Berlin, 23. Jan. In den Gesetzentwurf, betreffend die Erwerbung und den Vertust des preußischen Jndlgenats, hat die Commission die Bestimmung ausgenommen: daß Untcrthanen, welche sich im Ausland aufhalten, diese- Recht- durch einen Beschluß der Lande-Polizeibehörde verlustig erklärt werden können, wenn sie im Fall de- Kriegs oder der Kriegsgefahr der Aufforderung zur Rückkehr binnen einer bestimmten Frist n cht Folge leisten. Vorgestern rourre in der betreffenden Commission mitgetbellt, daß zwischen Preußen, Baiern, Wür- temberg und Laden dahin Rec procität gefordert weiden soll, oder bereits erzielt ist: daß vor der Naturalisation der betreffenden Staatsangehörigen von diesen der Nachweis über erfüllte Militärpflicht oder Befreiung von derselben geführt werden muß.
Berlin, 25. Jan. Das letzte Ordensfest veranlaßt veischledene Blätter, ein paar pikante Or- den-geschichtchen mitzutheilen. Anknüpfend an die Mittheilung des „Westph. Merk." aus Münster, wonach Jemand den rothen Aclerorden 4. Claffe doppelt erhalten hat, meleet die „Volkszeitung", wie in einer pommer'schcn Statt vor einigen Jahren der ter noch komischere Fall vorgekommen ist, daß Jemand mit diesem Orden gleichzeitig zweimal beglückt wurde. Es war dort ein patriotischer Stattrath, den der damalige patriotische Bürgermeister durch den tamaligen Oberpräsidenten Senff v. Pilsach zu dem Orden Vorschlägen ließ. Selbiger Stadrath war außerdem aber auch ältester Lieutenant in einem Landwchrbataillon und wurde gleichzeitig durch den Batalllon-commanteur rc. ebenfalls zu dem Orden empfohlen. So geschah es, daß die- selbe Liste verkündigte, den rothen Adlerorden 4. Claffe haben erhalten: 1) der Stadtrath F. zu 3c., 2) der Premierlieutenant F. tft dem und dem Land« wehrbataillon, ohne daß man an höherer Stelle wußte, daß diese beiden Ritter Eine Person waren. Es galt nun, diesen Conflict zu lösen. Man verwandelte den einen rothen Adler in ein Ritterkreuz vom hohenzollern'schen Hausorden, und der Patriot konnte beide Kreuze ins Knopfloch stecken.
Kassel, 22. Jan. Der „Hess. Morgenzeitung wird ge,ch> «eben — und dann ist es gewiß wahr — : Dem Oberbürgermeister der Stadt Kassel ist Vie Mit- thcilung zugegongen, daß der Flnanzminister den von der königl. Regierung dahier beantragten Ersatz der BundeSexecutivnötruppen aus Staatsmitteln abge- lehnt habe, und daß auch auf die diesen Gegenstand betreffende communalständische Befürwortung ein ungünstiger Bescheid erfolgt sei.
Aschaffenburg, 22. Jan. Das dahier bestehende Counts zur Errichtung eines Denkmal- für die am 14. Juli 1866 im Kampfe bei Aschaffenburg gefallenen österreichischen Offiziere und Soldaten hat im hiesigen Friedhöfe auch die Erinnerung an die in der Nähe von hier gefallenen und auf dem Friedhöfe begrabenen Hessen durch einen colos- salen bronzenen Schild gefeiert.
Mannheim, 22. Jan. Die für unsere Stadt wichtige uno als Beispiel auch für weitere Kreise des Landes bedeutungsvolle Frage, ob ConfessionS- schulcn oder nicht, wird nächsten Donnerstag .und Freitag durch Abstimmung der Bevölkerung nach den Btkcnnlnißgruppen zur Entscheidung kommen, lieber die Abstimmung der Israeliten und Protestanten im Sinne der gemischten Schulen herrscht kein Zweifel. Auf der katholischen Seite ist die Agitation auf das Gebiet der Flugschriften übergegangen. Eben ist eine aus den Kreisen des katholischen OberstiftungSraths hervorgegangen, welche in maßvoller Weise für die ConfessionSschule plaidirt; für die entgegengesetzte Ansicht ist ebenfalls eine von den namhaftesten Katholiken unterzeichnete Flugschrift zur Vertheilung im Drucke. Der Kampf wird schließlich kein leichter sein und folgenschwer, weil allem Anscheine nach von den Katholiken allein die Entscheidung abhängt. Die Errichtung eines confessionölosen Waisen- und Er- ziehungShauseg jenseits des Neckars ist durch rasche Zeichnung von Actien und Jahresbeiträgen gesichert.
