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Preis rierteljährtg 1 fl. 12 h. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährig 1 fl. 27 kr.

Gießener Anzeiger.

Erscheint täglich, mtt Aus nähme Montags.

Expedition: Canzleiberg Ltt. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Areis Kielen.

Nr. 177. Donnerstag den 3. Angust 1871.

Bestellungen auf den Gießener Anzeiger L LHLL

Abonnenten, welche den Anzeiger bei der Erpedition abholen lassen, erhalten denselben für die Monate August und September zu 40 kr.

Amtlicher Theil.

Gießen, am 1. August 1871.

Betreffend: Das Landgestüt, insbesondere die Bedeckung der Stuten durch die Landgestütsbeschäler.

Das Groh her)» gliche Kreis« ml Gießen

an die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises mit Ausnahme von Burkhardsfelden.

Wir erinnern Sie an Einsendung der Berzeichnisse in obigem Betreff binnen 8 Tagen.

v. Starck.

Politischer

T h e t l.

2. August.

Für die in Frankreich zurückbleibenden Truppen tritt vom 1. August ab wieder eine wesentliche VerpflegungSaufbefferung ein. Die Offiziere erhalten, vom Lieutenant aufwärts bis zum commandirenden General, nach Maßgabe ihrer Corn- petenzen, eine Zulage von täglich 2 bis 40 Frcs. und für die Mannschaften ist eine Aufbesserung von ii/2 Sgr. pro Tag und Kopf bewilligt worden, die ihrer Bestimmung nach zum Ankauf von Weinportionen verwendet werden soll. Der Soldat erhält nun außer seinen Portionen an Fleisch, Brod und Victualien pro Tag 6 Sgr., wozu vom 1. August ab noch die neubewilligten 11/2 Sgr. hin- zutreten.

Wie es heißt, hat der Bundesrath in Folge des einmüthigen Protestes des, deutschen Handelsstandes das von der württembergischen Regierung angeregte Pro- ject der Einführung des Tabaksmonopols fallen lassen.

DasJournal des DebatS" stellt folgende Betrachtungen an:Die Staats­männer, die uns noch vor einem Jahre regierten, und leichten Herzens den Krieg eingegangen sind, tragen nicht allein die Schuld unserer Unfälle. Um wahr zu sein, muß man gestehen, daß sie eine Stütze in einem großen Theile der Bevölke­rung, jedes Standes, gefunden, die wie sie selbst, durch eine absolute Sicherheit und ein blindes Vertrauen auf unsere eigenen Kräfte, getäuscht war. Gestehen wir es aufrichtig, nicht in den officiellen Regionen und den Blättern der Regie- rung allein sprach man davon, direct nach Berlin zu gehen; und ein großer Theil unserer Mitbürger, welche die Nachricht vom Einzuge unserer Truppen in Preußens Hauptstadt zu erfahren erwarteten, hotte keinen sehr deutlichen Begriff von der Entfernung, welche zwischen dieser Stadt und unseren Grenzen lag. Man bat uns oft von den jungen Gesandtschaftssecretären erzählt, welche das Kaiserreich tn die überrhetnischen Höfe sandte und welche, in den Salons und Ctrkeln brillirend, Eomplimente der Damen in französischer Sprache entgegen nahmen, aber unfähig waren, das zu verstehen, was um sie herum in deutscher Sprache auögedrückt wurde; oder von jenen Offizieren des Generalstabs, betraut mit Missionen auf ' unserer Grenze oder in den Rheinfestungen und welche ernstlich nur die verschie­denen Biersorten und den Johannisberger studirten; man muß auch nicht vergessen, wie der größte Theil unserer Reisenden in Deutschland nur die Brücke von Kehl überschritten, um in Baden zu spielen und zu tanzen. Während eine Legion Deutscher zu uns reiste, sich bei uns unterrichtete, unser Gebiet maß, unsere Reich- thümer abschätzte, schimpften einige seltene Touristen, in Eile und wie mtt Bedauern das deutsche Gebiet durcheilend, Über die deutschen Herbergen, Gebräuche und Betten. Das ist das Refumö der Eindrücke, der Sitten- und Gebräuche-Studien ter von ihnen bereisten Länder. Wir müssen uns dazu entschließen, nicht mehr zu glauben, wir wären das erste Volk der Welt und hätten von anderen Völkern »ichts zu lernen. Wenn auch unser Hochmuth und unsere Eigenliebe schmerzlich davon berührt werden würden, versuchen wir die Anstrengung zu machen und führen wir muthvoll diese Selbstüberwindung durch. Darin liegt die Reform für unser Land, die nöthigste und dringlichste, und ohne welche die schönsten administra- tiren Reformen und das beste Unterrichtsgesetz ohne Wirksamkeit wären."

Der bekannte Oberst Stoffel (kaiserlich französischer Militärgesandter am Preußischen Hofe) hat, so schreibt man derN. Pr. Ztg", seine tn Berlin ge- schriebenen interessantenMilitärischen Berichte" in einem Bande veröffentlicht und ihnen eine Einleitung in der Form eines Briefes an einen Freund voran- bk chickt, welche ebenfalls mancherlei scharfsinnige Bemerkung enthält. Da gerade sitzt die französischen Blätter sich mit der Neugestaltung des Heerwesens beschästi- gen und dabet auf die Nothwendigkett der Herstellung der Disciplin Hinweisen, 1° lassen wir hier die Auslassungen des Obersten Stoffel über diesen Eapttalpunkt folgen:Wie viel unverständiges Zeug wird nicht über die Frage der Disciplin in der Armee geschrieben! Die Disciplin ist glücklicherweise wieder hergestcllt, fQ6en die Einen mtt Genugthuung; Andere, welche weniger überzeugt davon sind, »einen, es fei von der höchsten Wichtigkeit, die Disciplin wieder herzustellen.

