erstarkt. Der junge Mann, der zu den Fahnen einberufen wird, lernt nicht nur; exerciren, man lehrt ihn auch die Treue zum Königs die Ergebenheit für das' Vaterland. . . Der Soldat hat keine höheren Verpflichtungen, als den dem Könige geleisteten Eid . . - Von da bis zu den Maximen, die bei uns in Frankreich gangbar sind, seitdem das Land von so vielen Revolutionen erschüttert worden, ist ein weiter Zwischenraum. Was hören wir bei jeder Gelegenheit? „Ich diene nicht einem Menschen, ich diene meinem Lande" und diese Redensart, mit deren Hilfe man die persönliche Würde zu heben meint, ist doch nur der Vor- wand für alle Untreue, für alle Scepticismen, für alle Meineide. In jeder Monarchie ist der Souverän das Oberhaupt der Armee und jeder unter der Fahne stehende Mann schuldet ihm Gehorsam, weil der Souverän die ganze Nation vertritt. Ohne dieses Princip giebt es keine Disciplin — keine Sicherheit für die Gesellschaft!"
Späte Erkenntnis — späte Reue!
Gewiß würde L. Napoleon, wenn er die Betrachtungen des Oberst Stoffel für richtig erkannt hätte, sich dem Chauvinismus, welcher durch die fortgesetzten Hetzereien der Opposi! on eben so sehr gereizt als genährt ward, energischer widersetzt haben, und die Welt würde um das Schauspiel eines Krieges gekommen sein, für welchen es der Kriegseifer an Vorbereitungen batte fehlen lassen; einer Armee, welche zu Capitulatronen en mässe genötbigt wird, von Soldaten, welche ihre Officiere des Verraths bezichtigen, um selber nicht fechten zu dürfen, oder welche, wie jetzt in Paris bet dem leichtesten Impuls die Waffen wegwarfen; von Generälen, welche sich beeilten, „dem Lande" ihre Degen anzubieten, als ein Pöbelhaufe das Kaiserthum gestürzt hatte und welche ihre Niederlagen durch wechselseitige Anklagen zu rechtfertigen suchten; des Wortbruchs so Vieler und der Unzuverlässigkeit Aller.
Sollte aber Louis Napoleon doch vielleicht dem Oberst Stoffel hinsichtlich dessen Urtheil über die sittliche Grundlage unserer HeereSeinrichtungen vollkommen recht gegeben, aber vielleicht geglaubt haben, in anderen Triebfedern des Handelns, welche der französischen Armee zusagender wären, ein Aequivalent gefunden zu haben? Der Durst nach Gloire hat ja die Franzosen zu mancher Großthat begeistert, und die jedem Soldaten offene Bahn zu den höchsten Rangstufen den Ehrgeiz zu gewaltigen Anstrengungen gereizt.
Nun, wenn der Exkaiser auf die Gewalt solcher und ähnlicher Triebfedern rechnete, wie die Republik nach ihn auf die sogenannte Freiheits- und Gleichheits- begeisterung, welche keiner weiteren militärischen Ausbildung und Disciplin bedürfe, um zu siegen oder standhaft in Widerstand zu bleiben: so haben sich auch diese Voraussetzungen nunmehr als vollkommen irrig erwiesen und die Reue Louis Napoleons kommt wahrscheinlich zu spät.
Aber die Erf'hrung .wird doch wohl nicht ohne Frucht bleiben und wenn die wunderlichen Schwärmer für Milizverfassung in Suvdeutschlanv auch nicht zu curtren wären, weil fixe Ideen sich durch Erfahrungen nicht belehren lassen, so dürfte doch bei uns das Urtheil über unsere Militärinstitution sich wesentlich geklärt haben.
Nicht weil Louis Napoleon grave für die Soldaten eine militärische Erziehung über die blos technische Ausbildung im Marschiren und Schießen hinaus fordert, sondern weil das Beispiel der französischen Armeen so deutlich gezeigt hat, wie wenig eine Armee, welcher die sittliche Grundlage fehlt, im Stande ist, das Land und die Gesellschaft zu verteidigen.
