Gießener Anzeiger
Anzeige- und Amtsblatt für den Lreis Kieszen
Nr. 8
Dienstag den 10. Januar
1871
Deutsche Reich" schreibt die „Provinzial.Korrespondenz
Reiche nicht entsagen werde.
sch-n Vervällniffe zunächst einfach in Den gesetzlichen Formen Der amtlichen Ver- unD eine Herzlichk.it, Die ohne Verstellung war, griffen Platz, Die Soldaten lieb.
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stndfälliqe Berührung mit dem Norden, und gerade hier ist der bürgerliche Charakter unserer Wehrverfaffung von unendlicher Tragweite. Wir haben keine Tro^pierS, an denen jede andere Erfahrung a'a die militärische verloren geht, ins-. £her ist hin abgeschlossener, exclusiver Stand, sondern, wie eo aus dem Kern des Volkes hervorging, so wird alle Einsicht mit ihm in das Volk zurück- kehren. So sind die Soldaten, die das Denkzeichen von 1866 tragen, Conver- t'ten geworden im wahren Sinne des Wortes — und wer ist eifriger für seine Lchre, als Convertiten'^ Hierbei kommt noch ein anderer Umstand in Betracht, tcn man nach der bisherigen Haltung der norddeutschen Vormacht nicht eben erwarten durfte: dasselbe herzliche un? rücksichtsvolle Entgegenkommen, das die Mannschaft den süddeutschen Truppen bewies, ward auch von den preußischen Führern und der obersten Leitung festgehalten. Nicht nur gelegentlich, sondern principiell wird dem bayerischen Element eine Aufmerksamkeit und eine Audeich- nung erwiesen, die aus jede Geltendmachung von Superiorität verzichtete und ganz besonders geeignet war, Die höhern Elemente der bayerischen Armee mit Genugthuung zu erfüllen. Es ist zwar richtig, daß diese Entwicklung sich nur in jener leisen, langsamen Weise vollzog, die dem Charakter unserö Stammes entspricht, und daß sie neben den lauten, greifbaren Erfolgen des Kriegs fast verschwand; allein trotzdem ging das Selbstgefühl mehr und mehr in ein Ge-
Erschrint täglich, mit Ausnahme Montags.
Expedition : Canzletberg Lit. B. Nr. 1.
9. Januar.
Ueber das „mit der ersten Stunde des Jahres 1871 ' erstandene „
meingefühl über; Die tiefe menschliche Bewegtheit, die durch so viele tbeure Opfer un Volk erregt wurde, gab Dem nationalen Gedanken eine gewisse Weihe, eine religiöse Ergebenheit. So ward uns die deutsche Sache zur Herzenssache im schwersten Sinne des Wortes; durch den Antheil, welchen Bayern an diesen Verlusten nimmt, ist es mit seinen innersten Empfindungen an das gemeinsame Geschick gefesselt und an den Früchten des Kampfes betbeiligt. Oie wahre Frucht desselben aber kann nur ein Friede fein, der uns den Ausbau des deutschen Vaterlandes sichert."
Das Wiener Tagblatt schreibt: „Daß wir lebhaft wünschen würden, daß der Hauptstadt Frankreichs die Schrecken der Beschießung erspart ble ben, brauchen wir nicht erst zu versichern. Aber verurtheilen kann man die deutsche Heeresleitung nicht, wenn sie gegen Paris, das eine Festung ist, verfahrt, wie gegen jede andere Festung, und lieber zum Bombardement schreitet, als das Leben von Tausenden ihrer Soldaten aufs Spiel setzt. Die Moral ist eben nur, daß man große Städte, und am allerwenigsten Hauptstädte, die solche Culturschätze wie Paris enthalten, nicht in Festungen umwandeln soll, damit Niemand ein Recht hat, sie wie Festungen zu behandeln."
Die französischen Blatter klagen, daß auch im südlichen und südwestlichen Frankreich, in Marseille, Pau, Bordeaux u. s. w. Die Kälte seit vielen Jahren nicht so auß»rordentlich empfunden worden sei, als gegenwärtig.
