denken kann. Rußland- Blicke sind nach einer ganz andern Stelle gerichtet.! Rußland- Angriffspolitlk bedroht dir Grenzländer Afghanistans. In Ceniralasien^ liegt für Rußland gegenwärtig der Mittelpunkt der oricnUlijcbcn Frage, was die Engländer seor wohl wissen, aber sehr ungern laut werben lassen.
Nichtsdestoweniger aber ist zuzugeben, daß zwischen Rußland und Oesterreich seit Jahren eine große Spannung und gereizte Stimmung besteht. Könnten dann aver die freundlichen Beziehungen, die Deutschland mit beiden Staaten pflegt, nicht vielleicht versöhnend und mildernd aus ihre Rivalität einwirken? Dieser Gedanke liegt doch in der That sehr nahe, wie denn ja auch manche Anzeichen dafür sprechen, daß Rußland sich durch die Wiederherstellung eines guten Verhältnisse- Deutschlands zu Oesterreich keineswegs verletzt fühlt.
Vor Allem ober würbe Rußland, selbst wenn wir annehmen, daß es mit kriegerischen Gedank.n umginge, doch Bedenken tragen, seine Kraft durch ein Bund- viß mit dem jetzigen Frankreich zu stälken Dies ist ein Punkt, den Herr Thiers in einem Artikel de- „Soir" den Fran;osen ernstlich zu Gemüthe führt.
Daß es Herrn Thiers durch solche Aitikel gelingen wirb, seinen Landsleuten ihren Standpunkt klar zu machen, glauben wir übrigens nicht. Ein dcl'.rirender Fieberkranker kann nicht auf die Stimme der Vernunft hören. Frankreich scheint fortfahren zu wollen, sich in thörichte Phantasten einzuspinnen, und zugleich seinen Haß bis zum ehrlosen Preise des Meuchelmord- zu stetgern. Das wirb und nicht schaben, wohl aber Frankreich mit neuen Trümmern zu den alten bedecken.
-j- Der Vorfall in Brasilien ist durchaus nicht schon in der Hauptsacke beigelegt, wie vielfach in der Presse behauptet wirb, vielmehr scheint er boch noch zu Weiterungen führen zu sollen. Die „Roidd. Aügem. Zg." behauptet heute in einem augenscheinlich inspirirten Entrefilet, cs seien die in Rio wohnhaften Franzosen gewksen, welche sich bei der Affaire sowohl der Polizei bedient hätten, wie auch im E.nverständniß mit den Inhabern der Wirtyschaft, in welcher die jungen Leute von der deutschen Marine sich aushiclten, mit gehässiger Ansicht vorgegangen wären. Bestätigt sich diese Darstellung, so würde allerdings der Vorfall einen ganz besonders widrigen Anstrich gewinnen. Das officiöse Blatt schließt seine Be^ sprechung mit folgenden Sätzen: Eine gründliche Ermittelung deü wahren Sachverhalt- ist unerläßlich; sie bildet die Voraussetzung für ein abschließendes U'theil und für jedes weitere Vorgehen. Die deutsche Regierung würde sich glücklich schätzen, wenn fein Anlaß vorhanden sein sollte, auf Genugthuung zu dringen.
Man wird wohl nicht fehl gehen, wenn man die plötzliche und auffäll'ge Abberufung de- Fürsten Metternich von seinem Botschafterposten in Paris auf die Urheberschaft des Herrn Thiers zurücksührt, dessen Wunsch sehr wohl erklärlich erscheint, den mit dem Exkaiser so intim befreundeten Fürsten au- Paris zu ent fernen. Fürst Metternich zieht sich vorläufig ms Prtvutlebcn zurück. Bezüglich seines Nachfolgers ist Definitives noch nicht bestimmt. Wie cs scheint, schwankt die Wahl zwischen dem Freiherrn v. Kübeck, zur Zeit österreichischer Gesandter in Italien, und dem Grafen Chotek.
