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Aus dem Leben einer Nonne.
Novelle von I. H.
einen Bewerber, wie so hatte er trotz der Wohnung, mit allem und den Schlüssel zu bei sich. Was würde
sie ihn vorfinden.
So setzte er sich denn in den Sessel nieder, den sie verlassen halte und wartete auf die Tante, eigentlich nicht, sondern nur auf Lizzi. Aber diese kam nicht, sondern bald trat Vie Gräfin Marion wieder in daö Gemach und war nicht wenig erstaunt, ihren Neffen vorzufinden. Sie konnte jedoch bei seinem Anblick ein spöttisches Lächeln nicht unterdrücken, und ihre Stimme hatte für Adolph den widerlichsten Ton, den er je vernommen.
„Adolph, Du hier, zu dieser Stunde?" fragte sie.
„Wie Sie sehen, verehrte Tante," entgegnete er, in dem Gedanken an Elisabeth ihre Härte vergessend, „es trieb mich nach Schloß Felseck, um meine einzigen Verwandten, die ich auf der Welt habe, einmal wieder zu sehen."
(Fortsetzung.)
Am Fuße des Abhanges, auf welchem das Schloß erbaut war, begegnete dem Wagen ein einsamer Reiter. Es war dies etwas sehr Ungewohntes.
Es war ein junger Mann von vielleicht ein- dis zweiundzwanzig Jahren, mit einem fein geschnittenen, edlen Gesichte, dem der zierliche Schnurrbart etwas ungemein Herausforderndes verlieh.
Als der Wagen an ihm vorbeirollte, konnte er nicht umhin, einen Blick in das- Innere desselben zu werfen, wohl weniger aus Neugierde, als aus Gewohnheit. , ,
Der Reiter stutzte einen Augenblick, doch setzte er gleich darauf mit einem Lächeln seinen Weg fort.
„Thorheit," murmelte er für sich, „wie sollte Elisabeth von Felseck hierher kommen — Tante Marion läßt sie keine zehn Schritte allein gehen. Aber Aehnlichkeit könnte die Dame mit der kleinen rosigen Lizzi haben, wenn sie nur nicht so erschrecklich blaß gewesen wäre."
Der Gedanke an Lizzi, bei deren Namen ein glückliches Lächeln über seine feinen Züge flog, schien ihn zur Eile anzutreiben. Er gab seinem stolzen Rosse die Sporen, daß es, trotz der Schwierigkeit des Bergsteigens, schnell mit ihm dahinflog, und kaum eine Minute später vor dem grauen Portale des Schlosses Felseck stand. ,, r,
„Hm," murmelte der Reiter, als er keinen Diener erblickte, der ihm sein Roß ' abnehmen konnte, „das scheint hier noch ganz, wie vor drei Jahren *U ^Aber dies schien ihn keineswegs zu entmuthigen, vielmehr zog er selbst sein Pferd in eine Art Schuppen, der ehemals vielleicht zu einem solchen Zwecke erbaut war, nahm ihm Sattel und Reitzeug ab und warf ihm etwas Hafer vor, der, er wußte nicht wie, hierher gekommen war.
Plötzlich fühlte er jedoch den Gedanken an den Wagen in sich auftauchen, und ein eigenes Gefühl der Beklommenheit trieb ihn zur Eile an. Er band sein Roß an und eilte bald darauf Vie breite Treppe zu Den Gemächern ver Gräfin Marion hinan. Einen Augenblick stanv er vor Ver hohen Thür des ihm bekannten Gemaches still und holte tief und schwer Athem, doch dann riß er sie rasch entschlossen auf mnd stand vor der Gräfin, die in einem mit schwerem Sammt überzogenen Sessel saß, Vie theilweise verlorne Nachtruhe nachholend. r
Der Eingetretene schien die Gräfin kaum zu bemerken, suchend durchflogen seine Augen das Gemach und blieben erst dann auf Der Gräfin haften. Aber diese erhob sich noch immer nicht, und so setzte sich der junge Mann in eine Nische, wo früher Elisabeth stets gesessen hatte, um Die köstliche Aussicht, Die sich von hieraus bot, zu genießen. Die Nische war ein von Dem Gemache ganz durch schwere Vorhänge getrenntes Plätzchen, kaum so groß, daß der kleine Nähtisch und der Sessel darin Platz hatten.
Mit beinahe kindischer Neugierve und doch auch wieder mit entzückten Blicken ließ der junge Mann alle die kleinen Röllchen Zwirn, Wolle und Seive durch seine Hände gleiten, betrachtete die angefangenen Arbeiten, Vie feinen Stickereien, überhaupt Alles, was vor ihm lag, als hatte Elisabeth eben erst ihren Lieblingsplatz verlassen.
