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Gießener Anzeiger.

Erjchcint täglich, mit Aus nähme Montags.

Expedition : Lanz leib er g Lit. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsötatt für den Kreis Kieszen.

Nr. 207. Donnerstag den 7. September 1871«

Bestellungen auf den Gießener Anzeiger bei allen Post-Expeditionen un^ den Land-Postboten entgegen genommen.

Abonnenten, welche dm Anzeiger bet der Erpedition abholm lassen, erhalten denselben für den Monat September zu 20 kr.

6. September.

f Eine Verminderung des Milita'retats, über welche man zur Zeit mit be- sonderer Vorliebe conjekturirt, wird selbst für den nichts weniger als wahrschein- j lichen Fall, daß eine Herabsetzung der Dienstzeit beschlossen werden sollte, während der nächsten Reichstagssession nicht wohl durchgesetzt werden können, denn einmal muß eine Verbesserung der Verpflegung der Soldaten unbedingt stattsinden, ander­seits kann eine Erhöhung der Unteroffiziergehälter nicht länger hinausgeschoben werden, soll die Armee nicht ernstlich Gefahr laufen, dem Mangel an tüchtigen Unteroffizieren ausgesetzt zu sein. Eine andere Frage» ist jedoch, ob durch die Herabsetzung der Dienstzeit die Mittel gewonnen werden, die zur Beschaffung einer besseren Verpflegung der Soldaten und zur Erhöhung der Unterosfiziergehälter nothwendig sind. Diese Frage könnte nur bejaht werden in dem Falle, daß für die Infanterie eine zweijährige und für die Cavallerie und die Specialwaffen eine dreijährige Dienstzeit festgesetzt wird, wozu die Aussichten allerdings leider nur sehr gering sind; denn es ist nicht nur ganz gewiß, daß die Freiconservativin und | Nationalliberalen im Reichstage bei dieser Frage im Großen und Ganzen mit der : Regierung geben, cs steht sogar zu befürchten, daß diese beiden Fraktionen, selbst wenn sich im Reichstage trotzdem eine Majorität für die Reduction der Friedenspräsenzstärke fände, in eine selche nicht einwilligen, vielmehr unter Hervor- ' Hebung der allgemeinen europäischen Situation und der daraus abzuleitenden Er- I forderniffe der deutschen Politik auf die einstweilige Beibehaltung des bisherigen Friedensetats dringen. Eine Erhöhung des Milttäretats steht deshalb in naher Aussicht.

[ Der Zusammentritt des Reichstages wird, wie schon gemeldet, in der Mitte des nächsten Monats erfolgen, und werden die Verhandlungen desselben muthmaßlich bis zum December sich auStehnen. Wenn auch die Zahl der Vor­lagen, welche der hohen Körperschaft bis jetzt zugedacht sind, eine sehr beschränkte ist, so werden doch einzelne der Gegenstände, die zur Berathung gelangen müssen, so beispielsweise der neue Militäretat, sehr lebhafte Debatten Hervorrufen; die Militärfrage möchte wenigstens drei bis vier Wochen in Anspruch nehmen.

-j- Herr v. Möller, der, wie wir hören, am 1. October seine Functionen in Elsaß-Lothringen antreten wird, soll den TitelKaiserlicher Statthalter" führen und in dieser Eigenschaft seine Instructionen direkt vom Reichskanzler entgegen- nehmen. Thatsächlich wird Herr v. Möller einer eben solchen Selbstständigkeit in der Verwaltung des neuen Reichslandes sich erfreuen, wie er sie in der Provinz Hessen-Nassau zu behaupten wußte. Seine Ansichten und Wünsche werben überall maßgebend sein und Elsaß-Lothringen factisch als eine preußische Provinz verwaltet werden, wie denn auch drei Viertheile der Beamten und Soldaten in den neuen Lanbestheilen dem preußischen Staate angehören.

Die so bestimmt auftretende Nachricht, daß die französische Regierung die dritte Halbmilliarte der Kriegsentschädigung bereits bezahlt habe, dürfte noch etwas verfrüht sein. Thatsache ist, daß Pouyer-Quertier 120 Millionen in drei Monatsvechseln Angeboten hat, doch schwebt, wie wir wissen, hierüber noch die Unterhandlung, welche der Herr v. Arnim, der jetzt in Marseille eingetrcffen ist, zu führen hat. Die Bestrebungen des Letzteren gehen dahin, die Hinausschiebung des Termins zu erwirken, der im Friedensvertrag für den freien Verkehr zwischen dem Elsaß und Frankreich stipulirt worben ist. Dieser Termin war der 1. Sep­tember und erst nach Bewilligung dieser Forderung bürste sich die ReichSregicrung zur Annahme des Restes der Halbmilliarbe verstehen, nach deren Bezahlung die vier Departements geräumt werden müssen. Damit würde denn auch ein rascher Abzug der OccupationStruppen vom 10. September an in Verbindung stehen.

