Einzelbild herunterladen

ver-

"tz P »in «ns ck A

1frt der hiefiM 3. Xmn.

Lagerbier in

?n 11. Sev-

bir.: Ä :eott

[ Jutft.

Mer

M'.

Mustek' f rieb, nboi ;rforgt__

m.n g. N-rA

xüfseldori "'n C- Eckß 7 PnJ kon !' ^lvohnun^ niininflen-" jrUllerist» "

Preis vierteljährig 1 fl- 12 ft. mit Bringerlohn. Durch dir Post bezogen vierteljährig 1 fl. 27 kr.

Erscheint täglich, mit Au» nähme MontagS.

Expedition: Eanzleiberg Lit. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kielen.

Nr. 21«. Sonntag den 10. September 1871.

Bestellungen auf -en Gießener Anzeiger ÄL ÖÄXÄ?au*

Abonnenten, welche den Anzeiger bei der Erpedition abholen lassen, erhalten denselben für den Monat September zu 20 kr.

t Die sociale Frage.

Kurz vor dem Ausbruche des deutsch-französischen Krieges fehlte es nicht an Stimmen, welche auf die Thatsache hinwiesen, daß die europäische Gesellschaft an einer Krisis angekommen sei, denn der tiefer Blickende wurde durch das Bild des Friedens, welches Europa noch im Juli vorigen Jahres bot, nicht getäuscht, für ihn unterlag es schon damals keinem Zweifel, daß das politische Mittel des Krieges gegen die sociale Propaganda ins Feld geführt werden sollte. In Frankreich argumentirte man ganz ungenirt folgendermaßen: das Kaiserreich ist erschüttert, es bricht zusammen, es wird von den socialistischen Massen überfluthet, wenn es nicht durch auswärts errungeneGloire" neue Lebenskraft gewinnt. Der Krieg erschien mithin als das einzige Mittel, um die sociale Bewegung lahm zu legen und auf Jahre hinaus unschädlich zu machen.

Nun gut: der Krieg ist geführt worden und er hat scheinbar seinen Zweck erreicht. Man hat die Gluth des Krieges so lange erhitzt, bis die socialen Leiden­schaften in Paris sich Luft machten und hinterher in Blut erstickt werden konnten. Herr Thiers betheuert, die Ruhe sei für immer gesichert, und in der That ist Frankreich ruhig, die Gesellschaft darf sich vollkommen sicher fühlen; allein Herr ThierS, während er behauptet, die entartete Welt wieder in die Angeln gehoben zu haben, befindet sich selber ohne jedweden Stützpunkt.

Die Thatsache ist doch jedenfalls unleugbar, daß nach dem Kriege die socia- | listische Agitation ihr Haupt kecker, ja siegesgewiffer erhebt, als sie es vor dem Kriege und vor der Niederlage der Pariser Eommune wagte. Dieser Thatsache muß man ins Auge sehen, man darf die auffallende Erscheinung nicht zu ver­tuschen suchen, daß die socialistischen Bestrebungen, die man beseitigen wollte, sich heftiger als je bethätigen, und daß der Krieg somit seinen Zweck verfehlt hat. Roch weniger aber darf man sich verhehlen, daß die sociale Frage ihren Charakter vollständig verändert hat. und heute mehr als \t das Staatsgebäude in seinem Fundamente angreift. Vor dem Kriege bewegte sich der deutsche SocialismuS innerhalb des staatlichen Lebens und des Umkreises der Gesetzgebung, das allge- »eine Wahlrecht stand auf seiner Fahne, vermittelst der Wahlen und Abstimmun­gen hoffte er seine Ziele zu erreichen; jetzt stellt er sich allem, war politisch heißt, mit einer Kriegserklärung entgegen, jetzt schreit er nach dem Umsturz aller staat­lichen Einrichtungen, weit er nur so die Lösung der socialen Frage glaubt erreichen zu können.

DerDeutsche ReichSanzeiger" veröffentlicht nachstehende kaiserliche Dankes- kundgebung:

Aus allen Theilen Deutschlands sind Mir bis zur neuesten Zeit Telegramme über den warmen und freudigen Empfang zugegangen, welche den heimkehrenden Kriegern bei der Rückkehr in ihre Heimath bereitet worden ist. Neben dem erhe- benven Bewußtsein, an der Größe und Einigung Deutschlands mitgewirkt zu haben, wird jeder von ihnen in dieser Aufnahme den Ausoruck der Dankbarkeit trblicken, welche das Vaterland ihnen zollt, und darin zugleich die Anerkennung finden, die ihnen nach so mühevoller Ausdauer und bewunderungswürdigen Thaten gebührt, Thaten, deren folgenreiche Bedeutung unausgesetzt lebhaft gewürdigt vie gegenwärtig bei der Wiederkehr der glorreichen Tage von Gravelotte und Sedan Mir zahlreiche Glückwünsche von den verschiedensten Seiten her bekundet haben. Mit dem herzlichen Danke für diese begeisterten Zurufe drängt es Mich, über die feierliche Bewillkommnung unserer braven Truppen Meine volle Befriedi- gung auszusprechen.

