Ausgabe 
5.8.1871
 
Einzelbild herunterladen

truppen nach Rumänien zu senden, falls der Fürst die von den Kammern votirten Beschlüsse über die Strousberg'sche Eisenbahnsrage promulgire. Ein solches Vor­gehen des Fürsten Bismarck würde die erste und unmittelbarste Antwort auf die Nachricht des Telegraphen sein, daß der Gesetzentwurf, betreffend die Angelegen­heit der Eisenbahnobligationen, bereits die sürstliche Sanktion erlangt habe, und es steht zu erwarten, daß sich die Wirkungen dieses Machtwortes sehr bald fühlbar machen werden, um noch zu rechter Zeit die Machinationen der wallachischen Raub­politik zu Hintertreiben. Wenn es im Interesse der speculativen Kleinbürger auch zu wünschen ist, daß dieselben noch einmal ungefährdet davon kommen, so ist doch nicht zu verkennen, daß der gute Klang des deutschen Reiches, der jetzt in Con- stantinopel geltend gemacht werden soll, eine Sphäre berührt, die eigentlich außer­halb'der diplomatischen Intervention liegt. Dieser ganze unsaubere Strousberg'sche Handel wird zum Mindesten die heilsame Lehre zurücklassen, daß zinslüsterne Spekulanten sich des Rlsico's wohl bewußt werden, welches sie mit dem Ankauf schwindelhafter Obligationen übernehmen, und daß ein Papier, welches 15 Procent Zinsen bringen soll, unmöglich auf guter und sicherer Basis ruhen kann. Die zweite Lehre, welche sich aus dieser Affaire ziehen läßt, geht dahin, daß eS gefähr- lich ist, eine rumänische Staatsgarantie für voll anzunehmen, wenn man die suzeräne Macht der Donaufürstenthümer vornehm bei Seite läßt,und 'cs liegt eine gewisse Anomalie darin, daß eben diese suzeräne Macht, jetzt, wo der Karren sestgefahren ist, den deus ex machina abgeben soll, welche den rumänischen Finanzkünstlern den Kopf zu waschen hat.

Offenbach, 2. August. Hier traten in der letzten Zeit, in Folge des Un- sehlbarkeitsstreiteS, 25 Mitglieder der römisch-katholischen Kirche, in sechs Familien bestehend, zu der deutsch-katholischen (resp. freireligiösen) Gemeinde über.

Köln, 3. August. Einem hiesigen Privatgeistlichen, Herrn Federmann, der sich dieser Tage öffentlich gegen das Dogma der Unfehlbarkeit erklärt hat, wurde gestern Morgen von dem Pfarrer von St. Pantaleon das Lesen der Messe und die Verrichtung aller sonstigen priesterlichen Functionen in der genannten Kirche untersagt.

f Berlin, 2. August. Der Kaiser ist am 1. August von EmS nach Coblenz gereist; für den 2. und 3. d. wird in letzterer Stadt Aufenthalt genommen und am 4. d. die Reise nach Wiesbaden fortgesetzt. In Wiesbaden wird der Kaiser am 5. und 6. d. weilen. Am 7. begiebt sich derselbe nach Mainz, von wo nach einer abgehaltenen Truppenschau die Reise über Frankfurt a. M. nach Homburg v. d. H. weitergeht. Am 8. und 9. wird der Kaiser in Homburg Aufenthalt nehmen. Am 10. Fortsetzung der Reise über Würzburg nach Regensburg, wo­selbst der Kaiser übernachten wird. Am 11. Reise nach Gmündea und Ueber- nachtung daselbst. Am 12. trifft Kaiser Wilhelm in Ischl ein und begiebt sich am 13. von Salzburg per Extrapost nach Gastein, wo er zum Curgebrauch drei Wochen Aufenthalt nehmen und mit dem Kaiser von Oesterreich Zusammen­treffen wirb.

Bei Verleihung des Eisernen Kreuzes sind die Militärärzte in Preußen, trotzdem sie nach dem Kriege von 1866 als ein eignesSanitätscorps" im Range erhöht und den Offizieren gleichgestellt wurden, doch nicht alsKämpfende" an­gesehen, vielmehr wie Beamte behandelt worden. Dagegen sind im Statut der .Katser-Wilhelm-Stiftung" alle diejenigen Beamten, Aerzte und andere Personen, welche bei Ausübung ihres Berufs im Felde erwerbsunfähig geworden sind,ben Kriegern gleich geachtet".