Die Correspondance HavaS vom 30. Dec. will das Gerücht, daß Trochu seinen Rücktritt angeboten habe, zwar nicht bestätigen, gesteht aber zu, daß bei Jules Favre eine Versammlung der Maires und Adjuncten von Paris Statt fand, in der cs drei Stunden lang sehr lebhaft über militärische Dinge herging, was aber zu keinem Beschlüsse kam „in Anbetracht der Wichtigkeit Der aufgeworfenen Frage". Der Befehlshaber des Forts Rosny, das von den feindlichen Batterien stark beschossen wurde, ertheilte den Artilleristen Ordre, „nur so viel zu antworten, daß Die Conversation nicht stocke". Die Correspondance fügt zur Erklärung hinzu: „Es ist gut, daß der Feind seine Kugeln verschwendet, da er sich so schwierig neue verschaffen kann. Das Feuer des Feindes ist allerdings von großer Genauigkeit; von 25 Kugeln findet sich selten mehr als eine oder zwei, die ihr Ziel verfehlen. Das ist allerdings recht geschickt, aber noch einmal, e- ist sehr unnütz. Die Marinetruppen sind von Den Artilleristen der Nationalgarden
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weniger als verbürgt und wird noch sehr der Bestätigung bedürfen. Ist doch noch nicht einmal festgestellt, ob und wann Jules Favre auf der PontuS-Conferenz erscheinen wird. Gestern galt für sicher, daß er kommen werde, und auch Die Neue Preußische Zeitung hat diesen Abend eine ähnliche Nachricht. Dagegen will ein Telegramm der „Time-" wissen, Herr Favre habe aus die Ankündigung des amerikanischen Gesandten hin, daß Graf Bismarck ihm einen Geleitschein zur Verfügung gestellt, erwiedert, er wisse nichts von einer Conferenz und werde Paris nicht verlassen. Bestätigt sich dies, so würde wohl der französische Ge- schäststräger in London, Herr Tissot, auf der Conferenz erscheinen oder Frankreich dort bis auf Weiteres unvtrtreten fein. Vielleicht will Favre die Wirkung des fast auf allen Seiten von Paris begonnenen deutschen Bombardements abwarten. Die Zustände im Innern der Stadt gestalten sich ja mit jeder telegraphischen Post schlimmer, und es wäre wohl möglich, daß die Mitglieder des Gouvernements fürchten, daß, wenn sie Paris verließen, die Regierung während Der Abwesenheit ihnen abhanden kommen könnte. Immerhin wird die Nachricht Der Times noch der Bestätigung bedürfen.
Man hat sich vielfach gewunDert, Daß Die Verleihung des Herzogs-Titels an den Grafen Bismarck nicht am 1. Jan. erfolgt ist, da man doch nach Aeuße- rungen von Personen, die dem Bundeskanzler sehr nahe stehen, GrunD zu der Annahme hatte, daß die Unterzeichnung des Patents schon vor einigen Wochen erfolgt ist. Wie die „Elberf. Ztg." hört, soll Die Publikation erst bei der offi cieUen Annahme des Kaisertitels seitens des Königs erfolgen. Voraussichtlich werden dann gleichzeitig auch noch andere hohe Titel und Chargen verliehen werden, um den Glanz des kaiserlichen Hofes zu erhöhen.
Die „Allg. Ztg." schreibt über Die Stimmung in Bayern u. A.: „Ehe ber Krieg begann, hatte Der Particularismus in Bayern feinen Höhepunkt erreicht. Do' Ministerium Hohenlohe, Das unserer kritischen Lage mit eben so viel Takt als Talent gerecht geworden war, war trotz dieser Verdienste (oder besser wegen derselben) gestürzt worden, die Führcrschast der Mehrheit lag in den Händen von Fanatikern, und immer weiter griff der ClubterroriSmuS um sich, der jedes individuelle Ermessen ausschloß und jeden Compromiß von der Hand wies. Es ist keine neue Bemerkung, daß zwischen der ultramontanen Agitation und Den demokratischen Umtrieben eine offenbare Wahlverwandtschaft und Deßhalb eine offenbare Fühlung besteht; die Beispiele dafür lagen in Würtemberg und Baden aus der -vand. Allein auch in der bayerischen Kammer trat dieser demokratische Ton, Dieser nativistische Zug nur an die Oberfläche, wenn man die Reden der ultramontanen Führer verfolgte. Das agitatorische Wesen, das sich aus Der
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dem Willen unseres Königs, Die Krone des Reiches erst dann in förmlicher Weise zu ergreifen, „wenn sie alle Glieder umfassen werde". Eine wirkliche Feier aber, w:e sie der Erhabenheit des Ereignisses und der Begeisterung der Nation entspräche, kann während ver Dauer des Krieges nicht stattfinden, zumal der erhabenste Ver- treter des Reiches noch fern vom deutschen Boden weilt. Das große Werk der deutschen Einheit ist zwar unter den Stürmen eines weltgeschichtlichen Krieges zu Stande gekommen; doch feine letzte Weihe kann es erst nach dem Abschluß des in Aussicht genommenen ruhmvollen Friedens erhalten. Der Lebensbeginn des Deutschen Reiches fällt mit Der Geburtsstunde des neuen Jahres zusammen. Möge Der Augenblick nabe sein, wo es dem deutschen Volke vergönnt wird, die Feier feiner nationalen Wiederauferstehung mit den Empfindungen ungemischter Freude und De* Segnungen des Friedens zu begehen!