Bav Gastein, den 4. September 1871. Wilhel m."

Der Erlaß des bayerischen CultuSministerS ereifert das ultramontane Münchener «Vaterland" so sehr, daß es in folgenden Wuthanfall geräth: Die StaatSgefähr- üthkeit des Dogmas von der Unfehlbarkeit ist also unzweifelhaft, er hat'S gesagt, unser Herr v. Lutz, dessen Unsehlbarkeit zwar durch kein Dogma definirt, für einen guten liberalen Unterthan aber über jeven Zweifel erhaben ist. Wir sind begierig, Var nun geschehen wird, und ob nun Alle, welche die staatsgefährliche neue Lehre ton der Unfehlbarkeit gegen den Willen des Herrn v. Lutz lehren und verbreiten, geköpft, gebraten, in Petroleum blau abgesotten ober bloS eingefperrt und nach den Artikeln unseres humanen Strafgesetzbuches gemaßregelt werten. Jedenfalls können die Bischöfe, welche, wie Herr v. Lutz öffentlich behauptet, aber freilich nicht deviesen hat, bereits gegen den Staat gefrevelt unv die Verfassung verletzt haben, als Staatsverbrecher und DerfaffungScerletzer niä t leer ausgehen, nicht ungeschoren davon kommen, denn in einem Rechtsstaats, der Bayern ist, sind vor dem Gesetze !llle gleich, gibt es kein Ansehen der Person. N ichvem Herr v. Lutz diese schwere Anklage öffentlich erhoben hat, muß er a ch nach seinen scharfen Worten hanteln, dill er sich nicht einer Inkonsequenz schulvig machen, auf die sich später Jever berufen konnte, der vor's Schwurgericht kommt. Also, nicht b'os bange machen, soiivern hanteln, konsequent, entschieten, rückuchtSlvS handeln! E.n Bischof vor dem Schwurgerichte, ein eingesperiter Bischof et, das macht eine ganz andere Wirkung als ein eiugespentcr Psa.r.r o.er Caplan oder gar ein armer Redakteur,

der sich zu weit ins Feuer gewagt, da er für Andere draus Kastanien holen wollte. Da kann die Regierung ihren Muth, ihre Tactfestigkeit und Consequenz zeigen, und wir werden uns freuen, venn aus dem Kerker wird ein gemaßregelter Bischof der katholischen Kirche die Freiheit bringen.

