Feuilleton.
Elbe sing an, höher zu gehen.
(Fortsetzung folgt.)
oak e« auch die Andern wieder mit ihr wurden. Nach wenigen fliickklgea Mit- tbeilungen über seine Schicksale in der Zwischenzeit fass Wilhelm mit ter Fa- milie bei Tische, au der Seite ter würdigen, freundlichen Dame des Hauses, ganz als ob er selbst noch einen Bcstanttheil derselben bildete.
Man schwelgte in Erinnerungen an die Kindheit. Die Familie von N., von der ich hier spreche, war im Boigtlande ansässig. Wenige nur kennen diese Ecke Sachsens, die wie ein wildes Stück frischer Waldidylle einsam und abseits von den groben Verkehrsstratzen liegt. Aber wer sich einmal auf seine Berge und Haiden, in seine Wälder und Triften verirrt Hot, der fühlt sich wunderbar ergriffen von der Einfachheit und Natursrische, die ihm aus Volk und Land- choft zuweht. Auf rauhen unwegsamen Bahnen, meist zur Nachtzeit, wo die Pascher auf leisen Socken von der böhmischen Grenze her an dem einsamen W^derer vvrüberhuschen und ihn mit unheimlichen schrillen Pfiffen (ihren Signalen) erschrecken, habe ich es 1849 in irrer Flucht durchmessen. Hinter mir das fürchterliche Bild des Barrtkacenkampies in Dresdens schauerlich wüsten Strassen, wie athmete da meine Seele hoch auf in der kräftig freien Berg- und Waldluft dieser Wildnisse. Es war mir, als ob die Natur selbst ihr herziges Auge aufschlüge aus den klaren Teichen, die mitten durch die Wälder, aus den öden Haiden und den wüsten Bergen zerstreut liegen; wie crguickeuv lachten mich jetzt statt des grauen Pulvernebels die saftig grünen Matten an, deren Rasen, von unzähligen kleinen, wie Himmelsbläue durchsichtigen Bachen und Rinnsalen durchrieselt, in steter Frische prangten) wie kosend traulich trat nicht das fromme Gethicr des Waldes, wie arglos hüpste nicht das gesprenkelte Roth- kehlchen zu mir heran, als wäre der uralte Frieden der Fabelwelt noch über die Schöpfung ausgegossen! Und ebenso treuherzig, ebenso derb und bieder sind auch die Männer und Frauen, die hier wohnen. Die moderne Zeit und was von Berderbniss sich im Gefolge der industriellen und politischen Bewegung em- aeschlicheu hat, hat auch hier manches Herz verfälscht, manchen Charakter verdorben ; aber im Ganzen ist hier der Menschenstamm noch gesund und stark, wie die Stämme seiner Wälder, und an manchem Händedruck habe lch geiuhlt, wie stark die Herzen für Die Freiheit schlagen. Aber herzig vor Allem in ihrer einfachen Naturschvnheit sind die braunen voigiländischen Matchen mit ihren Augen so durchsichtig klar und so tunfelticf wie ihre Waldteiche und Wiesen- rinnen, mit ihren Lippen, roih wie ihre Erdbeeren, ihren Haaren, dunkel ton ihrr Wälder. Welch tiefer, inniger Liebe diese Herzen fähig sind, wird uns diese !"1'afflaüe3i? Tochttr des Herrn von N., war eine voigtländische Waldblume und, ten oberflächlichen Firniß des leichteren Wcltumganges abgerechnet, den höhere Stände wohl Überall annehmen, verleugnete die ganze Familie Den Eha- ratter patriarchalischer Biederkeit nicht, der die Bewohner des Voigtlandes aus- zeichnet und wie eine große Familie zusammenhält. Es hotte sich also ganz natürlich gemacht, daß, als sich Herr von N. vom Militärdienste aus seine Guter zurückzog, um hier Der Erziehung seiner tret Kinder zu leben, Wilhelm^ der Sohn eines armen Jnstrumentenfabrikanten, als Nachbarskind zuerst die Spiele und sodann, Da er Lernbegierde zeigte, den