Stuttgart, 24. Jan. In Betreff der Be- waffnung und Ausrüstung der Cavallerie und Artillerie treten nachfolgende Bestimmungen ein. Bei t^r Cavallerie werden 32 Mann p.r Escadron mit Zündnadelcarabinern ausgerüstet; die übrige Mann- schäft führt die gezogene Pistole; der bisherige Pcr- cussionöcaiabiner kommt somit in Wegfall. Vier Reiter per Eecadron werden mit tragbaren Pionier- Werkzeugen Behufs des Herstellens oder Verderbens von Communicationen, ferner zu Bivouac- und La- gerarbciten ausgerüstet. An die Stelle des bisher in den EscadronSgepäckwägen mitgeführten großen MannschaflskochgefchirrS tritt ein in Lederfutteralen
tragbares 2männiges Kochgeschirr. — Die Feldartillerie und die Unterofficiere des Armeetrains erhalten glatte Pistolen als Handfeuerwaffen, so lange der Vorrath an gezogenen Pistolen zur Ausrüstung de-' Kriegsstande- dieser Waffe nicht hergestellt ist. Ein weiterer Schritt zur Vereinbarung mit den im Norddeutschen Bunde geltenden Vorschriften besteht darin, daß nach den neuesten Bestimmungen nun auch die Lagerordnung, das Beziehen des Bivouacs und der Dienst im Bivouac für die Cavallerie, ferner das königlich preußische Sappeur-, Exercier- und Dienst-Reglement, sowie das Mineur- und Dienst-Reglement für das Pioniercorps maßgebend fein werden.
Wien, 24 Jan. Der Vorsitzende der Pariser Contcrenz ■ hat die übrigen Bevollmächtigten ersucht, falls sich ihm nicht eine Veranlassung biete, sie früher einzuladen, sich am 1. Februar bei ihm versammeln zu wollen. — Eine Ministerialverordnung ver- fügt, daß künftig Sendungen von Waffen und Munition nach der Türkei und spccicll nach den Donausürstenthümern nur aus Grund eines Geleit- scheins, welchen das Ministerium selbst ausgestellt, aus- und durchgeführt werden.
Paris, 22. Jan. Gestern, am Todestage Ludwigs XVI., fanden in der Sühnecapelle der Rue d'Anjou feierliche Todtenmeffen statt. Sie waren ziemlich zahlreich besucht. Einer, derselben wohnten auch Don Carlos von Bourbon und seine Gemahlin an. In der Tuilerirncapelle ließ die Kaiserin auch eine Tvdtcnmesse lesen. Die Capelle war schwarz au-geschlagen und der ganze Hof anwesend.
Athen, 13. Jan. Endlich, als das letzte aller Länder Europa'-, kann auch Griechenland einen Schienenweg aufwcisen; einen kurzen zwar, indem er nur die Huuptstadt mit ihrem Hafenorte, dem Py- räeus, verbindet. Die erste Locomotive ist heute, am griechischen NeujahrStage, über diese, etwas mehr als j.rei stunden lange Strecke gefahren; sie gebrauchte Dazu 13y2 Minute. Es ist recht kalt; die Gipfel des Pentelitos und HymettoS sahen schneegekrönt auf das für sie neue Schauspiel hinab. Auf der Loco- motive flatterten d.e Fahnen Griechenlands und Englands, was nicht etwa eine politische Kundgebung fein sollte, sondern den Ulsprung dieses Fortschrittes des Verkehrs andeutct, wie Denn auch der englische Ingenieur, Capitän Tyler, an der Fahrt Thcil nahm. Dem Publikum soll die Eisenbahn in Kurzem eröffnet werden, und nur zu gern möchte man in diesem Ereignisse ein gutes Omen für Die Zukunft Grie- chenlanDS sehen. — lieber 10,000 Griechen aus der Türkei sind bereits in Griechenland angekommen.
