Anzeige- und Amtsöfatt für den Kreis Hießen
Samstag dm 3. Juni
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Gießen, den 27 Mai 1871.
Gießen, den 2. Juni 1871.
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Preis s terreljährig 1 st. 12 kr. mit Bt-ingerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährig 1 ff. 27 • ft.
Zn den Zeitungen ist von Versuchen ter dtposseoinen Fürsten die Rede, mit ter preußischen Regierung ein Abkommen bezüglich ihres sequestrirten Vermögens zu erzielen. Wie wir vernehmen, sind bis jetzt noch keine bestimmten Anträge gestellt worden, auch wirb sich die preußische Regierung in Vieser Beziehung nicht zu überstürzen brauchen, Venn die Versöhnung mit dem Hietzinger Hofe unv dem Kurfürst'N von Hessen hat heutzutage keinerlei politische Bedeutung mehr.
Der Telegraph bestätigt unsere gestrige Behauptung, daß der Wiener Hof nicht entfernt daran denkt, dos Ministerium Hohenwart zu entlassen. Der Kaiser von Oesterreich hat in seiner Antwort aus die Adresse ocs Reichörathes die Politik des Grafen Hohenwart entschieden gebilligt. — Nun, wie man sich bettet, so schläft man.
3^ Paris ist Ruhe und Ordnung hergestellt; aber die Ruhe ist die des offenen Grabes und die Ordnung herrscht durch die Bayonnette. Die Commune ist besiegt, in Brand und Blur erstickt. Es war hohe Zeit: die Commune hat ihre Orgien oom 18. März bis 28. Mai Abends gefeiert, zwciundsievenzig Tage lang, und welche Tage und Nächte des Blutes und des Verderbens! Die letzten Trümmer des Auistanbes, die sich nach Vincennes geflüchtet hatten, ergaben sich am 29. Mai, unv die Militärbehörden schritten sofort zur vollständigen Entwaff- nung mit Haussuchungen und Verhaftungen, ohne den geringsten Widerstand zu finden. Schon am 29. konnten 12 Regimenter Infanterie, 2 Regimentes Ca- vallerie und 5 Batterien nach Versailles zurückgenommcn werden; indeß bleibt das 5., 14. und 16. Arrondissement von Paris, sowie Belleville und La Villete, von Truppen besetzt. Die gaffende Menge kam am zweiten Pfingsttage wieder aus den Häusern und füllte die Straßen, um die Stätten der Verwüstung in Augenschein zu nehmen. Am ersten Pfingsttage war seit 10 Uhr Morgens kein Schuß mehr gefallen, aber drei große Brandstätten verkohlten langsam, doch galt die Hauptstadt nicht weiter für bedroht, obwohl das Centrum und der Osten von Paris noch in Rauch gehüllt waren. Bis zum letzten Augenblicke wurde hartnäckig, blutig, ohne Gnade und Erbarmen von beiden Seiten gekämpft, und es werden Dinge erzählt, welche so haarsträubend sind, daß man zur Ehre de« Jahrhunderts hoffen möchte, sic seien von der französischen Phantasie, die das Maßlose und Grausige liebt, übertrie. en worden. Nachdem Belleville und die Buttes Chaumont in der Nacht vom^gSamstag auf den Sonntag von Ladmirault und Vinvy genommen, waren Vie Insurgenten in die äußersten Winkel der Hauptstadt zwischen den französischen Truppenm.-.ssen und den deutschen Linien eingekeilt. Ueber die letzten Scenen des Kampfes fehlt es zur Stunde^ noch an näheren Angaben; es wird nur gemeldet, daß es den Truppen nach Säuberung von Belleville gelang, noch 2- bis 300 als Geißeln in der Roguette gefangen gehaltene Unglückliche zu befreien.
Die Stimmung der Versailler sowie die der Truppen in Paris wirb als sehr erbittert gegen den Theil der Pariser Bevölkerung geschildeit, der für die
Erscheint täglich, mit ÄrrL» nähme Montags.
Spedition : Lanzleiderg Sit B. Nr. 1.
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Grotzherzoyliche Polizei-Verwaltung der Provinzialhauptstadt Gießen. Nover.
