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Gießener AnMger.

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Expedition: Canzleiberg Lit. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kichen.

Nv. 3S. Freitag den 10. Februar 1871«

ScfkUundClt rtllf bett ßlte&ettet* 5fttirtrtet* werden noch fortwährend sowohl bei der Expedition, Canzleiberg B. 1, als auch V bei allen Post-Expeditionen und den Land-Postboten entgegen genommen.

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9. Februar.

Der unterm 28. Januar zwischen dem Grafen v. Bismarck und Jules Favre abgeschlossene Waffenstillstand bringt eine gewaltige Kriegsepoche von fast (leben- monatlicher Dauer zu vorläufigem Abschlüsse und regt zu einem Rückblicke auf die in derselben vollbrachten großartigen Erfolge der deutschen Heere an. Es lassen sich im Verlause dieses Feldzuges drei Perioden unterscheiden, eine erste, welche die Einleitung und die Vorbereitungen zum Kriege umfaßt und vom 16. Juli bis 2. August währt, eine zweite, die den Kampf mit dem Kaiserthum Frankreich bis zur Capitulation von Sedan in sich schließt und vom 2. August bis 2. Septem­ber reicht und endlich die dritte, in welcher die Kämpfe der deutschen Heere gegen die Armeen des republikanischen Frankreichs seit dLr Einsetzung der Regierung der nationalen Vertheidigung zum Austrage kommen. Die Vorbereitungen zum Kriege von 1870 begannen mit dem 16. Juli, dem Tage, an welchem die Ordre zur Mobilmachung des Norddeutschen Kriegshceres von dem königlichen Bundes- seldherrn erlassen wurde. Es fallen in diese etwa dreiwöchentliche Periode, eine Zeit der angestrengtesten Thätigkeit, die Rüstungen der Truppen, die Armirung der westlichen Grenzfestungen, die Transporte auf den Eisenbahnen, die Eoncentra« tivncn der Corps und Armeen, die SicherheitSmoßregeln zum Schutze der Küsten nebst Bildung einer freiwilligen Seewehr, und die Einsetzung von fünf Gcneral- Gouverniments; ferner gehören in diesen Abschnitt die Organisation der Feldpost, der Feldeisenbahn-Abtheilungen und die großartigen Maßnahmen zur Pflege der im Felde verwundeten und erkrankten Krieger. Endlich fallen in diese erste Pe« riode die ersten Vorpostengefechte und Scharmützel zwischen den beiderseitigen Vor- truppen, sowie am 2. August der Angriff ter Franzosen auf Saarbrücken.

Im zweiten Abschnitt des Krieges nimmt der Kampf mit dem kaiserlichen Frankreich bis zum Tage der Capitulation von Sedan seinen raschen Verlauf: es kann diese Periode als die der großen Operationen tm Frlvr bezeichnet wer­ben. Die deutschen Heere unter der einheitlichen Oberleitung des königlichen Ober- fildhcrrn ergreifen die Offensive; die Schlachten und Gefechte von Weißenburg, Wrth, Spicheren, von CourcelleS, Dionville und Gravelotte, von Beaumont und Eedan sind es, in denen die beiden kaiserlichen Hauptarmcen unter den Marschällen kazaine und Mac Mahon nach und nach unterliegen und schließlich dem Kampf im offenen Felde entzogen werden, die eine, indem fle trotz mehrfacher Ausfall- grsechte und Durchbruchsversuche in Metz sestgehalten, eingeschlossen und gewisser­maßen zur Unthätigkeit gezwungen wurde, die andere, indem sie bei Sedan in Kriegsgefangenschaft gerieth.