Frankfurt, 2. December. Wir erhalten folgende Bemerkungen über die Angelegenheit der Corvette „Nymphe" mit bec Bitte um Veröffentlichung:
Rio de Janeiro. Die Auftritte im hiesigen „Hotel Central", in welche die Mannschaft der deutschen Eorvette „Nymphe" verwickelt wurde, werden von einigen Blättern zu einer Streitfrage von internationalem Charakter aufgebläht, während sie sich in Wirklichkeit auf eine ganz gewöhnliche Wirth-hau-schlägerei zurückkehren. Wie selbst der Berichterstatter der „Kreuzztg." mittheilt, ist das »Hotel Central" in Rio de Janeiro bekannt al- Stellvlchein von höchst zwei» deutigen Frauenzimmern, und die Seeleute von der „Nymphe", welche sich dort zu so vorgerückter Nachtzeit befanden, konnten sich schon deshalb auf unangenehme Begegnisse gefaßt wachen. Nach etngezogenen Erkundigungen gewinnt es den An* schein, daß sie auch gewisse Rücksichten gegen den Pollzeckeamten außer Acht ließen, welcher ihnen in Ausübung feiner Pfl.chl eröffnete, daß die ortsgiltigen Vorschriften nicht gestatteten, daß solche Häuser noch zu so später Stunde geöffnet bleiben; und es stellt sich ferner heraus, daß von Seite der Seeleute sogar den Organen der bewaffneten Macht, welche zum Schutze der o'oenbezeichneten Beamten herbeieilte, Widerstand geleistet worden ist. Es ist ferner zu bemerken, daß die Gerichte de- Landes nur eine unbeugsame Pflicht ersüllien und nach dem Gesetz vorgingen, indem sie eine Untersuchung über diese- Ereign-ß einleiteten; und es ist augenscheinlich, baß die brasilianische Regierung den Lauf einer Gerech.igk.t nicht hemmen kann, welcher die Verfassung de- Reiche- die vollständigste Unab- hängigkeit verbürgt. (Frf. Journ.)
Kassel, 1. December. I. K. und K. H. die Kronprinzessin bat an den hiesigen Stadtrath das nachstehende Schreiben gerichtet:
Der Stadtrath von Kassel hat Mich durch seine guten Wünsche zu Meinem Geburtstage und durch den Ausdruck feiner freundlichen und anhänglichen Ge- (Innungen zu lebhaftem Dank«''verpflichtet. Mit wahrer Befriedigung gedenke Ich der schönen Zeit, welche Ich in der Nähe Kaffcl's verlebt, und Meine herzliche Theilnahme wird der Residenzstadt und ihren Bewohnern stet- erhalten bleiben.
Wiesbaden, den 27. November 1871. Victoria, Kronprinzessin.
t Berlin, 2. December. Kürzlich erwähnten wir bereits eines aus Anlaß der gegen ble Clenkalen sich richtenden Strafgesetzbuch-Novelle innerhalb des preußischen Staatsministeriums ausgebrochenen Zwiespalts. Anfang- schien der Riß «och verkleistert werden zu können, mrttlerwcüe hat sich derselbe ober dermaßen erweitert, daß an eine Heilung nicht mehr zu denken ist und der Rücktritt des Ministers des Innern, Grafen Eulenburg, nur noch als eine Zeitfrage aufgefaßt wird. An sonst gut unterrichteter Stelle versichert man uns, Graf Eulenburg habe dcn Wunsch ausgesprochen, seine jetzige Stellung mit der eines Oberprästden- ten von Hessen-Nassau zu vertauschen, und soll dieser Wunsch nicht ohne Anklang geblieben sein. — Als Nachfolger des Grafen Eulenburg nennt man bereits mit großer Bestimmtheit den jetzigen Vortragenden Rath im Staat-Ministerium, Ge- Heimen Ober-Negierungsrath Wehrmann, einen Kreuzzeitungsmann vom reinsten Wasser.