Der „K. Z." wird aus Berlin, 5. Januar, geschrieben: Zu den Überklugen Bemerkungen, in welchen sich gewisse Leute nach Dem Ereigniß zu ergehen pflegen, g hört auch, daß Preußen gleich nach Sedan Frieden zu schließen versäumt habe. Mit wem und auf welche Bedingungen hin das geschehen sollte, wird nicht gejagt. Die Machthaber in Paris hatten nicht nur den Frieden nicht angeboten, sondern waren Dem siegreichen Feinde mit Dem übermütigen „fein Zoll Landes, hin Stein Der Festungen!" entgegengetreten. Jules Favre in Ferneres fiel in Ohnmacht oDer stellte sich doch so, vielleicht in Erinnerung der theatralischen Attitüden vom Asstsenhofe her, als ihm nur von Der Uebergabe, nicht einmal von der Abtretung von Straßburg gesprochen wurde. Seitdem ist der französische Hochmuth von harten Schlägen heimgesucht worven, und das FriedenSbedürfniß macht nach übereinstimmenden Nachrichten im Lande, wenn nicht in Regierungskrisen Fortschritte. Heute gingen hier Gerüchte, JuleS Favre habe sich zu einer Gebietsabtretung wenigstens im Princip bekehrt. Die Nachricht ist aber nichts
„Kaiser und Reich sind seit Dem 1. Januar 1871 staatsrechtlich festgestellte und anerkannte Einrichtungen des neuen Deutschlands: unantastbar durch Die Weihe des Gesetzes wie durch den Willen und die Kraft einer großen Nation, sind die Grundlagen für Die neue Lebensgemeinschaft in Krieg und Frieden gelegt. Die staatliche Einheit Deutschlands ist als Die erste Errungenschaft unserer siegreichen Woffengemeinschast mit allen Bürgsckrsstm dauernden Bestandes und lebenskräftiger Entwicklung hergestkllt. Das deutsche Reich ist verfassungsmäßig bereits ins Leben getreten, obwohl es noch Der vollen Ergänzung durch Den Anschluß Bayerns harrt. Dieser ist durch die noch ausstehende Zustimmung des dortigen Abgeord- netenhauseö voraussichtlich nur um eine kurze Zeit verzögert. Die Gesinnung von Fürst und Volk in Bayern bürgt Dafür, daß dieses kräftige Glied Dem neuen
ten sich, weil sie sich achteten, und achteten sich, weil sie sich kennen lernten. Mit jenem^richtigcn Blick, welchen der Vo'ksgeist unbewußt besitzt, fanden Die einzelnen Stämme Die gemeinsamen Züge heraus; Die Gegensätze aber, welche bestan- Dm, wirkten anziehend, statt zu entfremDen. Jene gemüthvolle Treuherzigkeit, welche Dem Süden eigen ist, sand bei den Norddeutschen lebendige Sympathieen; unsere Soldaten aber erkannten mit Freude Die intellektuelle Überlegenheit des Nordens an. Niemals fühlte sich Der Eine durch Den Erfolg oder die Fähigkeit Des Anderen verkleinert, man sah in Der Verschiedenheit nur Die Ergänzung, man fühlte, daß Das, was Einer besitzt, Dem Ganzen gehört. . . . Bisher hatten nur jene Elasten, deren Beruf oder Vermögen eine freiere Bewegung gestattete, Gelegenheit, Die Vorurtheilc zwischen Nord und Süd im persönlichen Verkehr ab- zustreifen. In diesem Jahr erst kam Der gemeine Mann, kam das Volk in tau-
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Tribüne und auf der Kanzel geltend machte, gab der Lage eine peinliche Ge- Ireijtbeit, Die Stimmungen wurden acut und Die Gegensätze mit jedem Tage ver- wick.lter. So lagen die Dinge, Niemand sah mehr die Lösung ab, Da kam Das Alexanderschwert und hieb Den Knoten entzwei. Mitten in das Militärbudget fiel Die Mob'lisirung, mitten in Den Krieg Der Parteien fiel Der Aufruf zum dkutichen Kriege. Die Geschichte hatte es übernommen, Den Gegenbeweis für s zu liefern, was gesprochen worden war; nach einer langen, fieberhaften Debatte beschlossen Dit Kammern, einer Neutralität zu entsagen, Die eine Agitation unserer Zukunft beDtutet hätte. Wir traten Damit in Die zweite Epoche Der großen Ereignisse ein, Die iür Bayern ohne Zweifel Die rühmlichste war. Wav Die Kämpfe Der Parteien uns an Ansehen genommen hatten, das gaben uns Die Kämpfe unserer Soldaten schon nach dem ersten Gefechte zurück, sie er- ebenen dem bayerischen Namm eine Bedeutung, Die wir seit lange vermißt batten. r , - - Die Truppen, welche draußen im Felde standen, waren unglaublich schnell mit
Wenn die so bedeotungsvolle Wandelung der Deut- Dem Gedanken der Gemeinsamk.it vertraut. Eine Rivalität, Die ohne Eifersucht,
neuejreiztheit, die Stimmungen wurden acut uno die Gegensätze mit jedem Tag
vom 4. Januar: li-» .» ri>; — m.-----v _ - r>.., « -


