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Erscheint täglich, mit Aufnahme Montags.
Expedition: Canzleiberg Lit. B. Nr. 1.
Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Hießen.
Ne. 108. Mittwoch den 10. Mai ~ 1871.
Bestellungen auf den Giestener Anzeiger SLRLSLr» Ä KffM'ÄÜJ •"* Abonnenten, welche den Anzeiger bei der Erpedition abholen lassen, erhalten denselben für die Monate Mai und Juni zu 40 kr
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A in t l i ch e r T h e i l.
Nr. 18 des Bundes-Gesetzblattes des Deutschen Bundes, ausgegeben zu Berlin am 2. Mai 1871, enthält:
(Nr. 633). Gesetz, betr. die Beschaffung weiterer Geldmittel zur Bestreitung der durch den Krieg veranlaßten außerordentlichen Ausgaben. Vom 26. Avril 1871 (Nr. 634). Die Beiordnung von Vereinsbeamten an Directivbehörden und Hauptämter.
c <Nr. 635). Die 6rmäd)tißung des Gmeralconsuls für die Republik Venezuela, bürgerlich gültige Eheschlicbungcn von Deutschen vorzunehmen und die Geburten Heirathen und Sterbefalle von Deutfchen zu beurkunden. 0 '
Gießen, den 8. Mai 1871. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
In Verhinderung des Kreisraths:
Kekul 6, Kreisassessor.
Betreffend: Die Jubiläumsfeier des Lehrers Büttner zu Waldgirmes. p
Dic Großhcrzogüchc Krcis-Schul-Commission Gicßcn
an die Schulvorstande des Kreises Glesien.
Von dem Königlichen Schuleommissär, Pfnrrcr Schmidt zu Rodheim, sind ivfr in Kcnntniß gesetzt worden, daß das fünfzigjährige Dicnstjubilänm des Lehrers Büttner zu Waldgirmes, der 45 Jahre unserem Kreise angchört hat, Montag den 15. Mai, Morgens 10 Uhr, gefeiert werden oll (nicht wie früher beabsichtigt war, Sonntag den 14. Mai). Derselbe hatte dic Güte, alle Lehrer des Kreises zu diesem Feste einzuladen.
Wir beauftragen Sie, die Lehrer hiervon in Kcnntniß zu setzen, mit dem Bemerken, daß cs uns freuen wird, wenn recht'viele der Einladung Folge leisten und dem alten Collegen ihre und unsere Glückwünsche darbriugen.
I. V. d. D.:
K e k u l 6 , Kreisassessor.
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Bekanntmachung.
Die Feierabendstun de betreffend.
Um die Zweifel zu beseitigen, welche darüber erhoben worden : wer nach dem §. 365 des Bundesstraf-Gesetz-Buches Feierabend zu bieten habe' — wird Folgendes bekannt gemacht:
1) die Feierabendstunde ist auch künftig auf eilf Uhr Abends festgesetzt;
2) da es bei einem unzureichenden Polizei-Personal nicht möglich ist, in allen Wirthschaften der ausgedehnten Stadt durch Polizei -Ofstcianten Feierabend bieten zu lassen, so sind die Wirthe verbunden, ihren Gästen gleich nach 11 Uhr Feierabend zu bieten-
3) hat der Wirth ohne Erfolg Feierabend geboten, so werden die nach 11 Uhr in den Wirthschaften betroffen werdenden Gäste bis zu 5 Thaler
4) hat aber der Wirth nicht Feierabend geboten, so trifft ihn eine Strafe bis zu 20 Thaler oder eine Haft bis zu 14 Tagen-
Gieß««, den 8. Mai 1871. Großherzoglich Hessische Polizei-Verwaltung dcr Provinzialhauptstadt Gießen.
jil,L-.M , a . -,v. ■ .... N o v e r.
Politischer Th eil.
t Die europäische Situation und die Erfordernisse der deutschen Politik. <
II.
Es muß für jeden unbefangenen Politiker, der bie europäische Situation an der Hand der geschichtlichen Thatfachen und auf Grund der realen Verhältnisse prüft, bie unumstößliche Gewißheit gelten, baß, ebensowenig als Frankreich, jemals Rußland oder Oesterreich unsere Bundesgenossen werden können.