Madrid, 22. Jan. Die Wahlen sind vorüber und die liberale Presse kommt noch einmal mit vollster Anerkennung auf die Haltung der Bevölkerung zurück, die sich während Der vier stümifchen Tage Des ScrutiniumS auch nicht eines einzigen Er- cesseS schuldig gemacht und so bewiesen habe, „daß Spanien, um Die erste Nation Der Welt zu sein, nur einer Definitiven Regierung bedürfe, Die eines so maßvollen Volkes würdig wäre." Wir mögen über diese Ansprüche auf die erste Rolle im europäischen Drama lächeln, — soviel ist gewiß, Daß manche bei weitem civilisirtere Nationen, die mit Dem Wort „Spanien" unwillkührlich Die Begriffe einer verwahrlosten Geistesbildung verbinden, unter so schwierigen Verhältnissen kaum den gleichen Tact bewiesen haben würden. Mit der einzigen Ausnahme von Aranjuez, wo bekanntlich ein kleiner Tumult statt- hatle, ist Die Ordnung absolut nirgends gestört worden, und Die Bethciligung an Dem Wahlacte war, wenn wir alle Umstände gehörig in Erwägung ziehen, so rege und eifrig, als irgend zu erwarten stand. Die heutige „Iberia" widmet der Nation für ihren Patriotismus einen DankeShymnuS und ruft Dann der provisorischen Regierung ein dreifach donnerndes „Vorwärts" zu, — „vorwärts im Na- men der heiligen Revolution, auf Deren Banner Die drei Worte prangen: Freiheit" — Sie denken wohl „Gleichheit, Brüderlichkeit?" — o nein! Andere Zeiten, andere Sitten! Die Revolution-Devise Der „3b<ria" heißt: „Freiheit, Sittlichkeit und Sparsamkeit!" Sehr ehrenwerthe Grundsätze; ober in diesem Zusammenhang von etwas komischer Wirkung.
Vermischtes.
Berlin. Die „Zukunft" schreibt: „Am Donnerstag Mittag hat eine Eonfrontation des unglücklichen Knaben Emil Haudtke mit dem Herrn v. Zastrow stattgefunden. Der Knabe war bei vollem, klarem Verstände. Hr. v. Zastrow war, mit Kelten geschloffen, in einer Droschke nach Bethanien geschafft. Bor der Confrontation waren ihm die Ketten abge- nomulsN worden. Ter Knabe verricth bei seinem Erscheinen die unverkennbarsten Symptome der Angst und de« Schrecken«
und er bezeichnete Hrn. v. Zastrow auf das Bestimmteste als Denjenigen, der ihn vom Spielplatz weg nach dem Boden des HauseS Grüner Weg Nr. 46 gelockt und jihn dort so schmachvoll maltraiti't habe. Auf den Verbrecher machte diese so bestimmt ausgesprochene Erklärung anfangs unverkennbaren Eindruck, dann faßte er sich aber wieder und verharrte bei seinem bisherigen Leugnen. Die von einigen Blättern schon ausgesprochene Dermuthung, daß Hr. v. Zastrow auch dem Corny', scheu Morde nicht fern steht, gewinnt, wie die „St. Ztg." schreibt, immer mehr an Wahrscheinlichkeit. Man erinnert sich jetzt der danialigen Aussage eines Schauspielers, der an jenem Morgen zwei anständig gekleidete Herren im eiligen Lause den Grutzmachec batte verlassen sehen. Die Beschreibung des einen dieser Herren stimmt nut der Person ». Zastrow ö im Wesentlichen überein. Auch die am nächsten Tage erfolgte plötzliche Abreise eines Attacke einer hiesigen Gesandtschaft, mit »em v. Zastrow als Landwchrosfizier recht wohl in Verkehr gestanden haben kann, gibt neuerdings wieder Ursache zu allerlei Combinationen. Die Behörde ist damals auf die verdächtige Eile bei der Abreise jene« Attache aufmerksam gemacht worden, hat jedoch diese Spur nicht verfolgt. Jetzt wird sie eS vielleicht thun muffen." Zastrow, der schon seit Jahre» in schlechtem Rufe steht, war als Wüstling und fleißiger Kirchengänger bekannt. Die Stimmen des „Heiligen", welche in der „Kreuzzeitung" und anderen Blättern ab und zu mit einer Je- remiade über das „ruchlose Babel" laut werden, haben jetzt einen recht naheliegenden Stoff zu weiteren Erclamationen er- halten. „Die öffentliche Sicherheit unserer Stadt — schreibt einer unserer Berliner Berichterstatter — war in den letzten Wochen durch Erceffe ä la Zastrow in bedenklichem Grade gefährdet worden. Es ist seltsam, daß man im Publikum Namen von Persöhnlichkeiten nennt, die in dem Verdacht stehen, Zastrow'schen Neigungen zu folgen. Auch die Erlminalpolizei ist jedenfalls genau informirt wie sich in dem vorliegenden Fall gezeigt hat."
Aus Königsberg in Pr. liest man: Das Zigeunergewerbe muß ein sehr einträgliches sein. Eine unsere Stadt und Umgegend schon längere Zeit heimsuchende große Zigeuner- bande hat der königlichen Regierung durch ihren Hauptmnan 6000 Thaler Haares Geld als Eaution für die Erlaubniß, dort nur eine kurze Zeit sich aufhalten zu dürfen, geboten.
