellung eines Verelnskontroleurs für die Großh. Badischen Hauptämter zu Stüflingen, Thiengen und Randeaa Ernennung von Generalkoniuln und bezw. Konsuln des Deutschen Reichs. 001

. m Ertherlung des Exequatur an den Königl. Großbritannischen Konsul für das Gebiet von Bremen, das Großbermatbum nrhenhum in,

und Bezirke von Emden, Leer und Geestemünde zu Bremen. ^"vgyerzogryum uiqenburg, sowie die Hafen

(Nr. 715.) Desgleichen an den Generalkonsul des Orange-Freistaats für das Deutsche Reich zu Berlin

(Nr. 716) Desgleichen an den Vicekonsul der Vereinigten Staaten von Amerika zu Aachen.

(Nr. 717.) Desgleichen an den französischen Generalkonsul zu Hamburg.

Nr. 42 des Reichs-Gesetzblattes des Deutschen Reiches, auögegeben zu Berlin am 1 November 1871 enthalt

(Nr. 718.) Gesetz über das Postwesen des Deutschen Reichs. Vom 28. October 1871. ^vvemver l»/l, enthalt.

(Nr. 719.) Gesetz über das Posttaxwesen im Gebiete des Deutschen Reichs. Vom 28. October 1871

Gießen, den 6. November 1871. Großherzogliches Kl'cisamt Gießen.

In Verhinderung des Kreisraths:

Keku le, Kreisassessor.

politischer T h e t t.

Die Unterrichtsfrage in Frankreich,

Man hofft gegenwärtig in Frankreich clleS Heil von der Erweiterung und Verallgemeinerung des Elementarunterrichts und der Hebung der Volksschulen. Man sieht ein, daß alle früheren Regierungen in dieser Beziehung aus Gleich­giltigkeit und Schlaffheit, zum Tdeil auch wohl aus verkehrten Tendenzen, unend­lich viel gesündigt haben; man fängt an, sich der offenkundigen Verwahrlosung der unteren Bolkeklassen zu schämen und spricht sich mit Entrüstung darüber aut, daß in Paris z. B. 67,000 Kinder des Schulunterrichts entbehren muffen, blos weil es an den nöthigen Schullocalen fehlt, um sie unterzubringen: und in der Stadt, in welcher so entsetzliche Zustände herrschen, jahrelang der oaulustigste aller Präfecten die Gemeinde mit vielen Millionen von Schulden belastet hat, um feiner Neigung fröhnen zu können, um ganze Stadtviertel niederzureißen und neue auf- ruführcn. Für Prachtbauten, um den Mittelpunkt der Eivilisation prunkvoll zu schmücken, wußte der Stadt-Pascha stets die nöthigen Mittel aufzutreiben, aber an Schulhäuser dachte er nicht, und sein Herr und Meister ließ ihn gewähren.

Wenn jltzt Vie neue Stadtverwaltung die Mittel aaszubringen sucht, um diesem schreienden Mangel abzuhelfen, so erfüllt sie nur eine Pflicht, und sie wird nicht einer einmaligen, sondern einer sortgesetzten Anstrengung bedürfen, um nur Cie dringendsten Bedürfnisse zu befriedigen, da man mit den vorläufig für da? städtische Schulbuvget ausgeworsenen Mitteln nicht weit reichen wird. Es laßi ßch wohl erwarten, daß die übrigen Städte und Gemeinden dem von Paris ge- gedenen Beispiel folgen werden. Ob es bei dem bloßen Anlauf sein Behenden haben, oder ob man die ruhige unerschütterliche Beharrlichkeit bewähre« wird, ohne die sich auf diesem Gebiete nichts Tüchtiges schaffen laßt, muß abgekartet Verven. Ern Fortschritt ist es immer, daß man das Urbet erkannt und von der Nothwendigkeir, dasselbe zu heilen, sich überzeugt hat.

Schwierigkeiten wird man auf diesem Wege genug zu bekämpfen haben, be­sonders den Widerstand der Geistlichkeit, die gegen das Princip der Staats- und Äemeinvefchulen und folglich auch gegen den Schulzwang sehr eingenommen '.st, veil sie einsieht, daß ihre Schulen die Eoncurrenz mit den Äiaatsschulen nicht aushalten können; bezeichnend ist es, daß der Bischof Dupanlvup in dieser Frage Breits Stellung genommen hat und sich lebhaft sowohl gegen den unentgeltlichen die gegen den obligatorischen Elcnuntaranterricht ausspricht. Zunächst dürfte indessen wohl Die aufgeklärte öffentliche Meinung stark genug fein, um den Wid r- ßand der geistlichen Herren zu überwinden. Die Unterrichtssrage steht einmal auf der Tagesordnung, und die Presse, in dieser Angelegenheit einen löblichen Eifer entwickelnd, wirb Sorge dafür tragen, daß sie nicht allzubald von derselben verschwinde.

