klang eine Petition an die Mitglieder der Nationalversammlung zu Versailles, welche in ihrer ergreifenden Kürze wie folgt lautet:
„Im Namen der Menschlichkeit, im Namen von Tausenden von Familien, die in Trauer und in das tiefste Elend versetzt sind, im Namen des öffentlichen Friedens, im Namen der Pariser Industrie, welche hinwelkt, weil sie sich ihrer besten Arbeiter beraubt sieht, bitten wir um die sofortige Freilassung aller Gefangenen, mit Ausnahme der rückfälligen Verbrecher und der sehr Wenigen, auf welche direct die Anklage der Brandstiftung, des Mordes oder des Diebstahls lastet." (Folgen die Unterschriften.)
Durch Legung des betreffenden Kabels wird in einigen Tagen das Projekt, Deutschland und England durch ein telegraphisches Kabel zu verbinden, zur Aus' sührung gelangen. Das Kabel ist bereits zum Theil verladen und soll die Legung desselben von Borkum (Hannover) aus begonnen und bis zur Themse fortgesetzt werden. Später soll von derselben Gesellschaft ein telegraphisches Kabel auch von England nach Amerika gelegt werden.
-j- Die Aufhebung der Sklaverei in Brasilien, die jüngst von der Deputirten» kammer zu Rio Janeiro in zweiter Lesung mit einer Mehrheit von 25 Stimmen genehmigt worden ist, wird nicht nur auf die amerikanischen StaatSeinrichtungcn, sondern auch auf die socialen Verhältnisse der alten Welt nicht ohne Einfluh bleiben. Die Emancipation der Neger in Brasilien, welche allein den riesigen natürlichen Hilfsquellen des ungeheuren Reichs eine volle Entfaltung sichern kann, wäre schon längst durchgeführt, wenn nicht die außerordentlichen Schwierigkeiten immer von neuem abschreckend gewirkt hätten. Man meinte mindestens so lange warten zu müssen, bis für die zu befreienden Neger ein Ersatz durch die Einwanderung europäischer Arbeiter gewonnen wäre; indessen die Erfahrung, daß der freie Arbeiter nicht in einem Lande gedeiht, wo die Arbeit, wesentlich in den Händen von Sklaven ruhend, dem Drucke allgemeiner gesellschaftlicher Mißachtung unterliegt, daß er es deshalb vorzieht, lieber bei kärglicherem Verdienste in der Heimath zu verbleiben, blieb auch Brasilien nicht erspart, denn trotz aller gemachten Anstrengungen kamen die ersehnten Fremden nicht. Jetzt nun, nachdem die vorberer- tende Maßregel der Aufhebung der Sklaverei durchgeführt ist und die Stellung des Arbeiters in Brasilien eine ganz andere zu werden verspricht, wird es nicht lange dauern, bis aus allen Theilen Europa's Arbeiter in Brasilien einwandern werden. UebrigenS ist der Befreiung der Neger die unterstützende Beihilfe der freien Bevölkerung Brasiliens und eines großen Theiles der Sklavenbesitzer selbst von vornherein in weiterem Maße gesichert worden; so wurden in den zehn Jahren von 1860 bis 1870 allein in Rio de Janeiro mehr als 15,000 Sklaven von ihren Eigenthümern aus freier Entschließung ohne Entschädigung emancipirt, und seit Jahren bestehen bereits in den verschiedenen Städten Vereine für die Eman- cipation der Neger, welche sich schon bisher den Loskauf der Sklaven angelegen fein ließen und alljährlich einer nicht geringen Zahl derselben die Freiheit verschafften. Nachdem nun jetzt das neue Gesetz gleichzeitig die Selbstständigkeit der Sklaven angeregt hat, darf mit Recht der Hoffnung Raum gegeben werben, daß, selbst noch ehe die gegenwärtige Generation der in Sklaverei lebenden Neger ausgestorben ist, die freie Arbeit in Brasilien zur vollendeten und vollständigen That- sache geworden sein wird.
