Gießener Anzeiger
Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kielen
Nr. 182
Mittwoch den 9. August
1871
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8. August.
t Am 18. September d. I. wird die 44. Versammlung deutscher Natur- forscher und Aerzte in Rostock zusammentreten und es auch diesmal gewiß wieder nicht an beherzigenSwerthen Rathschlägen für die öffentliche Gesundheitspflege fehlen laffen, von denen nur zu wünschen blkiitt/-^aß sie in Zukunft mehr prakti- scheu Erfolg haben werden als bisher. Bereits auf der letzten Naturforfcherver- jammlung zu Innsbruck, im Jahre 1869, wurden sieben Thesen „über die allgemeine Organisation der öffentlichen Gesundheitspflege" aufgestellt, welche statt der jetzigen Medicinalpolizei die Einsetzung von selbstständigen GesundheitSausschüffen, aus Gemeindebeamten, Bürgern, Aerzten und Technikern bestehend, forderten, welche unter Beaufsichtigung bezw. Leitung höherer staatlicher Organe die nächste Sorge für Alles, was das öffentliche Gesundheitswohl ihrer Gemeinde und ihres Land- bczirks betrifft, zu übernehmen hätten. Daß diese Thesen noch fast nirgends in Deutschland zur Ausführung gekommen sind — wollen wir nicht Oesterreich mit seinem neueren, aber ziemlich schwachen OrganisationSgesetz der Medicinalverwaltung au-nehmen — dies Factum hoffen wir nur dem inzwischen ausgebrochenen und vollendeten Kriege zuschreiben zu müssen; dieser Krieg hat aber auch zugleich das Gute gehabt, über die Wichtigkeit der Hygieine aller Welt die Augen zu öffnen. Durch keine Einrichtungen mehr als durch musterhafte Sanitätsorganisationen (öffentliche Gesundheitspflege) kann sich der moderne Staat auszetchnen. Nicht der Staat in Waffen, der Staat in der Fülle seiner Gesundheit thut uns noth — wozu vor Allem auch die Ausrottung der Krankheiten durch Verminderung des socialen Elends, die Hebung der Volksgesundheit durch Hebung der Volksbildung gehöreki. Es ist Zeit, daß sich das geeinte Vaterland zu dieser Ansicht bekennt, soll nicht anders der Pauperismus überhand nehmen und erneuerte sociale Revo- lutionen über unsere Erdtheile bringen. Hat der letzte Krieg gelehrt, wieviel durch Dorsorge zur Verhütung der ansteckenden Krankheiten geleistet werden kann, so müssen diese Segnungen der Gesundheitspflege vor Allem auch dem Volke im
Frieden zugesührt werden. Die Unterlassung wäre ein Verbrechen. Wir richten diese Aufforderung aber nicht allein nach oben an die Regierungen — das Volk muß vor Allem begreifen, daß es sich um fein bestes Gut, um Erhaltung feiner Gesundheit, um Erhaltung seiner Arbeitskraft handelt.
Diese Aufforderung wird besonders jetzt dringend, wo sich die Cholera immer mehr und mehr unseren Grenzen naht. Wollen die Regierungen Europas auch tvierer eine Choleraepidemie über die Länder hereinbrechen laffen? fragt Dr. Alba in seiner Zeitschrift „Die Gesundheitspflege des Volkes". Will insonderheit Deutschland, dessen Grenzen schon bedroht sind, mit Vorsichtsmaßregeln warten, bi- die Krankheit grassirt und Tausende dahinrafft? Will man uns dann etwa, wie bei den Pocken die Impfung, so gegen die Cholera die Desinfektion empfehlen? Nicht DeSinficiren hilft, nein, energische Maßregeln zur Abwehrung des Einbrechens les Choleragiftes in'S Land! Quarantaine aller Schiffe, die in den (Ost- und Nordsee-) Häfen einlaufen, Ueberwachung aller Etsenbahnzüge, Ueberwachung, sorgfältige Ueberwachung der russischen Grenze — endlich, wo in einem einzelnen Hause ein Cholerafall vorkommt, Absperrung der Hauses bis kein neuer Fall vor- g-kommen ist. Erst diese Generalvorbauungsmittel, dann daneben die größte Reinlichkeit in Straßen, Höfen und Senkgruben. Lasse man doch schon heute die Sanitätscowmissionen zur (Vorbauung) Verhütung der Cholera zusammentreten, varte man nicht wieder wie 1866 bis zur Mitte der Epidemie.
