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6323) Die Königliche Bank-Commandite in Siegen tbeilt uns mit, daß ans deren Antrag das König­liche Hanpt-Bank-Directvrium in Berlin sich babe bereit finden lassen, eine den jetzigen Verhältnissen nicht mehr' entsprechende Beschränkung aufzuheben und demgemäß die Königliche Bank-Commandite in Siegen ermächtigt habe, mit den hiesigen soliden Handlungshäusern in direkten Geschäftsverkehr ebenso zu treten, als wenn Gießen innerhalb des Sie­gener Geschäftsbezirks gelegen wäre.

Auf Wunsch der Königlichen Bank-Commandite in Siegen bringen wir dies zur Kenntniß des hiesigen Haudelöstandes.

Gießen, den 26. Juli 1860. Gebr. Ho uberger 8> Söhne.

Feuilleton.

Der Dsrbone.

(Barbone, im ital. Volködialect: der Bärtige.) Novelle von Fr. Büchner.

(Verfasser der Preisnovelle..Jugendverirrungen.")

(Fortsetzung.)

Vergeblich rief ihm Johanna nach:Vater, Vater, bleibe! Nun sagst Du mir erst, ratz er gewiß rettungslos verloren ist. Er muß sterben, wenn Du ihn nicht re'test."

Aber Der Vater war verschwunden und Johanna stand allein in dem großen, unheimlichen Gemach.

Sie hielt beide Hände auf die Brust gepreßt, als wolle sie einen unsäglichen Schmerz da innen im Herzen stillen. Doch nicht lange blieb sie so stehen. Des Vaters Worte, durch die sie zuerst jede Hoffnung zur Rettung gänzlich nieder­geschlagen wähnte, hatten dennoch ihren Gevanken eine wohlthänge Richtung gegeben. Auch der Mansch, der in seinem alltäglichen Leben von der Religion losgelöst ist, klammert sich in Stunden, wo ein schweres Verhängniß ihn zu ver­nichten droht, an den Glauben einer wunderbaren Hülfe von oben. Des Gc- müthes Johannas aber, die in kindlich frommer Weise täglich in der Religion Trost und Kraft suchte, bemächtigte sich die Hoffnung auf einen wunderbaren Beistand vom Himmel noch stärker.

S e mußte diese öde Stube mit ihren kahlen Seitenwänven, ihrer niederen, beängstigend über ihr lastenden Decke verlassen. Draußen im Garten hoffte sie Erleichterung, wo ihr der Aufblick zum reinen, blauen Himmel gewährt war, von dem sie allein noch Rettung des Geliebten hoffen konnte.

Sie eilte hinaus in den geräumigen Garten am Haus; sie durchirrte die sich planlos durchkreuzenden Wege, aber Ruhe fand sie nicht. Ihre Gedanken verwirrten sich und sie fühlte an Vie schmerzende Stirn, als wenn sie damit Klarheit in ihr Denken zu bringen vermochte; aber nur eins erkannte sie deutlich, daß sie selbst unfähig war, einen Plan zur Rettung des Geliebten er­sinnen zu können.

So hatte sie sich dem Ausgang des Gartens genähert, wo ein schweres eisernes Gitter den früher offenen Eintritt verwehrte. Ein Knabe mit roth- wangigem, treuem Gesichte, der sich an dasselbe herangedrängt hatte und nach ihr hinblickte, fesselte einen Augenblick ihre Aufmerksamkeit. Derselbe streckte nun die eine Hand durch das Gitter und bot ihr, wie zum Kaufe, einen kleinen Strauß schöner Alpenblumen dar. Als Johanna nahe zu dem Thor getreten war, flüsterte der Kleine, indem er sich scheu umsah, ob sonst Niemand in der Nähe fei:Nimm den Strauß und lies, was auf dem Papier darin geschrie- ben ist."

Johanna hielt Die Blumen in der Hand und schaute verwundert nach dem kleinen Jungen, der aber bereits in einiger Entfernung mit lustigen Sprüngen davon eilte. Ihre Blicke fielen wieder auf die Blumen, die ihr so freundlich entgegenlachten, nichts wissend von dem Schmerze derer, die sie in Händen hielt. Als sie den Faden gelost, der sie zusammenhielt, gewahrte sie ein Papierstreifchen, das künstlich darinnen verborgen war. Nachdem sie es in ängstlicher Hast auf- gerollt, entzifferte sie mit Mühe die offenbar von ungeübter Hand darauf ge­schriebenen Worte:

Willst Du Albrecht von Schauenstein retten, so sei heute Abend mit dem Schlage acht Uhr an der eisernen Gartenpforte."

