Politische St u n S s ch a »
20. November.
Der „Karlsr. Ztg." wird osficiös aus Wien geschrieben : Es ist letzt positiv, daß die Truppen behufs ihrer nächsten Operationen gegen den dalmatinischen Ausstand sofort das türkische Gebiet betteten und auf dem kürzesten Wege den Aufstand im Nucken fassen. Die türkischen Grenztruppen haben gleichzeitig Befehl, sich etwas tiefer ins Land zu ziehen und die Operationsbasis vollständig frei zu lassen.
Ueber die Verluste, welche die Spanier bei dem Versuche, den Ausstand in Cuba zu unterdrücken, erlitten haben, werden die folgenden Angaben gemacht : Zur Zeit als der Aufstand losbrach, befanden sich auf der Znsel 6000 Mann reguläre Truppen und seit dem October 1868 wurden 27,000 Mann zur Verstärkung aus Spanien gesendet. Von diesen 33,000 Mann sind 21,000 der Cholera und dem gelben Fieber erlegen, oder sie sind im Kampfe geblieben Die Streitmacht der Spanier auf der Znsel besteht also gegenwärtig aus 65,000 Mann, nämlich 12,000 Mann regulären Truppen und 53,000 Volontärs. .Die Starke der Aufständischen wird verschieden von'28,000 bis 65,000 angegeben.
Die Zustände in Mittelasien werden immer verworrener. Außer Afghanistan mit seinen chronischen Fehden stehen Jarkand und Kaschghar im Kampfe; die Truppen des Kuschbegi bedrohen die russischen Vorposten am Naryn, und östlich von Jarkand in dem Lande der Tunganis oder Turko-Muselmannen von Tibet wehrt sich die Bevölkerung gegen die Chinesen, welche ihre Macht zu erweitern streben. Am persischen Meerbusen geht cd eben so toll zu; Stamm liegt mit Stamm in Fehde, europötsche Ansiedler werden geplündert, blühende Städte verwüstet und auf das britische Kanonenboot Clyde wurde von einem Hafen in der Nähe von Maskat eine halbe Stunde lang gefeuert. Der Oberst Prlly hat den Befehl erhalten, die strengsten Nachforschungen anzustellcn und im Nothfalle die indobritische Flagge zu rachen.
lieber Schi! Ali, den Herrscher von Afghanistan, lauten die neuesten Berichte aus Indien keineswegs günstig. Seine Reformversuche fallen unter den Afghanen um so weniger auf fruchtbaren Boden, als er es sich nicht angelegen sein laßt, seinen Truppen regelmäßig den Sold auszuzablen. Die Provinz Balkh ist wieder in großer Verwirrung. Isnak Khan gewinnt dort Anhänger und die Edeln des Landes sind Alle unzufrieden, so daß man neue Wirren und neue Kämpfe befürchtet.
21. November.
Einem Leitartikel der Berliner „Volkszeitung" „die braunschweigische Frage" überschrieben, entnehmen wir folgende Sätze: „Laut einem alten Erbvertrag fällt das Herzogthum Braunschweig beim Tode des fetzigen kinderlosen Herzogs an das welfische Rcgentenhaus. . . . Wie nackte Machtanbeter die Frage betrachten, das sehen wir jetzt bei der DiScussion der schwebenden Eisenbahnfrage. Die braunschweigischen Staats- Eiscnbahnen werden von ihnen schon jetzt als preußische Staatseisenbahnen anncctirt. In Wirklichkeit aber stehen die Dinge rechtlich ganz anders. Braunschweig verdient es, daß man cs mit den Tiraten der Machtanbeter verschone, und mehr noch: die rechtliche Lage der Dinge macht cs zur Pflicht der politischen Klugheit, h'er jede Machtsrage auszuschließen. Das welfische Regentenhaus ist entthront und zwar in Folge dcS AuögangS des Krieges von 1866, wo die welfische Regierung sich zu den Feinden Preußens gesellte. Braunschweig indessen stand auch hier wie immer zu Preußen und das Recht des Herzogs von Braunschweig steht unangefochten da, ja es hat sogar durch die Bundesverfassung eine neue Garantie des Bestandes erhalten. Der Herzog fe(ber — so behauptet man — sei keineswegs