Ausgabe 
2.11.1871
 
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4625) Vor einiger Zeit ging von einer Anzahl deutscher Schulmänner, Beamten, Schriftsteller, Reichs- und Laudtagsabgeordueter x. ein Aufruf aus, der nicht warm genug zur Beachtung empfohlen werden kann und ben die Un­terzeichneten zur Begründung eines aus Nachfolgendem ersichtlichen Planes in seinen wesentlichsten Theilen hier mittheilen:

Aufforderung zur Gründung einer Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung."

Ein neues Zeitalter hat in dem Augenblick begonnen, da die deutsche Kraft sich unwiderstehlich zur Einheit gesammelt, da der Nachkomme Friedrichs d- Gr. an die Spitze eines wirklich vorhandenen, eines an Geist und Körper lebendigen und hochmächtigen deutschen Staates getreten ist. Nicht auf eine einzige Ursache ist dieses weltgeschichtliche Ereigniß zurückzuführeu, aber darin stimmen die denkendell Betrachter aller Nationen überein, daß die beispiellosen Thaten des deutschen Heeres auf der in demselben vertretenen geistigen Einsicht und Bildung beruhen, aus denen zu gleicher Zeit eine reiche Quelle hoher sitt­licher Kraft entsprang. Die großen Errungenschaften dieser Tage würden wir schon jetzt an ihrer Wurzel untergraben, wenn wir uns durch sie zu eitler Selbstbespiegelung verleiten ließen. Der wiedergewonnene Friede muß uns zur ernstesten Selbstprüfung und zu erneuter Aufnahme der Cr^turarbeiten bereit finden, die der Krieg gewaltsam und wider unfern Willen unterbrochen hat. Hier steht in erster Linie die Arbeit an der allgemeinen Volksbildung.

Gestehen wir uns osten: mag bei uns auch die Zahl der Gebildeten ver­gleichsweise eine große sein, an sich genommen ist sie hut gering. Große Massen unserer Bevölkerung sind noch unwissend und geistig träge; unfähig, selbstständig zu urtheilen und zu handeln, folgen sie der Strömung, wo sie zum Guten führt, aber auch dort, wo sie vom Nebel ist. Der Erfolg, den wenige gewissen­lose Männer mit ihren socialistischen Bestrebungen hatten, gibt uns einen deut­lichen Beleg hierfür; wohin diese führen, zeigt heutzutage Frankreich. Die Schulzeit ist für den gewöhnlichen Mann zu kurz und häufig genug noch viel­fach unterbrochen, um ihm mehr als die Grundlage und elementaren Mittel der Bildung zu bieten. Wenn darauf nicht weitergebaut wird, verkommen diese bald und werden vom Unkraut überwuchert. Es kommt nicht allein darauf an, ob das Volk lesen und schreiben kann, sondern vielmehr, ob es über­haupt liest und was es liest. Daher gibt der bloße Prozentsatz Derjenigen, die in ihrer Jugend lesen und schreiben ge­lernt haben, keinen ausreichenden Maßstab für die Volks­

bildung.

An alle Freunde deutscher Bildung und Gesittung, besonders aber an die bereits bestehenden Volksbildungsvereine richten wir daher die Aufforderung, sich mit uns zu vereinigen zur Gründung einerGesellschaft zur Ver­breitung von Volksbildung", welche sich folgende Ziele stellt: 1) an allen Orten, welche noch keine Fortbildungsschulen haben, solche zu begründen, und zwar zunächst in den städtischen Gemeinden, später, soweit sich dies als ausführbar erweist, auch in den ländlichen Bezirken. 2) Einen Verband herzu­stellen zwischen allen Vereinen, welche sich die Hebung der Volksbildung zur Aufgabe gestellt haben, behufs gegenseitiger Anregung, behufs Austausch der Ansichten und gesammelten Erfahrungen und behufs gegenseitiger Unterstützung. 3) Gründung eines Blattes, welches ausschließlich den Interessen des frei­willigen Bildungswesens gewidmet ist rc. 4) Gewinnung befähigter Lehrer zur Abhaltung volkstümlicher Vorträge über wichtige Angelegenheiten des öffent­lichen Lebens und Gegenstände von allgemeinem Interesse.