Die Sache der Pariser Commune darf bereits als verloren betrachtet werden ; die Pariser Nationalgardin sind vollständig unterlegen in dem Kampfe mit der Versailler Regierung; letztere wird nun energisch gegen die Häupter der Commune Vorgehen und den Aufstand in kürzester Frist bewältigen. Es darf dies in mehrfacher Beziehung als ein besonderes Glück für die deutsche Politik betrachtet werden; die Nichtinterventionspolitik würde bei einer längeren Fortdauer auf eine harte Probe gestellt fein und wahrscheinlich Schiffbruch gelitten haben.
Die vielseitig aufgetauchten Nachrichten, es werde von luxemburgischer Seite der engste Anschluß des Großherzogthums Luxemburg an das deutsche Reich erstrebt, müssen wir auf das Bestimmteste dementlren. Wir können dem hinzufügrn, daß sowohl der König von Holland. wie der Prinz Heinrich, als Statthalter von Luxemburg, von ihren antideutschen Gesinnungen leider noch nicht im geringsten zurückgekommen sind.
Der Rücktransport sämmtlicher Landwehr aus Frankreich wird, wie die „Franks. Ztg." unterm 3. April meldet, bis zum 6. v. M. beendigt fein. Frank- furt allein haben bis jetzt etwa 250 Züge mit entlassenen Landwehrtruppen passtrt; sie sind zum großen Theil mit der Main-Weser und der Hanau Bebraer Bahn weiter geführt worden. Die Feldeisenbahnadtheilungen und der große Generalstab hatten seiner Zeit etwa 30 große Züge nöthig. Auch Vie zum Eisenbahnbetrieb in Frankreich commandirt gewesenen deutschen Eisenbahnbeamten sind bereits in die Heimath entlassen worden. Nächster Tage werden sodann auch die immer spärlicher werdenden sogenannten Sanitätözüge gänzlich aushören. Nach dem 6. d. soll eine 14tägige Pause im Rücktransport der Truppen eintreten, dann wirb vom 20. d. an die Entlassung der Garderegimenter beginnen, welche in 12 Tagen auf 110 Zügen spedirt werden sollen, ohne daß der sonstige Bahnbetrieb gestört werden soll. Weitere Rücktransporte von Truppen sollen dann aber nicht mehr stattfinben, es müßte dann eine unverhofft rasche Zahlung der Kriegsentschädigung eintreten. Auch die sogenannten Ersatzzüge nach Frankreich haben ihr Ende erreicht, da alle Linlenregimenter wieder auf ihre volle Kriegsstärke gebracht sind.
Der General Chatelineau hat folgendes Schreiben an die Soldaten gerichtet, die während des Krieges unter ihm gedient haben:
Meine Kinder! Vom Chef der Executivgewalt ermächtigt, berufe ich euch. Wir haben gegen den Fremden gekämpft; wir haben uns erst nach dem Frieden getrennt, und ich rechnete nicht darauf, euch so schnell zu berufen. Irregeleitete Franzosen — was sage ich? Franzosen? — Männer, die weder durch das Herz, noch durch Patriotismus zu unserem Lande gehören, haben sich so weit vergessen, Generale za ermorden und auf Männer ohne Waffen zu schießen. Es sind Feiglinge; sie werden einen zweiten preußischen Einfall über uns bringen, wenn ihr euch nicht beeilt, euch von Neuem um mich zu schaaren, damit wir zusammen nochmals beweisen, baß wir, getreu unserem Vaterlande, seine Rechte und Gesetze achten, und baß wir bereit sind, die Männer zu vertheidigen, die das Vertrauen gewählt hat, um Frankreich zu regieren. Beweisen wir nochmals unserem Vaterlande, baß wir echte Franzosen sind! Lernen wir, unserem Lande Alles zu opfern, und zu sterben, wenn es sein muß, mit dem Rufe: .Gott und Frankreich!" Es war der Abschiedsruf; möge es der Samm
lungsruf sein. Der Sammelplatz ist Rambouillet. Wenn eure Brüder, eure Verwandten, eure Freunde euch folgen, so werden sich eure Reihen ausdehnen. Es ist Platz für Alle.