Der DarmstädterAllgemeinen Militärzeitung" wird über die Einführung i von neuen oder doch die Umänderung der bestehenden Handfeuerwaffen in der deutschen Armee geschrieben: Was erstere angeht, so ist hier noch gar nichts derart festgesetzt worden; es werden allerdings zur Zeit eben so wie stets auch schon vor dem Kriege von dazu besonders berufenen Commissionen ununterbrochen Prüfungen auf diesem Gebiete vorgenommen, doch hat noch keine derselben ein Resultat ergeben, durch welches sich der absolute Vortheil irgend eines Gewehrs über das Zünbnadelgewehr besonders herausgestellt hätte. Man ist an entscheidender Stelle gerne bereit, eine bessere Waffe einzuführen, so bald man nämlich eine solche haben wird; vor der Hand jedoch ist unser westlicher Nachbar noch lange nicht ruhig genug, um j-tzt gerade unsere Armee in das Stadium einer Neubewaffnung treten zu loss-n. Für das Chassrpotgewehr erheben sich fast gar keine Stimmen; mehr neigen sich solche einem dem W rdergewehr nahekommenden Modell zu; auch ein von einem Engländer angebotenes Modell ist in den Bereich der Prüfungen bin» k^gezogen worden. Dennoch scheint uns die einfache Umänderung unseres Ziind» nadelgewehres noch am ehesten in Ausführung kommen zu sollen, und auch das abwartende Verhalten der k. Gewehrfabrlken zu Danzig ic. gibt diesem Vermuthen bereits vorläufige Bestätigung. Die Einführung einer Metallpatrone hingegen, von der bisher angewendeten lediglich durch ihre anders gearbeitete Umhüllung anderen Materials unterschieden, ist dem Vernehmen nach schon jetzt für die Ge­wehre, wenn auch wohl noch nicht für alle Handfeuerwaffen, in der ganzen Armee des Reiches beschlossen worden.

In Frankfurt a. M. und in der Provinz Hannover haben in der letzten Zeit eine Reihe socialdemokratischer Versammlungen stattgefunden, welche keinen Zweifel darüber zulassen, daß dieInternationale" dort bereits bedeutend Terrain gewonnen hat und in kürzester Frist noch weiter um sich greifen möchte. Die Be» Hörden haben aus diesem Grunde den Umtrieben der dortigen Socialdemokraten eine erhöhte Aufmerksamkeit zugewenvet.

Nachdem das Gesetz, betreffend die Wechselstempelsteuer, auch in Elsaß- Lothringen in Kraft getreten, ist bestimmt worden, daß bezüglich des Strafver» fahrens wegen Wechselstempelhinterziebung nunmehr auch in Elsaß-Lothringen an» gesichts der Bestimmungen der AusdrückeAusland" undInland" zum Jnlande im Sinne des Wechselstempelgesetzes zu rechnen ist.

Aus Fulda wird derFranks. Zeitung" berichtet, daß noch im Laufe diese« Jahres einer von mehreren österreichischen Bischöfen ergangenen Einladung zufolge eine Synode der deutschen, österreichischen und ungarischen Kirchenfürsten stattsinden soll. Als Zweck derselben bezeichnet man die Beschlußfassung über verschiedene auf Dem Gebiete kirchlicher Verwaltung vor^i>hmende Revisionen, namentlich die Er» Weiterung der Competcnz der Domcapitel.

