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Gießener Anzeiger.
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Expedition: Lanzleibrrß Lit. B. Nr. 1
Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kielen.
Nr. 17». Dienstag den 1. August " 1871.
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31. Juli.
t Wenn auch die Gerüchte über beabsichtigte großartige Unternehmungen von Seiten ter „Internat onalen" in England zum Theil sehr übcrtritbcn sind, so läßt sich doch nicht in Abrede stellen, daß gerade in London, wo die Internationale ihren Mittelpunkt hat und wo die unter dem Namen der „trades-unions“ bekannten Arbeitergesellichaflen eine verhältnißmäßig bedeutende Macht reprasen- tiren, eine Katastrophe sich vorbereitet, welche der politischen wie gesellschaftlichen Ordnung nicht nur in England, sondern auch auf dem ganzen Eontinent die größten Gefahren bereiten kann, wofern nicht die englische Negierung bei Zeiten auf Mittel sinnt, der socialen Bewegung zuvorjukonlmen und der Macht der Arbeitervereine gegenüber ein Gegengewicht in Bereitschaft zu halten, das die Ordnung vollkommen zu sichern im Stande ist. W'e wir hören, bewegt sich die Thatigkeit der englischen Regierung in dieser Beziehung nach doppelter Richtung: einmal eine raschere Concentrirung ter militärischen Streitkräfte in England ein zuleiten, und sodann der Freiwilligen.Mll'z deren eigentlichste Aufgabe in der Ausrechihaltung der Ruhe und Ordnung besteht, ein kräftigere Organisation zu geben. Auf diese Weife hofft die englische Regierung, sich zum Hrrn der socialen Bewegung zu machen, oder doch wkwgst.ns ihren gefährlichen Auswüchsen recht zeitig mit überlegenen Mitteln entgegenlreten zu können.
Die Gerüchte über eine zwischen dem Kaiser von Oesterreich und dem Kaiser von Deutschland beabsichtigte Zusammenkunft, die durch Vie Wiener Zeitunge,'. geben unv auch in einigen Berliner Zeitungen Eingang gefunden haben, sind als völlig irrthüwlich zu bezeichnen. Die Richtung der österreichischen Polink, wenn gleim sie an den allgemeinen freundschaftlichen Beziehungen zwischn Dcutschl-nd und Oesterreich nicht- geändert hat, ist nicht darnach angtthan, in dem Beherncyer' des deutschen Reichs eine Neigung zu erwecken für eine Zusammenkunft, bei welcher doch wohl oder übel die schroffen Gegensätze, die in der Politik Der beiden Staaten vertraten sind, zur Erörterung kommen müßten.
Nachdem Graf Bray aus dem bayerischen Ministerium ausgeschieden ist, sind die Hinderniffe beseitigt, welche bisher einem energischen Vorgehen gegen die renitenten Bischöfe wie gegen die clerikale Partei in Bayern überhaupt entgegen^ standen. Leider sind die Hoffnungen nicht allzu groß in Bezug auf die Art und Weise dieses sogenannten energischen Vorgehens, Denn wie wir hören, wird es sich zunächst lediglich um eine ernste Hinweisung der Bischöfe auf die bestehend»» Gesetz, handeln. Bon einer Trennung ter Kirche von der Schule, von Der Einführung der obligatorischen Eivilehe, der eonftisionsloftn Schule, des konfessionslosen Friedhofes, lauter Dinge, die allein geeignet sind, dem Hader zwischen den einzelnen ReligionSgesellschalten und den Ucbergriffen der ultramontanen Piiester ein für alltmal ein Ende zu machen, ist bisher noch nicht die Rede gewesen.
Vor der Auswanderung nach Rußland und Polen kann nicht genug gewarnt werden, Denn die Legion preußischer und deutscher Arbeiter, die dort bereits brodloe geworden, ist ein trauriger Beweis von der geringen Vorsicht, die bei Den AuS- wanDerungscontracten obwaltet. Gewöhnlich schließen Die Arbeiter zum Tycil schon in Deutschland durch Vermittlung von Agenten, größtentheils aber erst in Polen und Rußland, Verträge mit Gutsbesitzern ab, Die fast sämmtlich durch Den Druck, der auf sie in Den letzten Jahren au-geübt wurde, meist in eine sehr traurige Lage kommen und nicht im Stande sind, ihr Versprechen zu halten. Eine Garantie der Gutsbesitz-r ist daher zur Sicherstellung des Dienstverhältnisses durchaus nothwendig, da später selbst die Intervention des Generalkonsuls in derartigen Fällen nicht den erwünschten Erfolg hat.