M. Berlin, 5. April. Deutscher Reichstag Die heutige zwölfte Plenarsitzung eröffnet Präsident Dr Simson um 11J/4 Uhr mit der Mittheilung, daß der Magistrat und die Stadtverordneten den Reichstag mittels Schreibens zu dem am 17. d. M. stattfindenden Feste eingeladen babv. Hierauf tritt das Haus in die dritte Berathung des Gesetzentwurfes, betreffend die Abänderung des Bundes- Haushaltsetats für das Jahr 1871. Nach kurzer geschä tlicher Debatte über die Frage, ob die Abgeordneten der nicht zum deutschen Postocrbande gehörigen Staaten bei der Abstimmung zugegen sein dürfen (zum Schluß acceplirt das Haus den Vorschlag des Präsidenten, die Sache ohne Präjudiz auf sich beruhen zu lassen), wird der Gesetzentwurf unverändert definitiv angenommen.
Es folgt die vom Abgeord. Grasen Frankenberg eingebrachte Resolution, welche lautet: Der erste deutsche Reichstag erfüllt eine patriotische Psticht, indem er mit warmer Anerkennung und Freude der wohlthuenden Sympathien, der that- kräftigen Unterstützung und der liebevollen opferwilligen Hilfe gedenkt, welche die deutschen Stammesgenossen in den benachbarten Staaten, wie in den fernsten Ländern ihrem schwerbedrohten und nun wiedkrerstandenen gemeinsamen Vaterlande bewiesen haben. Im Namen des zum Reiche vereinigten deutschen Volkes spricht er seinen warmen Dank allen fernen Stammesgenossen aus, deren patriotische, oft unter Gefahren und Unbill bethätigte Theilnahmc die nationale Erhebung stärkte, den Schritt der siegreichen Heere beflügelte, die dargebrachten Opfer milderte und zur Heilung der geschlagenen Wunden beitrug.
Abgeord. Frankenberg: Der Reichstag bat in der Adresse seinen Dank für das Heer und tue Heerführer für die vollbrachten Thaten ausgedrückt, man müsse nun auch Worte des warmen Dankes für die opferfreudige Hilfe der deutschen Stammesgenossen in den benachbarten Staaten haben, weiche, wie die Listen der Invalidenstiftungen und Centralcomite's beweisen, so Überaus thatkräftig cingegriffen hat. Dies sei der Grundgedanke der Resolution, welche von allen Parteien gut geheißen werde. Wenn der Vorwurf ausgesprochen fei, daß die ausgewandcrten Deutschen sehr leicht ihres Vaterlandes vergäßen, so hat dies schon in der Thron- rede, wie auch durch die tbatsächlichen Ereignisse eine glänzende Widerlegung gefunden. Die Deutschen hätten ihren Patriotismus bewährt trotz des Anstürmens von Gemeinheit und Rohheit und erinnert er an Die Pöbelexcesse und Störungen Der FrieDensfeier in Zürich, Rumänien rc. Sie haben einen entschiedenen Antheil an den glücklichen Erfolgen des Krieges. Sie hätten bewiesen, daß Deutschland nicht nur reiche vom Fels zum Meer, sondern so weit die deutsche Zunge klingt und Gott im Himmel Lieder singt. (Allgemeiner Beifall.)
Abgeord. v. Goppelt lst auf Der Tribüne völlig unverständlich.
AbgeorD. Dr. Bamberger befürwortet ebenfalls die Resolution und kommt auf einen kürzlich im Reichstag gefallene Aeußerung über die Zustände in Paris und die Intervention Deutschlants. Was in Frankreich sich jetzt abspielt, das ist eine Consequenz der großen geschichtlichen Ereignisse, Die wir seit neun Monaten erlebt. Die allgemeine Signatur dieser großen Zeit war so eigenthümlich, daß die Logik Der Ereignisse Die Voraussetzungen über das Ende des großen welthistorischen Prozesses immer Lügen strafte. Das jetzige Bild in Frankreich gebe Der Welt und Europa Den klaren Beweis, Daß wir nicht die Barbaren, sondern die Träger Der Cultur und Civilisation seien. Abgesehen von Der internationalen Politik, sondern im kulturhistorischen Interesse sei es nicht für Deutschland, son- dem auch für Frankreich wünschenswerth, daß die Franzosen Die jetzige Krise selbst überwinden und wir nicht interveniren.