Ueber den Schlußact in den Verhandlungen gegen die Pariser Insurgenten gibt der Berichterstatter derTimes" einen trefflichen Bericht, welchem wir Fol- gendes entnehmen:Das lange Warten auf den Urtheilsspruch, für Jedermann äußerst ermuvend, muß für die Verwandten und Freunde der Angeklagten, von denen nicht wenige im Gerichtssaale waren, geradezu schrecklich gewesen sein. Die Schwester Ferre's erregte allgemeine Aufmerksamkeit, zum Theil wegen des schreck­lichen Schicksals, welches man mit Gewißheit für ihren Bruder erwartete, zum Theil aber auch, weil Gerüchte im Schwange waren, baß sie, falls er zum Tode verurtheilt würde, beabsichtige, sich zu erheben und den Richtern öffentlich mit ihrer Rache zu drohen. Endlich, nachdem selbst die Sanguiniker aufgehört halten, noch an diesem Tage das Fällen des Urtheilsspruches zu erwarten und eine Proße Anzahl der Verzagenden bereit- weggegangen war, öffnete sich die Thüre, welche den ganzen Tag hindurch so ängstlich bewacht worben war, und erschienen die Richt'-r. Sie sahen blaß und abgemattet aus, wie sich dies nach einer dreizehn- stündigen Berathung leicht denken läßt. Schon die vierwöchentlichen Vcrhanblun- gen hatten ihn.'n genug angethan. Es war eigenthüml'ch, Woche für Woche die Veränb.rung wahrzunehmen, welche die langen Sitzungen in einem überfüllten GericNSsaale, verbunden vielleicht mit der anspannenben Natur der vorliegenden Arbeiten, bei den meisten hervorgebracht haben. Einige der Gefangenen Haden sich ohne Uebertreibung dermaßen verändert, als ob ganze Jahre über ihnen hinweg- gezogen wären, und ein abgematteteS, sorgenvolles Aussehen hat sich selbst dem Gesichte der Richter ausgeprägt. Die Ceremonie des Urtheilsspruches war in einigen Beziehungen durchaus interessant und imponirend, in andern jedoch so lang­weilig und voll von kaum verständlichen Formeln, daß gegen Ende selbst die Feierlichkeit der Gelegenheit nicht mehr im Stande war, die Aufmerksamkeit der Zuhörer ganz gefesselt zu halten. Das Imposante wurde durch die Dunkelheit vielleicht noch vermehrt. Man denke sich einen langen, hohen Raum von einer ängstlich harrenden Volksmenge überfüllt und nur am oberen Ende spärlicherleuchtet. Am unteren Ende flackern auf einer Gallerie längs der Wand zwei vereinsamte Kerzen, welche gerade Licht genug geben, um die nächsten Gegenstände in ein um so tieferes Dunkel zu hüllen. Die Mitte der geräumigen Halle ist gar nicht erleuchtet, und nur mit Mühe kann man unterscheiden, daß sie mit einer wirren Masse ängstlich lauschender Zuhörer angefüllt ist, die in athemlosem Schweigen der Stimme dcs Präsiventen folgt, oder wenn diese Stimme einen Augenblick lang innehält, sich von der Spannung steter Aufmerksamkeit erholt, um eine Haltung der Erleichterung anzunehwen. Gegen das obere Ende der Halle zu, wo diese bis zu einem gewissen Grade durch zwei ober drei Lampen und etliche zwanzig Kerzen erleuchtet ist, werden blaffe Gesichter durch das Halbdunkel sichtbar, und am äußersten Ende steht hinter einem langen Tische die Hauptfigur der ganzen Scene, der Präsibent, vorne Übergeneigt, um bei dem Scheine der vor ihm flehen» Den Lampe das Aktenstück zu verlesen, in welchem das Geheimniß verborgen liegt. Zu jeder Seit: neben ihm flehen, bewegungslos wie Standbilder, drei Mitglieder oes Gerichtshofes und unten an den Stufen, die zum Präsivententifch führen, stehen statuengleiche Figuren, deren Bajonnette die flimmernden Lichtstrahlen zurück- spiegeln. Für das Auge war die ganze Scene allerdings eigenthümlich imposant, aber der Deistand hatte hart zu ringen, um den ungemein langweiligen Förm­lichkeiten einig, s Interesse abzulocken. Der Präsident hatte 500 Fragen über die verschiedenen Angeklagten zu verlesen, und so schnell er dies cuch that, nahm es eine ganze Stunde weg. Das Beantworten der Fragen nahm eine weitere halbe -stunde weg, und so waren anderthalb Stunden geradezu mit kaudermälschen Formeln verschleudert worden. Endlich kam derjenige Theil, den wir Alle so ängstlich erwartet hatten, und die Stille wurde plötzlich so tief, als ob Niemand auch nur zu uthmen wagte, so daß man das leiseste Flüstern im ganzen Saale hatte vernehmen können. Nach kurzer Einleitung verlas der Präsident den Urtheils» sprach. Als Ferre zum Tode verurtheilt wurde, drehte ich mich um in ver Er­wartung, einige Sensation wahrzunehmen; ober Jedermann hatte diesen AuSgang mit solcher Sicherheit erwartet, daß die Ankündigung nicht den mindesten Eindruck hervorrief. Ein Gleiches galt bei Verkündigung Der Übrigen Uitheilssprüche; nur die Verurthcilung Lullier's zum Tode verursachte Das, was die Franzofen so treffend mit dem WorteSensation" bezeichnen, wenn eine große Volksmenge plötzlich unv gleichmäßig von derselben Aufregung ergriffen wird, wenn Jedermann weiß, daß sein Nachbar genau fo fühlt wie er, obwohl Keiner von Buden seinem Gelühle Ausdruck zu geben vermag. Lullier'« Urtheil hat I tcrmann in Erstaunen gefitzt; Keiner kann glauben, daß er hingerichtet Werren wird, und die Regierung ist verpachtet, seinen Fall in nochmalige Erwägung zu ziehen."