Berlin, 3. Aug. Wie dieKreuzzeitung" hört, würde eine Begrüßung des Kaisers Wilhelm mit dem Kaiser von Oesterreich weder in Salzburg noch in Gastein, wohl aber möglicherweise in Ischl stattfinden. UnterrichteterseitS ver­lautet, daß Fürst Bismarck sich demnächst in ein Seebad begeben werde.

Königsberg, 31. Juli. Am Freitag ist, derOstpr. Ztg." zufolge, der hiesigen Polizeibehörde der erste Cholerafall gemeldet worden. Der Erkrankte ist ein polnischer Jude. Bis gestern Mittag war die Zahl der angemeldeten Fälle auf drei gestiegen. Zwei der Erkrankten sind bereits gestorben.

München, 29. Juli. Es treten, wie man derN.-Z." schreibt, jetzt neue katholische Theologen als offene Kampfesgenossen Döllinger'S auf den Plan. So macht soeben ein Auszug Aussehen, welchen ein Geistlicher au- einer Schrift des Theologen Dr. Zirngibl, Privatdocenten an hiesiger Universität, im hiesigenSüdd. Telegr." veröffentlicht. Wer hätte noch vor Jahresfrist es für möglich gehalten, daß katholische Theologen Sätze mit aller Nacktheit Hinflellen, wie die aus jenem Auszuge ausgehobenen? Nachdem nämlich die heute in der katholischen Kirche sich gegenüberstehenven zwei Parteien skizzirt sind, wird die Frage aufgeworfen:Wo ist das Recht?" und hierauf wird wörtlich fortgefahren:Die Hierarchie nennt sich nie bei ihrem eigenen Namen, sie stellt sich immer zusammen und gleich mit der Religion. Ist das aber richtig? was ist denn Religion und worin besteht sie? Die Antwort müßte sehr lange ausfallen, aber es giebt auch eine sehr kurze: In der Nachahmung des Lebens des göttlichen Heilandes". Die Religion ist eine Seelenerfahrung des Menschen, kein Formendienst, sie ist innere Lebensthätig- keit, kein äußeres Ceremoniell u. f. w. Ferner alle Welt weiß, welche Skandale auf dem letzten sogenannten Concile vorkamen. Papst Pius IX. wollte um jeden Preis unfehlbar werden; die Bischöfe und zwar gerade die gelehrtesten und wich- tigsten, mitunter die frömmsten, widerstanden. Am letzten Tag noch vor der Ver­kündigung dieses fatalen Dogmas, es ist jetzt eben ein Jahr gewesen, gingen die beiden Erzbischöfe von Mainz und München zum Papste, und Ersterer bat ihn auf den Knieen, abzustehen von seinem Vorhaben. Umsonst, die Bischöfe reisten theilweise ab, um nicht Zeuge sein zu müssen, daß man einen Menschen vergöttere; der Erzbischof von München kannte, nachdem er in München angekommen, noch gar nicht einmal den ganzen Inhalt des neuen Glaubensartikels und mußte ihn sich von Dr. v. Döllinger erklären lassen. Die Geschichte des ganzen zweiten Jahrtausends ist nichts Anderes als ein fortwährender Kampf der Hierarchie gegen die weltliche Gewalt, aber nicht, um die Menschen zu bessern, zu sittlichen, zu veredeln, nein, das hat die Hierarchie nie angestrebt, es war ein Kampf um Besitz, UBlfl nru 'Vtrrfdjaft, um jene Schätze und Reichthümer der Welt, die der Satan

ÖUf Ctm ber Versuchung angeboten hatte, und dem Zwecke toahrtd und Verfolgung, Krieg und Jammer, Un-

Wahrheit, Gewalt und Trug."

rn München, 1. August. Nach einer Mittheilung derAugsburger Postzeituna" tst Stlftsprobst Dollinger, welcher Anfangs die Candidatur für die Rectorswinde der Universität abgelehnt hatte, durch Prof. v. Pettenkofer, der sich deshalb eigens

nach Bernried am Starnberger See, dem gegenwärtigen Aufenthaltsorte Döl- linger's, begeben hatte, zur Annahme derselben bestimmt worden.