Abgeord. Marquardsen: Wir müssen dafür eintreten, daß die Deutschen im AuSlande die volle Anerkennung und Den vollen Segen eines mächtigen Staates erhalten für ihr würdiges, patriotisches Verhalten. Er erinnert an Die Deutschen in Der Schweiz und die bekannten Vorgänge und hofft, Daß man den Pionnrren der deutschen Wissenschaft und Kunst im Auslände, Den lebendigen Trägern Der nationalen Gesinnung im fremDen Lande, kräftige Unterstützung leisten werde.
Reichensperger (Creflld) schließt sich der Resolution an und spricht seinen und seiner Parteigenossen Dank Dafür aus.
Holder (Württemberg) bittet, daß man auch der Männer und Frauen ge- Denke, Die freiwillig unD unermüDlich sich für die Pflege der Kranken, Verwundeten und Durchpasstrenden aufgeopfert haben.
Die DiScussion wird geschlossen und Die Resolution bei der Abstimmung einstimmig angenommen.
Es folgen Wahlprüfungen. Die Wahl des Abgeord. Schulenburg (Beelzen- Dorf) wirD nach dem Anträge Der 2. Abteilung beanstandet. Bei Der Wahl des Abgeord. Grafen Bethusv-Huc kommt zur Sprache, daß von der Kanzel beruh gegen die Wahi eines Protestanten agitirt worden fei. Dies ist eine Thatsache, Die nach Duncker's Meinung vorn Bundeskanzler eine strenge Untersuchung erfordere. Bei dieser Gelegenheit entbrennt Der seit Drei Tagen geführte Kampf mit den Ultramontanen aufs Neue.
Abgeord. Lasker bestreitet Dem Centrum Die Berechtigung, sich als ausschließliche Vertreter Der katholischen Deutschen hinzustellen und sich Namen beizulegen, wie „Verfaffungspartei" rc. zu nennen. Er werft nach, baß nicht nur Die Kanzel zu politischen Zwecken mißbraucht worden ist, sondern daß sogar dieser Mißbrauch von Der oberen geistlichen Behörde belobigt worden ist. Er verwahrt sich in aus- sührlichcr Rede Dagegen, als wenn er das Wesen Der katholischen Kirche irgendwie berühren wolle, doch fei ihm das politische Recht unverkürzt, Dtc Grenze des Staates und Der Kirche fcstzustellen. Es fei keine Partei im Haufe vorhanden, welche daran gedacht habe oder Daran denken werde, Der katholischen Kirche Die SelbstftänDigkeit in Der Verwaltung ihrer inneren Angelegenheiten rauben zu wollen. (Lebhaftes Bravo, auch auf Der Tribüne; Der Präsident Droht, Dieselbe räumen zu lassen.)
v. MallinckroDt: Wenn er hört, Daß Herr Lasker sich zum Richter und Lehrer aufwirft, um Den Katholiken zu DeDuciren, was ihre Einrichtungen unD Institutionen zu beDcuten haben, so müsse er bas als überaus anmatzenD zurück- weisen. Wenn Heer Lasker sich über Den Namen Der katholischen Partei lang und breit beschwere, so frage er ganz einfach, mit welchem Recht sich denn Herr Lasker nationalliberal nenne. Für Klostergeschichten sei er nicht zu sprechen.
Abgeord. Reichensperger (Olpe) wendet sich in sehr ausführlicher Rede gegen Den Abgeord. Lasker unD seine ReDe. Die Einwirkung von der Kanzel herab Ivabe keinen anderen rechtlichen Hinterhalt, als Die Einwirkung Durch Die Presse, Vereine und Logen. Dies sei nur so lange, als Sie keine Gesetze vorgelegt haben, welche die Steuerungen auf Der Kanzel in anDerer Weise behandeln, oder welche
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