Der Zustand Der mit Ellaß und Lothringen übernommenen Festungen läßt die Wahrscheinlichkeit zu, daß über diese Angelegcnbe t noch vor Ablauf d»S Jahres eine definitive Entscheidung gefällt werten wird, haupüächlich aber Darüber, in welchem Derhältniß Die einzelnen Staatenglieder des deutschen Reichs in Zukunft an Den Unterhaltungs- r«sp. Wiederherstellung-kosten Der Festungen dieses Deutschen Gesammtbesitzes pari c piren werden. Abges.hen von den neuen Fort ficationen von Straßburg und der Vollendung ter Befestigungen von M>tz, handelt es sich bei Der großen Zahl Der befestigten Plätze Dieses neuen deutschen Gebiet- jetensalls um sehr beirachtliche AufwenDungen, wenn auch Die höheren OitS gefußten Pläne natürlich noch nicht klarliegen. Die neue Befestigung von Straßburg wirb jeden- salls nach dem umfass nDsten Plane erfolgen. Ebenso wie für Die Ortschaften ter neuertrorbenen G biete, welch? mbm ihrem ftanzösiichin Namen noch einen Deut schen fuhren und geführt haben, werden wahrscheinlich für alle bisher französisch benannten Fort- deutsche Namen eingesührt werden. Die nächste Ausgabe Der deutschen Reich-yerwaltung wird Darin bestehen, für diese neuen Gebiete eine auS- reidjenDe Polizeimacht zu errichten, wozu für Mühlhausen bereits Der Anfang gemacht ist.
Von nächster Session ab wird da- kommunistische Verhältniß, welche- bisher zwischen Dem deutschen R ichetage unD Dem Herren- oder Abgeordnelnhause herrschte, wieter vorth.ilüaft gelockert werten, indem es seststeht, Daß für elfteren nunmehr auch ein eigenes Bureau geschaffen werden soll.
I Die „Morning Post", die bekanntlich in näheren Beziehungen zu Der Um* aebung und den Anhängern des Exkaisers in Ehiselhurst steht, veröffentlicht einen Brief deö Herzogs von Persigny über Die Ursache Der französischen Niederlagen, welcher neben manchen richtigen, von Selbsterkenntniß zeugenden Bemerkungen auch ganz ungeheuerliche Aufschneidereien enthält. Der Herzog gibt zu, Daß Die deutschen Heereseinrichtungen bewunDerungswurdi'g seien und Die Deutschen Truppen an MannSzucht und Lernbegierde Die französischen bei Weitem übertreffen. Der Franzose besitzt dagegen jene kriegerische Tüchtigkeit und Tapferkeit, für die Europa Den besonderen Namen der furia francese erfunden habe und die feit 2060 Jahren den französischen Heeren mit seltenen Ausnahmen Die ersten Erfolge verschafft habe. (Der Herzog erwähnt Dabei nicht, daß Europa ebenfalls von einem furor tcu- tonicus spricht.) Wenn Der Franzose aber Den ersten Sieg habe, so könne ihm nichts mehr widerstehen. Daß nun in Diesem Kriege der Anfang und Daher auch das Ende so unglücklich gewefcn, sei allein die Schuld Der schlechten Strategie, welche für Die Zersplitterung Der französischen Armee gegenüber Dem einheitlich geführten Deutschen Heere verantwortlich zu halten sei. Um zu beweisen, wie gewaltig Der französische Soldat vor der Reihe von Niederlagen war, führt Persigny das Gefecht von Weißenburg an, worüber er Folgendes zu sagen weiß: „Da stanv ein kleines Eorps von 7- oder 8000 Mann, welches sich plötzlich in einen Kampf gegen eine Armee von 120« bis 140,000 Mann verwickelt findet. Sein General, Abel Douay, fällt im Beginne des Gefechts, aber Die Leute kämpfen einen ganzen Tag einen Riesenkampf. Und der Kronprinz von Preußen, bewegt, erstaunt und nicht im Stande, feine Bewunderung für diese Handvoll von Tapsera zurück zu Drängen, räumt in fritier Depesche ein, daß er an jenem Tage 8000 