Darmstadt, 31. Aug. Endlich (schreibt die Mainzeitung) scheint es denn auch in der Residenz mit den evangelischen Kirchenvorstanbswahlen vorangehen zu sollen. Das Decanat Darmstadt hat öffentlich bekannt gemacht, daß die Liste der Wähler vom 4. September an 8 Tage lang auf dem Rathhause offen liegt. Wahlberechtigt sind alle über 25 Jahre alte selbstständige männliche evangelische Einwohner, welche nicht vom Stimmrechte bei den Gemeindewahlen gesetzlich ausgeschlossen sind. — Oberhofprediger und Consiftorialraty Dr. Schwarz von Gotha hat definitiv zugesagt, am ersten Verhandlungstag des Protestantentages (4. Oct.) die Festpredigt zu halten. — Ein Bericht der Oberstudiendirection beantragt, den 1500 fl. betragenden Staatszuschuß zu der hiesigen Realschule auf 3700 fl. zu erhöhen, den Anstalten zu Alsfeld, Alzey, Bmgen, Friedberg, Michelstadt und Worms aber eine weitere Subvention von je 300 fl. zu Theil werden zu lassen.
Marburg, 30. Bug. Wie die „Oberhess. Ztg." vernimmt, hat der jüngst in Santiago verstorbene Wilhelm Deichert von hier Denjenigen aus Marburg, Kassel und Hanau, welche an dem Kriege gegen Frankreich theilgenommen, für jede dieser drei Städte Eintausend Thaler testamentarisch ausgesetzt. — Die „Marburger Zeitung" sagt: „Die juristische Facultät auch unserer Universität hat dem gefeierten Staatsrechtslehrer und Diplomaten Robert v. Mohl zu seinem am 26. d. stattgefundenen 50jährigen Doctorjubiläum gratulirt und in dem Schreiben u. A. hervorgehoben, wie gerade die juristische Facultät von Marburg dem Jubilar ihre Glückwünsche auszusprechen habe, da er ja für die Wiederherstellung der kurhessischen Verfassung von 1831 so erfolgreich thätig gewesen sei. Von Mohl rührt bekanntlich die meisterhafte Denkschrift her, die derselbe als badischer Bundestags- gesandter im Namen seiner Regierung bei dem Bundestage über unsere Ver- faffungSwirren einreichte."
Trier, 2. September. Gestern stand der katholische Pfarrer Prinz aus Ehreng vor den Schranken des hiesigen Zuchtpolizeigerichtes, angeklagt der Majestätsbeleidigung, die er in einer Predigt am 21. Januar begangen haben sollte, welche das Evangelium von Beelzebub behandelte, durch welchen Christus die Teufel austreibe, wie die Pharisäer sagten. Der Angeklagte, welcher den in- criminirten Wortlaut zugestand, suchte durch Umdeutung seiner Worte die Schuld von sich abzuwälzen. (Er war u. A. angeklagt, in der Predigt gesagt zu haben: „Ich mußte lachen, als ich von einer Adresse an den König zu Gunsten des Papstes — also gegen Victor Emanuel — hörte. Das hieße ja den Teufel durch den Teufel austreiben.") Das Ocffentliche Ministerium beantragte drei Monate Ge- fängniß, der Gerichtshof verurtheilte den Angeklagten zu sechs Monaten Festung-- strafe.
walteten Kasse vorgenommen, was in Folge der langem Krankheit und des darauf olgenden Todes eines andern hohen Polizeibeamten verabsäumt worden war, und oll sich dabei ein ganz enormes Deficit — man spricht von 80,000 Thlr. — ergeben haben. Die nun sofort angestellten Ermittelungen über den Verbleib des Verschwundenen blieben erfolglos; bei seinem Schwiegersohn war er nicht angekommen, wie denn überhaupt jede Spur des von ihm eingeschlagenen Weges fehlt. Gleichzeitig heißt es, ein höherer Calculaturbeamter des Polizeipräsidiums, der zu der Kasse des Entwichenen in naher Beziehung stand, habe ebenfalls das Weite gesucht. — Bestätigen sich diese Andeutungen, so würbe nicht der Staat, sondern die Commune Berlin den aus dem Defekt erwachsenden Schaden zu tragen haben.