ge- sonnen, seine Erbschaft der Krone Preußens zuzugestehen ; er soll vielmehr den Kronprinzen von Hannover zu seinem Erben ernannt haben. Daß dieser, der persönlich keinen Krieg gegen Preußen geführt, auch ein Recht, welches ihm erst zufallen soll, eingebüßt habe, ist eine Fiction. Sein Erbrecht gründet sich nicht auf den Besitz des KönigthumS Hannover, sondern auf Verträgen, die seiner Person gelten. Daß der König von Preußen etwa als jetziger König von Hannover der Erbe sei, ist gleichfalls eine Fiction, da das Königreich Hannover ja gar nicht mehr existirt! Aber eine noch weitere Fiction ist eS, daß Braunschweig rechtlich in Preußen cinverleibt werden könne! Die braunschweigische Volksvertretung hat zwar das Erbrecht des welfischen Regentenhauses an» erkannt; aber sie hat ein Aufgehen des Herzogtums in Hannover zurückgewiesen. Braunschweig sollte rechtlich ein Herzogthum für sich mit eigener Ver
fassung bleiben, selbst wenn der Welfe zum Regenten werden sollte. Angenommen, daß der König von Preußen in die Rechte des welfischen Regenten träte, so fiele ihm Braunschweig nur als Herzogthum mit eigener Verfassung und eigener Volksvertretung zu, wie dies z. B. noch jetzt mit Lauenburg der Fall ist. Zu einer Einverleibung in den preußischen Staat würde da noch die Zustimmung nicht bloß der preu- ßischen Volksvertretung, sondern auch die braunschweigische nöthig sein, welche hierin die Hauptstimme abzugeben hätte."
Mit Ausnahme der an die Sutorina streng angrenzenden Gemeinden Mokrine, Moides, Ratisevina und San Stefano haben die Gebirgsdörser von Castelnuova, sowie die Ortschaft Ubli ihre Unterwerfung angekünvigt. Während der Unterhandlungen mit den Oberältesten dieser Ortschaften in Igalo wurde der Ort Trebejin überfallen und das Pfarrhaus ausgeplündert, ebenso vier Häuser in rer Ortschaft Gjurich. Die Türken haben in der Sutorina, gegenüber Magazza, den Wachtposten auf 45 Mann verstärkt. Der Fürst von Montenegro wird in Gra° howo erwartet, um sich der Neutralität der dortigen Bewohner dem Aufstande gegenüber zu versichern. — Savfet Pascha ist in Nagusa eingetroffen. Er erzählte, daß in der Herzegowina bis zum gegenwärtigen Augenblicke vollkommene Ruhe herrscht. Fünf Bataillone sind an die Grenze abgegangen.
Das Commando der in der Crivoseie operirenden Truppen hat gemessene Ordre, weder türkisches noch montenegrinisches Gebiet zu betreten.
Die „N. fr. Pr." sagt, die Pforte wolle nach dem Schluffe der Suez-Feier dem Khedive ein Ultimatum stellen in der Weise, daß der Khedive entweder die gestellten Bedingungen vorbehaltlos anzu- nehmen sich bereit erkläre oder sich als abgesetzt zu betrachten habe.
Der Aufstand der Beduinen im General-Gouvernement Bagdad gewinnt an Ausdehnung. Gegen gewisse Concessionen wollen jedoch die zwei Hauptstämme Frieden schließen. Die Unterhandlungen wurden durch Mithad Pascha eingeleitet.
22. November.
Der „Constitutionnel" sagt über den Empfang der nordschleswigschen Deputation in Berlin: „Diese Deputation ist wFer von dem Könige, noch von den Ministern empfangen toorben ; ein Beamter des Ministeriums deS Auswärtigen hat, wie man uns sagt, den Abgesandten erklärt, daß sie auf die Ausführung des Art. 5 durchaus nicht rechnen dürfen. Wir wissen nicht, wie weit diese Behauptung richtig ist und betrachten sie wenigstens als unsicher. Ein Telegramm aus Berlin über dieselbe Begebenheit meldet uns, daß der König von Dänemark seinem Gesandten bei dem preußischen Hofe verboten hat, die Dele- girten von Nordschleswig zu empfangen, in Rücksicht auf ihre Eigenschaft als preußische Unterthanen."