Dresden, 30. Juli. Wegen der nunmehr fcstgestellten Anklage aus Vor- bereitung zum Hochverrath, welche die Herren Bebel, Liebknecht und Hepner zur Aburtheilung vor das Geschworenengericht führen wird, glaubt man in hiesigen socialdemokratischen Kreisen die Abhaltung des ParteicongreffeS abermals ver- schieben zu müssen. In den großen durch das Unglück vom 2. August 1869 bekannter gewordenen Burgk'fchen Steinkohlenbergwerken im Plauen'fchen Grunde drohte kürzlich eine Arbeitseinstellung aller Bergleute wegen einer mit einer Arbeits- erleichterung eingetretenen Lohnverrtngerung. Bacon v. Burgk, dem man seit jenem erschrecklichen Unglücke eine wirkliche Sorge für seine Arbeiter uachrühmt, f ließ es jedoch nicht zur Arbeitseinstellung kommen; er gewährte vielmehr trotz der Erleichterung die frühere Lohnberechnung.

Brünn, 30. Juli. Unter seltener Gunst des Himmels erfolgte heute Vor­mittags 10 Uhr der Einzug der vereinten Turn-, Gesangs-, Feuerwehr- und deutsch- politischen Vereine, über 10,000 Mann. Die elf aus's Herrlichste geschmückten Straßen, welche die Festgästc mit den Deutschen Brünns durchschritten, waren von einer Menschenmenge umsäumt, die mit einer in dieser Stadt nie vernomme­nen enthusiastischen Begeisterung ihren Sympathien und ihrer Thcilnahme am großen Tage Ausdruck gab. Aus allen dichtbesetzten Fenstern warf man Blumensträuße, Kränze, Bonbons, Tannen- und Eichenfestons. Alle Vereine, welche die Wacht des Deutfchthumö in Oesterreich bilden, wurden mit fanatischen Jubelgrüßen be- willkommt, so die Mährisch-Neustädter, Olmutzer, Pilsener, Proßnttzer, welche mit vielen Ehrendamen gekommen waren, Reichenberger, Troppauer, Znaimer, Klagen­furter, Stcrnberger, Zwittauer. Neutltscheiner, Hrabischer. Ganz besondere Hul­digungen erfuhren die Tyroler, Prager, Knmsierer, Südsteierer, Laibacher und der Brünner Arbeiterverein. Der Einmüthigkeit zwischen den deutschen Landbewohnern und Städtern wurde durch die Begrüßung der 800 Bauern, die aus allen mäh­rischen und schlesischen Gemeinden hcrbeigekommen, Ausdruck gegeben. ($r.)

Brünn, 31. Juli. In der Festsorstellung im Theater kamWilhelm Tell" unter der Leitung des Direktors Frankl zur Aufführung. Die Rütli - Scene gab zu wiederholten Demonstrationen Anlaß. Um 10 Uhr Abends begann in der Turnhalle die Festkneipe, an welcher gegen 5000 Personen in festlich gehobener Stimmung theilnahmen. Der Bürgermeister d'Elvert eröffnete die Trinksprüche mit einem Toast auf den Kaiser. Dr. Sturm sagte in der Festrede:Die Deut­schen Oesterreichs haben bisher mit nationaler Selbstaufopferung Alles zu Gunsten des Reiches gethan. Heute werden sie von einer verblendeten Negierung gedrängt, den nationalen Standpunkt entschieden zu betreten. Die Ziele der gegenwärtigen Regierung sind bedenklich; sie führen zum Föderalismus oder Absolutismus. Wenn aber Millionen Deutsche sich vom Föderalismus abwenden und demselben nicht einmal passive Assistenz zu leisten entschlossen sind, wenn sie sich zurückziehen vom parlamentarischen Kampf und warten auf Das, was da kommen muß, wer.wird dann einen zweiten Prager Frieden, wer wird dann Ausgleich mit den Deutschen machen?" Redner schließt mit einem Toast auf Oesterreich. (Minutenlanger Bei« fall.) Rech aus Prag toastet auf Brünn, van der Straß auf die österreichische Reichsverfassung, Kappeller aus Bozen auf die deutsche Turnerschaft, Göllerich aus Wels auf Deutschland. Redner sagte:Wir wollen Oesterreich auf deutscher Grundlage erhalten. Den uns jetzt hingeworfenen Fehdehandschuh nehmen wir auf und werden den Kampf frisch, froh, frei und fromm siegreich zu Ende führen. Niemals werden wir uns vor dem neu errichteten römischen Götzenbilde beugen. In dem Kampfe, in den wir ziehen, schöpfen wir neue Kraft aus dem Bewußt­sein der Zusammengehörigkeit mit dem großen Vaterlande. Diesem .ein dreifaches Hoch!" Dieser Trinkspruch wurde mit unbcschreiblichem Jubel ausgenommen. Der Redner wurde von den Turnern auf den Schultern im Saale herumgetragen. (N. fr- Pr.)