In den letzten Tagen ist zwischen der preußischen und der französischen Re- gierung ein die erbeuteten 500,000 Gewehre betreffendes Rückoerkaufs - Geschäft perfect geworden. Wie man hier wissen will, hat deutscherseits die Zurück- oirigirung einer großen Parthie Chassepotgewehre nach den Grenzplätzen bereits begonnen.
Zu den ersten Arbeiten, die an den in nächster Zeit zusammentretenden BundeSrath herantreten, gehören auch die Angelegenheiten von Elsaß-Lothringen. Die erste Aufgabe in dieser Richtung wird die Berathung eines Gesetzes fein, durch welches der Diensteid der Staatsbeamten in den neuen Reichslanden geregelt werden soll.
f Berlin, 1. September. Die hiesigen Blätter beschäftigten sich in letzter Zeit viel mit einer Dame, welche durch den auffälligen Schmuck des Eisernen Kreuzes in den Straßen Berlins allgemeines Aufsehen erregte. Jetzt hat sich herausgestellt, daß die Vielbewunderte eine Schwindlerin ist, welche bereits Auf- nähme in den gastlichen Räumen der hiesigen Stadtvoigtei gefunden hat. Das Thun und Treiben dieser Dame entbehrt nicht ganz der Romantik. Marie Fiedler, Tochter eines Kasernenbeamten in Potsdam, litt es im vorigen Jahre nach dem Ausmarsche der Garnison ins Feld nicht länger mehr in der neu verödeten Residenz — sie verschaffte sich Montur und Ausrüstung eines Gardejägers und folgte der Armee auf den Kriegsschauplatz. Wie im Kriege nur der Träger einer Uniform etwas gilt, so gilt die Uniform auch Alles; kein Wunder daher, daß Marie Fiedler den Kriegsschauplatz nach allen Richtungen hin durchstreifte, ohne Aufsehen zu erregen oder angehalten zu werden. Einmal wurde sie sogar dem Postwagen als Bedeckung mitgegeben und erlitt bei einem Ueberfall dieses Wagens durch Franktireurs eine unbedeutende Verwundung. — Im Januar d. I. war Marie Fiedler in St. Germain vor Paris, wo sie der preußischen Feldpolizei bei einer großen Haussuchung nach Waffen in die Hände fiel, weil sie sich nicht wegen ihrer Abwesenheit von ihrem Regiment, das damals bei St. Denis stand, aus- weisen konnte und die Feldpolizei fand bald heraus, daß dieser Gardejäger eigentlich ein Mädchen sei. Nun nahm die Abenteuerin den Namen einer der angesehensten Adelsfamilien in Potsdam an, nannte sich Marie v. W., gab vor, ihren verwundeten Bräutigam, einen Hauptmann von den Gardejägern, in den Laza- rethen zu suchen und die Uniform nur zu dem Zweck ungehinderten Fortkommen- angelegt zu haben, kurz, sie wußte die Beamten so zu täuschen, daß sie mit ins Hauptquartier genommen und dort bei zwei Krankenpflegerinnen einquartiert wurde. Leider verschwand mit ihrem Scheiden von dort das gesammte Silberzeug aus dem Quartier; das distinguirte Auftreten der Fremden und der angenommene klangvolle Name verhinderten jedoch ein weiteres Einschreiten, die einzige Folge dieser „bedauerlichen Verirrung" war die Weisung an die Bahnpolizeibehörde zu Lagny, Marie v. W. „unter Aussicht" abreifen zu lassen. Jetzt plötzlich tritt dieselbe Person als ganz gemeine Schwindlerin auf.
Berlin, 4. September. Die „Kreuzzeitung" und die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" bestätigen, daß Graf Bismarck-Bohlen von der Stellung als Generalgouverneur von Elsaß - Lothringen entbunden worden ist und den Rang eines commandirenden Generals erhalten hat. — Die „Kreuzzeitung dementirt die Mittheilung über einen zwischen Preußen und Frankreich abgeschlossenen Vertrag/ den Rückkauf von 500,000 erbeuteten Chassepotgewehren betreffend.