Mehr als je drängen jetzt die Umstände zu einem derartigen Unternehmen. Die nächste Folge des Krieges wird eine gewaltige wirthschaftliche Anspannung sein, um das Verlorne wieder einzubringen, um unsere Stellung auf dem Welt­märkte zu behaupten, wo möglich zu erweitern; aber diese Periode wird zugleich ein Zeitraum der politischen Erschlaffung und der Lähmung des Sinnes für geistigen Fortschritt sein. Schon die Wahlen zum preußischen Landtag im No­vember 1870, mehr noch die diesjährigen Neichstagswahlen haben dies bewiesen; nach Verkündigung der .Unsehlbarkeitslehre" trat die ultramontane Partei zahl­reicher als je' in' geschlossener Phalanx in den preußischen Landtag und in den deutschen Reichstag. Kein würdigeres Denkmal können wir dem jungen Frieden widmen, keins, das ihm längere Dauer verbürgt, das uns mehr vor dem Neide der Fremden und vor eigener Ueberhebung schützt, als indem wir nach großen kriegerischen Siegen mit Ernst und aus freiem Antriebe zur Ausfüllung der Lücken unserer Volksbildung schreiten, stets eingedenk, daß die großen socia­len , politischen und freiheitlichen Fragen der Gegenwart allein durch die Theil- nahme der Bildungsmittel über sein jetziges Niveau emporgehoben werden muß, im Sinne menschheitlicher Gesittung gelöst werden könne.--

zur Erhaltung und Verbreitung von Volksbildung sein von dem Augenblick an, wo der Besuch derselben in gleicher Weise wie der Besuch der Elementarschule der Jugend zur Pflicht gemacht wird. Dem Schulzwange allein haben wir zu verdanken, daß die Bildung unseres Volkes jetzt schon die anderen Nationen weit überragt, und derselbe Schulzwang ist nöthig, wenn die Fortbildungs­schule den höher gestellten Anforderungen unserer Zeit genügen soll. So lange aber dieser Schulzwang nicht durch staatliche Einrichtungen geschaffen ist, muß er ersetzt werden durch eine gründliche Unterstützung seitens Derer, die, wie Väter, Vormünder, Lehr- und Dienstherrn, auf die Erziehung und Bildung der Jugend zu wirken berechtigt und berufen find, sowie auch dadurch, daß allgemein die Aufnahme junger Leute in's Handwerk, in's Comptoir, in den Laden, in's Büreau, von Zeugnissen über den Besuch der Fortbildungsschule abhängig gemacht wird. Ein mit der sicheren Aussicht auf eine solche Unterstützung von Außen begonnenes Werk kann allein die Bürgschaft des Gedeihens und einer segensreichen Wirksamkeit in sich tragen.

Das Bedürfniß einer solchen Fortbildungsschule gerade auch für unsere neu aufblühende Stadt Gießen schon längst sühleud und in der Hoffnung aus eine ausreichende Unterstützung seitens der Einwohnerschaft, hat sich eine Anzahl hiesiger Lehrer entschlossen, einen Versuch zur Gründung einer Fortbildungs­schule zu machen, nachdem wohllöblicher Stadtvorstand ihnen in bereitwilligster Weise für Local, Heizung und Beleuchtung zu sorgen versprochen hat.

Der Unterricht soll jungen Leuten von 1418 Jahren und zwar un­entgeltlich ertheilt werden.

Vorläufig sind an vier Abenden in der Woche die Stunden von 810 Uhr für den Unterricht in Aussicht genommen.

Die zu behandelnden Unterrichtsgegenstände sind vorerst Rechnen und Geometrie, Geschäftsaussätze, Geschichte, Geographie, Lesen und Literatur, Schreiben. Nach Umständen aber kann der Lehrplan noch erweitert werden, und ist unter anderm in Aussicht genommen, daß, wenn bei einzelnen Schülern das Bedürfniß sich ergeben sollte, auch Unterricht in Französisch und Englisch ertheilt werden kann.

Wenn dem Unternehmen auch die Absicht zu Grunde liegt, daß eine Fort­bildungsschule für alle aus der Elementarschule entlassenen jungen Leute ge­schaffen werden soll, die nicht Schüler einer höheren Lehranstalt sind, so sollen doch nur solche ausgenommen werden, bei denen eine Garantie vorhanden ist, daß sie den Unterricht regelmäßig und bis zu einem gewissen Abschlüsse besuchen werden, und darum ist es nothwendig, daß die Anmeldung von Schülern durch die Eltern oder deren Stellvertreter (Vormünder, Lehr- und Dienstherrn rc.) mündlich oder ffchristlich geschieht. Dieselben verpflichten sich dadurch, die ihnen untergebenen jungen Leute zum regelmäßigen Besuch des Unterrichts nach Kräf­ten anzuhalten und so die Anstalt in ihren Bestrebungen zu unterstützen.