Was Frankreich anbelangt, so kann nur darüber ein Zweifel möglich sein, wann der nächste Angriff der Franzosen auf Deutschland erfolgen wird. Der Gedanke, Frankreich müsse seinen früheren Rang in Europa zurückcrobern, bildet die Richtung, in welcher bie gegenwärtige unv zukünftige Potitlk Frankreichs steuern wird, denn keine Negierung und keine Politik ist jetzt und für bie nächsten Jahre in Frankreich lebensfähig, welche jenen Gedanken n,cht in ihr Programm aufmmmt. Man wird dort darüber streiten, auf welchen Grundlagen die Regeneration des französtfchen Staatswesens erfolgen soll, und dieser Streit wird uns insofern zu stattcn kommen, als er die Regeneration und ihre Durchführung wesentlich erschweren, vielleicht auf Jahre hinaus verzögern wird; allein über bie letzten Zwecke der staatlichen Reubelebung, darüber, baß Frankreich seine ganze Kraft sammeln und entwickeln muß, um sie gegen Deutschland zu führen, werben alle Parteien einver' standen sein.
Diese Erholung des französischen Volkes von den schweren Unglücksfällcn, die es betroffen, diese französische Kraftansammlung spielt in den politischen Berechnungen der europäischen Cabinete eine große und wichtige Rolle. Wiewohl Frankreich durch den letzten Krieg den unwiderleglichen Beweis vor Europa lieferte, daß es mindestens den Anspruch auf die polittfche Führerschaft dieses Weltlheils verwirkt hat, Negierungen und Völker sogar vielfach das Gefühl erhalten haben, als ob die französische Nation, bie nicht blos auf dem Schlachtselbe besiegt wurde, im Niedergange begriffen sei, so hofft doch das außerbeutsche Europa mehr auf die Wiedererflarkung Frankreichs, als daß es dieselbe fürchtet. In Rußland und Oesterreich wenigstens gibt es zahlreiche und einflußreiche Kreise, in denen man mit Spannung und Ungldulv auf den Moment lauert, wo Frankreich wieder eine actionssähige Macht geworden.
Dieser Moment wird nun zwar länger auf sich warten lassen, als man in Wien und Petersburg anzunehmen scheint, und jedenfalls wird bie deutsche Politik dafür sorgen, daß, wenn er eingetreten, bas deutsche Reich eine solche Macht erlangt hat, daß der französische Einfluß, auch eventuell in Verbindung mit dcmjengcn Rußlands und Oesterreichs, keine Gefahren für die internationale Gestaltung Deutschlands in sich birgt. Unsere Nachbarn scheinen indessen darüber anderer Meinung zu sein, und wir können es nicht als unsere Aufgabe erachten, ihnen ihre Illusion zu nehmen. Für uns handelt es sich nur darum, daß bie Ziele ihrer trabitionellin Politik klar hingestellt und in Deutschland überall gewürdigt werden, denn die Aufgaben, bie sich unsere großen Nachbarmächte gestellt, ihr Streben nach einer Stellung tm europäischen Staatenspstem, welche den Einfluß Deutschlands wesentlich beeinträchtigen muß, kann selbstverständlich nicht ohne Rückwirkung nicht nur auf unsere auswärtige Politik, sondern auch auf unser gesummtes inneres politisches Leben bleiben. Die Entscheidung dieser wichtigsten militärischen und politischen Fragen hängt von den politischen Bestrebungen der europäischen Eontinentalmächte so lange ab, als wir nicht an dem Punkte angekommen sind, wo eine Intervention der fremden Mächte in bie Angelegenheiten, die wir als rein innere zu behandeln berechtigt sind, von vornherein allseitig in Europa al- ganz aussichtslos und darum unmöglich eikannt werden wird. Diese stolze Stellung hat sich aber Deutschland heute noch lange nicht errungen.
Wie bereit- gemeldet, ist der Fürst-Reichskanzler nach Frankfurt gereist, um dort mit dem französischen Vertreter der auswärtigen Angelegenheiten, Herrn Jule- Favre zusammenzutreffen. Der Zweck der Zusammenkunft besteht offenbar darin, unmal die Zweifel zu beseitigen, welche bie französische Regierung über ihre Loyalität hcrvorgcruscn hat, und weiter auf eine Beschleunigung der FricdenSvcrhandlungen hinzuwukcn. Die Hauptfrage wird selbstverständlich der Zahlungsmodus der fünf Milliarden sein. Daß der Reichskanzler in dieser Beziehung dem deutschen Interesse keine Schädigung wird anthun lassen, dafür bürgt sein Name uns vollkommen. Die Furcht, welche in einigen Köpfen zu spuken scheint, als könnte überhaupt die Zahlung der stipulirten Kriegsentschädigung in Frage kommen oder die Summe