Unterricht ter Kinder auf dem Rittergute th-ilte. Keine Bande sind oft leichter und doch fester gewebt, als Kinverfreundschaften; eine solche innige, obgleich auf Nichts gegründete Neigung mflfiite aus Wilhelm und Marten unjertrehnlicbe Gespielen. Als Der erstere »icnebn Jahre alt war, starb fein Baier und ein Verwandter tm fernen Frei- berg nahm ihn zu sich. Anfangs fand er als Schreiber Beschäftigung, dann drängte ihn bei der nahen Mtlitärpflichtigkeit die Scheu vor Dem Soldatenstande, in die Reqimentsmusik einjutrettn, was ihn vor den Strapazen des gemeinen Dienstes schützte unv ihm zugleich erlaubte, seiner Lieblingsneigung zu folgen, denn die Voigtländer sind fast alle, wie die Böhmen, geborne Musikfreunds So war er nach Dresden gekommen, wo ihn Marie wieder erkannte, deren Bat;r eben feinen ältesten Sohn auf die Militärakademie gebracht hatte, und zugleich den Aufenthalt in der Hauptstadt benutzte, um bedeutende Aerzte über die schwan-
Verschwiegene Lieb?.
Erzählung von Hermann Scmmig.
ES ist eine einfache Geschichte, die ich erzählen will, und ich werde sie ebenso einfach wiedrrgeben, wie sie mir selbst vor vielen Jahren als wahr de- richtet wart, so einfach, wie sie ist. Sie hat sich lange vor unserer Zeit zuge- trauen unv trägt ten Ausdruck der idyllischen Ruhe, die Die Wett in jenen Sa- aenoü. Wenn sie dennoch eint soeiale Bedeutung in sich schließt und unsere modernen Herzen bewegt, so weiß man ja: Die Geschichte des Herzens ist CtVlfl'g6 war in Dresden. Jeder, der nur einmal dieses herrltthe Florenz Der ffilbe gesehen hat, kennt Den prächtigen, schonen Platz vor Dem Schloß, der auf fcte Brücke mündet, rechts von der Brühl'schen Teraffe, links von der katholischen Kirche und dem Theater umziert. Eine italienische Heiterkeit liegt sonnenschei- nend über ihm ausgebreltet. 3» lauen Sommernächten, wenn der Vollmond über dem Brühl'schen Garten aussteigt unv sein magisches Licht über das schlummernde Tbal gießt, träumt sich der bezauberte Sinn leicht hinüber nach Europa s Garten; durch die schönen Bogen der Brücke glaubt man die Wellen des Arno aleiten zu sehen, aus der Ferne leuchtet das Herdfeuer herabschwimmender Schisse, und melancholische Gesänge tönen in weichen Mclodieen immer leiser und ferner berauf, die Nachtluft trägt auf ihren Schwingen den Duft der nahen Orangen unv die mondbeschienenen Statuen der katholischen Kirche scheinen, wie versteinertes Leben, selbst zu träumen.
Aber einen fröhlicheren, lebendig heiteren Anblick gewährt der Platz an schönen Sonntagsvormittagen, wenn der Gottesdienst zu Ende ist, und die Wache von Neustadt her über die Brücke aufzieht. Da wimmelt es von genutzten Menschen, fröhlichen Sonntagsgesichtern unv vergnüglichen Fremden, an denen Dresden im Sommer so reich ist; Vas zieht unv wogt, das schwärmt und summt, schwatzt unv lacht, wie an einem sonnenhellen Morgen m einem von Bienen unv Vögeln belebten Blumengarten; zuweilen fliegen gleich bunten Faltern prächtige Karossen durch die wogende Menschenmenge, es ist ein Bilv von lauter Lust und Leben. Und darüber hin ziehen feierlich tftc Schwane Glockentöne, hallend durch die Lust, und verschwimmend dehnen sich die schauenden Blicke aus über die herrliche Landschaft, ven schimmernden, von Kähnen wimmelnden Fluß hinab, hinaus bis zum fernen Horizont, wo der Berge blauer Duft mit dem Himmel zusammenzufließen scheint.