In der Provinz Hannover ist es an manchen Orten den welsischen Agitatoren gelungrn, eintn solchen Fanatismus zu erregen, daß es zu förmlichen Prügeleien lvischen den Nationalen und den Partikularisten kam. Die Consolidirung dieser Provinz läßt in der That noch immer auf sich warten, wiewohl unter der neuen Herrschaft in vier Jahren für die physische Cultur des Boden» und für die Hebung ; bk- allgemeinen Verkehrs wehr geschehen ist, als in vierzig Jahren der welsischen Negierung, denn beispielsweise sind seit 1866 mehr als hundert Meilen Eisenbahnen f tkm Betriebe übergeben, also ungefähr eben so viel, als überhaupt bis dahin ge- i baut worden waren.
Im Hamburger Hafen traf am 4. d. M. von London eine Geldsendung zur Tilgung der Kriegscontribution ein. Dieselbe umfaßte 100 Kisten K 500 Pfund bterl. und ist ein Theil des nach London übersendeten letzten Wechsels über mehr «>S 1 Million Pfund. Dieselben gingen unter entsprechender Begleitung nach Berlin ab.
Es ist davon die Rede, daß am 3. August eine Amnestie erlassen sei, wenn "an einen Straferlaß auf dem Gebiete der einfachen Holzdiebstähle, Weidensrevel vnd der Zuwiderhandlungen gegen die Forstpolizei und gegen das Verbot der Ent- dendung von Feldfrüchten mit diesem Namen belegen darf. Leider scheint man on höchster Stelle noch immer der Ansicht zu huldigen, daß e» zu einer politischen Amnestie an — Material fehlt.
Die Gerichtsorganisation für Elsaß und Lothringen ist vorläufig zum Ab- ftluß grkommen; besondere Schwierigkeit bot indessen die Beschaffung de» ersorder- lichen Rlchterpersonals. Es sind nun, wie verlautet, eine beträchtliche Anzahl
und worin sich derselbe sehr naiv auSdrückt und darzuthun sucht, daß, wenn er nicht am nächsten Tage geschlagen worden, er Sieger geblieben wäre. „Die Action" — so sagt derselbe — „dauerte aus der ganzen Linie bis Abends 6 Uhr. Die Nacht brach ein; wir waren Herren aller unserer Stellungen auf dieser Seite und auch auf dem Plateau Auvours und aus dem rechten Ufer der HutSne ge» bltibcu. Unsere einzige ernsthafte Niederlage war die momentane Räumung von AuvourS, aber sie war schnell und glänzend durch die schöne Waffenthat deS Gencrals Gouyard, au der Spitze eines Theiles der brctagner Division und der Truppen des 17. Corps, die er gesammelt hatte, wieder gut gemacht worden.
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Erschcint täglich, mit Ausnahme Montags.
Spedition: Canzleiberg 2it B. Nr. 1.
bischer Juristen dazu ausersehen, als Richter in den neuen R-ichslanden -u ■ fungiren. ’
r Der „Magdeburger Zeitung" wird aus Berlin geschrieben- Die wegen ter - „Bürgin" erlassene Instruction des Minister« des Innern an den Oberpräsioenten ' der Provinz Brandenburg ist eine sehr correcte Interpretation des Landwebr- und ' Reservegest tzeS, allein sie kommt leider zu spät. Da stch die Mehrzahl der Reserve- und Landwehrmännkr, welche durch den Krieg materiell außerordentlich beschädigt ' waren, außer Stande sahen, einen Bürgen zu stellen — der Berliner Magistrat hatte leider ohne Weiteres die Rechisanschauungen des brandenburgischen Provinzial- landtoges und des Oberpräsioenten v. Jagow adoptirt —, so zogen sie vor, ein einfaches UnterstützungSgesuch einzureichen und auf die Gewährung von 50 Thalern anzutrogen. Ohne das Schreckgespenst des „Bürgen" hätten die Petenten sehr viel lieber ein Darlehen nachgesucht und gern sich verpflichtet, sowohl Zinsen zu zahlen, als das Darlehen nach spätestens zehn Jahren zurück zu geben. Heute sind die meisten Gesuche an den Magistrat bereits abgegeben und fast sämmtlich lauten sie auf Gewährung von 50 Thalern Unterstützung. Der brandenburgische Provinziallandtag hat unerhörte Confuston angerichtet und sehr zu beklagen ist, oaß des Ministers Corrcctur nicht Zug um Zug erfolgte. Man glaubt, erst aus Varzin sei die Ordre hierher gelangt, das ReichSgesrtz nicht verhunzen zu laffen. Der Reichstag wollte die einmaligen Gaben nur in Ausnahmefällen, die Regel sollten die Darlehen bilden.