2. Juni.
t Die Commune in Paris hat nicht blos die monumentalen Gebäude auf wahrhaft btstialische Art und Weise vernichtet — ärger noch hat ffr die Entwick- lung des freiheitlichen Gedankens in Frankreich gefchäbigt. Sie hat der Reaction des Absolutismus Die Bahn geebnet, nicht blos in Frankreich, sondern auch in Deutschland. Selbst die „N. A. Z." benutzt die Aufzahlung der von den In- surgenten verübten schändlichkeiten, um daran die sophistische Schlußfolgerung zu knüpfen, der „Liberalismus" habe die Tuilerien angezündet. Sollte der ,/N. A. Z." plötzlich das Unlerscheidungsvermögen so weit abhanden gekommen sein, daß sie vernünftigen Liberalismus und hirnverbrannten SocialiSmuS in einen Topf wirft? — Auch andere Blätter, die in „Patriotismus" machen, sind ver- blendet genug, die Presse als die eigentliche Urheberin der Pariser Greuelscencn zu venunciren, und wenn in Versailles der Antrag gestellt ist, die Cautionspfl-cht der Zeitungen wieder einzuführen, so gibt es auch in Deutschland Leute genug, welche durch solche, der Freiheit Hohn sprechenden Beschränkungen der Presse den Irrlehren des Socialismus glauben Vorbeugen zu können, während sie doch hier- durch nur die Unzufriedenheit unter den Massen vermehren können. Auch die halbofficielle „Provlnzialcorrefpondenz" bringt ctntn Artikel, ter die Besorgniß rege macht, daß wir, ähnlich wie nach den Freiheitskriegen, einer Reactionsperivde entgegengehen, die Deutschland um die Früchte seiner Anstrengungen bringen soll, in der es nicht Tag, sondern wieder Nacht werden dürfte. DaS genannte Blatt bringt in seiner neuesten Nummer einen Artikel über den Reichetag, der mit folgenden Sätzen schließt: „Alle Erfolge der jüngsten Vergangenheit nach Außen und Innen wären bedroht, wenn der Geist der Eintracht, dem sie ihr Dasein verdanken, durch den Reichstag verleugnet würde, wenn das Bestreben zur Geltung käme, da- Ansehen der Negierung zu schmälern, das Vertrauen der Beamten zu ihren Vorgesetzten zu erschüttern, oder gar die Zucht der Armee zu lockern." — Also dieser sehr gefügige Reichstag, der sich in der Nolle des lediglich berathendcn Körpers gefällt und fern von dem Bestreben ist, den Schwerpunkt der Politik in die Nationalvertretung zu legen, soll das Vertrauen der Beamten zu ihren Vorgesetzten erschüttern, weil er das Petitionsrecht aller Staatsbürger ohne Ausnahme nicht gern verletzt wissen möchte unv noch mehr, er soll die Zucht der Armee lockern wollen, weil er den bedürftigen Reservisten unv Landwchrmännern, die durchaus nicht für ihre über alles Lob erhabene Pflichterfüllung belohnt werden sollen, die Mittel nicht vorenthalten will, ihre Berussgeschäfle, aus denen sie durch den Krieg gerissen worden, wieder aufnehmen zu können! In der That, es ist hohe Zett, daß der Reichstag die Augen aufknöpft und die Negierung beschwört, von den Neactionsversuchen abzustehen, welche nicht nur die Harmonie zwischen Negierung und Volksvertretung, sondern auch die Eintracht zwischen Regierung und Volksvertretung stören müssen.
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Bekanntmachung.
Der Stadtvorstand zu Gießen nimmt für den öffentlichen Zweck der Vergrößerung des Friedhofes und der Anlage eines Weges die Abtretung von 11485/io HMaftern der im Grundbuch dem Theodor Lotz und dessen Ehefrau Marie, geb. Walker dahier, zugeschriebenen Grundstücke Flur XXXIII Nr. 219,5, 220 und 221 in Anspruch und hat, da eine guillche Abtretung nidjt hat erlangt werden können, die Anwendung des Gesetzes vom 27. Mai 1821 über die Abtretung von Privateigenlhum für öffentliche Zwecke beantragt. Demgemäß wird der Plan, ans welchem die Verwendung fraglichen Geländes zu dem angegebenen Zweck ersichtlich ist, acht Tage lang, nämlich vom 8. bis 15. Juni l. I. auf hiesigem Bürgermeisterei-Bureau während der übliche» Geschäftsstunden zur Einsicht offen gelegt sein.
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Gefundene G e g s n st a nde :
Ein großer Beutel, mit Milchbrödchen angefüllt, eine Verzierung zu einem Kleide (schwarzer Lustre mit schwarzen Garnituren), ein kleines Taschenmesser eine schwad- seidene Mütze mit Schild und ein grauer Fingerhandschuh. 8
Die Eigenthümer werden ausgeforderr, sich binnen 3 Wochen bei uns zu melden, widrigenfalls diese Gegenstände auf Verlangen an die Finder ziirückgegeben oder später zu Gunsten der Armenkasse werden versteigert werden.
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Ersparnis
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Starck.
BeSs»r»«g«n auf Seit Gießener Anzeiger “*
Abonnenten, welche den Anzeiger bei der Expedition abholen lassen, erhalten denselben für den Monat Juni zu 20 fr
Brodpreife vom 3. bis 10. Juni 1871,
nach eigener Erklärung der Bäcker:
4 Pfund gemischtes Brod 21 fr. 2 Pfund gemischtes Brod 10y2 fr. 4 Pfund Roggenbrod 18 fr. 2 Pfund Roggenbrot) 9 fr.