Von Zeit zu Zeit sollen Mittheilungen über den Stand und Fortgang der Schule veröffentlicht und den Schülern Zeugnisse über den Besuch des Un­terrichts und ihre Leistungen ausgestellt werden. Die Anstalt wird es sich zur Aufgabe machen, soweit ihr Einfluß reicht, tüchtigen Schülern durch Empfehlun­gen rc. bezüglich ihres Fortkommens Vorschub zu leisten.

Die betheiligten Lehrer wollen der neuen Anstalt gern Zeit und Kräfte widmen und wünschen nur, mit einem recht großen Schülerkreise tüchtige Er­folge erzielen zu können; sie glauben sich aber darum auch der Unterstützung aller Derer versichert halten zu dürfen, die für die Sache Interesse haben und durch Stellung und Verhältnisse irgendwie in der Lage sind, die Anstalt heben und fördern zu Helsen.

Indem die betreffenden Lehrer hiermit ihr Unternehmen allen hiesigen Bewohnern dringend ans Herz legen, bitten sie um baldige Anmeldungen, die täglich von 12 2 Uhr in der Wohnung des mitunterzeichueten Lehrers Müller (Ferber'sche Buchhandlung geschehen können.

Gießen, am 25. October 1871.

Der Ausschuß:

Albach, Reallehrer. Freiensehner, Mitpr.-Vikar. Müller, Lehrer.

4664) Sonntag den 5. November, von Abends 7 Uhr an, zum Besten der Brandbeschädigten in Chicago:

Concert

in dem Burg-Saale zu Staufenberg von dem Gesang- Verein daselbst,

wozu ergebenst einladet H. Fink.

Z Harrr Arbeiten

genommen.

find das dringendste Bedürfniß unserer Zeit, und sie werden das beste Mittel'

So weit der Aufruf.

Es handelt sich hier um eine der wichtigsten Fragen unsrer Zeit, um eine Frage, die das höchste Interesse eines Jeden verdient, der fühlt und erkennt, daß die Bildung unseres Volkes entsprechend sein muß der Weltstellmig, die es errungen, eines Jeden, der weiß, daß Bildung in neuer Zeit ein nothwen- diges Bedürfniß ist zum materiellen Fortkomnien und eine schöne Zierde sowohl des Einzelnen wie auch eines ganzen Volkes. Leider aber müssen wir mit dem Aufrufe darin übereinstimmen, daß es mit der Bildung der großen Masse un­seres Volkes noch lange nicht so bestellt ist, wie es sein sollte, und zwar vor­zugsweise darum, weil in den meisten Fällen der Unterricht da vollständig aushört, wo er erst anfangen kann, nachhaltig für das Leben zu wirken, mit der Confirmation, und weil dann, wie die Erfahrung vielfach zeigt^nach wenig Jahren schon die Früchte eines achtjährigen Schulunterrichts zum großen Theil wieder verschwunden sind. Eiue Grundlage zur Bil­dung des Menschen zu legen ist, wie auch der Aufruf hervorbebt, die Aufgabe der Schule; die Erhaltung und Erweiterung ihrer Erfolge bedarf eines noch jahrelang fortgesetzten Unterrichts, und darum ist auch in jenem Aufrufe zu­nächst und vor Allem die Einrichtung von Fortbildungsschulen in Aussicht

werden schnell und gnt besorgt gicdjteufraiitc und Brustleiüende

Fortbildungsschulen in dircctem Anschluß an d'.e Elementarschule ber " ~ * *** - - - -- - - -

Georg Petri Neuenweg.

4590) Bei uns können noch einige Mädchen und Jungen dauernde Beschäftigung er­halten Gailische Wollenspinnerei.

heilt Dr« Iochheim in Darmstadt, Lud^ ! wigsplatz. (2478)

Im großen Saale des Caf^ Leib.

46.50) Freitag den 3. November:

1. Abonnements-Coucert

(ä Irr Strauss),

ausgeführt vom ganzen Musik-Corps des Großh. Hess. II. Znf.-Reg. unter persönlicher Leitung seines Dirigenten, Herrn D. Reifert. Anfang 7 Uhr Abends.

4662) Einen guten Schuhmacher sucht Th. Schneider.

4660) Ein kräftiger Junge wünscht hei IlntPFFIpIlf Q - ÄnTPlfFP

Metzgerei zu erlernen. Näheres bei der> Ulltll IIvIIId

©Xpeb. d. Bltts. 4658) Gymnasiasten und 'Realschülern

------------------------------------------ wird französischer und englischer Unterricht

* ' ertheilt. Näheres bei der Exped. d. Bltts.

Redacnon, Druck und Verlag ber Brühl'scben Univ. - Druckerei (Fr. Ehr- Pietsch) in Gießen-

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