Es war hier Alles noch ganz so, wie Avolph von Felseck — Vieser war es ___ es vor drei Jahren verlassen hatte. Hier saß er, zu Den Füßen der kleinen Lizzi, und erzählte er, wie es draußen in der Welt aussehe und noch sah er ihre leuchtenden Augen, wenn sie ihm zuhörte, und noch hörte er, wie sik ihn bat, sie von dem finsteren unheimlichen Felseck fort zu nehmen und in die schöne, sonnige Welt zu bringen.
Jetzt war tr nun gekommen, den Wunsch der kleinen Lizzi zu erfüllen — er wollte sic mit sich führen in die Welt, freilich mit dem Willen der Gräfin Marion, und zwar als fein geliebtes Weib. Elisabeth'- Bild hatte ihm stets vor Augen gestanden, seit er sie verließ, und nie war ihm nur eingefallen, daß ein anderer einst diesen Platz einnehmen könne, oder eine andere sein liebes
Weib werden würde.
Jetzt hatte er nun sein Osfiziersexamen bestanden und zwar so glanzend, wie keiner feiner Kameraven, und daran war wieder Lizzi Schuld, Denn sie war es gewesen, Die ihn zum Fleiße angespornt hatte, damit er ihr später zeigen könne, daß seine Liebe zu ihr ihn dazu angetrieben.
Und noch mehr!
Da er wohl mußte, daß die Gräfin Marion gegen er war, für Elisabeth nichts würde einwenden können, Neckereien seiner Kameraven schon eine schöne, stattliche Comfort für sich unv sein künftiges Weib eingerichtet dieser Wohnung trug er als seinen liebsten Schatz immer wohl Lizzi für Augen machen, wenn sie ihn sehe, und wie er ihr sagte, was dahinter verborgen wäre.
In diesem Augenblicke weckte ihn vaS Erwachen der Gräfin Marion aus seinen süßen Betrachtungen; sie schritt mit großen schritten und, wie Adolph zwischen den Vorhängen hindurch sah, mit zusammengezogener, finsterer Stirn im Gemache aus und nieder.
Die Tante Marion hatte er stets gefürchtet, aber in.diesem Augenblick wagte er kaum hervorzutreten, unb er bedauerte die arme Lizzi, die stets in ihrer Nähe leben mußte. Aber endlich konnte er doch nicht anders, als hervortreten, Die Tante hatte eben das Gemach verlassen unD bei ihrer Rückkehr mußte
Die Gräfin lud ihn zum Sitzen ein und ließ das Frühstück auftragen. Adolph hatte der Tante gegenüber noch nicht den Muth gefunden, nach Elisa- beth zu fragen, aber als jetzt Die alte Dienerin Den Frühstückslisch nur für zwei Personen deckte, und er wieder dabei an den Wagen dachte, der ihm am Fuße des Abhanges begegnet war, da konnte er einer urplötzlich in ihm aufsteigenden Angst nicht Herr werden und ohne Einleitung fragte er:
„Tante, wo ist Elisabeth — ich sehe sie nicht?!"
Die Hellen Schweißtropfen waren ihm bei dieser Frage vor die Stirn getreten. Die Gräfin sah ihn einen Augenblick erschrocken über die Angst, die sich in seinen Zügen ausprägte, an, aber dann entgegnete sie mit einem schmerzlichen Lächeln:
„Frage mich nicht mehr nach ihr, Adolph, wir werden Elisabeth nie wiedersehen."
Adolph von Felseck sah sie zweifelhaft an, aber Der furchtbare Ernst, Der sich in Den Zügen Der Gräfin ausprägte, ließ keinen Gedanken zu, daß sie ihn belügen könne.
„Tante," stammelte er wie vernichtet, „ist — ist —," daö Wort schien nicht über seine Lippen zu wollen — „ist Elisabeth — todt?" —
Die Gräfin schüttelte langsam den Kopf und FelSeck's Farbe kehrte in die Wangen zurück, um gleich darauf einer noch tieferen Blässe Platz zu machen.
„Für die Welt ist sie gestorben — Elisabeth hat Den Schleier genommen," entgegnete sie entschlossen, Denn ihr war es plötzlich klar geworden, was es sei, das Elisabeth davon zurückgehalten, in das Kloster zu gehen, und nur, wenn sie ihm die Ueberzeugung gab, daß Elisabeth für ihn verloren fei und er also nie wieder Nachforschungen nach ihr anstellte, nur Dann konnte sie hoffen, ihr Ziel zu erreichen.
Adolph war leichenblaß geworden, aber er erwiderte nichts, indem er aufstand.
• Er nahm seinen Hut, dann trat er vor die Gräfin Marion hin und seine Stimme klang ernst und feierlich.