In Paris will man über die Anwesenheit des Herzogs von Darlekarlien in Wien erfahren haben, derselbe hätte die Absicht gehabt, in maßgebenden österreichischen Kreisen Einiges über die dermalen daselbst obwaltende Auffassung bezüglich des Artikels V des Prager Friedens in Erfahrung zu bringen, daß jedoch die Abwesenheit des Grafen Beust der Erfüllung dieses Wunsches nicht sehr förderlich ge- wcsen sei.
Heber den Stand des türkisch-egyptischen ConflictcS erhält die „N. fr. Presse" die folgenden wichtigen Mittheilungen aus Konstantinopel vom 12. Nov.: „ES ist Ihnen bekannt, daß der Vicekönig feine jüngste Antwort an die Pforte durch einen Abgesandten, der die Reise an Bord eines egyptischen Staats- schiffeS zurücklegte, hierher gelangen ließ. .Was Ihnen weniger bekannt sein dürfte, ist der Umstand, daß dieses egyptische Schiff, in den Dardanellen angekommen, dieielben nicht passirte, sondern bloS den Lootscn mit dem Abgesandten ausschiffte und leer wieder nach Alexandrien zurückkehrte. Der Abgesandte des Khedive kam hier auf einem gewöhnlichen neutralen Postschiffe an. In den hiesigen ofsiciellen Kreisen hat die egyptische Methode eine ganz außerordentliche Sensation erregt, und als die Sache dem Sultan zur Kenntniß gebracht wurde, äußerte der, selbe, es sei dies der Beweis eines „unverzeihlichen Mißtrauens des Khedive. Offenbar scheint man in Kairo befürchtet zu haben, das egyptische Staatsschiff könnte, wenn die überbrachte Antwort nicht befriedigen sollte, von der türkischen Regierung zurück- j gehalten werden. Die Stimmung des Sultans wurde hierdurch keineswegs besänftigt. Was die Antwort des Vicckönigs betrifft, so rechtfertigt ihr Inhalt die gehegten Besorgnisse, denn der Brief des Khedive ist so gehalten, daß er in der Form zwar Alles ver
spricht, in der Sache aber gar nichts zugesteht. Von» Sultan erging demgemäß die Weisung an Al^ Pascha, die Correspondenz mit dem Khedive abzu- brechen, und sobald die Souveräne und Prinzen, welche gegenwärtig in Egypten weilen, dieses Land verlassen haben werden, einen kaiserlichen Commissär mit seinem Ultimatum nach Kairo zu entsenden, in welchem der Khedive aufgefordert werden soll, entweder ohne jeglichen Vorbehalt die vom Sultan gestellten Bedingungen anzunehmen, oder im Falle der Weigerung sich als abgesetzt zu betrachten. Schon am 7. d. war das Antwortschreiben des Khedive hier eingetroffen. Sir Elliot, der am 8. zur Eröffnung des Suez-Canals abreiseg. sollte und dem Khcdive günstige Nachrichten mitbringen wollte, verfügte sich sogleich in Begleitung des französischen Gesandten Mr. Bourree zu Ali Pascha, um über diese Angelegenheit mit ihm zu conferiren. Sie boten Alles auf, fanden aber Ali Pascha unbeugsam, und Elliot verschob seine Abreise um 24 Stunden, um in einer Audienz beim Sultan noch einen letzten Versuch zu machen. Montag den 8. v. fand diese Audienz statt, und es wird auf das Bestimmteste versichert, daß der Sultan zwar in der rücksichtsvollsten, aber zugleich in der energischsten Weise erklärte, daß er eine In- gerenz der Mächte in die türkisch-egyptische Angelegenheit, in welcher er sich als der alleinige Herr und Gebieter erachte, nicht zulaffen könne; er, der Sultan werde in dieser Sache handeln, wie die Interessen seiner Regierung cs ihm gebieten. Mit dieser Erklärung wurde Elliot entlassen. Wie wir vernehmen , ist der nach Egppten bestimmte kaiserliche Commissär bereits ernannt, und fiel die Wahl aus eine durch ihre Energie bekannte Persönlichkeit.
Sachsen. Dresden, 18. Nov. Die Commission des Abgeordnetenhauses für Berathung des PreßgesetzeS hat sich gegen Beibehaltung des Pflichtexemplars, administrative Verbote ausländischer Zeitschriften, Nothwendigkeit der polizeilichen Genehmigung bei Plakaten und für Competenz der Schwurgerichte in Preßangelegenheiten ausgesprochen.