Die dritte Periode des Krieges umfaßt die Anstrengungen des republikani­schen Frankreichs seit der Einsetzung der Regierung ter nationalen Vertheidigung. ter Fall der Festung Metz und die Capitulation von Paris theilen diese Periode in zwei wesentlich verschiedene Abschnitte: der erstere ist frei von Schlachten im freien Felde und kennzeichnet sich namentlich, da Frankreich zunächst keine Armeen avfzustcllen hat, durch die Einschließung und Belagerung zahlreicher fester Plätze, tm Vormarsch auf Paris und die Einschließung der stark befestigten Hauptstadt, ktraßburg, Metz, Paris und viele andere Festungen geben verschiedenen Theilen ter deutschen Heere Gelegenheit, die großen Beschwerden des Belagerungs- und ßtstungskrieges geduldig und auSharrend zu ertragen; es fallen in die Zeit bis jum Falle von Metz die Ausfollgefechte bei Noiffeville, Peltre, Merey-le-Haut, bei bt. Remy und Woippy. Nach der Capitulation dieser Festung nahm die Cer- lirung von Paris das Interesse hauptsächlich in Anspruch. Der Plan des Feindes zing dahin, durch neugebildete Armeen von Süden, Norden und Westen her die ßauptstatt zu entsetzen, während die eingeschlossenen Heere die CernirungSlinie durchbrechen sollten. Dem entsprechend zog die 1. Armee unter General v. Man- truffel nach dem Norden, die 2. Armee des FcltmarschallS Prinzen Friedrich Karl iber Troyes und eine neugebildete Armeeabtheilung unter dem Großherzog von Mecklenburg-Sc! werin weiter westlich gegen die Loire, während die 3. und die kiaasarmee den Ring um die französische Hauptstadt geschlossen hielten. Es fallen in tiefe Periode mehrere Ausfallgesechte bei Paris, die siegreichen Kämpfe bei treu;, bei PaSques, bei Amiens, die Schlacht bei Beaune la Rolande, die Tage Ion Loigny und Artenay und bei Orleans, die Gefechte zwischen Beaugency und lkm Walde von Marchenoir, bei Vendome, Drouö und Nuits, die Schlachten bei ke Mans und bei St. Quentin. Die Niederlagen aller zur Entsetzung der Haupt- ßadt bestimmten Armeen ermöglichten am 27. December den Beginn der Be­schießung der Forts von Paris, am 5. Januar den der Stadt selbst. Nach einer -llllleristischen Thätigkeit von kaum vier Wochen, welche selbst durch den Massen- oliösall am 19. Januar nicht unterbrochen werden konnte, wurde am 28. Januar lik Capitulation der Forts von Paris abgeschlossen. So hat denn in kaum flkbenmonatl chem Feldzuge die deutsche Heeresleitung zwei feindliche Armeen in lit Kriegsgefangenschaft des eigenen Landes abgesührt, eine dritte vorläufig in Itr feindlichen Hauptstadt ohne Waffen und Kriegsmaterial kriegsgefangen einge- fihlossen und die vierte gezwungen, auf neutralem Gebiete sich interniren zu lassen. Iußer liefen großartigen Erfolgen aber hat das Eernirungöhecr durch die Er- zicingung der Capitulation der stark befestigten, überreich armirten Lanveshaupt- |?bt mit ihren zwei Millionen Einwohnern und etwa einer halben Million Trup­

pen eine der größten Aufgaben ter Kriegführung aller Zeiten gelöst. Wohl nie sind in einem so kurzen Zeiträume so viele, so bedeutende Feldschlachten siegreich geschlagen, eine so lange Reibe von Belagerungen glücklich turchgeführt, so zahl­reiche Festungen und feste Plätze des Feindes genommen, vier große Armeen für den weiteren Verlauf des Krieges unfähig gemacht worden.

Die Kriegsgeschichte kennt keine Beispiele ähnlicher Leistungen in einem sieben» monatlichen Feldzuge.