Mann an Todten und Verwundeten verloren habe. Eine einzige Division von 7« bis 8000 Mann vernichtet 8000 Feinde! E ne schönere Waffenthat ist mir nicht bekannt." Allerdings, eine kaum unüdcrtrcffenc Heldenthat, woran man nur eines aussetzen kann: Daß sie nämlich gelogen ist. Mit welcher Leichtfertigkeit der Herzog sich eine Depesche tns Kronprinzen erfindet! Alle Depeschen drS Kronprinzen aber besagen nichts weiter, als daß Der Sieg glänzend und blutig gewesen sei und daß das Könige-Grenadicr-Reaiment und Das 58. starke Verluste erlitten babe. Daraus macht sich Persigny 8000 Todte und Verwundete zurecht. In Wahrheit betrugen Die Verluste auf beiden Seiten ungefähr 1200 Mann, wobei Die in Deutsche Gefangenschaft gefallenen unverwunDeten Franzosen, gegen 1000 Mann, noch nicht eingerechnet sind. Daß Der Herzog das Douay'sche Eorps so klein und dagegen Die deutsche Armee so groß macht, beruht gleichfalls auf schlauer Berechnung, oder, milder geurtheilt, auf Leichtsinn. Douay hatte 16 Bataillone, 8 EecadronS und 4 Batterien, das wird wohl etwas mehr ausmachen, als 7. biS 8000 Mann. Bei der Schätzung Der feindlichen Truppen aber vergißt er, za erwähnen, Daß zwei Eorps der kionprinzlichen Armee gar nicht an D.m Gefechte 2heil genommen haben; Daß Persigny sic nicht abz eht, wundert uns freilich nicht, eben so wenig, Daß er Die ungeheuer starken Positionen Der Franzosen nicht in Anschlag bringt. Für uns Deutsche ist übripen« das fortwährende Selbstbeloben und -belügen Der Franzosen eine ter besten Bürgschaften, Daß sie nicht allzu beängstigend rasche Fortschritte in ihrer militärischen Kräftigung wachen werden.
Gießen, 29. Juli. Bei Der Intensität, mit welcher eben jetzt wieder Die ultramontanen Bestrebungen im Staatsleben auf Der Oberfläche erscheinen und sich Geltung zu verschaffen suchen, Dürfte es von Interesse sein, Die Gegensätze unseren Lesern scharf präcisiit vor Augen zu fuhren. — Wir glauben Dies am Besten zu thun, wenn wir auö dem st nographischen Reichstagsberichte nachstehenD Die ReDen zweier AbgeortNltkn aus Hcff.n, des Bischofs von Mainz (10. Sitzung, S. 111) und des Frhrn. von Rabenau (S. 128) abcrucken. In Diesen beiden ReDcn scheinen uns die Gegeniätze auf liefern Gebiete am Schärfsten zu gipfeln, — wohl eine Folge des in Hejftn faktisch bestehenden Verhältn'.sses Der Kirche zum Staate. — Wir müssen hier zur Oiiuitirurig unserer Leser vorauöschicken, Daß Die Debatte sich um Ausnahme der Grundrechte in Die Verfassung deS deutschen Reiches Drehte. Nachdem Der Abgeordnete Treitschke gegen den Ultro.montaniSmus zu Felde gezogen, erhielt zu Anfang ter 10. Sitzung Bischof Ketteler von Mainz DaS Wort. Er begann hierauf:
Ich werde nicht auf Den Ton eingchen, meine Herren, und in denselben ein* stimmen, den der Herr Abgeordnete Treitlchke bei Beginn Dieser Debatte angestimmt hat. Er hat sie gebeten, fein-n Gesetzen Ihre Zustimmung zu geben, Dir den Bischöfen Veranlassung sein könnten, Rebellen an Den LanDesgesetzen zu werden. Ich will Ihnen, meine Herren, rin Mittel ang»ben, wodurch Eie diese Gefahr ein |ür alle Mal vermeiden werden; obwohl dies bei Ihrem BilligkeitSgesühl ub.rhaiipt nrcht zu befürchten ist: giben Sie niemals Zustimmung zu Gesetzen, welche R.bellen gegen Gotl-S G.sitz sind. Dann werden auch wir gewiß niemals Rebellen gegin Lankesgesetze (em, sondern uns bemühen, mit allen treuen Söhnen des VatcilanD.S zu mettei|(rn in treuer Erfüllung Der LandeSttefttze.