„Das vergebe Dir Gott, Tante Marion, und ich will ihn bitten, daß Dir Dieser Schritt keine Reue einbringt. Niemand anders als Du, und allein Du hast die arme Elisabeth in den Mauern des Klosters begraben — nimmermehr hätte sic ihr junges Dasein dahin gegeben. Und nun noch eins, Tante Marion, ich habe meine süße, kleine Lizzi gesehen. Am Abhange begegnete sie mir in einem Wagen, aber ich sage Dir, keine zwei Jahre vergehen, so wird ein andreres Grab sie aufnehmen, dann siehe Du zu, wie Du mit Deinem Gewissen fertig wirst. Ich kenne Deinen starren Sinn, der nur seinen Willen durchführt, und darum bitte ich Dich, mir nicht Das Kloster zu nennen, wohin sie gegangen ist — wenn ich Dich auf meinen Knieen anflehte, Du würdest es nicht thun. Lizzi hat noch das Gelübde nicht abgelegt — noch könnte ich sie retten, wenn ich auf meinem Rosse ihr nachjagte oder — cs wäre auch schon zu spät, Du wirst alles vorbereitet Haden, daß Dein Opfer nicht entrinnt. Leb' wohl, Tante Marion — wir sehen uns in Vieser Welt nicht wieder, aber dro- ben werve ich Rechenschaft von Dir fordern."
Ehe sich noch Vie Gräfin zu einer Antwort besinnen konnte, hatte Adolph schon das Gemach verlassen und bald darauf sah sie ihn tn gestrecktem Galopp davon jagen.
„Das war gut," murmelte die Gräfin^Marion für sich, „jetzt kann er sie nicht mehr einholen und wird es auch nicht versuchen. Bald wären alle meine Plane vernichtet und mein armes Kind der Welt zurückgegeben."
Sie bekreuzigte sich bei Dem bloßen Gedanken.
Die Gräfin Marion hatte sich nicht getäuscht. Adolph von Felseck machte keinen Versuch, Elisabeth einzuholen, er kannte seine Tante gut genug, daß sie ihres Opfers sicher war, und zudem fühlte er sich so gebrochen an Leid uno Seele, daß er im nächsten Städtchen sich einige Tage ausruhen mußte, ehe er in feine Garnisonstadt zurückkehren konnte.
Elisabeth von FelSeck war jetzt im Kloster, ein schwarzes Kleid umschloß jetzt ihre schlanke Gestalt, und das goldige Haar war unter einer weißen Hande verborgen. Es war kein anmuthigeS Bild, wenn sie im Klostergarten so allein dahin wandelte, mit Den bleichen, eingefallenen Wangen und Den von Thränen verschleierten Augen unD manchmal ruhte mitleidig der Blick Der älteren Ordensschwestern auf ihr. Aber die Nonnen hatten schon manches traurige Gesicht gesehen und manches verweinte Auge. Allmählig, wenn auch erst nach langen Jahren des Kampfes, waren die Gesichter, wenn auch nicht heiter, Doch still geworden, und keine Thräne röthete mehr die Augenlider.
So würde es auch mit Elisabeth von Felseck gehen, meinte die Aedtissin, eine stolze, starre Frau, mit einem Gesichte, das wie aus Erz gegossen schien.
Aber Elisabeth klagte und jammerte nicht laut, wie es Viele vor ihr gethan hatten — Niemand sah sie jemals weinen, aber des Nachts in ihrer Zelle, dann lag sie händeringend vor dem Bilde ihres Erlösers und die Ordensschwestern in Den anstoßenden Zellen hörten ihr qualvolles Stöhnen, aber — sie hatten das schon früher gehört und nur Schwester Martha empfand Mitleid mit der sechszehnjährigen Novize.
Schwester Martha aber war Der Liebling aller Ordensschwestern. Sie zählte erst achtundzwanzig Jahre, aber dennoch war ihr Haar so weiß wie Schnee, dennoch war Die hohe Stirn in tiefe Falten gezogen, unD man sah, daß dieses Gesicht gekämpft und gerungen hatte, bevor es diese ruhige Milde, Diese sanfte Freudigkeit, die es jetzt verklärte, angenommen; und die älteren Nonnen erinnerten sich noch recht gut Der verzweifelten Kämpfe, die sie mit Der Liebe zu der Welt gekämpft hatte, sie waren viel, viel härter gewesen, als Eli- sabeth's, und doch war Schwester Martha im Kloster geblieben und fühlte sich jetzt, wenigstens anscheinend, glücklich darin. Nur bisweilen noch zuckte cs über ihr Gesicht, wie tiefer, bitterer Schmerz, und das geschah jedesmal, wenn eine Novize ihr Gelübde ablegte.
Niemand aber wußte etwas von Schwester Martha's Vergangenheit, wer sie sei und woher sie gekommen — nie war ein Wort davon über ihre bleichen Lippen gekommen. Man wußte nur, daß nicht ihr eigener Wille sie für daS Kloster bestimmt hatte.
(Fortsetzung folgt)