Es war an einem solchen Sonntagsvormittag in den zwanziger Jahren. Die Spaziergänger, die einheimischen unv fremven, wogten auf unv ab, als sich plötzlich auf den Ruf „sie kommen," die Menschenmenge theilte, um der unter der Musik heranziehenden Wache Platz zu machen. Schmetternd tonten letzt die kriegerischen Melovieen durch die schwirrende Menge, und Aller Nerven Zitterten bei den prächtigen, brausenden Klängen, als plötzlich laut vernehmlich durch all den Lärm der Menschen und der Musik eine Helle Mävchenstimme wie in kindlicher Freude ausrief: „Vater, der Wilhelm!" Der Ruf klang so naiv und so lieblich, daß sich unwillkürlich unv augenblicklich alle Zuschauer halblachelnv nach der Stelle wanvten, von wo die Stimme kam, unv wer sie mit dem Blicke erhaschen konnte, der konnte wohl sehen, wie sich ein brauner Mävchenkopf, Vas Gesicht von Purpur übergossen, rasch hinter einem älteren, vornehm scheinenden H»rrn verbarg, als schäme es sich, so laut vor aller Welt seine Freude verrathen zu haben. Wäre in diesem Moment nicht Alles Auge gewesen, so hatte ein aufmerksames Ohr wohl bemerken können, daß jener Ruf auch in der Mil.tar- musik eine kleine Verwirrung hervorbrachte, indem einer der Musiker, plötzlich wie in Erinnerung aushorchend, den Takt verlor. Aber Vie Musik zog vorüber unv hinter ihr schlug Vie nachfolgende Menschenwoge, auch über den fluchtigen Augenblick, zusammen. Alle eilten weiter, ihrem Vergnügen nach, wohin die Laune sie führte, und Keiner dachte mehr Daran. Nur dort in jener kleinen Gruppe, vie sich aus Dem wirren Menschenknäuel auflöst, um nach dem Alt- mailt zuzugehen, spinnt sich das kleine unerwartete Abenteuer weiter, eine liebliche Saite war hier berührt worden und klang jetzt in einem herzlichen Ge- spräche fort.
„Gewiß, Väterchen," sagte das junge Mädchen, indem es sich an den alten Herrn anschmiegte, dessen Haltung und Äeußeres halb den Landedelmann, halb den Offizier außer Diensten andeutete, „gewiß," sagte es unv schüttelte dabei mit herziger Sicherheit das Köpfchen, „es war Wilhelm, ich habe ihn wohl
erkannt."
„Wie wäre das möglich, liebe Marie," entgegnete der Vater, „Du irrst • Dich bestimmt. Bedenke doch, es sinv nun fünf Jahre her, daß uns Wilhelm verlassen hat, damals hattest Du kaum elf unv er vierzehn Jahre, seitdem hat er sich gewiß so veränvert, daß er sich gar nicht mehr gleicht/
Thut nichts," meinte Marie; „was meine Augen nicht gesehen, das habe ich errathen, unv übrigens, Dankbarkeit hat ein gutes Gedächtniß; wie oft hat er mich nicht gegen meine Brüder in Schutz genommen, wenn ihre Neckereien zu arg wurden! Nein, nein, er ist es." ,
Ja, wahrlich," sagte der ungefähr siebzehnlahnge Bruder, der an ihrer Seite"ging, „und wäre es auch nur um der Wärme willen, mit der meine Schwester darauf beharrt, ich glaube selbst, daß sie Recht hat."
„Aber wie käm' er hier zur Musik beim Militär?" warf der Vater ein; nun* wir werden das bald sehen, morgen früh werde ich mich erkundigen, da Dir Dein alter Spielkamerad so sehr am Herzen liegt."