Wien, 31. Juli. Die hiesige St. Michaelsbruderschast veröffentlicht einen Protest des Inhaltes:Die Erzbruderschaft vom heil. Erzengel, berufen (vonI wem?), die unverletzlichen Rechte des heil, apostolischen Stuhles zu vertheidlgen, erblickt in der am 2. Juli l. I. eingeleiteten Uebertragung der italienischen Re­gierung nach Rom eine erneuerte gröbliche Verletzung der Rechte des heil. Stuhles, eine völlige Mißachtung der weltlichen Macht unseres Papstes Pius IX. und eine Gefahr nicht nur für die Interessen der katholischen Welt, sondern aller Throne. Die Erzbruderschaft erkennt mit 200 Millionen Katholiken (da tst wohl die ganz« Welt incl. den noch unentdeckten Welttheilen eingerechnet) im 2. Juli 1871 nur eine Vollendung des räuberischen Attentats vom 20. September 1870. Sie er-; klärt daher feierlich, daß sie den neuen Stand ver Dinge, der durch den 2. Juli» aus den Trümmern des Rechts geschaffen werden soll, nie anerkennen könne; sie protestin öffentlich dagegen, daß in Folge dieser Usurpationen Rom als die Haupt­stadt Italiens angesehen werde; daß Rom die Restvenz eines anderen Souveräns als des jeweiligen Papstes sei; daß eine andere Regierung als die des Papste» in Rom ihren Sitz aufzuschlagen berechtigt sei." Unterz. Baron Stillfried; Joseph, Landgraf von Fürstenberg. Die Frage ist wohl nicht müssig, was derheil. Vater" vorzieht: diesen Protest oder die 20,100 st. in Banknoten, 604 st. in Silber, 4720 Francs und 24 Ducaten in Gold, die seit dem 1. Januar 1871 bet der BruderschaftSkaffe als PeterSpfennige einliefen? (F. I.)

Brüssel, 3. Aug. Aus Paris schreibt man derJndcpendance": Thiers' Uneinigkeit mit der Majorität der Nationalversammlung verursacht große Beun­ruhigung; Thiers droht, sich zurückzuziehen. Es geht das Gerücht, Gambetta, Faidherbe und Chanzy würden eventuell suchen, sich ver Regierung zu bemächtigen- Die Börsenwelt ist sehr agitirt.

Bern, 2. Aug. Die Schweiz erhebt in Berlin Protest gegen vie an der> Juragrenze vorkommendcn Grenzüberschreitungen bewaffneter deutscher Soldaten.

Paris, 3. Aug. Aus Versailles hier eingegangene Nachrichten bestätigen, daß zwischen der Regierung und ver Nationalversammlung ein Einvernehmen über das Departementalgesetz zu Stande gekommen ist. Die Journale melden, daß der Finanzminister weitere 500 Millionen an die deutsche Negierung gezahlt hat und eine vritthalb Milliarde bis zum 25. August abführen zu können hofft. Man glaubt, daß die Räumung der an die Seine grenzenden Departements Ende August erfolgen wird. Einem Bericht des Marschalls Mac Mahon zufolge hat Vie Armee während der zweiten Belagerung von Paris folgende Verluste erlitten: 83 Offiziere und 794 Mann todt, 430 Offiziere und 6024 Mann verwundet, 163 Mann vermißt.

Paris, 3. August. Gestern wurde die zweite halbe Milliarde an Deutsch- lands Bevollmächtigte vollends ausbezahlt.

Nom, 2. Aug. Das JournalConcordia" versichert auf das bestimmteste/