Pilsen, 31. Aug. Bei einem in der Sachsenvorstadt ausgebrochenen Brande wurde die deutsche Feuerwehr Anfangs auf der Brandstätte, später auf dem Rückwege von einem etwa 1000 Köpfe zählenden tschechischen Pöbelhaufen insultirt. Die Militärmacht mußte einschreiten. (T. N.)
Versailles, 1. September. National - Versammlung. Grevi verlas heute folgende Botschaft des Herrn Thiers an die Versammlung:
Herr Präsident, meine erste Botschaft kann und darf keinen anderen Gegenstand haben als die an Sie gerichtete Bitte, bei der Versammlung der Dolmetscher meines Dankes zu fein dafür, daß sie mir durch Uebertragung des höchsten Staatsamtes den Beweis ihres hohen Vertrauens gegeben hat. Genügt, um dieses Ver» trauen zu verdienen, eine schrankenlose Hingebung an das Interesse des Landes, so darf ich wohl sagen, daß ich desselben würdig bin. Ich danke allen Parteieir in der Versammlung dafür, daß sie sich in dem gemeinsamen Gedanken und Willeir geeinigt haben, der Regierung eine größere Kraft zu verleihen und ihr die Mittel varzubieten, damit sie ihrer Aufgabe genügen, die Wunden des Landes heilen und es wieder in guten Stand fetzen könne, wohl geordnet und gefriedigt im Inner« und nach außen, befreit von der fremden Besatzung, geehrt, geachtet und womöglich geliebt. Das wird der Gegenstand unserer steten Bemühungen, das Ziel aller unserer Anstrengungen sein. Wenn wir mit Ihrer Beihülfe dahin gelangen, eS zu erreichen, werben wir uns mit Vertrauen vor den Nichterspruch des Landes stellen und ihm das uns von ihm anvertraute Gut zurückgeben können.
Indem ich diese Botschaft beende, bitte ich Sie, Herr Präsident, meine Danksagung entgegenzunehmen für die Mitwirkung, welche ich bet Ihnen gefunden, und zugleich die Versicherung meiner Hochachtung. Unterzeichnet: Der Präsident der französischen Republik, A. Thiers.
Schölcher beantragt die Dringlichkeit für den Antrag auf die Aufhebung des Belagerungszustandes von Paris und der Departements der Seine und Oise. Der Minister Lambrecht antwortet, die Regierung würde denselben bereits aufgehoben haben, wenn sie es für thunlich hielte. Die Versammlung verwirft die Dringlichkeit mit großer Majorität.
Versailles, 1. September. Unter den hier eingetroffenen Telegrammen, die den Präsidenten Thiers beglückwünschen, sind namentlich hervorzuheben die de- russischen Kaisers und seines Reichskanzlers Fürsten Gortschakow, der Königin Victoria, des Königs Victor Emanuel, des Fürsten Bismarck und des Grafen
t Berlin, 1. September. Ein außerordentliches, höchst peinliches Aufsehen macht das feit gestern Abend in der Stadt umgehende Gerücht von der Flucht eines höheren Polizeibeamten, des Leiters eines gemeinnützigen Instituts, dessen Ruf sich weit über Berlin hinaus verbreitete und in den verschiedensten größeren Städten Europa's Nachahmung sand, lieber den Grund der angeblichen Flucht liegen mir eine Menge Details vor, doch muß ich mich der Wiedergabe derselben aus leicht begreiflichen Gründen für heute noch enthalten; für heute nachstehende Andeutungen: Am vorigen Donnerstag beurlaubte sich der gedachte Beamte auf einige Tage, um angeblich einen Schwiegersohn in einer benachbarten Provinzial-
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_ , M .............. ___________ Paris, 3. September. Das „Journal officiel" schreibt: In Folge der
stadt zu besuchen; inzwischen wurde jedoch die genaue Revision der von ihm ver- Veränderung, welche das Gesetz vom 31. August in der Organisation der Exc-
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