Berlin, 3. December. In Abgeordneten- wie auch in anderen hiesigen Kreisen hat der gestern erfolgte plötzliche Schluß des Reichstages Uebe.saschung hervorgerufen. Man fragt sich: weshalb kiese Eile? und man findet dafür ferne ’ andere Erklärung, als daß di noch anwesenden außelpreußifchen Mllgl eder, namcntJ lich diejenigen, welche noch Mitglieds der Speciullanotage sind, auf dir Reichs !
regierung gedrängt haben, um so schleunig als möglich in ihre Heimath zu ge- Langen. Thatsache ist eS, daß man noch gestern Nachmittag in sonst sehr gut unterrichteten Kreisen der Ansicht war und die Nachricht auch weiter gab, daß der Reichstag erst heute Abend und zwar durch den Kaiser selbst, welcher heute Nachmittag 4 Uhr von der Jagd in der Göhrde zurückkehrt, geschloffen werden solle. Wie wir hören, war übrigen- die Allerhöchste Ordre in blanco ausgestellt, so daß der Tag der Schließung von dem Präsidenten de- Bundeskanzleramtes noch während der Reichstagssttzung au-gefüllt wurde. Es geschah die- deshalb, weil man ja vorher nicht wissen konnte, ob da- Gesetz wegen des dreijährigen Pauschquantum- wirklich von der Majorität de- Reichstages angenommen werden würde.
Berlin, 4. December. Im ganzen Umkreise des Occupation-rayon- in Frankreich ist der Belagerungszustand proclamirt worden. Verbrechen gegen deutsche Soldaten werden durch deutsche Militärgerichte abgeurtheilt. — Der Kaiser hat heute um 4 Uhr den Bischof von Straßburg empfangen.
München, 2. December. Die mit dem 1. Januar k. I eintretende Auf. Hebung des Handelsministeriums wurde gestern vom Könige genehmigt. Dem Mi- n'sterivm der auswärtigen Angelegenheiten wird von da ab die oberste Leitung ^ller VeikehrSanstalten, Posten, Eisenbahnen, Telegraphen, der Dampfschifffahrt, des Ludwigscanals, de- gefammten Eisenbahnbauwesens, sowie die oberste Aufsicht über die Plivateisenbahncn und Dampfschifffahrt- - Unternehmungen und das gefammte Zollwesen zugewiescn. Auf das Ministerium de- Innern geht die oberste Leitung aller die Landwirthschaft, den Handel, dir Gewerbe, das Versicherung-, und Credit- wesen, die Statistik, das gefammte Bauwesen und das Oberbergawt betreffenden Angelegenheiten über. Für Handel und Gewerbe soll eine besondere, unter einem Ministerialdirector stehende Section gebildet werden. Dem CultuSministerium ist das gesummte technische und landwirttzschaftliche UntrrrichtSwesen einschließlich der bezüglichen Vorbildungsschulen und des thierä'rztlichen Unterrichtes zugetheilt.
Stuttgart, 2. December. Die Abgeordnetenkammer nahm in ihrer heutigen Sitzung den Antrag der Commission an mit dem auf Württemberg fallenden An- theile der französischen Kriegsentschädigung die 4y2trocentige Staatsschuld zu tilgen. Der Antrag Pfeiffer'-, außerdem auch noch Sprocentige und Gprocentige Staatsobligationen anzukaufen, wurde abgelehnt.
Stuttgart, 4. December. Der „Schwab. Merk." enthält folgendes Tele» gramm aus Berlin: In den französischen Bezirken, wo Mordanfälle auf deutsche Soldaten stattgefunden haben, wurde da- KriegSgcsetz verkündet. Man glaubt, daß die Wcdrholung der Anfälle die Wiederbesetzung der genannten Gebiete veranlassen würde.