Bayern. München, 20. Nov. DaS Gesammtergeb- niß der Wahlen zum Landtag ist der Art, daß fast mit zweifelloser Sicherheit auf eine ultramontane Majorität in der Kammer zu rechnen ist.
England. London, 20. Nov. Die „TimeS" vom heutigen behauptet mit einer gewissen Autorität gegenüber den Madrider Negierungsjournalen, dec Herzog von Genua werde weder jetzt noch später die spanische Krone annehmen. Die „Times sagt ferner, sie sei ermächtigt zu erklären, daß die Verwandten deS Herzogs von Genua nie für denselben agitirt hätten, sondern ent,chieden gegen die Kronannahme seien.
Frankreich. Paris, 18. Nov. In der Stadt gingen heute Gerüchte von bevorstehenden Aeuderungen im Ministerium. Der „Public" sagt, Ollivicr werde Minister des Innern und Forcade Handelsminister. Das Ministerium Ollivter werde sich ohne besondere Bedingungen constituircn. Der Gesetzgebende Körper würde aufgelöst werden, nachdem er daS Budget, ein neues Wahlgesetz und ein ferneres Gesetz über die Organisation der Gemeinde votirt habe.
Italien. Florenz, 20. Nov. Gin gestern Abend abgehaltener Ministerrath hat den Beschluß gefaßt, dem Könige die Demission des Ministeriums anzubicten.
Spanien.' Madrid, 17. Nov. Wie der „Certamen" versichert, würde die Bank von Frankreich der spanischen Regierung für die Zahlung der Hälfte deS seit einigen Tagen verfallenen Vorschußes von 250 Millionen Realen eine Frist von drei Monaten, für di. Rückzahlung der anderen Hälfte eine Frist von sechs Monaten gewähren — Die Gerüchte von Mißhellig- feiten zwischen dem Regenten Serrano und dem Marschall Prim sind unbegründet.
Nußland. Petersburg, 18. Nov. Ein Manifest über die gewöhnliche, im Jahre 1870 stattsindende Rekruten- auShebung setzt für'S ganze Kaiserreich und Königreich Polen vier vom Tausend fest. Außerdem sind im Königreich Polen frühere RekrutenauShebungeu zu completiren. — Die Kaiserin wird heute erwartet.
Türkei. JSmaila, 19. Nov. Gestern Abend fand ein großer Ball statt. Sämmtliche hohen Gäste waren anwesend und wurden glänzend ausgenommen. Gegenwärtig liegen 50 Schiffe im Hafen.
Vermischtes.
Nürnberg. (Neuester Schwindel.) In verschiedenen größeren und kleineren deutschen Städten werden, besonders zur Zeit der Jahrmärkte, von herumziehenden Schaubuden- Besitzern Sammlungen von Marterwerkzeugen rorgezeigt, die thcils aus miserabeln Fälschungen jener bekannten Kriminal- rechtS-Alterlhümer zu Nürnberg, theilS aus Gegenständen bestehen, die in Wirklichkeit gar nie eristirt haben. — Selbstverständlich ist eS nur darauf abgesehen, das gläubige Publckum zu täuschen und ihm daö Geld aus der Tasche zu locken. — Zu dem GintrittSgelde gesellte sich gewöhnlich noch eine weitere Ausgabe für gedruckte Kataloge, die einen haarsträubenden Blödsinn enthalten — In einer dieser Buden wurde sogar noch in einem besonderen Kabinet eine höchst possirliche Abbildung eines JnquisitionSgerichteS und eine werthlose schlechte Nachahmung der eisernen Jungfrau deö heimlichen Gerichtes zu Nürnberg, natürlich auch gegen Grtravergütung, vorgezeigt. DaS einzige Mittel, diesem den gesunden Volkssinn verwirrenden Treiben zu steuern, ist die möglichste Verbreitung dieses auf strengster Wahrheit beruhenden Berichtes. ES werden deß- halb jämmtliche Redaktionen der gelesensten deutschen Blätter im Interesse der allgemeinen Aufklärung gebeten, demselben gütigst Raum geben zu wollen.
fllehaction, Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