Frankfurt, 25. Jan. Die Wittwe des ehemaligen Prägdenten Lincoln hat nach mehimonatlichem Aufenthalt unsere Stadt veclaffen, um die nächsten Monate im südlichen Frankreich und Italien zuzubringen. Bekanntlich hat sie ihren jüngeren Sohu einem hiesigen Institute (Dr. Hohagen'sche») jur Erziehung anvertraut; die schlichte Frau wollte als fürsorgliche Mutter sich nicht von ihrem Sohne trennen, ohne sich vorher durch eigene Beobachtung überzeugt zu haben, daß alles mit ihm hier wohlbestellt sei.
Preußen liebt den Kern, wirft aber auch die Schalt »icht weg. Es hat soeben die Säcke und Fässer, in welchen im Jahre 1866 die KriegSentschädigungSgelder von Baiern rc. eingesendet wurden, für 383 Thaler verkauft.
In Vanucs hat sich ein Weinhändler erhängt, weil er an der Zukunft des Kaiserreichs verzweifelte. Es muß schlimm um das Kaiserreich stehen, wenn selbst ein Weinhändler in seinem Keller nicht mehr hinreichenden Stoff findet, seine» Kummer zu beschwichtigen.
England. Berichten aus Java zufolge landete daselbst zu S-erabaya ein von Australien kommendes Schiff, di« Vergnügungsyacht eines österreichischen Grasen, welches die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Auf den Besitzer dieser Dacht, einen angeblichen Grafen v. AttemS, welcher inzwischen bei verschiedenen Bank- und Handelshäuser» Wechsel von nicht unbedeutender Höhe diScontirt hatte, welche große Aehnlichkeit mit denjenigen gefälschte» hatten, die anfangs vorigen JahreS in Amsterdam durch einen angeblichen Grafen v. Schönborn ausgegeben worden waren, wurde man ganz besonders auf. merksam, als von Australien aus mehrere Handelshäuser tn Batavia vor den Betrügereien eines angeblichen österreichischen Grafen gewarnt wurden, und diese Mitlheilung per Telegraph auch nach Java gelangte. Inzwischen waren auch in Soera- baya von Singapore aus Nachrichten eingetroffen, welche für den angeblichen Grafen von AttemS so gravirend wäre», daß seine Verhaftung erfolgte und eine Criminal-Untersuchung gegen ihn eingeleitet wurde. Im Laufe »er Untersuchung gestand der angebliche Graf ». AttemS, er heiße Curt Schmalz, sei 22 Jahre alt und auS Turnau in Böhmen gebürtig. Er gab zu, seit 5 Jahren unter den Namen Graf v. AttemS, Graf Schönborn und Graf ». Auersperg in der Welt herumgereist zn sein uu» durch falsche Wechsel Betrügereien in der Höhe von 1,500,000 Gulden auSgeführt zu haben. In den letzten Tagen des JahreS 1867 hielt sich dieser jugendliche Verbrecher als Graf v. Schönborn in Amsterdam auf und wußte die Di- tection der niederländisch-indischen Bank durch Vorzeigung von einigen falsche» Anweisungen und durch Mittheilung, daß er von seiner Negierung Urlaub bekommen habe, um eine Reise nach Britisch - Indien und »em niederländischen Archipel zu machen, zu täuschen, so daß die Direction ihm für vier Wech. sel, ä 200 Pf. St., einen Creditbrief auf die Haupt-Agentur der Bank in Batavia gab, der auf 7200 Gulden, 170 Pf. St., 15 Banknoten, ä 1 Pf. und 150 Gulden 50 Et. in holländischem Gelbe lautete. Die durch ihn an die Bank in* dossirten Wechsel, gezogen von Wien durch Ad. Zinner auf die Austria Dank in London und acceptirt, kamen protestirt zmück, daö Accept falsch war, auch hat sich später herau-gestellt, daß die Unterschrift des Ausstellers Zinner gefälscht gewesen. ' Inzwischen war der angebliche Graf v. Schönborn aus Amsterdam abgereist.
*♦* Wenn die Könige bauen, haben die Kärrner zu thun, und wenn sie Thronreden halten, haben d'e Telegraphen einen großen Tag. Die Thronrede Napoleon- setzte in Pari- Hunderte von Beamten in volle Thätigkeit; die 1200 Worte, aus welcher die Rede besteht, gelangten in 14 Minuten »ach London, in 45 Minuten nach Brüssel, in 69 nach Berlin, in 100 nach Florenz, in 110 nach Wien. Für London arbeiteten 4 Drahte, für die anderen Residenzen nur je einer, daher der Zeitunterschied. Die Apparate und die Linien waren schon Tag- vorher sorgfältig vorbereitet worden.
* I« Portland, Mayne, baut sich ein zweiter Noah eine . Arche (sie kostet 6000 Doll.), weil er steif und fest glaubt, ' daß nächstens eine neue Sündfluth loSgehen werde.
Nedaction, Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Ar. Ehr. Pietsch) in Gießen.