Die WenerPnffe" schreibt: Schon vor drei, vier Monaten, als das Mi» niflerium seine Action im großen Style noch lange nicht begonnen, waren wir bemüssigt, zu fragen, was denn eigentlich das Ende vom Liede sein solle, wenn die Regierung sortfahre, die Hände in den Schooß zu legen, während fanatische Cieriker an der Spitze trunkener Bauernhorden behördlich erlaubte liberale Volks» Versammlungen, wie die von Deutsch-Feistritz, mit Knütteln sprengten. Nun, die Antwort haben bald darauf die Verfassungstreuen in Mürzzuschlag ertheilt, wo Gemeinde und Feuerwehr solche Vorkehrungen gegen eine Ueberrumpelung getroffen, daß die klerikalen Schaaren lieber daheim blieben, weil sie unzweifelhaft mit bluti­ge Köpfen nach Hause geschickt worden wären. Die frommen Herren mahnten jetzt ihre Freunde selber, die liberalen Versammlungen unbehelligt zu lassen. Aber einen ganz anderen Charakter tragen die jüngsten Vorgänge in Mähren und Böh­men. Dort spielt nicht mehr das ultramontane Element die erste Rolle; dort betreten nationale Eiferer nicht mehr blos im Gefolge und als SuccurS von fanatischen Geistlichen die Bühne. Nein, es ist der nackte, baare Racenhaß, der sich in zügelloser Leidenschaft Lust macht. ES ist Slaventhum und Deutschthum, Deren Vorposten mit der ganzen Wuth der Stammesfeindschaft über einander her­fallen. Nicht als ob wir uns über die Vorfälle von Brünn und Pilsen wun- derten; seitdem die Prager Führer die Ausgleichsaction in ihrer Weise inaugurirt, muß natürlich der Geist der slavischen Massen bis zur Tollheit erhitzt sein. In den nationalen Blättern sind ihnen die Deutsch-Oesterreichrr so lange alspreu­ßische Vagabunden" denuncirt worden; fanatische Priester und Beamte haben ihnen so lange vorgepredigt, es sei der Wille des Kaisers, mit dieser verrotteten Bande ein Ende zu machen.Narodni Listy" stellen der hochverrätherischen VerfassungS- clique mit solcher Zuversicht Galgen und Rad in Aussicht: kurz, von allen Seiten wird der czechische Janhagel, der als wahren Patriotismus glorificiren hört, was im December nochLandespreisgebung" hieß, so bearbeitet, daß eJ ein reiner Un- sinn wäre, von dem Mob zu verlangen, er solle dabei ruhiges Blut bewahren. Die Scenen von Königsfeld und Pilsen werden nur die Vorläufer anderer, groß» artigerer und blutigerer Raufereien in immer zahlreicheren Theilen Böhmens und Mährens bilden.

Das Journal des Vosges meldet:Wir erfahren aus officieller Quelle, daß in Folge der vom Präfekten der Vogesen veranlaßten Unterhandlungen ein Einverständniß zwischen dem General v. Troffel, Commandanten der deutschen Armee in Dijon, und Hrn. Grillot, Delegirtcn, Betreffs der Casernirung der fremden Truppen im Vogcsen-Departemcnt zu Stande gekommen ist. In Zukunft werden die deutschen Truppen des ganzen Departements in hölzernen Baracken casernirt, welche nach einem Modell gebaut werden, das man versuchsweise an­genommen hat.[&. Grillot ist sofort nach Remiremont abgereist und geht dann nad) Raon'l'Etape, St. Di6 und CambervillcrS, um die Maßregel in Ausführung zu bringen."

DieFrance" macht die treffende Bemerkung, Frankreich befinde sich gegen­wärtig in einer zarten Versuchsperiode und man muffe daher die Augen aufmachen, um sich Alles recht genau anzusehen, wenn man sich ein richtiges Urtheil bilden wolle. Vor dem Haupteingang in den Flügel des Versailler Schlofft, wo die Nationalversammlung ihre Sitzungen hält, liegt eine von Baumgängen eingeschloffene Avenue, wo sich die Neugierigen und NeuigkeitSjäger bewegen, wo sich eine Art politischer Börse gebildet hat und von wo die vielen Enten in'S Land fliegen. Die Mehrzahl der Abgeordneten finden sich in diesen idyllischen Umgebungen un­gleich behaglicher als in Paris, wo es bei wichtigen Sitzungen in der Nähe des Palais Bourbon oft sehr heiß herging und man überhaupt ungleich mehr unter den Augen der öffentlichen Meinung einer zahlreichen Presse und einer Großstadt arbeiten mußte. DieFrance" will den Vätern des Landes ihr Idyll gern lassen, aber sie meint, der Inhaber der Executive gehöre nach Paris als dem alten Cen- trum der Landesregierung; selbst wenn Paris wirklicheine Gefahr" wäre, würde es wohl anständig fein, daß die Executive sich mitten zwischen diese Gefahr und