(Sr hielt Mort, und als er am andern Tage zur Zeit des Mittagessens heimkam, führte er einen schönen schlanken Jüngling mit sich, dessen kecke, heitere Gesichtszüge von einer halb schüchternen, halb schwärmerischen Verlegenheit allerliebst gemildert wurden, einer Verlegenheit, die Marie in kindlicher Offenheit gar nicht bemerkte, denn fröhlich in vie Hände klatschend sprang sie auf ihn zu, faßte ihn bei beiden Hänven und rief: „Hatte ich nicht Recht, nicht wahr, Du bist es, Wilhelm?" r . r
Das „Du" war so natürlich aus ihrem Herzen gequollen, sie hatte so gar keine Ahnung von dem Unterschiede zwischen dem vierzehnjährigen Knaben, ihrem Spielgenoffen, und dem schönen Jüngling, Der jetzt vor ibr stand, daß selbst das „Sie", mit dem er ihr trotz aller Herzlichkeit im Tone antwortete, sie nicht aus ihrer glücklichen Träumerei erweckte. Alle Scenen der Kindheit, die sie zusam» men verlebt hatten, standen wieder unmittelbar vor ihrer Seele, sic war ganz das alte unbefangene Kind, unv ihr Glück war so berauschend und ansteckend,
kende Gesundheit seiner Gattin zu befragen.
In den ersten Jünglingsjahren, wo das Herz von tausend Idealen geschwellt ist und der ganzen Welt begeistert entgegenschlägt, knüpfen sich lose Bande der Kindheit nicht nur rasch wieder zusammen, sie werden sogar um so fester geschlungen, von je reineren Erinnerungen sie gewebt sinv, mit je reinerer Gluth tie wieder aufgenommen werden. So lebten denn die guten Menschen harmlose Tage zusammen, es war eine zweite gesteigerte Kindheit, die sie erlebten, rem und ungetrübt von allen verwirrenden unv beunruhigenden Leidenschaften der reifem Jugend. Wilhelm nahm, wenn er frei war, an den Vpaziergangen der Familie Theil, auf dem Zimmer begleitete er Marien am Klavier mit kunstfer- tigern Flötenspiel, erwies kleine Gefälligkeiten, erhielt sie durch gleiche Dienst- fertigkeiten belohnt unv — doch wer, so lange er glücklich ist, kennt nnv schätzt sie genug alle die Geringfügigkeiten, die das Leben so sehr versüßen. sie scheinen so nichtig als sie flüchtig sind, und nur, wenn sie vorübergerauscht mit dem Walvstrom der Jugend, und wir einsam in dunkler Nacht am o^n User seines vertrockneten Bettes sitzen, fühlt unser Herz in seiner Leere all tue Fülle der Seligkeit, Die sie mit sich führten.
Eines Sonntags, als Der älteste Sohn der Familie für den Nachmittag Urlaub hatte, beschlossen die jungen Leute, Marie mit ihnen, einen Spaziergang längs der Elbe zu machen und dann auf das Linke'sche Bav uberzufahren. Die Mutter ward durch Kränklichkeit zurückgehalten, unv der Vater leistete ihr Ge- sellschaft. Es war ein heißer Julitag. Selbst am Ufer des Stromes erquickte kein frisches Lüftchen die drückend schwüle Atmosphäre, und die blauen Berge der sächsischen Schweiz verdunsteten in grauweißlichem Brodem. Von Fendlaters her stiegen über die Berge zackige Gewitterwolken auf, hinter denen die Sonne bald verschwand; eine Zeit lang war jetzt Die Lust erstickend, Dann kündigte der fast nächtliche dunkele Himmel und ein plötzlicher schnell anwachsender ruftzug den nahen Ausbruch des Gewitters an. Die jungen Spaziergänger waren blS zu „Antons" gekommen und hielten es für gerathen, jetzt noch schnell ubcrzu- setzen, um das Linke'sche Bad vor dem Regen erreichen zu können. Ein Kahn war bereit, aber im Augenblick, wo sie eintraten, zuckte schon ein ferner Blitz, und der Donner rollte mit erschütterndem Echo durch das weite Thal; Die