Ein Frendenstrahl flog über das Antlitz Johanna's. Wer auch der Schrei­ber der wenigen Worte fein mochte, von daher winkte ihr der Himmel Er- hörung ihres heißen Gebetes um Rettung des Geliebten.

Langsam schlichen die übrigen Stunden des Tages dahin, endlich brach der Abend an und hüllte Haus und Garten in seinen dunklen Schatten. Als die Uhr des nahen Glockenthurmes die achte Stunde verkündigte, da überstieg ein Mann das eiserne Thor des Gartens, an dessen innerer Seite Johanna in athemloser Spannung harrte.

Nun schwang sich die dunkle Gestalt zu ihr nieder und das bebende Mäd­chen erkannte bei dem spärlichen Lichte, das einzelne Sterne zwischen den zer- rissenen schwarzen Wolken am Himmel niederstrahlen ließen, einen in ein Mönchskleid verhüllten Mann. Der rothe Bart, welcher zum Theil sichtbar wurde, als der Mönch, neben dem Mädchen angelangt, die Kaputze zurück- schlug, ließen dasselbe ahnen, wer es sei, der sie zur Rettung Albrechts aufge­fordert habe, und bei dieser Entdeckung fühlte sie sich zu gleicher Zeit von einem heimlichen Grauen in der Nähe dieses furchtbaren Wesens erfüllt, aber auch von sicherer Hoffnung belebt, daß unter dem Beistand desselben die Rettung Al­brechts gelingen müsse.

Du kennst mich?" flüsterte der Mönch leise.

Das Mädchen nickte zum Zeichen der Bejahung einigemal mit dem Haupt, worauf der Mönch sie bat, ihn an einen verborgenen Ort im Garten zu führen, wo er ihr ungestört seinen N ttungsplan vertrauen könne. Johanna führte ihn zu einem kleinen steinernen Gartenhaus, in dessen Thüre sie Beide verschwanden. Es mochte kaum eine Viertelstunde verflossen fein, da trat das Mädchen allein wieder aus demselben hervor und eilte mit stürmischer Hast dem Eingang des Hauses zu.

In der Hausflur, nahe dem Haupteingangstbore von der Straße aus, war die Stube des Pförtners und zugleich Gefangenenwärters des Hauses. Das Gemach war so ziemlich, wie alle Gemächer dieser Art: rauhe, ungetünchte Wände, ein einiges Fenster, zum Ueberfluß mit ein Paar dicken, sich kreuzen­den Eisenstangen verwahrt, eine niedere, aus rohem Holz gezimmerte Bettlade, ein schwerfälliger Tisch, ein einziger Stuhl, eine Bank, die längs der einen Wano hinlief, an welcher zur Zierde einige Waffen und ein Paar Dutzend

Ketten hingen, die, obschon von Eisen, lebhaft an sogenannte Gnavenketten erin­nerten, da sie ebenfalls feit langer Zeit Die Bestimmung hatten, denen angelegt zu werden, welche sich besondere Verdienste um das Wohlergehen der mensch­lichen Gesellschaft erworben hatten. In der einen Ecke des Zimmers stand ein ziemlich großer und dicker Krug mit engem Halse, den man für einen Tinten- frug hätt halten können, wenn nicht die häufigen Blicke des Gesangenwärters daraus hin ähnlich denen, welche ein Jüngling der nahcn Geliebten zuwirft, unwillkürl ch e ne andere Vorstellung von dem Inhalt dieses einsamen Gefässes hätten erzwecken müssen.

Das war der ganze Inhalt des unfreundlichen Gemaches, allein fein In­haber schien Damit ganz zufrieden zu sein. Man sollte meinen, das Amt eines Schließers sei ein sehr trauriges. Muß er sich nicht in seinem kerkerähnlichen Gemach selbst wie ein Gefangener unter Gefangenen erscheinen und muß das Elend, welches er täglich um sich sieht, ihn nicht fortwährend in eine düstere Gemüthsstirnmung versetzen? Allein man irrt in dieser Voraussetzung. Der Mensch erträgt nichts leichter, als den täglichen Anblick des Elends seiner Mit­menschen ; er wandelt mitten Darin umher, und ein Gefangenwärter denkt bei dem Anblick Der Gefangenen zuletzt nicht mehr, als wie em armer Schulmeister, Der Jahr aus Jahr ein inmitten seiner Schulkinder täglich immer dasselbe Licht seiner Beredsamkeit leuchten läßt, wenn auch alljährlich eine Anzahl der Gesich­ter der Kleinen verschwindet, urn.wieder ebensoviel neuen Platz zu machen. Er fühlt sich endlich ganz behaglich in der täglich in ein und derselben Form wie- derkehrenden süßen Gewohnheit des Daseins. Und wenn ihn sein schmales Ein­kommen, seine täglichen Anstrengungen, seine Sorgen bei dem Anblick seiner Kinder, deren Zahl zwischen einem halben und ganzen Dutzend schwankt, oft mit etwis bleichen Wangen, trüben, eingesunkenen Augen erscheinen läßt, so pflegt dieses bei einem Gefangenwärter ganz anders zu fein.