Man würbe sich indessen in Frankreich im Jrrthum befinden, wenn man glauben wollte, daß durch Hebung und Verallgemeinerung des Elementarunterrichts Vie Ration ihre Pflichten gegen die Heranwachsende Jugend vollständig zu erfüllen in etanDe fein werde. Die elementare Bildung ist einer der Faktoren, aus denen ßch die allgemeine Bil.ung eines Volkes zusammensetzt; aber nimmermtyr Darf man Die Höhe dieser ausschließlich nach der Höhe und Ausbreitung jener bcur lheilen. Wollte man so urtheilcn, so würde man China und Japan eine Der Ulten stellen unter Den civilisirten Rationen einräumen müflep, was doch ein al«genscheinlicher Widersinn wäre. Es gibt allerdings eine Richrung, die auch auf »k'.ßigcm Gebiete dadurch dem Grundsatz Dir Gleichheit Genüge zu leisten glaubt,

daß sie die Volksbildung emporheben, Die höhere Bildung herabvrücken will auf cut Niveau der Volksbildung. Das Ergedniß derartiger Bestrebungen würde aber nicht eine Hebung des Bildunqsnivkau, sondern ein Stocken, eine Dersum- pfung der Bildung sein, und alle Klaffen der Bevölkerung würden der Erfrischung und Fortschrrttsfähigkeit entbehren, die einer Nation immer nur aus Der gesunden rafOgen, tiefen und freien Bildung Der über das allgemeine Niveau sich erheben­den Klaffen zuströmt.

Eine jede Nation erhalt- daher :br charakteristisches Gepräge stets durch den Geist, der in ihren höher gebildeten Klaffen herrscht, durch Die Eigenthümlichkeit Der höheren Bildung, durch Den läuternden, befreienDen und erhebenden, oder ent» Itttlichenden, knechtenden und niederdrückenden Einfluß, den diese Bildung auf alle auch Die mittleren und niederen Klaffen der Gesellschaft ausübt. Die Fehle'/ welche tiefer höheren Bildung ankleben, werben überall unb immer auch auf ben Ge.ammtcharacter Der Nation einen maßgebenden schädlichen Einfluß aueüben.

Wenn daher die Franzosen mit Recht Die Schicksalsschläge, Die ihren Staat betroffen, die endlosen Parteifehden, aus denen sich kein Ausweg finden läßt, der Nttlichen unb geistigen Verwahrlosung Der Nation zuschreiben, so mögen sie, wenn llc ^ch Mitteln Der Heilung suchen, ihre Aufmerksamkeit nicht allein, ja nicht einmal vorzu. sweise, nach Unten richten, sondern auch ihre höhere Nationalbildung, den Zustand ihrer höheren BilbungSanstalten einer ernsten unb strengen Prüfung unterwerfen. Sie werden bann ohne Mühe zu der Einsicht gelangen, baß in irinkm xande Europa's auf dem Gebiete der geistigen Bildung die Tradition fo allmächtig ist und so stabile allen Fortschritt ausschließende Zuständc geschaffen hat, als in Dem revolutionären Frankreich. Das höhere französische Schulwesen ilt e.ne vom Staate gelenkte und regierte Welt für sich, abgeschlossen gegen den Bilvungsstrom, der in Deutschland immer zuerst die Schulen zu durchdringen sucht, und dieselbe« daher wirklich zu Bildungsherden für die Nation macht; un- zuganglich zever Verbissxrung Der Methode; widerstandslos Dem unbeugsamen Gesetz der Einförmigkeit unterworfen.

Und was erstrebt Diese Schulet Nicht freiere Bildung, die nach dem fran­zösischen Jargon nur zu einer Anarchie der Geister führen würde, sondern Ab­richtung. Und in dieser Beziehung leistet sie allerdings Bedeutendes. Aber indem sie in Den Schülern Den Ehrgeiz und Die Eitelkeit Durch Preisvertheilungen und prunkvolle Schaustellungen ganz ungebührlich stachelt, indem sie dem Staate brauch- bare V-rwaltungskräfte zuführt, vermag sie es nicht, den Samen einer höheren, Deuten Bildung, des freien wissenschaftlichen Förschungstriebeö, des edlen, mann» irben Selbstbewußtseins, welches Der Besitz einer freien Bildung gewährt, auszu» treuen. Und daher kommt auch, was die Schule leistet, wohl der Verwaltung des Staates, wohl Der virtuosen Ausbildung einzelner Wissenszweige, nicht aber dem gefammtcn Volke zu Gute. Die Schule erhalt die altfranzösische Tradition lebendig, aber sie wirb in ihrer gegenwärtigen Gestalt nimmermehr ein Hebel Der Entwicklung unb eines lebenskräftigen, gesunden Fortschritts werben.

Auf Diesem Gebiete hat sich also Der erwachte Reformgeist vor Allem zu bcthätigen. Daß der gegenwärtige Minister Des Unterrichts fähig ist, Diesen Reform- geist zu leiten, muffen wir nach dem, was wir vor Kurzem über feine Ansichten bemerkt haben, bezweifeln.