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d Gichmer Anjtiger. —
Anzeige- und Amtsblatt für den Areis Kieszen.
Rr. 2OG Mitwoch den 6. September 1®71«
Beftellrrngen auf dem Gießener Anzeiger bei allen Post-Expeditionen un^ den Land-Postboten entgegen genommen. Abonnenten, welche den Anzeiger bei der Expedition abbolen lassen, erhalten denselben für den Monat September zu 20 fr.
” Amtlicher T h e i l.
Nr. 36 des Reichs-Gesetzblattes des Deutschen Reiches, ausgegeben zu Berlin am 27. August 1871, enthält:
(Nr. 690.) Gesetz, betreffend die Einführung des Art. 33 der Reichsvcrfassung in Elsaß-Lothringen. Vom 17. Juli 1871.
(Nr. 691.) Verordnung, betreffend die Einführung des Art. 33 der Reichsoerfasfung in Elsatz-Lothrmgen. Vom 19. August 1871.
(Nr. 692.) Bekanntmachung, betreffend die bei Maaßen und Meßwerkzeugen für Brennmaterialien ic. und bei Höckerwaagen im öffentlichen Verkehr noch zu duldenden Abweichungen von der absoluten Richtigkeit. Vom 16. August 1871.
Gießen, den 2. September 1871. Großherzogltches Kreisamt Gietzen.
In Verhinderung des Kretsraths:
K e k u l 6 , Kreisassessor.
Bekanntmachung,
die gesetzlichen Forderungen an Studirende ans dem Sommer-Semester 1871 ♦
Die in diesem Sommer entstandenen gesetzlichen Forderungen an Studirende müssen bis zum 29. d. Mts. mittelst spicificirter Rechnungen zur Anzeige gebracht und längstens bis zum 11. November d. I. geltend gemacht werden, widrigenfalls dieselben den ihnen durch Art. 136 der Statuten zugewiesenen Vorzug verlieren.
Gießen, den 1. September 1871. Großherzogliches Universitäts-Gericht.
Haberkorn. (3722)
Politischer
X h e i l.
5. September.
•f- In mehreren Zeitungen, u. a. auch in der „Augsb. Allgem. Ztg.", ist behauptet worden, Fürst Bismarck habe in Gostein ein gemeinschaftliches Vorgehen der Machte gegen die „Internationale" kräftigst befürwortet, überhaupt zeige sich der deutsche Reichskanzler durch den Stand der socialen Frage in hohem Grade beunruhigt, weil die von den verschiedenen Oberpräsidien des preußischen Staates eingeforderten Berichte ein bedenkliches Hinneigen der Arbeiterbevölkerung zu den Grundsätzen der „Internationale" constatiren u. s. w. Wie wir hören, sind diese Behauptungen vollständig aus der Luft gegriffen. Einmal theilt der Reichskanzler durchaus nicht die Meinung Derer, welche den Einfluß der „Internationale" aus die sociale Bewegung in Deutschland irgendwie für gefährlich halten, und ander- seit« hat Fürst Bismarck eine entschiedene Abneigung gegen derartige internationale Bündnisse. Schon sein Selbstbewußtsein würde sich dagegen sträuben, die Hilfe fremder Mächte gegen einen Feind in Anspruch zu nehmen, dem er sich allein gewachsen fühlt.
So wenig wir auch die Ansichten derjenigen Politiker theilen, welche schon in den nächsten zwei oder drei Jahren einen Rachekrieg Frankreichs für indicirt halten, so können wir doch denjenigen nicht beistiwmen, welche, wie die „Straßburger Zeitung", glauben machen wollen, daß die neue Heeresorganisation mtnde- stens zehn Jahre brauche, um ihre Wirksamkeit zu entfalten. Die sämmtlichen CadreS der französischen Armee werden schon im nächsten Frühjahr hergestellt, in drn nächsten vier Jahren aber werden diese Cadres vollständig ausgefüllt fein und was die Mobilgarde anlangt, so könnte doch auf die Ausbildung derselben eine so große Sorgfalt in den nächsten Jahren verwendet werden, daß diese Truppe den Vormarsch der gesummten Feldarmee nach der Grenze ermöglicht. Im Uebri- gen aber wird aus dem unfertigen Zustande der französischen Armee, sowie aus der Uebereinstimmung der Eabinete von Wien, Berlin und Florenz die Zweck Mäßigkeit einer Herabsetzung der FriedenSpräsenzstärke unserer Armee hergeleitct werden können, wovon hoffentlich unsere Volksvertreter im nächsten Reichstage Act nehmen werden.