In Bayern ist es der Regierung noch immer nicht gelungen, einen Minister des Auswärtigen zu finden, im Gegentheil wird es täglich wahrscheinlicher, daß eine völlige Ministerkrisis eintritt. Auf Grund bestimmter Mitthcilungen von München aus dürfen wir versichern, daß von einem Umschwung in den Hofkreisen München», der jungst behauptet worden, nicht die Rede ist. Es wird zwar von französischer wie von österreichischer Seite alle» Mögliche aufgeboten, um den An- schloß Bayerns an das deutsche Reich als einen Fehler darzustellen, und selbst am bayerischen Hofe fehlt cS nicht an Personen, .die in gleicher Richtung thätig sind; indessen ist die nationale Strömung doch so'stark, daß an Verwirklichung dieser frommen Wünsche nicht zu denken ist.
Die Commissionen, welche zur Regulirung der Entschädigung der Schiffs» rhederei wie der einzelnen Städte in Folge des Kriege» eingesetzt worden, werden in der nächsten Zeit ihre Thätigkeit beginnen, über welche genaue Rechenschaftsberichte ausgestellt werden sollen. Hinsichtlich der zu entschädigenden, aus Frank» reich vertriebenen Deutschen stellt sich bereits heraus, daß auf Süddeutschland ein bedeutend größerer Theil kommt, als auf den Norden und unter den Süddeutschen Baden das größte Contingent Unterstützungsbedürftiger aufzuweisen hat.
Die Beschreibung de» Feldzuges der Loirearmee vom General Chanzy ist erschienen, jedoch Keinem, also auch nicht dem Herzog von Chartre», gewidmet. Am Schluffe seiner Relation sagt der General: „Als unsere schönen Armeen ver» loren, unsere Hauptstadt nach glorreicher und heldenhafter Aufopferung gefallen war, haben wir aufgehört, an die Möglichkeit des Sieges zu glauben, und dennoch blieb sie uns; hüten wir uns jedoch, daraus zu schließen, daß improvisirte Armeen genügende Sicherheit gewähren in den großen Krisen, die noch wiederkehren können. Die Begebenheiten, denen wir beigewohnt haben, stellen im Gegentheil fernerhin unwiderlegbar fest, daß eine Nation nur dann ihrer Unabhängigkeit sicher und wirklich stark ist, wenn ihre militärische Organisation sicher, vollständig und mächtig ist. Wenn^ noch ein Zweifel bestände, so würde es genügen, um uns her zu schauen: Rußland, Oesterreich, Italien, Spanien, England ändern und verstärken ihr Mllitärsystem. Deutschland selbst, unmittelbar nach den großen Erfolgen, welche dasjenige, worüber es verfügte, ihm zugesichert hatte, zögert nicht, darin neue Vervollkommnungen vorzunehmen; es ist bereits am Werke. Folgen wir dem Beispiele, ohne Zeit zu verlieren. Brechen wir mit den Traditionen der Vergangenheit, die ohne Zweifel Achtung verdienen, weil ihnen unser Land seine Größe und seinen Rum verdankt, der auch bei unserem gegenwärtigen Unglück unvergeßlich bleibt, die abrr nicht mehr genügen in der gegenwärtigen Epoche, wo Alle» verhängnißvoll umgestaltet worden ist." Der „GauloiS" bringt einen Auszug aus obiger Broschüre, betreffend „La Bataille du Mans“. Die Erzählung über die militärischen Operationen an diesem Tage — die Action fand am 11. Januar statt — ist ohne besonderes Interesse. Nur verdient das Capitel einer Erwähnung, welches der General „Die Resultate der Schlacht um 6 Uhr Abends" betitelt
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