Fragt man diese Letzteren, welche Mittel sie Vorschlägen, so antworten sie: Man muß die Vergehen gegen die Disciplin strenger als bisher bestrafen, die Offiziere zwingen, mit einem guten Beispiel voranzugehcn, die Truppen in großen Jnstruc- tionslagern zusammenziehen rc. Arme Geister, welche nicht sahen, daß die DiS- eiplin in der Armee nur die Folge der Disciplin in der Familie und in der Gesellschaft ist! Weshalb ist die Disciplin so stark und so sicher in der preußi­schen Armee? Nur deshalb, weil die jungen Leute disciplinirt, d. h. seit ihrer Kindheit zum Gehorsam im Allgemeinen, zur Achtung gegen die Autorität, zur Treue gegen ihre Pflichten angehalten, in den Militärdienst treten. Es folgt heraus, daß die Vorgesetzten fast gar nichts zu thun haben, um die Disciplin aufrecht zu erhalten, und so erklärt es sich, daß es nur eine sehr kleine Anzahl von Bestrafungen in der preußischen Armee gibt." Die Ableitungen aus diesen Sätzen ergeben sich von selbst:Keine wirkliche Disciplin in der Armee ohne eine vollständige Reaktion in der Erziehung und dem Unterrichte der französischen Ju­gend."Wenn Sie heißt es an einer anderen Stelle wie ich in Preußen gelebt hätten, so würden Sie erkennen, wie viel Wahres der Satz (trotz seiner ctwas absoluten Form) enthält: Es ist der preußische Schullehrer, welcher die Schlacht von Königgrätz gewonnen hat.... In Preußen wird man selten Schul­lehrer sehen, die sich mit Politik beschäftigen, laut die Acte der Autoritäten tadeln und das Beispiel geben des Ungehorsams und der Rebellion." Und der Oberst erzählt bei dieser Gelegenheit Folgendes:Ich werde niemals vergessen, daß, als ich mich im September (869 in Varzin bei Herrn v. Bismarck befand, der Bundeskanzler sich eine Freude daraus machte, den Schullehrer eines kleinen benachbarten Ortes, begleitet von seinen beiden Söhnen und mir, zu besuchen. Stellen Sie sich die guten Wirkungen eines solchen Zeichens der Achtung von Seiten eines Mannes, wie Herrn von Bismarck gegen einen bescheidenen Lehrer vor.

Das Lügensystem, welches während des Krieges in Frankreich eine so große Ausbildung erlangt hatte, findet auch Anwendung in Bezug auf die Ereignisse in Algerien. DerMoniteur de l'Algerie" enthält zwei bemerkenSwerthe Bekannt­machungen vom Generalgouverneur von Algerien, Viceadmiral de Gueydon: die Erklärung der Subdiviflon Milianab in Belagerungszustand und die Einberufung der Miliz in dieser Subdivision, um den Linientruppen in der Vertheidigung dcs Landes beizustehen. Hierin ist die officielle Bestätigung gegeben, daß der Aufstand eine ernstere Gestalt annahm, was die offictöfen Berichte und namentlich von Versailles ausgegangene Telegramme bisher so standhaft wie frech geleugnet haben. DerAkhbar" hofft, es werde den Truppenmasscn unter Mitwirkung der in den algerischen Gewässern anwesenden Kriegsschiffe gelingen, den Aufstand niederzu­werfen, um aber ähnliche Fälle zu verhüten, sei eine strenge Untersuchung Über die Ursachen dieser Aufstände unerläßlich. Am 19. Juli war noch immer aller Verkehr zwischen Marengo und Scherschcl unterbrochen; von Blidah waren sämmt- liche verfügbaren Truppen nach Marengo gerufen. In Scherschell fehlte es an Lebensmitteln und die Negierung forderte den Handel auf, vom Meere aus zur Vcrproviantirung Scherfchells behülflich zu fein.

Die Pariser Eorrespondenten der Londoner Blätter benutzen die todte Saison, um Betrachtungen über die in Paris herrschende exorbitante Theuerung anzustellen; sie kommen einstimmig zu dem Resultat, London sei nunmehr billiger als die Seinestadt. Im Allgemeinen läßt sich ohne Uebcrtreibung behaupten, daß die meisten Lebensbedürfnisse im Vergleich zum Juli 1870 um 25 bis 40 Proc. im Preise gestiegen sind. Und doch sollen die famosen Steuern des Herrn Pouyer- Quertier erst noch kommen! Sonst speiste man bei Duval bequem für 2 Frcs.; jetzt ist ein bescheidenes Diner kaum unter 3 Fr. möglich. Die zahlreichen Ro­tisserien, in denen gebratenes Geflügel für den Frühstückstifch verkauft wurde, sind zum Theil eingegangcn, weil sich für die um das doppelte theurer gewordene Waare keine Käufer mehr fanden. Das Liter Spiritus wird gegenwärtig mit 3 bis 4 Fr. bezahlt; in Berlin kostet dasselbe Quantum 6 Silbergrofchen (75