Es hat allen Anschein, als wollten die Schweizer sich die Jnternirung der übergetretenen französischen Ostarmce so leicht als möglich machen. In verschie» denen deutschen Zeitungen äußerten sich schon vor dem Uebertritte der Franzosen schweizer Correspondentcn ganz unverholen dahin, die Schweiz thue eigentlich ein UebrigcS, wenn sie die französischen Soldaten während ter Dauer des Krieges internire, da ihr als nationalem Staate nur die Verpflichtung obliege, die über­tretenden Franzosen zu entwaffnen, diesen selbst aber die Rückkehr nach Frankreich nicht versagt zu werden brauche. Ein Correspondent derA. A. Z." in Zürich plaidirte für die sofortige Entlassung ter IriegSuntauglichen Franzosen, wogegen gewiß Nichts einzuwendcn ist, wenn nur absolut und für immer Kriegeuntaugliche darunter verstanden werden, nicht aber Kranke, Marode, welche zwar dermalen "keinen ferneren Widerstand" mehr leisten, aber sich in einigen Wochen erholen können. Ein anderer Correspondent des genannten Blattes (Dom Main) kommt auf die erwähnte Züricher Correspondenz zurück, welche u. A. gesagt hatte:Wer zürnt uns (!), wenn wir die TurcoS, Spabis, GumS, DengeurS und FranctireurS, über deren Wesen wir uns nicht täuschen, schnell wieder auf ter Eisenbahn dahin fahren lassen, woher sie kamen (!)." Gegen eine so idyllische Auffassung der schweizerischen NeutralitatSvflicht müssen wir aber uns ganz entschieden verwayren: ohne zuzürnen" wird der Retchsranzler für jeden fvicyrnla-neu mn ver yqen- bahn" (!) der Schweiz nach Frankreich entfahrenden Soldaten die Berner Re­gierung verantwortlich machen. Wenn unsere Krieger nicht zu schlecht sind, sich mit diesem verehrlichen Lumpengesindel herumschlagen zu müssen, so wird die freie Schweiz nicht zu gut sein, fragliches Gesindel eine Weile zu füttern und zu be­wachen: sie sind französische Soldaten und wir bedanken uns, diesen Auswurf nochmals bekämpfen zu müssen, weil er der Schweiz nicht gefällt,lieber Rein­lichkeit, Sitte und Bildung von vielen derselben stehen die Hoffnungen und Er­wartungen auf der allerniedrigsten Stufe" schreibt derselbe Züricher Corre­spondent. Wir in Deutschland ober freuen uns, daß die Schweizer, welche, leider auch die deutschen Schweizer, ihre Sympathien so unverholen der Schwester-Re- publik zugewendet und in deutsch geschriebenen Blättern so laut ausgesprochen haben, jetzt Gelegenheit gefunden, diese Sympathien 84,520ma! zu bewähren. Was die Reinlichkeit, die Sitte und Bildung anlangt, so hätte man diese Eigen­schaften vor Fixirung der Sympathien erwägen sollen." Es ist uns noch Allen im Gedächtniß, wie zu Anfang des Krieges die neutrale Schweiz nicht einmal den zur Fahne einberufenen, also noch unbewaffneten, badischen Reservisten die Benutzung der Elsenbahn gestattete und wie ein ganzes badisches Regiment des- halb die Rheinthaldahn nicht benutzen durfte und zu Fuß über den Schwarzwald aus der Baar in's Rheinthal marfchiren mußte. Die leichtsinnige Art, mit der jetzt die französischen Offiziere in den Grenzkantonen Neuenburg, Waadt und Genf internet worden sind, trägt schon seine Früchte» Im Fahndungsbuche des Kantons Neuenburg sind bereits verschiedene wegen Bruchs des Ehrenwortes und erfolgter Flucht ausgeschrieben.

Nach der Capitulation der Forts von Paris hat man erst erfahren, daß in Paris noch eine große Anzahl Deutscher zurückgeblieben und der Austreibung entgangen war. Das Leben dieser Leute würde nicht nur durch die Bedrohung von Seiten der Franzosen, sondern hauptsächlich auch durch Mangel und Noth gefährdet gewesen sein, wenn cS nicht dem nordamerikanischen Gesandten Herrn Washburne durch seine nicht genug zu lobenden Bemühungen gelungen wäre, das Elend der Deutschen zu lindern. Es war daher für diese ein großes Glück, daß Herr Washburne nicht nach Tours übergesiedelt, sondern in Paris geblieben war. Er hatte während der Belagerung für mehr als 1700 völlig unbemittelte Deutsche zu sorgen und ist dieser Pflicht mit dem größten Eifer nachgekommen. Er gab ihnen täglich das nöthige Geld und Nahrung und sorgte auch in den Tagen der großen Kalte für ihre Erwarmung, indem er ihnen einen geheizten Saal in feinem Hotel einräumte und ihnen dort warme Getränke reichen ließ.

DieSituation", das bonapartistische Organ in London, vom 4. Februar ist mit dem Grafen Bismarck sehr unzufrieden, daß er mit Jules Favre unter­handelt hat; nach Ansicht dieses Blattesist zwischen der Schuld Gambctta's und der von Jules Favre und jener ter Prinzen des Hauses Orleans nur jener Unter­schied, welcher zwischen Verbrechen und Wahnsinn besteht; Gambetta ist von dem Hebet befallen, das den neapolitanischen Fischer den Dolchen seiner Mörder über­liefert ; die Anderen bereiten sich vor, den Blutpreis einzustreichen." Graf Bis^ marck ist in den Augen derSituation"der Schöpfer wider Willen des größten Herdes der Anarchie, der jemals die Welt mit Entsetzen erfüllt hat"; noch mehr: die Souveräne Europa'S haben sich nur noch zu fragen, was aus ihren Thronen