Parts, 30. November. Gaston Cremieux wurde heute Morgen in Marseille erschossen. M^n benachrichtigte ihn von seinem bevorstehenden Ende de- Nacht- um 2 Uhr. Er antwortete: „Ich werde zeigen, wie man stirbt." Nachdem er seine Papiere in Ordnung gebracht, stieg er in den Wagen, der ihn nach dem Fort Nicola- brachte. Dort angelangt, verlangte er einige Minuten Zeit, um ein Gedicht, das er begonnen, zu beenden, und beauftragte dann den ihn begleitenden Rabbiner (Cremieux war Jude), Herrn ESquiroS (Deputirttn von Marseille) za bitten, ein Theaterstück zu beenden, da- er angefangen hat. Um 7 Uhr kam ein Karren, um den Verurtheilten nach dem Richtplatze zu führen. Nach dem Vorträge des Uttheils bat Cremieux die Soldaten, auf da- Herz zu zielen, da seine Famuie seine Leiche crbholen werde und er deshalb nicht entstellt werden wollte. Nachdem er sich einige Minuten mit dem Rabbiner, den er küßte, unter» halten hatte, näherte er sich dem verhängnißvollen Pfahl, der mit Ringen zum Anbinden versehe« war, falls er schwach werden sollte. Diese Vorsicht war aber unnütz. Cremieux blieb fest. Er zog feinen Rock und feine Weste au- und legte seine Halsbinde ab; dann, sein Hemd aufreißend, aufrechtstehend, die Augen un- vrrbundkn, wie er es verlangt, rief er: „Voran! Feuer! ES lebe die Republik...!" Das Wort Republik erstarb auf seinen Lippen; wie vom Blitz getroffen, stürzte er zu Boden. Die Aerzte constatirten seinen Tod. Ungefähr 3000 Mann mären unter den Waffen. Viele Neugierige hatten sich eingefunden. Der Rabbiner ver- lreß während des Defilö's der Truppen Die Leiche nicht. An den Pfahl gelehnt, las er die Bibel und weinte. Die Familien Cremieux und Molina, die in Wagen ungefähren, f irnen, brachten die Leiche nach dem israelitischen Kirchhofe.
Paris, 1. December. Am Mittwoch wurden bet Epernay zwei Franzosen, welche eine deutsche Schildwache ermordet hatten, von den Preußen standrechtlich erschossen.
Paris, 1. December. Das Kriegsgericht verurtheilte gestern einen Der Offi» ziere, welche der Verhaftung des Erzbischofs anwohnten, den Unter-Lieutenant La- turnrau, vom 84. föderalistischen Bataillon, zu lebenslänglicher Galeerenstrafe. Die Debatten boten sonst wenig Jntereffk. Die Zeugen waren fast nur Geistliche. Einer derselben war Der General-Vicar Lagarde, Der bekanntlich vom Erzbischöfe nach Versailles gesandt worden war, damit men ihn gegen Blanqui auslöse. Lagarde hatte sein Wort gegeben, falls seine Mission kein Resultat haben werde, zurückzukommen. Er hielt dasselbe aber nicht und verschlimmerte dadurch die Lage des ErzbischoiS. Vor dem Kriegsgerichte wegen feiner Mission befragt, verweigerte er die Antwort. Da es ein Geistlicher war, so drang das Gericht auch nicht weiter in ihn, sondern gestattete ihm, sich nach seinem Verhör hinwegzubegeben, welche Erlaubniß Lagarde auch sofort benutzte.
Nom. Am 28. November, im Augenblicke, wo der König Victor Emanuel dar Parlament eröffnete, hielt der Papst an 5. bis 600 Mönche und andere Gk'stliche, welche als Delegirie zu ihm gesandt worden waren, eine längere Ansprache, von welcher sehr verschiedene Verstonen in Umlauf gesetzt stnd. Dem ultra» montanen UniverS entnehmen wir folgende Bruchstücke: „Heute ist die Verfolgung gewaltsamer, vollständiger denn je. Heute führt man nicht Krieg gegen einen Theil der Kirche; man führt ihn gegen Die ganze Kirche. Heute hat die Kirche nicht mehr mit Ketzereien zu kämpfen, Die bald zu verschwinden pflegea, sondern mit cer Gleichgültigkeit, mit Der Gottlosigkeit, Die sich darauf verlegen, aus Dem Herze« e nes jeden Katholiken Den Glaub?» zu reißen. Die Einheit, Die Eintracht, diese empfehlen wir ohne Aufhörcn den Gläubigen auf'S Wärmste an." Dann die stimme erhebend, rief Der Papst aus, daß in Zukunft keine Versöhnung möglich sei zwischen Christus und Belial, zwischen Dem Lichte unv Der Finsterniß, zwischen ctr Wahrheit und der Lüge,.und die Arme gen Himmel erhebend, flehte er den Allmächtigen an, die Kräfte seines SrellvertrrterS wahrend des so harten KampfeS zu beleben, seine Beständigkeit durch seinen göttlichen Beistand zu unterstützen, hin- 'zufügend, daß er lieber sein Leben als Opfer darbringen wolle, als Den wahnsinnigen Forderungen De« triumphirenven Feindes nackgebrn.
Rom, 2. December. Der Minister des Aeußern hat den Telegraphendirector