Davon zeugte mindestens das Aussehen des Schließers in dem langen, düstern Hause. Treten wir, kurz nachdem Johanna sich aus dem Garten in das väterliche Zimmer begeben hatte, in die bereits beschriebene Schließerstube ein, so finden wir den alleinigen, rechtmäßigen Inhaber derselben auf di. breite Bank hingestreckt und sehen ihn dicke Rauchwolken-aus einer kleinen irdenen Pfeife mit großer Gemächlichkeit unausgesetzt in die Luft blasen. Man würde aber Dem Schließer Veit, wie er allgemein genannt tourDe, großes Unrecht thun, wenn man glauben wollte, daß er sich dabei besonders tiefen Gedanken über- lassen hätte. Daß das nicht feine Sache war, davon legte das liebe, runde, von dunkler Röthe strotzende Gesicht, wie sie Eäsar zu lieben pflegte, und der wohlgenährte Leib des kleinen Mannes ein genügend.s Zeugniß ab.

Auch diesen Abend bereitete ihm das Schicktal der gefangenen Tyroler und das Loos ihres Führers, der den kommenden Morgen erschossen werden sollte, nur sehr geringen Kummer. Er hielt das Unheil seiner vorgesetzten Behörde immer für ein streng rechtlich.s und damit beruhigte er sein Gewissen, tote die meisten unteren Diener, welche Der Gerechtigkeit den vollziehenden Arm leihen, das ihrige damit zu beschwichtigen pflegen. Jetzt erhob sich Der dicke Schließer Veit noch einigen vergeblichen Versuchen von seinem harten Lager und bewegte sich nach dem einsam in Der Stubenecke weilenden, seinem Herrn nicht unähnlichen Krug, wenn man sich denselben auf ein Paar kurzen, dicken Beinen ruhend dachte. Er hob ihn an dem Ohre empor und schüttelte ihn einigemal derb; aber ver­gebens lauschte er; er vernahm auch nicht den geringsten Laut, welcher das Da­sein einer etwa darin, wenn auch spärlich vorhandenen. Flülsigkeit verrathen konnte, und mißmuthig stellte er das leere Gefäß, das in Die|cm Augenblick allen Werth für ihn veiloren hatte, wieder iu Die Ecke.

, Leer, ganz leer!" seufzte er mit kummervollem Blick.

Als er aber eine rückgängige Bewegung machte, vermuthlich um seine alte Stellung in wagrechter Linie aus Der Bank wieder einzunehmen, wuide er Durch ein leises Klopfen an Der Thüre in diesem Vorhaben gestört und als er etwas überrascht von dem ihm zugedachten AbenDbesuch eine steife mililäriiche Haltung eingenommen und in geziemendem ToneHerein" gerufen hatte, trat zu seiner nicht geringen Verwunderung die Tochter des Oberlten ein und begrüßte ihn mit einem freundlichenGuten Abend, Veit!"

Der Schließer sah einen Augenblick in das schöne Antlitz des Mädchens, das selbst das steinerne Herz erneS alten Gefangenwärters schmelzen mußte; dann ober senkte sich fern Auge tiefer und haftete unverwandt aus einigen Flaschen, Die Johanna in beiden Händen hielt. Nachdem Dieselben längere Zeit seine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen, sah er das Mädchen mit fragenden Blicken an.

Heute ist mein Geburtsfest, lieber Veit," sagte dieses erröthend,und hier sind ein Paar Flaschen guten Weins, daß Ihr dabei auch meiner und des Wohls unseres Hauses gedmkt."

Dabei setzte sie die Flaschen auf den Tisch und verschwand dann mit einem nochmaligen freundlichenGuten Abend", Den Schließer mit ihrer milden Spende allein lassend.

Derselbe ging einigemal um Den Tisch herum, w'e wenn er sich n cht recht traue, den köstlichen Inhalt der Flaschen naher zu prüfen.

Sonderbar, sonderbar," murmelte er, und nackdem er mit großer An­strengung versucht halte, seine Gedanken zufammenzusasstN, Da er sieb tunket er­innerte, einmal gehört zu haben, daß es mit Dem gefangenen Schauenst.in und Der Tochter Des Ober st en eine besondere Bewanetnß habe, sagte er vor sich hin: Der Teufel versucht Einen manchmal in Der Giftalt eines schönen Weibeö."

(Fortsetzung folgt.)