t Deutschland, Oesterreich und Italien haben das gleiche Interesse daran, daß der Friede in Europa aufrecht erhalten bleibt, daß Frankreich weder gegen Deutschland noch gegen Italien einen Rachekrieg beginnt, und daß Rußland für immer auf die Wiederaufnahme seiner Orientalpolitik verzichtet. Es liegt daher nahe, daß die Herrscher und leitenden Staatsmänner Deutschlands und Oesterreichs bei ihren kürzlichen Begegnungen diesem Frtedensbedürfniffe Ausdruck gegeben haben, und es ist ganz natürlich, daß eine solche Uebereinstimmung der Ansichten für die Befestigung des europäischen Friedens ein gewisses Unterpfand bietet; stärker aber würde diese Bürgschast noch sein, wenn auf der Grundlage der gemeinsamen Interessen der genannten drei Staaten eine förmliche Allianz zu Stande käme, deren Spitze selbstverständlich gegen Frankreich und Rußland sich richtete. In Bezug auf den eigentlichen Allianzkitt könnte man doch nicht wohl in Verlegen- hcit gerathen. Die Interessen Oesterreichs liegen an der unteren Donau; dort hat die östeereichisch-ungarische Monarchie feste Positionen zu erringen, welche ein Vordringen Rußlands nach der Balkanhalbinsel ganz unmöglich machen. Deutsch- land dagegen hat feine Aufgabe in der Erwerbung der gesammten Rheinlande und iv der Germamsirung de» Oder- und Weichselgebicts zu suchen. Italien endlich hat ein hohes Interesse daran, seine Ve.theidigungSlinie gegen Frankreich völlig gesichert zu sehen durch die Wiedererlangung von Nizza und Savoyen. Die ge
nannten drei Reiche könnten also sehr wohl eine Offensiv- und Defensivallianz mit einander abschließen, und die europäischen Nationen hätten sich wahrlich nicht darüber zu beklagen, daß die beiden Staaten, welche, wenn auch mit ganz vcr- chiedenem Erfolge, auf die Niederhaltung und Unterdrückung der Nachbarstaaten )on jeher ausgingen, für alle Zeiten völlig lahmgelegt werden.
f Einzelne Differenzen zwischen der bayerischen und preußischen Regierung sind noch zu begleichen. Dieselben beziehen sich nicht nur aus die Einquartirungs- entschädigung für gemeine Soldaten, sondern auch auf die für Offiziere. Wie es heißt, hätte die preußische Regierung sich bereit erklärt, für gemeine Soldaten einen Theil der geforderten Sätze zu entschädigen, dagegen in Betreff der höheren Offiziere die Ansicht geltend gemacht, daß diese verpflichtet gewesen wären, sich selbst zu verpflegen und daß also zwar eine Entschädigung für Quartiere, nicht aber für Verpflegung geleistet werden könne, lieber diesen Gegenstand sind neuerdings zwischen beiden Staaten Verhandlungen gepflogen worden, deren Resultat jedoch noch unbekannt ist.
Die Erzbischöfe'von München und Bamberg und der Bischof von Augsburg sind vermöge ihrer Stellung Mitglieder der Kammer der Reichsräthe, und Herr Stiftsprobst Dr. v. Döllinger ist es feit einigen Jahren in Folge königlicher Ernennung. In clerikalen Kreisen ist man nun der Ansicht, daß es nicht zulässig sein würde, daß die Bischöfe gleichzeitig mit dem excommunicirten Priester in der Kammer erscheinen, und daß demnach, wenn Herr v. Döllinger, was kaum zweifelhaft fein wird, in der Kammer erschiene, die Bischöfe sich von derselben fernhalten müßten.
Zwischen Vertretern Preußens, Bayerns und Oesterreichs finden gegenwärtig in Mainz Verhandlungen statt bezüglich der Sicherung resp. Beibehaltung der gegenwärtigen Beförderung der englisch-ostindischen Post auf dem Wege durch Italien, über den Brenner und nach Deutschland. Da England dahin zu wirken sucht, die englisch-ostindische Post auf dem Wege über dm Mont Cenis nach Brindisi zu leiten, so würde Oesterreich und die deutschen Staaten einen empfindlichen Ausfall an Tarifgebühren erleiden.
Die periodisch wiederkehrenden Versammlungen deutscher Strafanstaltsdirectoren, deren Berathungen die Verbesserung des GefängnißwesenS betreffen, werden diesmal in München stattfinden. Wenn einige Zeitungen hieraus eine „Polizeiconferenz" gemacht haben, so beruht dies eben auf einem Jrrthum.
Im Rcichs-Generalpostamte werden Vorbereitungen getroffen, um für solche Fahrpostsendungen im internationalen Verkehr, deren Beförderung die französische Postverwaltung nicht übernimmt, eine Linie durch die Schweiz, entweder über Vervieres-Pontarlier oder über Genf zu eröffnen.
Bon den bisherigen Richtern Elaß-Lothringens haben sich nur acht zum Eintritt in die deutsche Verwaltung bereit gesunden. DaS übrige Personal wird bestehen aus 41 preußischen, 28 bayerischen, 9 hessischen, 5 badischen, 1 königl. sächsischen, 1 sachsen-Coburg-gothaischen, so wie 1 altenburger Richter. Da au- allen Ländern die bedeutendsten und tüchtigsten Juristen auögewahlt sind, so wird Die Besetzung dieses Gerichtshofes eine in jeder Beziehung ausgezeichnete fein.
Nachrichten von competenter Stelle erklären die jüngst durch die Journale gegangene Mittheilung, daß der Fürstentitel des Reichskanzler- nicht erblich verliehen worden fei, für jeder Begründung entbehrend.
In der weiblichen Bevölkerung von Paris circulirt und findet vielen An-


